Content

Sigrid Roßteutscher, Hierarchische Einbettung in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 294 - 297

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

Bibliographic information
294 personalreich sind, dort sind konfessionelle Vereine auch hochgradig institutionalisiert. Dort, wo sich das konfessionelle Vereinsmilieu dagegen aus vergleichsweise kleinen, ressourcenarmen Gruppen zusammensetzt, ist der Grad der Informalität hoch. Daraus einen partizipativen Vorteil katholischer und lutherischer Vereinswelten zu prognostizieren, ist möglicherweise dennoch falsch, geht doch die Informalität vor allem zu Lasten der Implementation demokratisch-repräsentativer Spielregeln. Wie aus den zusammenfassenden Analysen (letzte Zeilen in Tabelle 16) zu erkennen ist, haben 75 Prozent der säkularen Vereine die kleine Vereinsdemokratie institutionalisiert, aber nur 33 bzw. 34 Prozent der katholischen und lutherischen Vereine. Dagegen sind die Unterschiede hinsichtlich der Institutionalisierung professioneller Strukturen vergleichsweise gering. Katholische Vereine sind im Schnitt kaum weniger professionell strukturiert als der säkulare Vereinssektor (ein Minus von sieben Prozent), im lutherischen Milieu findet sich eine Prozentsatzdifferenz von Minus 15. Informalität geht somit vor allem zu Lasten demokratischer Verfasstheit. Interessanterweise sind auch der calvinistische Sektor sowie die Vereinswelt der protestantischen Sekten trotz einem dem säkularen Sektor ähnelnden durchschnittlichen Institutionalisierungsgrad (5,0 bei den Calvinisten, 5,3 bei den Sekten im Vergleich zu 5,5 im säkularen Sektor aber 3,2 bzw. 2,6 im katholischen und lutherischen Vereinswesen) hinsichtlich der Implementierung demokratischer Strukturen eher zurückhaltend: 55 Prozent der calvinistischen Vereine und 49 Prozent der Vereine aus dem Umfeld der protestantischen Sekten haben sich eine demokratische Verfassung gegeben. Damit liegen sie deutlich über der Vereinswelt der Katholiken und Lutheraner, aber ebenso deutlich unter der demokratischen Verfasstheit des säkularen Sektors, wo 75 Prozent aller Vereine demokratische Strukturen institutionalisiert haben. Der fast identische Durchschnittswert wird erreicht, da Calvinisten und protestantische Sekten in einem Ausmaß arbeitsteilige und professionalisierte Strukturen implementiert haben, wie das sonst nirgendwo der Fall ist. 44 Prozent der calvinistischen Vereine und 41 Prozent der Vereine aus dem Sektenmilieu, aber nur 30 Prozent der säkularen Vereine (22 Prozent der katholischen und 14 Prozent der lutherischen) besitzen professionelle, arbeitsteilige Vereinsstrukturen. 9.2.2 Hierarchische Einbettung Tabelle 17 zeigt ein beinahe spiegelbildliches Ergebnis: im Vergleich zum säkularen Sektor sind konfessionelle Vereine jeglicher Couleur in einem fast vollständigen Ausmaß in größere organisatorische Zusammenhänge eingebettet. So sind in Mannheim 53 Prozent der säkularen Vereine Mitglied einer Dachorganisation, aber 95 Prozent der lutherischen und katholischen. Auch im schottischen Aberdeen zeigen sich ähnliche Relationen: 50 Prozent der säkularen, aber 96 Prozent der calvinistischen Vereine gehören einem übergeordneten Verbund an. Für alle lokalen Zivilgesellschaften gilt im Prinzip ähnliches: der konfessionelle Verein, der nicht in eine Dachorganisation eingegliedert ist, stellt ein klares Randphänomen dar. Die einzige Ausnahme von dieser Regel betrifft das Enscheder Vereinswesen, das insgesamt 295 sehr viel mehr „free standing“ Organisationen beheimatet als dies anderenorts der Fall ist. Aber selbst in der relativ dezentralen niederländischen Struktur (nur 30 Prozent der säkularen Vereine sind Teil einer hierarchischen Organisationswelt) ist die hierarchische Einbettung im konfessionellen Sektor doppelt so hoch wie im nicht-religiösen Sektor. Sollte Hierarchie tatsächlich den von vielen behaupteten Negativeinfluss auf innerorganisatorische Partizipation ausüben, so wäre die gesamte konfessionelle Vereinswelt gegenüber der säkularen Vereinswelt benachteiligt (siehe die hohen Prozentsatzdifferenzen in den letzten Zeilen). Der Nachteil träfe auf Katholiken, Lutheraner und Calvinisten im stärksten Umfang zu, auf protestantische Sekten und Vereine nicht-christlicher Provenienz, die beide über einen im Vergleich zu den anderen Konfessionen deutlich höheren Anteil freistehender, unabhängiger Vereine verfügen, in etwas geringerem Maße. Tabelle 17: Vertikal oder horizontal? Externe Organisationsstrukturen 1 2 3 4 Mitglied einer Dachorganisation Prozentsatzdifferenz Selbst Dachorganistion Zahl gültiger Fälle Mannheim Säkular 52,9 5,7 1181 Katholisch 94,2 41,3 5,0 226 Lutherisch 94,6 41,7 3,5 147 Andere Religionen 80,9 28,0 11,4 47 Vaihingen/Enz Säkular 48,3 0,0 147 Katholisch 92,6 44,3 0,0 27 Lutherisch 98,1 49,8 0,0 54 Andere Religionen 96,6 48,3 0,0 29 Althütte Säkular 64,7 6,3 16 Lutherisch 93,8 29,1 0,0 15 Chemnitz Säkular 49,4 5,5 490 Katholisch 88,2 38,3 0,0 16 Lutherisch 97,3 47,9 0,7 146 Andere Religionen 88,0 38,6 4,0 25 Limbach Säkular 43,1 0,7 135 Lutherisch 88,2 45,1 0,0 50 Bobritzsch Säkular 36,4 9,1 22 Lutherisch 100,0 63,6 0,0 17 296 Enschede Säkular 30,4 9,6 730 Katholisch 68,8 38,4 12,5 16 Calvinistisch 58,8 28,4 11,8 17 Protest. Sekten 43,8 13,4 12,5 32 Andere Religionen 36,4 6,0 13,6 22 Lausanne Säkular 44,6 23,1 416 Katholisch 100,0 55,4 37,5 8 Calvinistisch 40,0 -4,6 20,0 5 Andere Religionen 33,3 -11,3 -- 3 Bern Säkular 52,5 13,1 587 Katholisch 83,3 30,8 20,0 10 Calvinistisch 76,9 24,4 30,8 13 Protest. Sekten 71,4 18,9 16,7 6 Andere Religionen 88,9 36,4 11,1 9 Sabadell Säkular 56,8 15,1 258 Katholisch 81,5 24,7 4,8 42 Protest. Sekten 85,7 28,9 14,3 7 Aalborg Säkular 42,6 7,3 910 lutherisch 80,0 37,4 7,7 39 protest. Sekten 100,0 57,4 0,0 5 Aberdeen Säkular 50,1 11,5 383 Calvinistisch 95,5 45,4 25,8 66 Protest. Sekten 72,2 22,1 17,6 17 Gesamt Säkular 47,0 11,6 5229 Katholisch 86,7 +39,7 7,9 345 Lutherisch 94,0 +47,0 2,1 470 Calvinistisch 86,3 +39,3 24,4 101 Protest. Sekten 63,7 +16,7 14,4 73 Andere Religionen 69,6 +22,6 12,5 138 Anmerkungen: nur Konfessionen, die mit mindestens drei gültigen Fällen vertreten sind. Für kumulierte Analysen wurden gewichtete Daten verwendet (N=1000), ohne kleinere ost- und westdeutsche Gemeinden. Die in Spalte 4 dokumentierte Zahl der Fälle entspricht den ungewichteten Daten. Damit gibt es drei prinzipielle Organisationsmodelle: Der säkulare Sektor paart hohe interne Verfasstheit und einen ausgeprägten Formalisierungsgrad, der vor allem eine Institutionalisierung der Grundprinzipien repräsentativer Demokratie bedeutet, mit einem vergleichsweise niedrigen Grad hierarchischer Abhängigkeit. Die calvinistische Organisationsstruktur dagegen (aber in vieler Hinsicht trifft dies auch auf die 297 protestantischen Sekten zu) paart eine ebenso hohe interne Formalisierung, die aber in der Tendenz vor allem eine Verfasstheit hinsichtlich professioneller, arbeitsteiliger Strukturen meint, mit einem hohen Grad der Einbettung in übergeordnete Organisationszusammenhänge. Der calvinistische Sektor ist somit intern und extern hierarchisch organisiert. Die katholische und lutherische Vereinswelt bietet ein drittes Organisationsmodell: hohe Informalität intern bei beinahe vollständiger Eingliederung in organisatorische Supra-Strukturen. Somit stellen diese Ergebnisse viele der gängigen Annahmen auf den Kopf: Katholische Organisationen sind klein, ressourcenarm, intern kaum hierarchisch strukturiert und weniger professionalisiert als angenommen. Wäre nicht das hohe Ausmaß organisatorischer Eingliederung in übergeordnete Organisationseinheiten, entspräche der katholische (und der lutherische) Verein fast dem Idealbild des kleinen, flachen, hierarchiefreien Vereins, der in der aktuellen Debatte so große Wertschätzung erfährt. Der calvinistische Verein dagegen ist groß, reich an Geld und Personal, hochgradig intern verfasst, arbeitsteilig und professionell strukturiert und zudem in hierarchische Organisationsbezüge eingebunden. Wie kann das sein? Natürlich ist die katholische Kirche eine riesige, weltumspannende, hierarchische Organisation. Natürlich sind dem Protestantismus und vor allem dem Protestantismus calvinistischer Provenienz solche Strukturen fremd. Der gängige Fehler liegt wohl darin, dass man die Organisationsprinzipien der Globalkirche(n) auf den lokal aktiven Verein un- überprüft überträgt. Warum sollten sich die an einer katholischen Kirchengemeinde angesiedelten Krabbelgruppen, Frauengruppen oder Gesangs- und Sportvereine organisatorisch nach dem Vorbild der Kurie modellieren? Oder, wie Boix und Posner zu recht meinen, ein hierarchischer Überbau muss nicht hierarchische Durchgliederung bis in die kleinsten lokalen Räume nach sich ziehen. „Organizations like the Catholic Church may appear to be vertically organized and yet contain numerous opportunities for horizontal engagement within their midst“ (Boix/Posner 1996: 3). Was bedeuten solche Organisationsstrukturen für die Generierung sozialen Kapitals und die Mobilisierung von Aktiven und Ehrenamtlichen? Nimmt man die Ergebnisse dieses Kapitels ernst und interpretiert sie im Lichte der Organisationssoziologie, so muss man annehmen, dass katholische und lutherische Vereine bessere Plattformen demokratischen Lernens zur Verfügung stellen als calvinistische Vereine und Organisationen aus dem Umfeld der protestantischen Sekten, vielleicht aber auch – viele Indikatoren deuten darauf hin – als der nicht-religiöse Verein. Ist der Katholik (und Lutheraner), der sich diesen Strukturen „aussetzt“, vielleicht doch nicht nur ein guter Mensch, sondern auch ein guter Bürger? 9.3 Klein, flach, unabhängig: zum Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Organisationsmerkmalen Organisationsmerkmale gelten als hochgradig verwoben: die kleine Organisation ist geradezu zwangsläufig flach organisiert und mitgliederbasiert. Die große Gruppe

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.