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Sigrid Roßteutscher, Beeinflusst das Verhältnis zwischen Staat und Kirche die Struktur konfessioneller Vereine? in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 302 - 319

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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302 nanzielle Abhängigkeit von der Mitgliederbasis in einem deutlichen Negativzusammenhang mit der Finanzierung über professionelle Kanäle oder öffentliche Haushalte steht.228 Es gibt also in der Tat gewisse eng verknüpfte Aspekte organisatorischen Designs. Das calvinistische Vereinswesen entspricht den Glaubenssätzen der Organisationstheorie am besten: hier findet sich ein Syndrom aus Größe, Institutionalisierung, Wohlstand und Professionalisierung. In allen anderen konfessionellen Milieus, aber auch im säkularen Sektor treten zwei voneinander klar zu unterscheidende Dimensionen auf: Größe und Institutionalisierung auf der einen Seite, Wohlstand und Professionalisierung auf der anderen. 9.4 Beeinflusst das Verhältnis zwischen Staat und Kirche die Struktur konfessioneller Vereine? Die bisherigen Analysen haben nicht nur ergeben, dass es in der Organisationsstruktur große Unterschiede zwischen katholischen und lutherischen Vereinen einerseits und calvinistischen Vereinen und Gruppen aus dem Umfeld der protestantischen Sekten andererseits gibt. Es zeigte sich auch, dass große Unterschiede existieren zwischen dem im säkularen Sektor noch immer dominanten Modell der klassischen sekundären Assoziation und der loseren informellen Struktur, die weite Teile des religiösen Sektors auszeichnen. Die Analysen haben aber auch eklatante Unterschiede zwischen den lokalen Zivilgesellschaften offengelegt. Gerade die schweizerischen Städte mit ihrem außergewöhnlich hohen Professionalisierungsgrad fielen regelmäßig aus dem Rahmen. Die rational choice Theorie der Religion würde manche dieser regionalen Differenzen mit Unterschieden im Verhältnis zwischen Staat und Kirche bzw. dem Freiheitsgrad des religiösen Marktes und dem sich dort entwickelnden Wettstreit der Konfessionen erklären. Dort, wo Religionen und Kirchen frei von staatlichen Zwängen operieren, dort, wo religiöse Vereinigungen keine Zuwendungen aus staatlichen Haushalten erhalten, dort entsteht ein freier, kompetitiver Wettstreit der Konfessionen. Religiöse Organisationen sind in ihrem Überleben von ihrer Marktfähigkeit abhängig, entwickeln daher ein kundenorientiertes, responsives Profil, das den Laien großen Entscheidungsspielraum einräumt. Kurz gesagt: religiöse Organisationen im freien Markt sind zwangsläufig demokratisch organisiert, Organisationen im regulierten Markt dagegen, kennen solche Zwänge nicht und orientieren ihr Profil und ihre Struktur an den Wünschen des staatlichen Geldgebers. Das Laienelement bleibt unterentwickelt. Ob und inwieweit solche Makrofaktoren tatsächlich einen Einfluss auf die organisatorische Verfasstheit des konfessionellen Vereinswesens ausüben, soll im Folgenden geklärt werden. 228 Dieses Ergebnis ist aufgrund der Fragestellung zu erwarten. Unsere Befragten sollten angeben, wie viel Prozentanteile ihres Einkommens auf unterschiedliche Quellen entfällt. Je höher der Anteilswert privater Mitgliederfinanzierung ausfällt, desto weniger Spielraum bleibt folglich für alternative Einkommensquellen. 303 Das theoretische Argument ist hierarchisch gegliedert. Arrangements auf nationaler Ebene, die das grundsätzliche Verhältnis zwischen Staat und Kirche betreffen, führen zu unterschiedlichen Graden pluralistischer Vereinswelten auf der lokalen Ebene. Dieser religiöse Pluralismus wiederum, der lokal religiösen Wettstreit produziert, beeinflusst die demokratische Verfasstheit des konfessionellen Lebens. Empirisch lassen sich solche Argumente über Mehrebenenmodelle nachvollziehen. Nur sie sind in der Lage zu zeigen, welcher Anteil der Varianz hinsichtlich organisatorischer Merkmale tatsächlich ein Effekt ist der durch solche nationalen oder lokalen übergeordneten Kontexte vermittelt wird. Tabellen 20, 21 und 22 präsentieren daher unterschiedliche Mehrebenenanalysen, die den (potentiellen) Einfluss unterschiedlicher Kontextfaktoren, wie sie in den Kapiteln 7 und 8 vorgestellt wurden, auf Einzelaspekte organisatorischen Designs bemessen. Die Analyse beschränkt sich zunächst auf die 1251 Vereine, die dem religiösen Sektor angehören, da anzunehmen ist, dass staatliche Regulierung religiöser Anbieter und religiöser Wettbewerb allein hier eine erklärende Rolle spielen. In einem zweiten Schritt wurde die Gesamtzahl aller Vereine (6679) zu Grunde gelegt, nicht weil zu warten ist, dass religiöse Kontextfaktoren, die Vereinslandschaft an sich prägen, sondern um zu bewerten, ob und wie sich konfessionelle Organisationen von säkularen Organisationen unterscheiden und ob in beiden Sektoren unterschiedliche Wirkkräfte zu beobachten sind. Der Kopfteil der Tabellen 20 bis 22 präsentiert Varianzberechnungen.229 In der ersten Zeile – Null- oder Intercept only-Modell – ist dokumentiert, wie sich die Varianz an sich auf die verschiedenen Ebenen – als Varianzanteil der Makroebene (Varianz zwischen Ländern/Gemeinden) bzw. Mikroebene (als Unterschiede innerhalb des Vereinswesens) – verteilt. Der erste Analyseblock begründet das Basismodell. Hier werden die theoretischen Argumente überprüft, die davon ausgehen, dass Konfession an sich strukturprägend wirkt bzw. dass sich Konfessionen ihnen spezifische und gemäße institutionelle Strukturen wählen. Hinsichtlich der Berechnungen für den religiösen Sektor sind alle Effekte im Vergleich zum katholischen Verein zu interpretieren, im Vereinssektor insgesamt ist der säkulare Verein die inhaltliche Vergleichsgröße.230 Das Alter der Organisationen wurde als zusätzlicher Indikator in das Basismodell integriert, um zu kontrollieren, ob gewisse Institutionalisierungsmerkmale oder Ausstattungseigenschaften schlicht eine Funktion organisatorischen Alterns sein könnten. Theorien zur Organisations- ökologie (z.B. Hannan/Freeman 1989, Singh 1990, Caroll 1984) wenden regelmäßig das sozial-Darwinistische Argument des ‘survival of the fittest’ an. “Fit” sind solche Organisationen, denen es gelingt, robuste und ressourcenreiche Strukturen zu implementieren. 229 Die Prozentwerte wurden ermittelt, indem die Covarianz-Parameter des jeweiligen Effektmodels in Beziehung zum Nullmodell gesetzt wurden; Covarianz (Nullmodel) – Covarianz (Effektmodel) / Covarianz (Nullmodel). 230 Konfessionelle Orientierung der Vereine wird als ein Set sogenannter dummy-Variabeln erfasst, die jeweils nur zwei Ausprägungen besitzen (1 Merkmal/Konfession trifft zu, 0 Merkmal/Konfession trifft nicht zu). Solche Merkmalsstrukturen verlangen in der multivariaten Analyse den Ausschluss einer Kontrastkategorie. 304 Für alle Indikatoren außer den konfessionellen gilt, dass sie im jeweils folgenden Modell aus der Analyse ausgeschlossen wurden, falls Koeffizienten nichtsignifikante Ergebnisse oder Ergebnisse mit Effektgrößen unter .10 erbrachten. Ein solches restriktives Vorgehen war notwendig, um ausreichend Freiheitsgrade für die im jeweils nächsten Schritt hinzuzufügenden Kontextfaktoren zu bewahren.231 Im zweiten Schritt werden nun zunächst zwei Kontextfaktoren, die zentrale Eigenschaften der lokalen Zivilgesellschaft berühren – der Säkularisierungsgrad lokaler Zivilgesellschaften, sowie die Größe der Gemeinde (Wohnbevölkerung) – dem konfessionellen Basismodell hinzugefügt. Der Indikator, der den Säkularisierungsgrad lokaler Organisationswelten bemisst, wurde ausgewählt, da er sich einerseits in der Analyse religiöser Vielfalt als überaus wirkkräftig erwiesen hat und andererseits mit keinem der konfessionellen Individuallevelindikatoren hoch korreliert. Die Gemeindegröße wurde wie das Organisationsalter als Kontrollvariable hinzugefügt, da davon ausgegangen werden muss, dass bevölkerungsreichere Gemeinden andere Organisationsprofile entwickeln können als bevölkerungsärmere Lokalitäten, da sie über höhere Ressourcen – hinsichtlich mobilisierbarer Individuen, Finanzen etc. – verfügen. In einem dritten und letzen Schritt schließlich wird die Aussagekraft des ökonomischen Modells bewertet. Welche Rolle spielen Variationen im Staat- Kirche-Verhältnis und religiöser Wettstreit für die Ausprägung und Verbreitung unterschiedlicher Organisationsmerkmale? Um mit dem im organisationssoziologischen Sinne zentralen, da alle anderen Aspekte bedingenden, Merkmal zu beginnen: Tabelle 20 zeigt, dass die Vereinsgröße (verstanden als Zahl der Mitglieder eines Vereins) in der Tat nur dann vollständig zu verstehen ist, wenn man große lokale Unterschiede berücksichtigt. Über 24 Prozent der Gesamtvarianz ist solchen systematischen Variationen lokaler und nationaler Kontexte zu verdanken. Wie schon im deskriptiven Teil dieses Kapitels zu sehen war, besitzen manche Lokalitäten im Schnitt enorm mitgliederreiche Vereine, andere dagegen müssen sich mit deutlich weniger (wo)man power begnügen. Interessanterweise trägt die konfessionelle Natur des einzelnen Vereins nur sehr begrenzt zur Erklärung von Unterschieden innerhalb lokaler Vereinswelten bei (circa fünf Prozent, wenn die Analysen auf den religiösen Sektor beschränkt werden, aber beinahe zehn Prozent mit Blick auf den Organisationssektor insgesamt). Konfessionelle Zugehörigkeit erklärt dagegen 36 Prozent des Varianzanteils, der als Unterschied zwischen Lokalitäten zu verstehen ist. Mit anderen Worten, die unterschiedliche Komposition lokaler Vereinswelten im Hinblick auf ihre konfessionelle Orientierung erklärt in nicht unerheblichem Maße, warum die Vereinswelt mancherorts durch eher große und anderenorts durch eher kleine Vereine geprägt ist. Genauer: es ist der prozentuale Anteil calvinistischer Organisationen am Religionssektor (sowie 231 Obwohl auf der Mikro- bzw. Vereinsebene Hunderte bzw. Tausende von Fällen zur Verfügung stehen, sind Analysen auf der Makroebene auf 12 Fälle (Gemeinden) beschränkt. Aus diesem Grund können maximal 10 (12-1 (Intercept) – 1 (Random effect)) Indikatoren gleichzeitig analysiert werden. 305 Organisationen nicht-christlicher Provenienz), deren Mitgliederstärke signifikant über die Mitgliederstärke des katholischen Sektors, der im religiösen Modell als Vergleichsbasis genutzt ist, hinausragt und für einen guten Teil der Unterschiede zwischen Kommunen verantwortlich ist. Tabelle 20: Konfession, Marktstrukturen und Organisationsmerkmale: Vereinsgröße Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Basismodell (Konfession) 36,1 5,3 42,0 9,7 BM + Zivilgesellschaft 84,5 5,4 65,5 9,7 Konfession: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Katholisch -.49*** -.48 *** Lutherisch -.08 -.07 -.55*** -.54 *** Calvinistisch .28* .33 ** .13 .13 Prot. Sekten -.01 -.01 -.35** -.36 ** Nicht-Christl. .21* .21 * -.20* -.19 * Alter .14*** .15 *** .28*** .27 *** Zivilgesellschaft Säkularisierung .25** .17 * .10* .12 * Gemeindegröße -.04 - .05 - Anmerkung: Ausschluss aller Vereine mit fehlenden Werten auf einem Indikator. Standardisierte Variablen. Signifikanzniveau: *** > 0,001, ** > 0,01 *, > 0,05. Zur Vermeidung von Multikollinearität mussten einige Makroindikatoren aus der Analyse ausgeschlossen werden. Dies betraf die Indikatoren, die den Prozentsatz der Katholiken bzw. der Konfessionslosen abbilden, da diese miteinander aber auch mit der Messung staatlicher Privilegierung hoch korrelieren. Die für das multivariate Modell angegebenen Schätzparameter (letzter Schritt) beruhen in jedem Fall auf Analysen mit dem Herfindahl-Index („Vielfalt“). Die Ausnahmestellung des calvinistischen Vereinswesens zeigt sich auch im Vergleich zum säkularen Sektor: für alle anderen konfessionellen Organisationen ein- Vereinsgröße (Zahl der Mitglieder insgesamt) Religiöse Vereine N=1103 Alle Vereine N=6404 Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Null-Modell 24,3 75,7 8,2 91,8 BM + Zivilgesel. + Relig. Markt 99,1 5,4 87,9 9,7 Relig. Markt: Privilegierung .08 .08 .13** .13 ** Regulierung .05 .05 -.08 -.08 Vielfalt .08 .08 -.02 -.02 Pluralismus .05 -.01 Marktmonopol -.11 .02 306 schließlich der nicht-christlichen zeigen sich im Vergleich zum säkularen Verein deutliche Negativeffekte – Negativeffekte, die für katholische und lutherische Vereine besonders ausgeprägt sind, da diese außergewöhnlich klein sind. In einem zweiten Schritt werden nun dem konfessionellen Basismodell zwei Indikatoren, die zivilgesellschaftliche Grundmerkmale abbilden, hinzugefügt. Einer der beiden Kontextfaktoren zeigt einen deutlichen Effekt (.25 bzw. .17 im zusammenfassenden Modell): Säkularisierung. Nun lassen sich über 80 Prozent der Varianz, die sich auf der Makroebene ansiedelt, „aufklären“. Mit anderen Worten: Die von Land zu Land, von Gemeinde zu Gemeinde, großen Unterschiede hinsichtlich der Zahl der Vereinsmitglieder ist in einem hohen Maße der unterschiedlichen Positionierung des religiösen Sektors im Kontext Organisationssektor insgesamt geschuldet. Dort, wo die Vereinswelt hochgradig säkularisiert ist, dort, wo der religiöse Sektor randständig ist, dort sind religiöse Vereine mitgliederreicher als dort, wo es relativ viele religiöse Vereine gibt und der religiöse Sektor einen nicht-marginalen Raum innerhalb der Zivilgesellschaft einnimmt. Mit anderen Worten: randständige, religiöse Sektoren können ihre Marginalisierung zumindest teilweise durch Mitgliederreichtum kompensieren. Auch wenn sich die Passung des Makro-Modells noch einmal erhöht (auf beinahe 100 Prozent Varianzaufklärung des Makro-Varianzanteils) gelingt es keinem der Indikatoren, welche die Natur religiöser Märkte abbilden, signifikante Werte zu erzielen. Im Vereinskontext insgesamt bleibt ein – eigentlich nicht zu erwartender – Positiveffekt staatlicher Privilegierung und Subventionierung. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Charakterzüge staatlicher Einmischung in religiöse Märkte oder das Ausmaß religiöser Vielfalt auf das Vereinswesen insgesamt keinen nennenswerteren Einfluss ausüben sollte, da nicht anzunehmen ist, dass die Natur religiöser Markte Organisationsstrukturen des säkularen – sozusagen völlig anderen Marktmechanismen ausgesetzten – Vereins beeinflussen sollte. Da religiöse Vereine nur 19 Prozent aller Vereine stellen (1251 von 6679), sollten typische religiöse Markteinflüsse in der Masse der Vereine, die solchen Einflüssen nicht ausgesetzt sind, untergehen. Das ist offensichtlich nicht immer der Fall (siehe auch Tabellen 21a und 21c, sowie 22b). An dieser Stelle kann über die Gründe für solche signifikanten Effekte, die religiöse Marktmerkmale auf den Vereinssektor insgesamt aus- üben, nur spekuliert werden. Eine Interpretationsmöglichkeit wäre die Feststellung – und dieser Vorwurf ist in der Tat gerade an die Adresse europäischer Sozialwissenschaftler des Öfteren gerichtet worden (z.B. Ebaugh 2002: 386-389; Calhoun 1999: 237) – dass die zeitgenössische, vom Säkularisierungsparadigma bestimmte Wahrnehmung fälschlicherweise dazu tendiere, die gesellschaftliche Bedeutung von Kirche und Religion massiv zu unterschätzen. Eine weitere Spekulation wäre die Annahme, dass Systeme oder Staaten, die religiöse Organisationen privilegieren und subventionieren, ähnliche Privilegien oder Finanzhilfen auch – aus Gründen der Gleichbehandlung, die solche Staaten ja auch dazu motiviert, mehr als einer Kirche oder Konfession solche Rechte einzuräumen – weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren gewährt. Typisches Beispiel wären zum Beispiel die Arbeiterwohlfahrt, Johanniter etc. im deutschen Kontext, die ebenfalls systematisch in Aufgaben der 307 Wohlfahrtsproduktion eingebunden sind und dafür sowohl Privilegien als auch weitgehende staatliche Subventionen erhalten. Ähnliche Überlegungen könnte man auch hinsichtlich religiösen Pluralismus anstellen. Sind religiös pluralistische Gesellschaften vielleicht auch pluralistischer in ethnischer, sozialer und kultureller Hinsicht als religiös homogene Gesellschaften? Die in der Regel in all diesen Belangen als sehr homogen geltenden skandinavischen Länder bzw. die hinsichtlich all dieser Merkmale ausgesprochen heterogenen USA (oder auch die Niederlande) könnten eine solche Interpretation unterstützen. Wäre dies tatsächlich so, wären die hier verwendeten Messungen weit mehr als Messungen spezifischer Merkmale religiöser Märkte: „latente“ Messungen sozialer Heterogenität im Falle religiöser Vielfalt und eine Abbildung regulativer, intervenierender Politik im Fall religiöser Regulierung (vgl. auch Roßteutscher 2005b: 29). Da an diese Stelle kein überzeugender Nachweis geführt werden kann, warum eine Interpretation oder Spekulation der anderen überlegen ist, werden im Folgenden solche zunächst nicht zu erwartenden Effekte ausgeblendet und sich in der Interpretation ganz auf den religiösen Sektor konzentriert: dort, wo sich eine eindeutige theoretische Begründung für die Effekte liefern lässt und dort, wo die Indizes und Konstrukte auch tatsächlich gemessen wurden.232 Im Folgenden (Tabellen 21a-d) werden nun verschiedene Aspekte der Professionalisierung und Ressourcenausstattung auf ihre Abhängigkeit von konfessionellen Eigenschaften und Marktmerkmalen hin untersucht. Ein Blick auf die Tabellen insgesamt zeigt ein überraschendes Ergebnis: Mit einer Ausnahme – Höhe des Jahreseinkommens insgesamt (vgl. Tabelle 21b) – zeigen alle Organisationselemente, die Professionalisierung und Ressourcen betreffen, wenig, teilweise gar keine, Neigung, sich durch Makroindikatoren beeinflussen zu lassen. Mit anderen Worten, es sind die ökonomischen Aspekte assoziativen Lebens, die von Marktindikatoren kaum berührt werden. In welchem Umfang religiöse Organisationen bezahltes Personal beschäftigen können, ist völlig losgelöst von Varianten im Staat-Kirche-Verhältnis (Tabelle 21a). Unterschiede in der Personalausstattung sind zu 100 Prozent Unterschiede, die allein innerhalb des Vereinswesens zu verorten sind. Ähnliches gilt auch für die Abhängigkeit von privaten Spenden und Mitgliedsbeiträgen (Tabelle 21c) bzw. öffentlichen Geldgebern (Tabelle 21d). Dieses „Null-Ergebnis“ ist insofern überraschend, geht doch die rational choice Theorie der Religion explizit davon aus, dass regulierte Märkte deshalb partizipationshemmend wirken, da das Führungspersonal religiöser Gruppen staatlich finanziert wird (und sich aus diesem Grund nicht um ein kundenorientiertes Angebot bemühen muss). Dieser Mechanismus lässt sich im europäischen Kontext nicht bestätigen. Mit zwei Ausnahmen – 232 Einen Nachweis für Richtigkeit der zweiten Interpretationsmöglichkeit zu führen, wäre natürlich möglich, indem weitere Makroindikatoren, die staatliche Einmischung und Pluralismus in anderen gesellschaftlichen Belangen abbilden in Konkurrenz und im Vergleich mit religiösen Marktindikatoren analysiert würden. Dies führt aber über das Ziel dieser Untersuchung hinaus. 308 Ressourcen im Sinne von Mitgliederreichtum und Höhe des zur Verfügung stehenden Finanzbudgets insgesamt – sind Strukturmerkmale religiöser Märkte für eine Erklärung organisatorischer Ressourcen völlig unerheblich. Tabelle 21a: Konfession, Marktstrukturen und Organisationsmerkmale: Aspekte der Professionalisierung1 - Personalausstattung (Zahl der Angestellten) Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Basismodell (Konfession) 17,3 5,5 BM + Zivilgesellschaft 10,8 1,7 Konfession: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Katholisch -.03 -.01 Lutherisch -.02 -.03 -.05 -.06 Calvinistisch -.11 -.01 -.14 -.02 Prot. Sekten .09 .03 .06 .00 Nicht-Christl. -.10 -.14 -.13 -.16 Alter .03 - .04** - Zivilgesellschaft: Säkularisierung .02 - -.00 - Gemeindegröße .02 - .03 - Anmerkungen: siehe Tabelle 20. a Kovarianzparameter im Nullmodell ist redundant; Varianzveränderungen können somit nicht berechnet werden. 1 Effektkoeffizienten als Ergebnis eines „fixed effect“ Modells. Tabelle 21a analysiert Ressourcen hinsichtlich der Ausstattung mit fest angestelltem Personal. Wie oben kurz angesprochen, gehört die Personalausstattung zu den Aspekten ökonomischer Ressourcen, die durch lokale oder nationale Kontexte nicht berührt werden. Es gibt (wenige) personalreiche und (viele) personalarme Vereine, aber dies ist nicht von Land zu Land oder Gemeinde zu Gemeinde systematisch zu Religiöse Vereine N=1108 Alle Vereine N=6331 Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Null-Modell 0,0a1 100,0 0,72 99,3 BM + Zivilgesel. + Relig. Markt 10,8 2,1 Relig. Markt: Privilegierung -.01 -.01 -.07** -.07** Regulierung .05 .05 -.00 .00 Vielfalt .06 .06 .04* .04* Pluralismus .01 .03 Marktmonopol -.06 -.04 309 unterscheiden. Erklärungen müssen auf der Ebene lokaler Vereinswelten gefunden werden – mit anderen Worten: die Analyse zu Personalausstattung ist im Prinzip nicht „mehrebenenfähig“, da kein Varianzanteil auf der übergeordneten Ebene zu verorten ist bzw. die Gesamtvarianz ausschließlich eine Frage von Unterschieden innerhalb einzelner Vereinslandschaften ist.233 Inhaltlich lässt sich die Diskussion der Ergebnisse schnell zusammenfassen: keiner der untersuchten Mikro- oder Makroindikatoren übt einen signifikanten Effekt auf die Personalausstattung im religiösen Sektor aus. Mehrebenenmodelle schätzen die Standardabweichung gerade im Vergleich zu üblichen Regressionsanalysen konservativ. Somit werden hohe Voraussetzungen an die Vergabe von Signifikanz verknüpft. Daher soll – nicht nur da diese insignifikanten Effekte offensichtlich einen nicht unerheblichen Beitrag zur Varianzerklärung leisten (circa 17 Prozent im Fall konfessioneller Eigenschaften), sondern auch, weil die Resultate der multivariaten Analyse teilweise deutlich von denen der deskriptiven Analyse, wie sie in Tabelle 13 eingangs dieses Kapitels dargestellt wurden, abweichen – kurz auf einige Ergebnisse eingegangen werden. In der deskriptiven Analyse zeigte sich, dass calvinistische Vereine (gefolgt von protestantischen Sekten), den mit Abstand geringsten Anteil von Vereinen stellen, die ganz ohne Personal auskommen und auch – wiederum neben den Vereinen aus dem protestantischen Sektenmilieu – über die höchste durchschnittliche Zahl an bezahlten Angestellten verfügten. Im multivariaten Modell kehrt sich der calvinistische Professionalisierungsvorsprung ins Gegenteil. Im Vergleich zum katholischen Verein verfügen calvinistische Vereine eher über weniger Angestellte (-.11). Wie ist das möglich? Teilweise verantwortlich für diese Umkehrung ist die Inklusion der Kontrollvariablen, die das organisatorische Alter abbildet. Wird dieser Indikator aus der Gleichung genommen (siehe Effekte unter „Schätzparameter letzter Schritt“) verschwindet der Negativeffekt fast völlig. Wie das folgende Kapitel 10 zeigen wird, sind calvinistische Vereine im Schnitt deutlich älter als Vereine anderer konfessioneller Provenienz. Teil des Professionalisierungsvorsprungs des calvinistischen Vereinsmilieus, wie in den deskriptiven Analysen ausgewiesen, ist also schlicht der Altersstruktur des Calvinismus geschuldet. Die Höhe des jährlichen Budgets (Tabelle 21b) ist der einzige Aspekt ökonomischer Ausstattung, der mit einem insgesamt circa 15 prozentigem Varianzanteil (neun Prozent hinsichtlich des Vereinssektors insgesamt) auf nationaler und lokaler Ebene, eindeutig „mehrebenenfähige“ Werte erreicht. Solche nationalen Variationen sind durch unterschiedliche konfessionelle Eigenschaften oder zivilgesellschaftliche bzw. Merkmale der religiösen Märkte erklärbar. Zur Erklärung von Unterschieden innerhalb der Vereine eines Landes tragen die Indikatoren schlicht nichts bei – dies gilt für den religiösen Sektor genauso wie für die Vereinslandschaft insgesamt. Aber auch hier zeigen sich Ergebnisse, die denen der deskriptiven Analysen nicht entsprechen. Tabelle 14 zeigte, dass Calvinisten über den höchsten Prozentsatz sehr reicher Vereine verfügen (27 Prozent im Vergleich zu 18 Prozent katholischer und nur acht 233 Aus diesem Grund wurde bei der Analyse darauf verzichtet, Kontexte zu variieren. 310 Prozent der lutherischen Vereine) und auch als einzige ein durchschnittliches Jahresbudget erreichen, welches das Einkommen säkularer Vereine übertrifft. Auch hier ist wiederum die Kontrollvariable „Alter“ für einen Teil der Abweichung verantwortlich. Im abschließenden Modell, das sämtliche Makroindikatoren einbezieht, aber den unter .10 bleibenden Alterseffekt ausschließt, zeigt sich der Vorteil der Calvinisten, ohne aber signifikante Werte zu erreichen (.09). Nur das lutherische Organisationsumfeld weist – abzüglich aller Kontroll- und Makroindikatoren – einen eindeutig positiven Effekt auf. Im Vergleich zum katholischen Verein verfügen lutherische Organisationen über ein signifikantes Einkommensplus. Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Basismodell (Konfession) 11,5 0,0b 6,8 0,0b BM + Zivilgesellschaft 8,4 0,6 45,4 0,0 Konfession: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Katholisch -.05 -.07 Lutherisch .09 .17 * -.09 -.04 Calvinistisch -.03 .09 -.15 .06 Prot. Sekten -.03 -.02 -.17 -.12 Nicht-Christl. -.07 -.06 -.20* -.20 * Alter .09*** - .07*** - Zivilgesellschaft: Säkularisierung .21* .09 .16* .08 Gemeindegröße -.01 - .02 - Anmerkungen: siehe Tabelle 20. b Anstieg des Kovarianzparameters im Vergleich zum Nullmodell. Tabelle 21b: Konfession, Marktstrukturen und Organisationsmerkmale: Aspekte der Professionalisierung - Einkommen (Jahresbudget gesamt) Religiöse Vereine N=1020 Alle Vereine N=5774 Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Null-Modell 15,0 85,0 9,2 90,8 BM + Zivilgesel. + Relig. Markt 19,2 0,6 55,8 0,0 Relig. Markt: Privilegierung .08 .08 .01 .01 Regulierung .06 .06 .06 .06 Vielfalt .14 .14 .11 .11 Pluralismus .09 .10 Marktmonopol -.25 -.17 311 Von den Makroindikatoren ist nur ein einziger signifikant: der Säkularisierungsgrad lokaler Organisationswelten. Religiöse Vereine sind desto reicher, je marginaler ihre Position innerhalb der Zivilgesellschaft ist. Umgekehrt: dort, wo religiöse Vereine einen erklecklichen Anteil lokaler Vereinswelten stellen, konkurrieren sie um (vermutlich) begrenzte Ressourcen mit dem Resultat, dass jeder einzelne Verein mit relativ geringfügigen Mitteln auskommen muss. Der Effekt verschwindet allerdings, sobald Eigenschaften religiöser Märkte in das Modell integriert werden. Mit anderen Worten, Mechanismen staatlicher Regulierung und das Ausmaß religiösen Pluralismus (mit beiden Aspekten ist Säkularisierung positiv verknüpft, vgl. Kapitel 8) tragen primär zu Organisationswohlstand bei. Aber auch hier sind die Resultate nicht unbedingt theoriekonform: Organisationen in hoch regulierten Märkten sind reicher als solche, die in deregulierten Märkten operieren. Dieser Teil der Gleichung stimmt mit den Annahmen der rational choice Theorie überein, die ja den finanziell saturierten (daher faulen) staatskirchlichen Klerus als zentrale Figur beschreibt. Aber: auch die Vielfalt religiöser Optionen bzw. die Abwesenheit hegemonialer Positionen trägt zum Wohlstand des religiösen Vereinswesen bei. Beides sollte theoretisch nicht möglich sein. Wenn Regulierung und Privilegierung Reichtum bestimmen, sollte theoretisch der religiöse Monopolmarkt der finanzkräftigste sein und mit der Pluralisierung des Marktes die Ressourcenknappheit zunehmen. Mit dieser relativen Knappheit an Mitteln erklärt die ökonomische Theorie nicht zuletzt die höhere gruppeninterne Mobilisierung von Ehrenamtlichen und Aktivisten, da im freien Markt Aufgaben unentgeltlich erledigt werden müssen, wo im regulierten Mark festangestelltes Personal zur Verfügung steht. Allerdings: auch hier erreicht wiederum kein einziger Effekt statistisches Signifikanzniveau. Tabellen 21c und 21d zeugen von der materiellen Mitgliederabhängigkeit calvinistischer Vereine, Vereine aus dem Umfeld der protestantischen Sekten, sowie nicht-christlicher Organisationen im Vergleich zu katholischen aber auch lutherischen Vereinswelten. Letztere hängen dagegen eher am öffentlichen Topf als calvinistische Vereine und Sekten-Organisationen. Tabelle 21c zeigt zudem die Ausnahmestellung gerade calvinistischer Vereine im Organisationskontext insgesamt. Während katholische und lutherische Vereine im Vergleich zu säkularen Vereinen in weitaus geringerem Maße von Spenden und Mitgliederbeiträgen leben, tun dies calvinistische umso mehr (Effektkoeffizient von .60). Betrachtet man die Abhängigkeit von öffentlichen Quellen (Tabelle 21d) fällt zunächst ins Auge, dass alle konfessionellen Organisationen geringere Anteile ihres Einkommens aus öffentlichen Quellen speisen als säkulare Vereine. Nur der Unterschied zwischen säkularem und katholischem Verein ist nicht signifikant. Wieder besetzen calvinistische Vereine (gefolgt von Vereinen aus dem Sektenmilieu) insofern eine Ausnahmeposition als sie mit einem Negativeffekt von -.51 mit Abstand am stärksten vom säkularen Verein abweichen. 312 Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Basismodell (Konfession) 58,2 2,8 0,0b 4,1 BM + Zivilgesellschaft 0,0b 2,1 0,0b 4,1 Konfession: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Katholisch -.33*** -.33*** Lutherisch .06 -.02 -.29*** -.30*** Calvinistisch .58 ** .63 *** .60*** .60*** Prot. Sekten .32 * .27 .25* .25* Nicht-Christl. .44 *** .38 ** .19* .20* Alter .05 - .11*** .11*** Zivilgesellschaft: Säkularisierung -.04 - -.09 - Gemeindegröße .04 - -.01 - Anmerkungen: siehe Tabelle 20. b Anstieg des Kovarianzparameters im Vergleich zum Nullmodell. Wiederum ist der Grad der Säkularisierung der einzige Makroindikator der signifikante Effekte erreicht. Je weiter die Säkularisierung fortgeschritten ist, je marginaler sich die Position des Religiösen in der Zivilgesellschaft gestaltet, desto höher ist die Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln. Mit anderen Worten, religiöse Vereine sind in einer hochgradig säkularisierten Umwelt in ganz besonderem Maße von der Großzügigkeit kommunaler, regionaler oder nationaler Geldgeber angewiesen. Umgekehrt könnte man auch vermuten, dass dem religiösen Sektor nur ein gewisses öffentliches Budget zur Verfügung steht. Je weniger Vereine um diesen Topf streiten, um so eher gelingt es diesen wenigen, marginalisierten Vereinen, daraus einen nicht unerheblichen Teil ihres Mittelbedarfs zu decken. Sämtliche Indikatoren, die dem ökonomischen Modell angehören, erbringen dagegen nur insignifikante, vernachlässigbare Effekte. Allein der negative (allerdings auch insignifikante) Einfluss, Tabelle 21c: Quelle des Einkommens: privat (Spenden u. Mitgliedsbeiträge) Religiöse Vereine N=831 Alle Vereine N=5624 Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Null-Modell 4,4 95,6 4,9 95,1 BM + Zivilgesel. + Relig. Markt 10,9 2,1 6,4 4,1 Relig. Markt: Privilegierung -.05 -.05 -.04 -.04 Regulierung -.06 -.06 .01 .01 Vielfalt -.11 -.11 -.12* -.12 * Pluralismus -.12 -.14 Marktmonopol .09 .16* 313 den Aspekte religiöser Vielfalt auf die finanzielle Abhängigkeit von der Mitgliederbasis ausüben, verdient Erwähnung, weil er der Logik der rational choice Schule völlig widerspricht. Mit religiöser Vielfalt sinkt die Abhängigkeit von privaten Spenden und dem Beitrag zahlenden Mitglied. Das ist für die Theorie kein gutes Ergebnis: die Mitgliederabhängigkeit sollte – theoretisch – dafür verantwortlich sein, dass Vereine im freien Markt ein besonders responsives, kundennahes Profil entwickeln. Diese Verknüpfung ist empirisch falsch. Auch die ausbleibenden Zusammenhänge hinsichtlich der Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln sind für rational choice fatal. Die gesamte Argumentationskette hängt an der Annahme, dass bestimmte Marktsituationen – die pluralistische wettbewerbsintensive im Vergleich zur Monopolstellung – jeweils spezifische Abhängigkeitsverhältnisse produzieren: Abhängigkeit von öffentlichen Quellen im Monopol, Abhängigkeit von Kunden und Mitgliedern im pluralistischen System. Tabelle 21d: Quelle des Einkommens: Öffentlich (Kommune, Region, Bund) Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Basismodell (Konfession) 44,3 0,0b 8,5 0,0b BM + Zivilgesellschaft 75,0 0,2 3,5 0,6 Konfession: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Katholisch -.10 -.12 Lutherisch -.04 .01 -.16* -.15 * Calvinistisch -.24* -.32 ** -.48*** -.51 *** Prot. Sekten -.07 -.16 -.24* -.30 ** Nicht-Christl. .02 -.00 -.11 -.13 Alter -.03 - -.08*** - Zivilgesellschaft: Säkularisierung .12** .11 .04 - Gemeindegröße -.05 - .04 - Anmerkungen: 1 siehe Tabelle 20. b Anstieg des Kovarianzparameters im Vergleich zum Nullmodell. Religiöse Vereine N=741 Alle Vereine N=5132 Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Null-Model 5,2 94,8 2,9 97,1 BM + Zivilgesel. + Relig. Markt 53,4 0,2 0,0b 0,6 Relig. Markt: Privilegierung -.04 -.04 -.04 -.04 Regulierung .04 .04 .02 .02 Vielfalt .03 .03 .03 .03 Pluralismus .02 .02 Marktmonopol -.04 -.07 314 Erst aus diesen spezifischen Abhängigkeitsstrukturen werden weitere Annahmen zu Vitalität und Engagement im religiösen Sektor abgeleitet. Der Zusammenhang zwischen finanzieller Abhängigkeit und Engagement innerhalb von Organisationen mag zutreffen (dies ist das Thema von Kapitel 11), auf die Natur religiöser Märkte kann er aber nicht zurückgeführt werden. Zwischen Marktnatur und finanziellen Abhängigkeitsstrukturen finden sich nur geringfügige, insignifikante und dazu der Theorie zuwider laufende Zusammenhänge. Nun fehlt noch ein Aspekt organisatorischen Aufbaus: Der Zusammenhang zwischen Konfession, Marktmerkmalen und dem Ausmaß und der Art der Institutionalisierung. Tabelle 22a untersucht Zusammenhänge hinsichtlich der Implementierung der „kleinen Vereinsdemokratie“, Tabelle 22b untersucht professionalisierte Vereinsstrukturen, während Tabelle 22c die Frage beantwortet, wie konfessionelle Orientierung und staatliche Einmischung oder religiöser Pluralismus die Einbettung in hierarchische Supra-Strukturen beeinflussen. Allen drei Aspekten organisatorischer Verfasstheit sind zwei Dinge gemeinsam: nicht unerhebliche Anteile der Gesamtvarianz (zwischen 16 und 23 Prozent im religiösen Sektor) sind auf der übergeordneten Ebene angesiedelt, also systematischen Unterschieden zwischen den lokalen Zivilgesellschaften geschuldet. Diese Unterschiede lassen sich zudem mit den verwendeten Indikatoren zu Konfession, Zivilgesellschaft und Marktnatur in einem hohen Maße aufklären. Um mit der Frage der Institutionalisierung vereinsinterner demokratischer Entscheidungsstrukturen zu beginnen: Das Basismodell zeigt den deutlichen Institutionalisierungsvorsprung calvinistischer Vereine gegenüber katholischen, aber auch lutherischen Vereinen. Noch deutlicher ist allerdings der Institutionalisierungsgrad nicht-christlicher Vereine, denen – zumindest von mancher Seite und gerade hinsichtlich muslimischer Organisationen – keine große Neigung zur Einhaltung demokratischer Spielregeln unterstellt wird. In allen westeuropäischen Systemen sind Vereine nicht-christlicher Provenienz in der Regel ins Privatrecht verwiesen (vgl. Kapitel 7). In dieser Situation sind sie quasi gezwungen, sich den Richtlinien des Vereinsrechts anzupassen, die mehrheitlich genau dies verlangen: Verfassungsgebung, Wahl des Vorstands, regelmäßig tagende Mitgliederversammlung (vgl. auch Torpe/Ferrer-Fons 2007; für eine ausführlichere Beschreibung der Verpflichtungen, die aus nationalen Vereinsrechten hervorgehen). Ein Blick auf die Effekte, die für den Vereinssektor insgesamt sichtbar werden, zeigt allerdings die geringere Diffusion demokratischer Strukturen im religiösen Sektor insgesamt – wiederum mit Ausnahme der Calvinisten, deren Institutionalisierungsgrad sich nicht signifikant von dem der säkularen Vereine unterscheidet (trotz eines Effektkoeffizienten von -.16). Der Nachteil (oder Vorteil, wenn man an die Segnungen völliger Informalität glaubt) ist im katholischen und lutherischen Vereinssektor massiv (Koeffizienten zwischen -1.09 und -1.23). Insgesamt sind die Unterschiede zwischen säkularem Sektor einerseits und allen (mit der Ausnahme calvinistischer Vereine) konfessionellen Varianten so groß, dass Konfession nicht nur 19 Prozent der Individualebenenvarianz erklärt, sondern auch fast die Hälfte des Varianzanteils, der auf Unterschiede zwischen Gemeinden zurückzuführen ist. 315 Tabelle 22a: Institutionalisierung demokratischer Prinzipien Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Basismodell (Konfession) 19,5 5,9 49,3 18,9 BM + Zivilgesellschaft 89,8 5,8 52,9 18,9 Konfession: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Katholisch -1.10*** -1.09 *** Lutherisch -.06 .01 -1.23*** -1.23 *** Calvinistisch .48* .35 -.16 -.16 Prot. Sekten .20 .14 -.52*** -.52 *** Nicht-Christl. .61*** .63 *** -.46*** -.50 *** Alter .16*** .16 *** -.16*** .16 *** Zivilgesellschaft: Säkularisierung .41** .41 * .11 - Gemeindegröße -.00 - -.02 - Anmerkung: siehe Tabelle 20. Zum wiederholten Mal ist von den untersuchten Makroindikatoren nur der Grad zivilgesellschaftlicher Säkularisierung signifikant: der Effekt ist nun aber so massiv (.41), dass mit Hilfe dieses einen Indikators die Makrovarianz fast vollständig aufgeklärt werden kann (90 Prozent im Vergleich zu 20 Prozent im konfessionellen Basismodell). In der säkularisierten Zivilgesellschaft kopiert die marginale Religionslandschaft die Vereinsstrukturen der säkularen, dominanten Vereinswelt. Interessanterweise verschwindet durch Einbeziehung dieses Kontextfaktors der calvinistische Effekt, der das Konfessionsmodell prägte. Nicht der Calvinismus an sich ist somit der demokratischen Verfassung besonders zuträglich, sondern die säkularisierte Umwelt, in der sich calvinistische Vereine in der Regel befinden. In der Tat ist – mit der Ausnahme des schottischen Aberdeens – in den calvinistisch dominierten Ländern der Schweiz und der Niederlande der Säkularisierungsgrad besonders hoch. Andererseits ist es gerade das Schweizer Modell mit seiner Zweiteilung in kirchliche Religiöse Vereine N=954 Alle Vereine N=5666 Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Null-Modell 23,1 76,9 14,0 86,0 BM + Zivilgesel. + Relig. Markt 87,9 5,8 47,6 18,9 Relig. Markt: Privilegierung .09 .09 .08 .08 Regulierung -.06 -.06 .12 .12 Vielfalt -.01 -.01 .00 .00 Pluralismus .05 .05 Marktmonopol .12 -.00 316 Pfarrgemeinde und öffentlich-rechtlicher Kirchgemeinde, die sämtliche Prinzipien der Schweizer Demokratie, einschließlich der direktdemokratischen Verfahren kopieren muss, und so die demokratische Struktur religiöser Organisationen, falls sie der Kirchgemeinde angegliedert sind, sozusagen per Gesetz vorgibt (vgl. Kapitel 7). Wie hinsichtlich zentraler Prinzipien der Professionalisierung und Finanzierung, bleiben im ökonomischen Modell beheimatete Indikatoren ohne Wirkkraft. Der einzige Faktor, der einen zumindest bescheidenen (allerdings ebenfalls insignifikanten) Effekt erwirkt, ist die Marktmonopolisierung seitens der privilegierten Kirche(n). Dieser Effekt ist wiederum nicht theoriekonform. Die Monopolsituation stärkt in der Tendenz die Neigung religiöser Vereine, sich eine demokratische Verfassung zu geben. Die beiden Messungen religiösen Pluralismuses zeigen keinerlei Verbindungen zur Implementation der kleinen Vereinsdemokratie. Auch dies ist kein Ergebnis, dass rational choice Theoretiker wie Iannaccone, der eine enge Beziehung zwischen Pluralismus und vereinsinterner Demokratie postuliert, erfreuen kann. Aspekte der Natur religiöser Märkte wirken entweder gar nicht oder aber in der Theorie widersprechenden Weise. Die Analyse professioneller Vereinsstrukturen (Tabelle 22b) zeigt ein etwas abweichendes Bild, obwohl beide Aspekte der Institutionalisierung eng miteinander verknüpft sind. Wie die Analysen zu Beginn des Kapitels zeigten, neigen gerade Vereine im religiösen Sektor in der Mehrheit dazu, sich entweder völlig informell zu organisieren oder aber sowohl Muster demokratischer als auch Muster professionalisierter, arbeitsteiliger Strukturen zu implementieren (Tabelle 18 weist einen Korrelationskoeffizienten von .58 für den religiösen Sektor, aber nur .22 im säkularen Sektor aus). Obwohl ebenfalls recht hohe Anteil der Gesamtvarianz auf der lokalen bzw. nationalen Ebene zu verorten sind (20 Prozent im religiösen und 19 Prozent im Vereinssektor insgesamt), kann der Varianzanteil auf der Mikroebene (also solche Unterschiede, die allein auf Variationen innerhalb lokaler Zivilgesellschaften zurückzuführen sind) im religiösen Sektor gar nicht und im Vereinssektor als ganzem nur minimalst (circa drei Prozent) aufgeklärt werden. Zunächst zeigt sich für den religi- ösen Sektor die prinzipielle Wesensgleichheit aller konfessionellen Varianten. Zwar erzielen alle Konfessionen einen im Vergleich zum Katholizismus positiven Effekt, tendieren also dazu, sich professioneller und arbeitsteiliger zu generieren als katholische Vereine, doch erreicht keiner dieser Effekte das Signifikanzniveau. Für den Vereinssektor insgesamt gilt, dass konfessionelle Vereine grundsätzlich in geringerem Maße professionalisiert sind als säkulare Vereine, signifikant sind nur Effekte für das katholische und lutherische Vereinsmilieu. Mit anderen Worten, nur katholische und lutherische Vereine sind eindeutig seltener arbeitsteilig und professionell organisiert als säkulare Vereine. Wie hinsichtlich demokratischer Verfasstheit, besitzt allein der Grad der Säkularisierung eine nennenswerte Wirkung. Säkularisierung, die randständige Bedeutung des Religiösen, erzwingt also nicht nur die Orientierung an demokratischen Prinzipien des Vereinsrechts, sondern Institutionalisierung im Allgemeinen. 317 Tabelle 22b: Institutionalisierung professioneller Strukturen Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Basismodell (Konfession) 28,2 0,0b 3,8 3,2 BM + Zivilgesellschaft 67,6 0,0b 26,5 3,2 Konfession: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Katholisch -.31*** -.31*** Lutherisch .03 .06 -.16** -.16** Calvinistisch .23 .22 -.14 -.14 Prot. Sekten .18 .16 -.12 -.12 Nicht-Christl. .14 .14 -.10 -.10 Alter .11*** .11 *** .14*** .14*** Zivilgesellschaft: Säkularisierung .24* .32 * .16 - Gemeindegröße -.00 - .07 - Relig. Markt: Privilegierung -.03 -.03 .04 .04 Regulierung -.20 -.20 -.06 -.06 Vielfalt .00 .00 .14 .14 Pluralismus -.05 .13 Marktmonopol -.13 -.25* Anmerkung: siehe Tabelle 20. b Anstieg des Kovarianzparameters im Vergleich zum Nullmodell. Vermutlich sind es die losen, informellen Vereinigungen, die in einer kirchenfernen Umwelt am schnellsten verschwinden, während Institutionalisierung zum Bollwerk gegen säkularisierte Umwelten wird. Sämtliche Indikatoren, die dem ökonomischen Modell angehören, sind wirkungslos. Ignoriert man ausbleibende statistische Signifikanz und interpretiert die Richtung des Zusammenhangs, so ergeben sich erneut durchweg Beziehungen, die dem ökonomischen Modell widersprechen. Staatliche Regulierung senkt das Institutionalisierungsniveau, religiöse Organisationen in Monopolsituation geben sich seltener arbeitsteilige, professionalisierte Strukturen als dort, wo Kirchen und Konfessionen den organisatorischen Markt nicht dominieren können. Mit anderen Worten: im regulativen Monopol sind Organisationen flacher und weniger hierarchisch als dort, wo der Staat sich jeglicher Einmischung enthält und der Markt der Konfessionen vielfältiger Natur ist. Religiöse Vereine N=954 Alle Vereine N=5686 Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Null-Modell 19,9 80,1 18,6 81,4 BM + Zivilgesel. + Relig. Markt 72,0 0,0b 8,4 3,2 318 Tabelle 22c: Einbettung in hierarchische Strukturen (Dachorganisation) Varianzkomponenten in % Varianzkomponenten in % Basismodell (Konfession) 28,6 2,0 51,6 9,7 BM + Zivilgesellschaft 60,4 2,6 63,2 8,4 Konfession: Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Schätzparameter (schrittweise) Schätzparameter (letzter Schritt) Katholisch .40*** .39 *** Lutherisch -.01 .00 .42*** .44 *** Calvinistisch -.06 -.02 .32*** .37 *** Prot. Sekten -.27*** -.20 *** .08 .15 ** Nicht-Christl. -.13*** -.12 *** .28*** .29 *** Alter .01 - .06*** - Zivilgesellschaft: Säkularisierung -.07* - -.03 - Gemeindegröße .03 - .02 - Anmerkung: siehe Tabelle 20. Der letzte, noch fehlende Aspekt organisatorischer Verfasstheit betrifft die Frage der Einbettung in hierarchische Strukturen. Wie Tabelle 22c zeigt, bewirken konfessionelle Eigenschaften im religiösen Sektor wie zuvor vor allem eine Erklärung von Unterschieden zwischen lokalen Zivilgesellschaften und tragen kaum (knapp drei Prozent Varianzaufklärung auf der Individual- bzw. Organisationsebene) dazu bei, Unterschiede innerhalb einzelner Vereinssektoren zu erklären: religiöse Vereinslandschaften, die viele nicht-christliche Vereine und Vereine aus dem Kontext der protestantischen Sekten beheimaten, zeigen einen geringeren Grad hierarchischer Einbettung als solche Zivilgesellschaften, in denen das katholische, lutherische oder calvinistische Element dominiert. So bestätigen auch diese multivariaten Analysen die Wesensgleichheit der drei großen europäischen Konfessionen hinsichtlich der Eingliederung in übergeordnete Organisationsstrukturen. Religiöse Vereine N=981 Alle Vereine N=5826 Gemeinde Vereine Gemeinde Vereine Null-Modell 16,1 83,9 5,1 94,9 BM + Zivilgesel. + Relig. Markt 29,7 2,6 62,5 8,4 Relig. Markt: Privilegierung .02 .02 .04 .04 Regulierung -.01 -.01 -.02 -.02 Vielfalt -.05 -.05 -.03 -.03 Pluralismus -.05 -.03 Marktmonopol .09** .04 319 Ein Blick auf den Gesamtsektor beweist die grundsätzlich hierarchischere Struktur des religiösen Sektors im Vergleich zum säkularen Sektor. Selbst die innerhalb des religiösen Sektors als Champion der Dezentralität auffallenden Vereine aus dem Sektenmilieu und nicht-christlicher Herkunft sind hierarchischer und zentralisierter organisiert als der durchschnittliche Verein ohne religiöses Anliegen. Die Unterschiede zwischen den beiden Sektoren sind deutlich und erklären beinahe zehn Prozent des Varianzanteils, der auf der Ebene der Organisationswelten angesiedelt ist. Hinzu kommt, dass konfessionelle Orientierung als Kompositionseffekt auch über die Hälfte der Unterschiede erklärt, die zwischen Gemeinden zu finden sind. Der Effekt marginaler Positionierung des religiösen Sektors ist nun weniger gewaltig, erhöht die Passung des Modells aber enorm (von knapp 30 Prozent auf 60 Prozent der Variation zwischen Zivilgesellschaften): der Effekt ist nun ein negativer. Während Säkularisierung die religiösen Vereine zum Aufbau vereinsinterner institutionalisierter Strukturen zwingt, verhindert sie die externe Eingliederung in organisatorische Supra-Strukturen. Oder: In der hochgradig säkularisierten Umwelt geht dem religiösen Sektor sein typischster Verein verloren: die Unzahl der informell organisierten, flachen Organisationen im Umfeld der kirchlichen Dachorganisation. Von den Indikatoren, die Eigenschaften religiöser Märkte abbilden, erreicht nur ein einziger einen signifikanten Effekt – ein Effekt allerdings, der zum ersten Mal im Sinne der rational choice Theorie interpretiert werden kann: die Monopolstellung regt zu Unterordnung in übergeordnete Organisationszusammenhänge an, während religiöser Pluralismus (die Effekte sind mit -.05 winzig und nicht signifikant) eher dezentrale Vereinsstrukturen befördert. 9.5 Konfession, die Natur religiöser Märkte und Organisationsstrukturen – ein Ausblick Die Wirkung religiöser Märkte und Muster staatlicher Einmischung lässt sich kurz zusammenfassen: die institutionellen und ökonomischen Bedingungen religiösen Lebens lassen sich durch Marktindikatoren nicht erklären. Dort, wo einzelne interpretierbare, aber in der Regel nicht signifikante Effekte auftreten, sind sie – mit einer einzigen Ausnahme – nicht theoriekonform. Die Annahmen der rational choice Theorie hinsichtlich finanzieller Abhängigkeiten und Organisationsformen, die sich aus der spezifischen Natur religiöser Märkte ableiten ließen, sind falsch. Dies bedeutet nicht, dass Basiseigenschaften lokaler Zivilgesellschaften an sich für die Ausbildung organisationsinterner Strukturen bedeutungslos sind. In vielen Punkten – die Struktur finanzieller Abhängigkeiten ist hier eine klare Ausnahme – sind Unterschiede im Organisationsaufbau Variationen geschuldet, die gemeindeoder ländertypisch sind und somit über Unterschiede innerhalb einzelner Organisationswelten hinausgehen. So ist die relative Positionierung des religiösen Sektors im Vergleich zum säkularen Sektor ein zentraler Kontextfaktor, der teilweise allein dazu beiträgt, solche Varianzen auf nationaler und lokaler Ebene zu erklären. Der Indikator („Säkularisierung“) misst den Anteil der säkularen Vereine an der Gesamt-

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.