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Sigrid Roßteutscher, Professionalisierung in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 280 - 283

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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280 Hierarchien besitzen als calvinistische und säkulare Vereine. Das wäre die Prognose, die aus der Organisationssoziologie seit Michels folgt. 9.1.2 Professionalisierung Folgt man der Organisationssoziologie, so ist Elitismus und Professionalisierung ein geradezu zwangsläufiges Ergebnis steigender Organisationsgröße. Die Tendenz zur Professionalisierung gilt zudem als einer der zentralen Entwicklungen in modernen Gesellschaften: Alle Typen von Organisationen, so Kriesi (2007), professionalisieren sich und werden von ihrer Mitgliederbasis unabhängiger. Weit verbreitet ist die Überzeugung, „that there is an inherent conflict between professionalism and volunteerism“ (Kramer 1981: 206). Andererseits gibt es einen zweiten Trend hin zur kleinen, flexiblen, weniger stringent organisierten, aber auch kaum professionalisierten Organisation, die mitgliederorientiert und mitgliederabhängig verbleibt (Kriesi 2007). Aber auch Untersuchungen zu Wohlfahrtsstaat und Kirche machen eindeutige Aussagen zum Verhältnis von Laien und Professionellen: Organisationsgröße spielt hier keine Rolle, sondern das Verhältnis von Staat und Kirche: „Je größer der Spielraum und die gesellschaftliche Verantwortung, die der Staat den Kirchen zuweist, desto höher der Anteil hauptberuflicher Mitarbeiter am Gesamtmitarbeiterstab kirchlicher Wohlfahrtsorganisationen“ (Fix/Fix 2005: 30). Aus diesem Grund erwarten Fix und Fix, dass gerade in Deutschland, in der Schweiz und, in eingeschränktem Maße, auch in Spanien, konfessionelle Organisationen eine deutlich höhere Abhängigkeit von bezahltem Personal zeigen als in Systemen, in denen die Wohlfahrt rein staatlich organisiert ist oder wo – wie in den Niederlanden – der kirchliche Dienstleistungssektor mit dem allgemeinen Zusammenbruch der Säulen massiv geschrumpft ist.224 Die Beschäftigung professionellen Personals ist aber nur eine Seite der Medaille: wer die Führungspositionen und Aufgaben im Verein durch bezahlte Kräfte erledigen lassen möchte, benötigt Geld. Daher soll die finanzielle Ausstattung des Vereins als ein weiterer Indikator für Professionalisierung und gruppeninterne Arbeitsteilung betrachtet werden. Folgt man der ökonomischen Schule so ist zudem die Herkunft der Mittel von erheblicher Bedeutung. Dort, wo der Verein materiell von seinen Mitgliedern abhängig ist, haben diese ein höheres Kontroll- und Drohpotential gegenüber der (professionalisier- 224 So beschäftigen die beiden großen kirchlichen deutschen Wohlfahrtsorganisationen Caritas und Diakonie heute zusammen fast 2 Millionen Mitarbeiter, die Hälfte davon arbeitet ehrenamtlich (Fix/Fix 2005: 59). Dabei hat sich der Anteil der hauptamtlichen Mitarbeiter seit den 1950er Jahren, wie Berechnungen für die Caritas ergaben, verzehnfacht (Broll 1999: 229). Der Schweizer Diakonieverband, der 24000 Mitarbeiter unterhält, rechnet mit 66 Prozent Freiwilligen (Fix/Fix 2005: 120). In den Niederlanden dagegen sind von den insgesamt knapp 18.000 Mitarbeitern katholischer Wohlfahrtsorganisationen 98 Prozent ehrenamtlich tätig, während die protestantischen Organisationen – mit nur 2500 Mitarbeitern um einiges kleiner als der katholische Bruder – zu 57 Prozent auf Ehrenamtlichkeit beruht (Fix/Fix 2005: 82). 281 ten) Vereinsspitze als dort, wo Mittel vor allem extern requiriert werden. Im mitgliederfinanzierten Verein muss die Rechenschaft über die Verwendung der Mittel gegenüber der Mitgliederbasis erfolgen. Die exit-Drohung des Mitglieds ist eine für den Verein glaubhafte und potentiell schmerzhafte Drohung, da Austritte die materielle Basis und damit auch die Finanzierung des Personals gefährden. Der von Mitgliedern abhängige Verein muss – folgt man dieser Logik – die Wünsche und Bedürfnisse des „einfachen“ Mitglieds in einem höheren Maße berücksichtigen als Vereine, die sich und ihr Personal etwa durch Zuschüsse der öffentlichen Hand finanzieren. Dies ist zumindest die Grundidee, die sich hinter dem Schlagwort vom „indolent, lazy“ europäischen Klerus verbirgt. Für dessen materielles Auskommen ist gesorgt, selbst wenn er die Wünsche und Bedürfnisse der Basis ignoriert. Ergebnis dieser relativen Unabhängigkeit vom „einfachen“ Mitglied ist geringe Mobilisierung und Involvierung in Vereinsangelegenheiten, wenn nicht gar Apathie und Entfremdung. „They rely on paid staff, while the members mainly are passive spectators, ‚check-book activists’ who may participate from time to time in ‚transitory teams’ for specific tasks, but who do not get continuously involved in the organizations’ business“ (Kriesi 2007: 121-122). Tabelle 13: Professionalisierung in konfessionellen Vereinen im Vergleich 1 2 3 4 5 6 Durchschnittliche Zahl der Angestellten Differenz Prozent ohne Angestellte Prozentsatzdifferenz Zahl Angestellter nur Vereine mit Personal Zahl gültige Fälle Mannheim Säkulare 10 76,4 41 1162 Katholisch 7 -3 71,4 -5 24 224 Lutherisch 12 +2 51,1 -25,3 25 141 And. Religionen 2 -8 65,2 -11,2 5 46 Vaihingen/Enz Säkulare 2 92,1 20 139 Katholisch 3 +1 87,0 -5,1 20 23 Lutherisch 1 -1 91,8 -0,3 7 49 And. Religionen 0 -2 88,5 -3,6 3 26 Althütte Säkulare 3 88,2 22 17 Lutherisch 2 -1 75,0 -13,2 10 16 Chemnitz Säkulare 19 69,0 60 461 Katholisch 2 -17 68,8 -0,2 5 16 Lutherisch 9 -10 69,6 +0,6 30 135 And. Religionen 1 -18 83,3 +14,3 8 24 282 Limbach Säkulare 4 82,9 24 129 Lutherisch 1 -3 85,1 +2,2 8 47 Bobritzsch Säkulare 3 86,4 19 22 Lutherisch 1 -2 88,2 +1,8 7 17 Enschede Säkulare 16 70,1 55 726 Katholisch 19 +3 81,3 +11,2 104 16 Calvinistisch 2 -14 58,8 -11,3 6 17 Protest. Sekten 2 -14 71,9 +1,8 7 32 And. Religionen 6 -10 66,7 -3,4 19 21 Lausanne Säkulare 8 61,7 21 444 Katholisch 93 +85 22,2 -39,5 119 9 Calvinistisch 5 -3 80,0 +18,3 23 5 And. Religionen 1 -7 66,7 +5,0 4 3 Bern Säkulare 11 60,3 29 610 Katholisch 10 -1 16,7 -43,6 12 12 Calvinistisch 6 -5 46,2 -14,1 12 13 Protest. Sekten 6 -5 14,3 -46,0 7 7 And. Religionen 5 -6 33,3 -27,0 7 9 Sabadell Säkulare 5 69,8 17 281 Katholisch 2 -3 83,7 +13,9 10 49 Protest. Sekten 3 -2 28,6 -41,2 4 7 Aalborg Säkulare 2 81,4 12 886 Lutherisch 0 -2 91,7 +10,3 5 36 Protest. Sekten 0 -2 100,0 +18,6 0 4 Aberdeen Säkulare 18 57,9 43 347 Calvinistisch 16 -2 40,3 -17,6 27 62 Protest. Sekten 56 +38 53,3 -4,6 119 15 Gesamt1 Säkulare 11 68,2 34 5224 Katholisch 10 -1 70,9 +2,7 34 356 Lutherisch 9 -2 65,9 -2,3 26 447 Calvinistisch 13 +2 45,5 -22,7 24 97 Protest. Sekten 18 +7 54,3 -13,9 39 71 Andere Religionen 3 -8 66,0 -2,2 9 136 Anmerkungen: nur Konfessionen, die mit mindestens drei gültigen Fällen vertreten sind. 1 Für kumulierte Analysen wurden gewichtete Daten verwendet (N=1000), ohne kleinere ost- und westdeutscher Gemeinden. Die in Spalte 4 dokumentierte Zahl der Fälle entspricht den ungewichteten Daten. 283 Das Ausmaß der Professionalisierung soll daher über drei unterschiedliche Indikatoren untersucht werden. Tabelle 13 dokumentiert die relative Bedeutung von professionellem, angestelltem Personal im Verein, während Tabellen 14 und 15 Zahlen zur finanziellen Ausstattung bzw. zum Reichtum und den jeweiligen Einnahmequellen präsentieren. Ganz eindeutig ist der überwiegende Teil der lokalen Zivilgesellschaften noch vollständig in der Hand der Mitglieder und Ehrenamtlichen. Circa zwei Drittel aller Vereine – säkularer und konfessioneller Ausrichtung – verfolgen ihr Anliegen ohne Hilfe von bezahltem Personal (Spalte 3 in Tabelle 13). Ausnahmen bestätigen die Regel: so ist die Vereinswelt in den schweizerischen Städten und vor allem im schottischen Aberdeen vergleichsweise professionalisiert, in Aalborg und den kleineren deutschen Gemeinden dagegen fast vollständig in der Hand der Laien. Betrachtet man die durchschnittliche Zahl der Angestellten, die ein Verein beschäftigt (Spalte 1 in Tabelle 13), so gehört auch Enschede zur Gruppe der relativ stark professionalisierten Zivilgesellschaften – allesamt Gesellschaften mit calvinistischer Prägung. Hiermit bestätigt sich somit ein Credo der Organisationssoziologie: Mitgliederstärke erzwingt Professionalisierung. Es waren die calvinistischen Vereine (und in gewissem Maße auch die Vereine, die dem protestantischen Sektenmilieu angehören) die sich als besonders mitgliederstark erwiesen (vgl. Tabelle 13) und die nun auch über den geringsten Anteil reiner Laienvereine verfügen und die meisten Angestellten pro Verein besitzen. Für Vereine jeglicher Couleur gilt allerdings, dass die Verfügung über Personalressourcen extrem schief verteilt ist: die große Masse – und in manchen Zivilgesellschaften sind dies über 80 Prozent der Vereine – besitzt schlicht nichts. Die große Zahl des im Vereinswesen beschäftigten Personals verteilt sich auf wenige hoch professionalisierte Organisationen (siehe auch Spalte 5 in Tabelle 13). 9.1.3 Finanzierung Die schiefe Verteilung der Ressourcen ist auch hinsichtlich des Vereinsreichtums unübersehbar. Ein nicht unerklecklicher Teil der Vereinswelt (z.B. ein Drittel der konfessionellen Vereine in Mannheim und Sabadell, deutlich mehr als die Hälfte katholischer und lutherischer Vereine in Chemnitz) verfügt maximal über ein Taschengeld von nicht mehr als 1000 Euro im Jahr (Spalte 1 in Tabelle 14). Umgekehrt verfügen Minderheiten über ein Jahresbudget, das bei mindestens einer halben Million Euro liegt. Dies sind die Vereine, die sich bezahltes Personal überhaupt in einem gewissen Umfang leisten können. Kriesi hat diese extreme Schieflage genauer betrachtet: „The elite at the top end of the scale control most of the financial resources in the local associational systems. [...] Over two-thirds of the total annual budgets of all associations in the cities are absorbed by the less than 1% of the associations in the top category“(Kriesi 2007: 122). Wiederum zeigt sich die Ausnahmeposition der schweizerischen Vereinswelt: enorm mitgliederstark, reich an Personal und Finanzmitteln – dies zieht sich quer durch alle Typen der Vereine. Aber auch der relative Ressourcenreichtum calvinistischer Or-

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.