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Sigrid Roßteutscher, Interne Organisationsstrukturen in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 289 - 294

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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289 (siehe Kapitel 7), bleibt nur die Einkommensgenerierung über die Mitgliederbasis. Ganz ähnliches ist auch im schottischen Aberdeen zu beobachten. Dort rekrutieren calvinistische Vereine im Vergleich zum säkularen Sektor, der sich überwiegend über staatliche Zuwendungen und Aktivitäten am Markt finanziert, ihr Einkommen zu circa zwei Dritteln über Mitglieder und Spenden. Da überall dort, wo der protestantische Sektor calvinistisch geprägt ist, die calvinistischen Vereine viel eher als die katholischen und häufig auch stärker als der säkulare Sektor materiell von ihren Mitgliedern abhängen, zeigt sich der calvinistische „Vorsprung“ auch in den zusammenfassenden Zeilen von Tabelle 15. Damit sprechen drei der bisher diskutierten Organisationsmerkmale gegen den Calvinismus (in gewissem Maße auch gegen die protestantischen Sekten und eher für die katholische und lutherische Vereinswelt): calvinistische Vereine sind vergleichsweise groß, reich und hochgradig professionalisiert. Sie sind aber auch enorm mitgliederabhängig. Folgt man der Organisationstheorie und der ökonomischen Schule, so sollten die ersten drei Eigenschaften Mitgliederpartizipation und Sozialkapitalgenerierung behindern, die letzte aber deutlich befördern. 9.2 Hierarchie und Demokratie: zum organisatorischen Aufbau konfessioneller Vereine Größe, Ressourcen und Personal führen, so lautet das Argument, zu hierarchischen Strukturen, Diversifizierung von Aufgaben, und innerorganisatorischer Arbeitsteilung. Der in der aktuellen Diskussion geschätzte Verein dagegen ist nicht nur klein, sondern auch intern ohne Hierarchien, ohne differenzierte Arbeitsteilung – ein Verein, in dem alle Beteiligten als Gleiche die Geschäfte führen, Entscheidungen treffen und Aktionen unternehmen. Damit stimmt die Zelebrierung des partizipativen Vereins mit einem der Trends überein, der von Kriesi als Entwicklung hin zum kleinen, flexiblen, flachen, informellen Organisationsprinzip beschrieben wird (2007) und auch empirisch zu beobachten ist (z.B. Selle 1999; Wollebæk/Selle 2005). Dieser Trend – und damit auch der Wunschverein der Sozialkapitalisten – steht aber ein gutes Stück im Widerspruch zur Realität des Vereinswesens, wie es sich über die Jahrzehnte entwickelte. Im „klassischen sekundären Assoziationsmodell“, so Torpe und Ferrer-Fons (2007: 96), paaren sich vereinsinterne formelle Strukturen der demokratischen Entscheidungsfindung mit externer hierarchischer Einbettung in regionale und nationale Dachorganisationen. Die Vereine des klassischen Modells kopierten bzw. inspirieren die Entwicklung zur repräsentativen Demokratie, in dem deren Grundprinzipien vereinsintern via Satzung implementiert wurden: die verfassungsmäßig vorgeschriebene Wahl der Vereinsführung durch die Mitgliederbasis in einem vorgeschriebenen zeitlichen Rhythmus. Die Vereine des 18. und 19. Jahrhunderts wurden so vielerorts zum Träger gesellschaftlicher und politischer Modernisierung, da sie Organisationsprinzipien verwirklichten, welche die vordemokratischen Ständegesellschaften herausforderten (Tennbruck/Ruopp 1983: 70; Nipperdey 1972: 227; Dann 1993: 121-122; Wehler 1987: 317-318). Nun ist es durchaus möglich, 290 dass solche formellen Regeln und Strukturen, die ja Demokratie und Kontrolle seitens der Basis garantieren sollten, nicht zwingend eine beteiligungsdämpfende Wirkung besitzen. Ist Informalität in jedem Fall die effizientere Lösung? Immerhin wird die systematische Institutionalisierung von Laienbeteiligung auch als ein zentraler Grund genannt, warum Mitglieder protestantischer Organisationen ein höheres Kompetenzniveau besäßen als solche, die in katholischen Vereinen aktiv sind (Verba et al. 1995; Harris 1995). Die vereinsinterne Diversifizierung von Aufgaben an Ausschüsse, Untergruppen oder professionelles Personal gilt dagegen seit Michels als zentraler Moment der Oligarchisierung, der das sprichwörtliche „einfache“ Mitglied von seinem Verein entfremdet, da die Entscheidungsstrukturen und die Logik der Entscheidungsfindungen intransparent werden. Allerdings, so Torpe und Ferrer-Fons, war schon Michels Schlussfolgerung über die Natur der Sozialdemokratie fragwürdig. Die SPD zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich eindeutig zu einem hierarchischen, professionalisierten Verein entwickelt und dennoch würde niemand behaupten können, dass dieser oligarchischen Großorganisation die Mobilisierung der Mitglieder nicht gelang (Torpe und Ferrer-Fons 2007: 109). In eine ähnliche Richtung zielen auch Argumente, die hierarchische Strukturen und Einbettung in Dachorganisationen mit dem Konzept der „partizipativen Hierarchie“ verknüpfen: bessere und schnellere Informationsbeschaffung und Verbreitung, erhöhte Mobilisierungskapazitäten durch effizientere und institutionalisierte hierarchische Befehlsstrukturen und Kontaktkanäle (Warren 2003, ausführlich in Kapitel 3) – ein Vorteil für das Organisationsmilieu des Katholizismus? 9.2.1 Interne Organisationsstrukturen In der Literatur seit Weber und Troeltsch bis zu aktuellen Partizipationsstudien à la Verba et al. oder Sozialkapital-Untersuchungen, wie sie Putnam durchführte, wird der Protestantismus mit kleinen, flachen, dezentralen Organisationsstrukturen verknüpft, der Katholizismus dagegen mit dem Modell der großen, hierarchischen und zentralistischen Organisation gleichgesetzt. Ein Teil der Gleichung hat sich bereits als fragwürdig erwiesen. Die katholische Organisationswelt ist durch relativ kleine Gruppen und Vereine gekennzeichnet. Der Vorteil kleiner Größe trifft im protestantischen Umfeld allein auf lutherische Vereine zu. Gruppen und Organisationen, die calvinistischen Ursprungs sind oder dem Sektenmilieu entstammen, sind dagegen groß – deutlich größer als der nicht-religiöse Verein und vor allem um ein Vielfaches größer als katholische oder lutherische Vereine. Sollte die postulierte Kausalität, die Größe mit Hierarchie und Professionalisierung verbindet, korrekt sein, so sollte sich nun zeigen, dass katholische und lutherische Vereine von Prozessen der vereinsinternen organisatorischen Diversifizierung, dem Aufbau hierarchischer Strukturen, der Tendenz zu Formalisierung bzw. Institutionalisierung weniger betroffen sind als ihre Gegenparte calvinistischer oder säkularer Natur. 291 Tabelle 16: Vertikal oder horizontal? Interne Organisationsstrukturen 1 2 3 4 5 6 7 % Völlig flach/ Informell1 % Völlig institutionnalisiert/ formell2 Durchschnittlicher Institutionalisierungsgrad3 % Institut. demokratischer Strukturen4 Prozentsatzdifferenz % Institut. profess. Strukturen5 Prozentsatzdifferenz Zahl gültige Fälle Mannheim Säkulare 6,8 5,3 4,8 78,4 15,5 1181 Katholisch 22,1 3,1 2,8 33,2 -45,2 5,3 -10,2 226 Lutherisch 35,4 4,1 2,5 32,7 -45,7 16,3 0,8 147 And. Relig. 8,5 12,8 4,4 68,1 -10,3 21,3 5,8 47 Vaihingen Säkulare 7,7 0,7 4,6 79,2 6,3 143 Katholisch 36,0 0,0 1,4 8,0 -81,2 0,0 -6,3 25 Lutherisch 32,1 3,8 1,9 13,2 -66,0 5,7 -0,6 53 And. Relig. 31,0 3,4 1,8 17,2 -62,0 6,9 0,6 29 Althütte Säkulare 5,9 0,0 4,9 76,5 5,9 17 Lutherisch 40,0 6,7 1,9 6,7 -69,8 6,7 0,8 15 Chemnitz Säkulare 2,7 3,3 4,7 75,9 9,5 485 Katholisch 25,0 0,0 2,7 18,9 -57,0 18,8 9,3 16 Lutherisch 39,6 3,6 2,0 24,5 -51,4 12,9 3,4 139 And. Relig. 4,0 8,0 3,7 52,0 -23,9 16,0 6,5 25 Limbach Säkulare 4,4 1,5 4.5 75,9 2,2 137 Lutherisch 16,0 6,0 3,4 38,0 -37,9 34,0 31,8 50 Bobritzsch Säkulare 0,0 0,0 4,5 77,3 27,3 22 Lutherisch 68,8 0,0 0,6 6,3 -71,0 0,0 -27,3 16 Enschede Säkulare 1,4 29,6 6,2 65,1 46,4 730 Katholisch 0,0 31,3 6,6 56,3 -8,8 62,5 16,1 16 Calvinist. 0,0 64,7 7,3 76,5 11,4 76,5 30,1 17 Prot Sekten 6,3 21,9 5,7 50,0 -15,1 37,5 -8,9 32 And. Relig. 0,0 18,2 6,1 54,5 -10,6 31,8 -14,6 22 Lausanne Säkulare 3,6 20,7 6,0 86,3 34,7 444 Katholisch 0,0 22,2 5,4 66,7 -19,6 55,6 20,9 9 Calvinist. 0,0 20,0 4,0 40,0 -46,3 20,0 -14,7 5 And. Relig. 0,0 66,7 6,7 66,7 -19,6 33,3 -1,4 3 292 Bern Säkulare 2,3 11,3 5,9 81,0 19,3 610 Katholisch 8,3 33,3 5,7 83,3 2,3 41,7 22,4 12 Calvinist. 7,7 30,8 6,1 92,3 11,3 30,8 11,5 13 Prot Sekten 0,0 14,3 6,0 57,1 -23,9 28,6 9,3 7 And. Relig. 11,1 11,1 5,3 66,7 -14,3 11,1 -8,2 9 Sabadell6 Säkulare 5,5 43,2 5,5 77,7 47,9 292 Katholisch 29,6 13,0 2,7 20,4 -57,3 25,9 -22,0 54 Prot Sekten 0,0 71,4 6,1 71,4 -6,3 71,4 23,5 7 Aalborg Säkulare 2,8 9,1 5,6 88,8 17,6 967 Lutherisch 0,0 5,0 5,2 77,5 -11,3 12,5 -5,1 40 Prot Sekten 0,0 0,0 5,4 80,0 -8,8 0,0 -17,6 5 Aberdeen Säkulare 7,7 6,8 4,9 22,3 47,8 247 Calvinist. 15,4 17,3 4,5 46,7 24,4 42,9 -4,9 56 Prot Sekten 8,3 0,0 3,8 28,6 6,3 40,0 -7,8 15 Gesamt7 Säkulare 3,8 11,6 5,5 74,9 29,5 5298 Katholisch 22,2 5,5 3,2 32,5 -42,4 22,1 -7,4 365 Lutherisch 32,9 4,1 2,6 34,4 -40,5 14,4 -15,1 466 Calvinistisch 11,3 25,5 5,0 55,1 -19,8 44,2 +14,7 91 Prot. Sekten 5,0 9,9 5,3 49,3 -25,6 40,6 +11,1 72 And. Relig. 6,1 14,1 4,8 56,1 -18,8 25,6 -3,9 142 Anmerkungen: nur Konfessionen, die mit mindestens drei gültigen Fällen vertreten sind. Die Frage lautete: “Hat Ihre Gruppe/Organisation eine/einen:” Die Organisation bekam folgende Möglichkeiten zur Auswahl: (1) Vorsitzende/n, (2) Vorstand, (3) GeschäftsführerIn, (4) SekretärIn, (5) SchatzmeisterIn, KassenwartIn, (6) Ausschüsse/Arbeitskreise für besondere Aufgaben, (7) Mitgliederversammlung, (8) Satzung/Verfassung.“ Die Antwortkategorien waren Ja oder Nein. 1 Organisationen, die angaben, kein einziges dieser acht Merkmale zu besitzen. 2 Organisationen, die angaben, alle acht Merkmale zu besitzen. 3 Additiver Index aus allen acht Merkmalen. Die resultierende Skala reicht von 0 (keines der Organisationsmerkmale vorhanden) bis 8 (alle Merkmale vorhanden). 4 Additiver Index aus den Merkmalen (7) Mitgliederversammlung, (8) Satzung/Verfassung. Die resultierende Skala reicht von 0 (keines der Organisationsmerkmale vorhanden) bis 2 (beide Merkmale vorhanden). 5 Additiver Index aus den Merkmalen (3) GeschäftsführerIn, (6) Ausschüsse/Arbeitskreise für besondere Aufgaben. Die resultierende Skala reicht von 0 (keines der Organisationsmerkmale vorhanden) bis 2 (beide Merkmale vorhanden). 6 In Sabadell wurde nicht nach “Vorstand” gefragt. Der additive Index zum allgemeinen Institutionalisierungsgrad ist daher um ein Item verkürzt (Skala von 0 bis 7). 7 Für kumulierte Analysen wurden gewichtete Daten verwendet (N=1000), ohne kleinere ost- und westdeutsche Gemeinden. Die in der letzten Spalte dokumentierte Zahl der Fälle entspricht den ungewichteten Daten. 293 Tabelle 16 präsentiert Merkmale des internen Organisationsaufbaus. Die Vereine unserer Studie wurden gebeten, anzugeben, welche formellen Organisationsprinzipien auf sie zuträfen (siehe Anmerkung 1 unter Tabelle 16 für Fragestellung und Antwortkategorien). Spalte 1 dokumentiert den Prozentsatz völlig informeller Vereine – Organisationen, die keine fixierten Strukturen besitzen. Spalte 2 präsentiert das Gegenteil: den Anteil an Vereinen, die hochgradig institutionalisiert sind und auf die alle Merkmale der Formalisierung und Institutionalisierung zutreffen. Spalte 3 spiegelt den durchschnittlichen Institutionalisierungsgrad wider, während Spalten 4 und 6 unterschiedliche Aspekte der Formalisierung abbilden. Hier wurde getrennt nach Aspekten die eine Institutionalisierung der Grundprinzipien repräsentativer Demokratie abbilden und solchen, die auf organisationsinterne Arbeitsteilung und Professionalisierung verweisen.227 Auffällig ist zunächst, dass sich das katholische und lutherische Organisationsmilieu im Vergleich zum säkularen Sektor tatsächlich durch einen sehr hohen Anteil strukturloser, völlig informeller Organisationen auszeichnet (Spalte 1 in Tabelle 16). So sind sieben Prozent der nicht-religiösen Vereine Mannheims informeller Natur, aber 22 Prozent der katholischen und 35 Prozent der lutherischen. In den ost- und westdeutschen Kleingemeinden sind die Unterschiede noch eklatanter: in Bobritzsch ist kein einziger säkularer Verein informell organisiert, aber fast 70 Prozent der lutherischen Vereine! Umgekehrt ist der hochgradig verfasste Verein, der alle Merkmale der Institutionalisierung besitzt, im katholischen Milieu eher selten. So sind 43 Prozent der säkularen Vereine Sabadells komplett formalisiert, aber nur 13 Prozent der katholischen Organisationen. Der Trend zur Informalität, zu einem geringen Institutionalisierungsgrad, ist auch aus den zusammenfassenden Analysen (letzte Zeilen in Tabelle 16) ersichtlich. Katholische und lutherische Vereine sind vergleichsweise informell – im Vergleich zum säkularen Sektor aber auch zu alternativen Konfessionen. Wie bei den vorherigen Analysen zu Vereinsgröße und Professionalisierung sind die Ausnahmen im schweizerischen und calvinistischen Vereinswesen zu finden. Dort sind Vereine hochgradig institutionalisiert. So sind knapp 30 Prozent der säkularen und katholischen Vereine Enschedes komplett formalisiert, aber fast 65 Prozent der calvinistischen. Selbst in Aberdeen, wo der Institutionalisierungsgrad insgesamt viel geringer ist, wird der Anteil hoch formalisierter Vereine im calvinistischen Sektor fast dreimal so groß wie im säkularen Bereich. Die Zusammenhänge mit den Merkmalen Vereinsgröße und Professionalisierung sind somit unübersehbar. Dort, wo konfessionelle Vereine groß waren, über enorme finanzielle Mittel verfügen und 227 Diese Trennung in demokratische und professionelle Strukturen lässt sich auch faktorenanalytisch bestätigen. So bilden die Items „Geschäftsführer“ und „Ausschüsse“ gemeinsam mit dem Item „SekretärIn“ eine Dimension, während die Items „Satzung“, „Mitgliederversammlung“ und „Vorstand“ eine zweite Dimension bilden. Auf die Inklusion des Items „SekretärIn“ wurde verzichtet, da im kontinentaleuropäischen Kontext damit eine bezahlte Kraft gemeint ist, im angelsächsischen dagegen ein ehrenamtlicher Schriftführer. Auch das Item „Vorstand“ wurde aus der Indexbildung ausgeschlossen, da es in Sabadell nicht abgefragt wurde. 294 personalreich sind, dort sind konfessionelle Vereine auch hochgradig institutionalisiert. Dort, wo sich das konfessionelle Vereinsmilieu dagegen aus vergleichsweise kleinen, ressourcenarmen Gruppen zusammensetzt, ist der Grad der Informalität hoch. Daraus einen partizipativen Vorteil katholischer und lutherischer Vereinswelten zu prognostizieren, ist möglicherweise dennoch falsch, geht doch die Informalität vor allem zu Lasten der Implementation demokratisch-repräsentativer Spielregeln. Wie aus den zusammenfassenden Analysen (letzte Zeilen in Tabelle 16) zu erkennen ist, haben 75 Prozent der säkularen Vereine die kleine Vereinsdemokratie institutionalisiert, aber nur 33 bzw. 34 Prozent der katholischen und lutherischen Vereine. Dagegen sind die Unterschiede hinsichtlich der Institutionalisierung professioneller Strukturen vergleichsweise gering. Katholische Vereine sind im Schnitt kaum weniger professionell strukturiert als der säkulare Vereinssektor (ein Minus von sieben Prozent), im lutherischen Milieu findet sich eine Prozentsatzdifferenz von Minus 15. Informalität geht somit vor allem zu Lasten demokratischer Verfasstheit. Interessanterweise sind auch der calvinistische Sektor sowie die Vereinswelt der protestantischen Sekten trotz einem dem säkularen Sektor ähnelnden durchschnittlichen Institutionalisierungsgrad (5,0 bei den Calvinisten, 5,3 bei den Sekten im Vergleich zu 5,5 im säkularen Sektor aber 3,2 bzw. 2,6 im katholischen und lutherischen Vereinswesen) hinsichtlich der Implementierung demokratischer Strukturen eher zurückhaltend: 55 Prozent der calvinistischen Vereine und 49 Prozent der Vereine aus dem Umfeld der protestantischen Sekten haben sich eine demokratische Verfassung gegeben. Damit liegen sie deutlich über der Vereinswelt der Katholiken und Lutheraner, aber ebenso deutlich unter der demokratischen Verfasstheit des säkularen Sektors, wo 75 Prozent aller Vereine demokratische Strukturen institutionalisiert haben. Der fast identische Durchschnittswert wird erreicht, da Calvinisten und protestantische Sekten in einem Ausmaß arbeitsteilige und professionalisierte Strukturen implementiert haben, wie das sonst nirgendwo der Fall ist. 44 Prozent der calvinistischen Vereine und 41 Prozent der Vereine aus dem Sektenmilieu, aber nur 30 Prozent der säkularen Vereine (22 Prozent der katholischen und 14 Prozent der lutherischen) besitzen professionelle, arbeitsteilige Vereinsstrukturen. 9.2.2 Hierarchische Einbettung Tabelle 17 zeigt ein beinahe spiegelbildliches Ergebnis: im Vergleich zum säkularen Sektor sind konfessionelle Vereine jeglicher Couleur in einem fast vollständigen Ausmaß in größere organisatorische Zusammenhänge eingebettet. So sind in Mannheim 53 Prozent der säkularen Vereine Mitglied einer Dachorganisation, aber 95 Prozent der lutherischen und katholischen. Auch im schottischen Aberdeen zeigen sich ähnliche Relationen: 50 Prozent der säkularen, aber 96 Prozent der calvinistischen Vereine gehören einem übergeordneten Verbund an. Für alle lokalen Zivilgesellschaften gilt im Prinzip ähnliches: der konfessionelle Verein, der nicht in eine Dachorganisation eingegliedert ist, stellt ein klares Randphänomen dar. Die einzige Ausnahme von dieser Regel betrifft das Enscheder Vereinswesen, das insgesamt

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.