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Sigrid Roßteutscher, Finanzierung in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 283 - 289

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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283 Das Ausmaß der Professionalisierung soll daher über drei unterschiedliche Indikatoren untersucht werden. Tabelle 13 dokumentiert die relative Bedeutung von professionellem, angestelltem Personal im Verein, während Tabellen 14 und 15 Zahlen zur finanziellen Ausstattung bzw. zum Reichtum und den jeweiligen Einnahmequellen präsentieren. Ganz eindeutig ist der überwiegende Teil der lokalen Zivilgesellschaften noch vollständig in der Hand der Mitglieder und Ehrenamtlichen. Circa zwei Drittel aller Vereine – säkularer und konfessioneller Ausrichtung – verfolgen ihr Anliegen ohne Hilfe von bezahltem Personal (Spalte 3 in Tabelle 13). Ausnahmen bestätigen die Regel: so ist die Vereinswelt in den schweizerischen Städten und vor allem im schottischen Aberdeen vergleichsweise professionalisiert, in Aalborg und den kleineren deutschen Gemeinden dagegen fast vollständig in der Hand der Laien. Betrachtet man die durchschnittliche Zahl der Angestellten, die ein Verein beschäftigt (Spalte 1 in Tabelle 13), so gehört auch Enschede zur Gruppe der relativ stark professionalisierten Zivilgesellschaften – allesamt Gesellschaften mit calvinistischer Prägung. Hiermit bestätigt sich somit ein Credo der Organisationssoziologie: Mitgliederstärke erzwingt Professionalisierung. Es waren die calvinistischen Vereine (und in gewissem Maße auch die Vereine, die dem protestantischen Sektenmilieu angehören) die sich als besonders mitgliederstark erwiesen (vgl. Tabelle 13) und die nun auch über den geringsten Anteil reiner Laienvereine verfügen und die meisten Angestellten pro Verein besitzen. Für Vereine jeglicher Couleur gilt allerdings, dass die Verfügung über Personalressourcen extrem schief verteilt ist: die große Masse – und in manchen Zivilgesellschaften sind dies über 80 Prozent der Vereine – besitzt schlicht nichts. Die große Zahl des im Vereinswesen beschäftigten Personals verteilt sich auf wenige hoch professionalisierte Organisationen (siehe auch Spalte 5 in Tabelle 13). 9.1.3 Finanzierung Die schiefe Verteilung der Ressourcen ist auch hinsichtlich des Vereinsreichtums unübersehbar. Ein nicht unerklecklicher Teil der Vereinswelt (z.B. ein Drittel der konfessionellen Vereine in Mannheim und Sabadell, deutlich mehr als die Hälfte katholischer und lutherischer Vereine in Chemnitz) verfügt maximal über ein Taschengeld von nicht mehr als 1000 Euro im Jahr (Spalte 1 in Tabelle 14). Umgekehrt verfügen Minderheiten über ein Jahresbudget, das bei mindestens einer halben Million Euro liegt. Dies sind die Vereine, die sich bezahltes Personal überhaupt in einem gewissen Umfang leisten können. Kriesi hat diese extreme Schieflage genauer betrachtet: „The elite at the top end of the scale control most of the financial resources in the local associational systems. [...] Over two-thirds of the total annual budgets of all associations in the cities are absorbed by the less than 1% of the associations in the top category“(Kriesi 2007: 122). Wiederum zeigt sich die Ausnahmeposition der schweizerischen Vereinswelt: enorm mitgliederstark, reich an Personal und Finanzmitteln – dies zieht sich quer durch alle Typen der Vereine. Aber auch der relative Ressourcenreichtum calvinistischer Or- 284 ganisationen ist nicht zu übersehen. Sie sind im Schnitt (vgl. letzte Zeilen in Tabelle 14) um knapp 40.000 Euro reicher als säkulare Vereine und stellen damit die einzige Konfession, deren Wohlstand den des nicht-religiösen Sektors übertrifft. Tabelle 14: Finanzielle Ausstattung pro Jahr 1 2 3 4 Kein oder weniger als 1.000 € Budget in Prozent Budget von 500.000 € und mehr in Prozent Durchschnittliches Budget1 € Mittelwert Differenz in Euro Mannheim Säkulare 17,5 13,1 91.984 Katholisch 31,9 11,8 77.365 -14.619 Lutherisch 35,0 23,1 173.124 +81.140 Andere Religionen 17,4 4,3 38.457 -53.527 Vaihingen/Enz Säkulare 22,0 4,9 42.379 Katholisch 88,9 0,0 1.000 -41.379 Lutherisch 64,0 4,0 22.820 -19.559 Andere Religionen 65,5 0,0 3.603 -38.776 Althütte Säkulare 26,7 0,0 9.800 Lutherisch 73,3 6,7 34.700 +24.900 Chemnitz Säkulare 29,7 16,0 110.010 Katholisch 64,7 5,9 36.500 -73.510 Lutherisch 57,0 2,2 18.470 -91.540 Andere Religionen 50,0 8,3 47.750 -62.260 Limbach Säkulare 34,1 3,2 26.718 Lutherisch 55,3 0,0 5.383 -21.335 Bobritzsch Säkulare 50,0 0,0 4.795 Lutherisch 70,6 5,9 30.941 +26.164 Enschede Säkulare 10,8 14,2 110.719 Katholisch 18,2 18,2 106.455 -4.264 Calvinistisch 8,3 16,7 102.125 -8.594 Protest. Sekten 22,2 0,0 14.000 -96.710 Andere Religionen 12,5 12,6 106.000 -4.719 285 Lausanne Säkulare 6,5 33,3 241.506 Katholisch 0,0 71,5 507.857 +266.351 Calvinistisch 0,0 25,0 265,000 +23.494 Andere Religionen 0,0 0,0 35.000 -206.506 Bern Säkulare 5,6 32,9 210.606 Katholisch 0,0 33,3 175.000 -35.606 Calvinistisch 10,0 20,0 180.550 -30.056 Protest. Sekten 0,0 57,2 372.143 +161.537 Andere Religionen 0,0 33,4 268.333 +57.727 Sabadell Säkulare 11,1 14,5 107.036 Katholisch 33,3 16,7 95.375 -11.661 Protest. Richtungen 14,3 0,0 36.500 -70.536 Aalborg Säkulare 2,1 10,2 73.003 Lutherisch 2,5 7,5 53.263 -19.740 Protest. Sekten 0,0 0,0 14.000 -59.003 Aberdeen Säkulare 12,1 22,9 147.499 Calvinistisch 22,6 29,0 173.984 +26.485 Protest. Sekten 35,3 17,7 160.177 +12.678 Gesamt2 Säkulare 11,6 19,6 136.049 Katholisch 31,4 17,8 111.035 -25.014 Lutherisch 43,9 7,6 58.523 -77.526 Calvinistisch 19,0 26,9 172.875 +36.826 Protest. Sekten 21,2 12,1 105.587 -30.462 Andere Religionen 26,2 8,7 69.361 -66.688 Anmerkungen: nur Konfessionen, die mit mindestens drei gültigen Fällen vertreten sind. 1 Die finanzielle Ausstattung wurde in den beteiligten Gemeinden auf sehr unterschiedliche Weise erfragt (als offene Frage, in Kategorien oder als Kombination aus beiden). Ich benutze Kriesis Ansatz zur Berechnung einheitlicher Einkommenskategorien in Euro (vgl. Kriesi 2007). Zur Berechnung des durchschnittlichen Einkommens wurden die Mittelwerte der jeweiligen Kategorialspanne genutzt (z.B. Kategorie 0 bis 1000 € wurde als 500 € Einkommen kodiert). Außerdem wurden die beiden höchsten Kategorien (mehr als 1 Mio. € und mehr als 10 Mio. €) zusammengefasst und als 1 Mio. € codiert, um die Mittelwertberechnung nicht durch sehr wenige, extrem reiche outliers zu sehr zu irritieren (von insgesamt 6679 Organisationen sind nur 35 in der höchsten Einkommensklasse zu finden). Vgl. auch Kriesi (2007: 122f.). 2 Für kumulierte Analysen wurden gewichtete Daten verwendet (N=1000), ohne kleinere ost- und westdeutsche Gemeinden. In der Argumentation der rational choice Schule ist Reichtum an sich ein wenig entscheidendes Kriterium, wichtiger ist die Quelle des Wohlstands. Nur dort, wo Vereine Mitglieder zur Ressourcenbeschaffung benötigen, nur dort, wo sie auf private Schenkungen und Spenden verwiesen sind, werden sie ein Profil entwickeln, 286 das responsiv ist, Kundeninteressen berücksichtigt und somit zur Vitalität des (religiösen) Vereins beiträgt. Anders ausgedrückt: „What is voluntary about an agency that receives most of its income from tax funds” (Kramer 1981: 157-158)? Tabelle 15 stellt die wichtigsten Finanzierungsmodelle des Vereinssektors dar. Tabelle 15: Finanzierung: Quellen des Einkommens (Prozentanteil) 1 2 3 4 5 Privat1 (Mitglieder oder Spenden) Prozentsatzdifferenz Öffentlich2 (Kommune, Land oder Bund) Professionell3 (Kampagnen, Verkauf von Dienstleistungen etc.) Dachorganisation Mannheim Säkulare 60,3 7,5 10,9 5,3 katholisch 42,7 -17,6 7,9 5,8 21,6 lutherisch 35,0 -25,3 8,6 12,3 20,9 Andere Religionen 70,9 +10,6 1,4 2,2 9,7 Vaihingen/Enz Säkulare 52,4 6,2 25,7 2,0 katholisch 29,1 -23,3 0,0 8,0 43,6 lutherisch 41,9 -10,5 0,7 8,9 27,9 Andere Religionen 55,6 +3,2 0,0 7,4 25,9 Althütte Säkulare 44,8 17,3 22,0 3,1 lutherisch 21,9 -22,9 0,0 6,8 59,1 Chemnitz Säkulare 52,7 18,7 7,8 3,1 katholisch 39,3 -13,4 17,5 0,0 13,8 lutherisch 46,1 -6,6 9,3 1,2 37,9 Andere Religionen 46,4 -6,3 17,9 0,0 10,8 Limbach-Oberfrohna Säkulare 70,3 11,9 5,7 1,8 lutherisch 74,3 +4,0 3,7 1,3 33,7 Bobritzsch Säkulare 76,7 4,3 10,6 0,8 lutherisch 73,3 -3,4 0,9 0,0 14,4 Enschede Säkulare 44,8 14,8 15,7 5,4 katholisch 75,4 +30,6 1,3 7,9 1,7 calvinistisch 85,3 +40,5 1,3 0,7 1,2 Protest. Sekten 56,1 +11,3 7,4 6,4 6,5 Andere Religionen 47,0 +2,2 24,2 9,7 0,5 287 Lausanne Säkulare 39,1 16,3 14,3 3,8 katholisch 11,1 -28,0 27,2 4,3 34,8 Calvinistisch 63,0 +23,9 0,4 23,6 10,0 Andere Religionen 43,3 +4,2 20,0 10,0 6,7 Bern Säkulare 43,7 10,7 15,2 4,2 katholisch 25,8 -17,9 3,6 19,0 30,8 Calvinistisch 41,5 -2,2 4,9 14,7 14,3 Protest. Sekten 46,4 +2,7 0,0 16,1 14,3 Andere Religionen 39,0 -4,7 1,0 11,3 11,1 Sabadell Säkulare 46,9 18,7 20,2 1,9 katholisch 56,9 +10,0 3,4 8,7 8,5 protest. Richtungen 87,1 +40,2 12,9 0,0 0,0 Aalborg Säkulare 53,1 7,7 8,7 5,0 lutherisch 50,9 -2,2 16,1 6,8 1,4 Protest. Sekten 28,0 -25,1 2,0 2,5 10,0 Aberdeen Säkulare 33,1 14,4 27,5 4,6 Calvinistisch 63,6 +30,5 0,0 12,9 8,2 Protest. Sekten 49,8 +16,7 4,4 16,9 6,5 Gesamt4 Säkulare 46,1 13,5 15,0 4,2 Katholisch 45,0 -1,1 7,7 7,4 17,1 Lutherisch 45,1 -1,0 9,9 5,1 27,5 Calvinistisch 63,3 +17,2 0,8 12,5 8,2 Protest. Sekten 57,3 +11,2 6,4 10,0 6,0 Andere Religion 52,0 +5,9 11,4 7,1 8,5 Anmerkungen: nur Konfessionen, die mit mindestens drei gültigen Fällen vertreten sind. Die Frage lautet “Aus welchen der folgenden finanziellen Quellen stammte das Jahresbudget ihrer Gruppe/Organisation im Jahr 1999 (bzw. 2000). Bitte kreuzen Sie Zutreffendes an. In der rechten Spalte tragen Sie bitte den Prozentanteil ein, den die einzelne Quelle an Ihrem Budget für das Jahr 1999 (bzw. 2000) hatte. Schätzwerte genügen”. 1 Zusammengefasst (addiert) wurden Angaben für “Mitgliederbeiträge” und “Spenden, Zuwendungen, Schenkungen”. 2 Zusammengefasst (addiert) wurden Angaben für “Zuschüsse der Kommune”, “Zuschüsse des Bundeslandes” und “Zuschüsse des Bundes”. Für Aalburg nur Kommune und Bund. 3 Zusammengefasst (addiert) wurden Angaben für “Einkünfte aus Werbekampagnen, Benefizveranstaltungen” und “Einkünfte aus dem Verkauf von Gütern und Dienstleistungen”. 4 Für kumulierte Analysen wurden gewichtete Daten verwendet (N=1000), ohne kleinere ost- und westdeutsche Gemeinden. Angegeben ist jeweils, welcher Prozentanteil des Jahreseinkommens aus bestimmten Quellen stammt: von der Mitgliederbasis durch Beiträge und Spenden, von der öf- 288 fentlichen Hand oder aus marktwirtschaftlichen Aktivitäten wie Werbekampagnen oder dem Verkauf von Gütern und Dienstleistungen. Schließlich wird auch berichtet, wie wichtig die Finanzierung eines Vereins durch Dachorganisationen ist, da staatliche Subventionen häufig nicht den Weg direkt zum lokal aktiven Verein finden, sondern an regionale oder nationale Dachorganisationen fließen und erst von dort an den Verein vor Ort weitergeleitet werden (Maloney und Roßteutscher 2005). Wir finden also vier Hauptfinanzierungsquellen225, von denen – in der Theorie – nur eine, die mitgliederbasierte, die erwünschten Partizipationseffekte bewirken sollte. In der Abhängigkeit von den Mitgliedern als Quelle der Finanzierung zeigen sich große Unterschiede zwischen lokalen Zivilgesellschaften, aber auch zwischen den Konfessionen. Der säkulare Sektor Mannheims requiriert circa 60 Prozent seines Einkommens von Mitgliedern, Aalborg folgt mit 53 Prozent. In allen anderen Gemeinden mit der Ausnahme der kleineren ostdeutschen Gemeinden wird der größere Teil des Budgets über externe Quellen generiert. Die Finanzstruktur der konfessionellen Vereine ist eine völlig andere. In Enschede, wo der säkulare Sektor nur 44 Prozent seiner Mittel über Mitglieder erhält, sind katholische und calvinistische Organisationen fast restlos mitgliederfinanziert (75 bzw. 85 Prozent des Einkommens). In Mannheim dagegen zeigt sich ein umgekehrtes Bild: Hohe Mitgliederabhängigkeit im säkularen Sektor bei relativer Mitgliederautonomie im katholischen und lutherischen Umfeld, wo Mitgliederbeiträge und Spenden nur 43 bzw. 35 Prozent des Einkommens ausmachen. Dafür erreicht die Finanzierung über die Dachorganisation eine Bedeutung, welche die im säkularen Sektor um ein Vielfaches übersteigt. Überhaupt zeugt Tabelle 15 von der großen materiellen Bedeutung der Dachorganisation im religiösen Sektor Deutschlands und der Schweiz – ein Ergebnis, das sicher teilweise den föderalen Charakter beider Länder wiederspiegelt, da die institutionelle Struktur der Vereinswelt in vieler Hinsicht den föderalen, mehrgliedrigen Staatsaufbau kopiert. Andererseits entspricht es auch der Logik eines Wohlfahrtsstaatsmodells, in dem die großen kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen bzw. deren Dachverbände staatliche Mittel zur Bereitstellung sozialer Dienstleistungen erhalten – Mittel, die dann vom Dachverband an die lokal aktive Organisation weitergeleitet werden.226 Historisch galt dieses Muster auch für die Niederlande. Tabelle 15 zeigt, dass dies in der Tat Vergangenheit ist. Die rein konfessionellen Dachverbände waren die ersten, die sich im Zuge der Entsäulung umdefinierten, fusionierten oder sogar auflösten, von daher ist die überaus geringe Bedeutung des Dachverband für die Finanzierung des konfessionellen Vereins kaum überraschend. Da sich der Staat ebenfalls weitgehend aus der Finanzierung kirchlicher Aktivitäten verabschiedete 225 Die angegebenen Prozentwerte addieren sich nicht zu 100 Prozent, da den Vereinen auch eine Restkategorie „Sonstiges“ angeboten wurde, die in Tabelle 15 nicht aufgeführt ist. Außerdem sind auch „Additionsfehler“ seitens der Befragten für diese Diskrepanz verantwortlich. 226 Zahlen wie die von Salamon (1999: 480), der errechnete, dass der Dritte Sektor Deutschlands sich zu 64,3 Prozent über öffentliche Zuwendungen finanziere, lassen sich aufgrund unserer auf die Lokalebene fokussierten Studie, die weit mehr als die klassischen Dritte Sektor- Assoziationen betrachtet, nicht replizieren. 289 (siehe Kapitel 7), bleibt nur die Einkommensgenerierung über die Mitgliederbasis. Ganz ähnliches ist auch im schottischen Aberdeen zu beobachten. Dort rekrutieren calvinistische Vereine im Vergleich zum säkularen Sektor, der sich überwiegend über staatliche Zuwendungen und Aktivitäten am Markt finanziert, ihr Einkommen zu circa zwei Dritteln über Mitglieder und Spenden. Da überall dort, wo der protestantische Sektor calvinistisch geprägt ist, die calvinistischen Vereine viel eher als die katholischen und häufig auch stärker als der säkulare Sektor materiell von ihren Mitgliedern abhängen, zeigt sich der calvinistische „Vorsprung“ auch in den zusammenfassenden Zeilen von Tabelle 15. Damit sprechen drei der bisher diskutierten Organisationsmerkmale gegen den Calvinismus (in gewissem Maße auch gegen die protestantischen Sekten und eher für die katholische und lutherische Vereinswelt): calvinistische Vereine sind vergleichsweise groß, reich und hochgradig professionalisiert. Sie sind aber auch enorm mitgliederabhängig. Folgt man der Organisationstheorie und der ökonomischen Schule, so sollten die ersten drei Eigenschaften Mitgliederpartizipation und Sozialkapitalgenerierung behindern, die letzte aber deutlich befördern. 9.2 Hierarchie und Demokratie: zum organisatorischen Aufbau konfessioneller Vereine Größe, Ressourcen und Personal führen, so lautet das Argument, zu hierarchischen Strukturen, Diversifizierung von Aufgaben, und innerorganisatorischer Arbeitsteilung. Der in der aktuellen Diskussion geschätzte Verein dagegen ist nicht nur klein, sondern auch intern ohne Hierarchien, ohne differenzierte Arbeitsteilung – ein Verein, in dem alle Beteiligten als Gleiche die Geschäfte führen, Entscheidungen treffen und Aktionen unternehmen. Damit stimmt die Zelebrierung des partizipativen Vereins mit einem der Trends überein, der von Kriesi als Entwicklung hin zum kleinen, flexiblen, flachen, informellen Organisationsprinzip beschrieben wird (2007) und auch empirisch zu beobachten ist (z.B. Selle 1999; Wollebæk/Selle 2005). Dieser Trend – und damit auch der Wunschverein der Sozialkapitalisten – steht aber ein gutes Stück im Widerspruch zur Realität des Vereinswesens, wie es sich über die Jahrzehnte entwickelte. Im „klassischen sekundären Assoziationsmodell“, so Torpe und Ferrer-Fons (2007: 96), paaren sich vereinsinterne formelle Strukturen der demokratischen Entscheidungsfindung mit externer hierarchischer Einbettung in regionale und nationale Dachorganisationen. Die Vereine des klassischen Modells kopierten bzw. inspirieren die Entwicklung zur repräsentativen Demokratie, in dem deren Grundprinzipien vereinsintern via Satzung implementiert wurden: die verfassungsmäßig vorgeschriebene Wahl der Vereinsführung durch die Mitgliederbasis in einem vorgeschriebenen zeitlichen Rhythmus. Die Vereine des 18. und 19. Jahrhunderts wurden so vielerorts zum Träger gesellschaftlicher und politischer Modernisierung, da sie Organisationsprinzipien verwirklichten, welche die vordemokratischen Ständegesellschaften herausforderten (Tennbruck/Ruopp 1983: 70; Nipperdey 1972: 227; Dann 1993: 121-122; Wehler 1987: 317-318). Nun ist es durchaus möglich,

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References

Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.