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Sigrid Roßteutscher, Markt und religiöse Vielfalt: zur Überprüfung der Pluralismusthese in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 263 - 274

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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263 den betroffenen Konfessionen sollte es auch möglich sein, den Markt – mit Hilfe all dieser staatlichen Hilfeleistungen, die potentiellen Konkurrenten nicht zur Verfügung stehen – zu monopolisieren. Dieser letzte Index berechnet folglich den Anteil, den privilegierte Religionen am religiösen Markt halten. Tabelle 7 zeigt, dass unsere lokalen Zivilgesellschaften auch sehr unterschiedliche Grade der Vielfalt und Monopolisierung erreichen. Die schweizerischen Gemeinden, Spitzenreiter bezüglich Regulierung, Subventionierung und Privilegierung, sind auch führend in Punkto Vielfalt. Umgekehrt gelingt es ihren quasi-staatskirchlichen Religionen kaum, den Markt in irgendeiner Weise zu monopolisieren: weniger als die Hälfte der religiösen Vereine werden von den privilegierten Kirchen gestellt. Von den kleineren deutschen Gemeinden abgesehen, ist die religiöse Vielfalt im katholischen Spanien am geringsten. Dort gelingt es der Kirche zudem, ihre staatliche Bevorzugung in eine Monopolstellung umzusetzen (circa 80 Prozent aller religi- ösen Vereine sind katholisch). Absoluter Spitzenreiter der Monopolisierung sind die kleine westdeutsche Gemeinde Althütte, sowie die ostdeutsche Kleinstadt Limbach- Oberfrohna und die ostdeutsche Landgemeinde Bobritzsch. In diesen durchweg lutherisch dominierten Städten und Dörfern gelingt der lutherischen Kirche eine vollständige Monopolisierung des religiösen Vereinslebens. Tabelle 7 zeigt zudem, dass die beiden Pluralismus-Indizes in der Tat teilweise unterschiedliche Ergebnisse bzw. Rangfolgen ergeben. In Lausanne, wo die größte Konfession, die katholische, nur 31 Prozent aller religiösen Vereine stellt, ergibt sich ein klarer Spitzenwert auf der Basis des Herfindahl-Index, da sich der religiöse Sektor relativ gleichmäßig über drei Varianten (katholisch, calvinistisch, nicht-christliche) verteilt. Bruce’ Zählindex nicht-marginaler Angebote bringt für Lausanne „nur“ Rang vier, weil in anderen Städten deutlich mehr unterschiedliche Angebote auf dem Markt sind. Umgekehrt erzielt Chemnitz, dessen religiöser Sektor zu 75 Prozent lutherisch ist, auf dem Herfindahl-Index nur Platz acht. Betrachtet man dagegen alle zur Verfügung stehenden nicht-marginalen Optionen, liegt die ostdeutsche Stadt gemeinsam mit Lausanne auf Rang 4 des Rankings, da neben der kleinen Zahl katholischer Vereine auch ein nicht unerheblicher Sektor nicht-christlicher Angebote existiert. Ob diese Unterschiede in der Messung religiöser Vielfalt auch substantiell von Bedeutung sind, wird im Folgenden zu sehen sein. 8.2 Markt und religiöse Vielfalt: zur Überprüfung der Pluralismusthese Die Indikatoren religiöser Vielfalt bzw. Marktmonopolisierung sollen nun in Beziehung zu Marktmerkmalen gesetzt werden. Tabelle 8 stellt die Indikatoren vor, die neben den bereits diskutierten Indizes zu positiver Einmischung (Privilegierung und Subventionierung) sowie negativer Einmischung, das Innenleben der Kirchen reglementierende Staatseingriffe (Spalten 1 und 2), im Anschluss an die Argumentation der rational choice Theorie der Religion genutzt werden. Dies betrifft zunächst den an zentraler Stelle firmierenden Anteil der Katholiken in der Bevölkerung (Spalte 3), mit Hilfe dessen die ökonomische Theorie regelmäßig für die sogenannte „katholi- 264 sche Anomalie“ kontrolliert.220 Als Teil einer „katholischen Subkultur“ wurde das Spektrum katholischer Vereine in Westdeutschland, den Niederlanden und der Schweiz gerechnet. Tabelle 8: Religiöse Strukturmerkmale europäischer Zivilgesellschaften im Vergleich 1 Index Privilegierung + Subventionierung (max=15) 2 Index Regulierung (max=6) 3 Prozentanteil Katholiken (Einwohner) 4 Katholische Subkultur 5 Prozent Konfessionsloser (Einwohner) 6 Grad der Säkularisierung (Vereine)1 Mannheim 12 0 33,2 Ja 23 73 Vaihingen 12 0 20,8 Ja 29 55 Althütte 12 0 14,6 Ja 33 49 Chemnitz 4 3 1,9 Nein 84 72 Limbach 4 3 2,6 Nein 74 71 Bobritzsch 4 3 1,8 Nein 65 56 Enschede 5 0 33,9 Ja 34 89 Lausanne 14 4 37,9 Ja 17 94 Bern 13 3 24,5 Ja 13 92 Sabadell 13 1 79,1 Nein 17 81 Aalborg 14 5 1,0 Nein 10 95 Aberdeen 8 2 5,6 Nein 42 78 Anmerkung: 1 Anteil nicht-religiöser Organisationen an der jeweiligen Zivilgesellschaft. Dies sind die drei gemischt-konfessionellen Gesellschaften Europas, in denen sich das katholische Milieu – die Gegengesellschaft – in Isolation zur säkularen und protestantischen Gesellschaft ausbildete. Zwar konnte in Kapitel 6 gezeigt werden, dass selbst in katholischen Nationen wie Spanien eine Form des anti-laizistischen katholischen Milieus entstand, doch aufgrund der dort hegemonialen Position des Katholizismus formte sich dieses Milieu nie in dieser perfekten Abschottung zum gesellschaftlichen main-stream, wie das für die gemischt-konfessionellen Staaten des 19. Jahrhunderts typisch war. Schließlich wurden zwei unterschiedliche Indikatoren des gesellschaftlichen und organisatorischen Säkularisierungsgrades gebildet. Der Prozentsatz der Konfessionslosen innerhalb der Einwohnerschaft (Spalte fünf) misst den Säkularisierungsgrad auf der Ebene der Bevölkerung, also als Indikator der Nachfrage (demand), während Spalte sechs den Säkularisierungsgrad der Zivilgesellschaft, also des organisatorischen Angebots (supply) abbildet. Beide Indikatoren –lassen sich zueinander in 220 Die relevanten Daten zum Anteil der Katholiken bzw. Konfessionslosen wurden Statistiken aus lokalen Jahrbüchern, offiziellen Webseiten oder Dokumentationen der Stadtstatistik entnommen oder, falls solche Veröffentlichungen nicht zur Verfügung standen, durch direkte Kontakte mit lokalen Behörden ermittelt. 265 Beziehung setzen: In der Regel ist die lokale Vereinswelt drei- bis viermal so stark „säkularisiert“ wie die dazugehörige Wohnbevölkerung. So sind z.B. in Mannheim 23 Prozent der Einwohner konfessionell ungebunden, aber 73 Prozent der Vereine. Ähnliche Relationen bestehen in allen europäischen Zivilgesellschaften. Nichts anderes ist heutzutage zu erwarten. Wie empirische Studien immer wieder beweisen, ist ein hoher Prozentsatz derjenigen, die formell der Kirche angehören, nicht länger kirchlich aktiv (ausführlich in Kapitel 6). Für diese Randmitglieder besteht folglich wenig Grund sich in religiös-konfessionell gebundenen Organisationen zu engagieren, vor allem wenn ein breit gefächertes Angebot säkularer Optionen existiert. Nur die ostdeutschen Gemeinden bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Hier ist der Säkularisierungsgrad auf der Nachfrage-Seite enorm hoch: 84 Prozent der Chemnitzer sind konfessionslos. Auch der Schnitt der kleineren ostdeutschen Gemeinden liegt mit 74 bzw. 65 Prozent Konfessionslosen weit über dem Anteil, den religiös Ungebundene in westeuropäischen Gesellschaften halten (vgl. Kapitel 6 für eine ausführlichere Beschreibung der ostdeutschen Entwicklung). Im Vergleich zu dieser immensen Entkirchlichung auf der Individualebene ist das ostdeutsche Vereinswesen hochgradig religiös durchdrungen. Nur 16 Prozent der Chemnitzer sind Mitglied einer Religionsgemeinschaft, aber 28 Prozent aller Vereine sind konfessionell gebunden! Die Versorgung mit religiösen Angeboten ist in Chemnitz mit 84 Prozent Konfessionslosen so hoch wie in Mannheim mit gerade mal 23 Prozent religiös Ungebundenen. Wie kommt das? Hier kann man natürlich nur spekulieren und das untypische Verhältnis von Nachfrage und Angebot als Anzeichen eines organisatorischen over-supply deuten. Die organisatorische Überversorgung resultiert möglicherweise aus dem Totalzusammenbruch der DDR-Organisationsstruktur nach 1989. Die relativ reichhaltige, aber durchweg in den SED-Apparat eingegliederte Welt organisatorischer Transmissionsriemen löste sich nach dem Systemzusammenbruch vollständig auf (oder wurde aufgelöst). Von den Bewegungsorganisationen der Umbruchphase 1988/1989 überstanden nur wenige die Vereinigung mit dem größeren westdeutschen Bruder und eine neue demokratische Zivilgesellschaft entwickelt sich – auch auf Grund der maroden wirtschaftlichen Situation vieler ostdeutscher Kommunen – nur allmählich (Roßteutscher 2002). In diese Lücke konnte die (lutherische) Kirche stoßen. Ausgestattet mit den nun re-installierten Privilegien und in der Lage, auf die existierende Kirchengemeindestruktur aufzubauen, schuf sie ein reichhaltiges Organisationsnetz – was den Entkirchlichungsgrad der Bevölkerung betrifft, bisher ohne Erfolg. Ein Extrembeispiel in die andere Richtung liefern die hoch regulierten, privilegierten und subventionierten lutherischen bzw. calvinistischen Staatskirchen Dänemarks und der Schweiz. Hier treffen noch immer hochgradig konfessionell gebundene Gesellschaften auf ein fast komplett säkularisiertes Vereinsangebot – ein Fall von Unterversorgung? Ob und inwieweit diese geringe religiöse Versorgung tatsächlich mit dem, „indolent and lazy“ (Powell 1976: 77) Klerussyndrom in Verbindung steht, also auf beamtete Kirchenangestellte zurückzuführen ist, die nicht daran interessiert sind, attraktive Angebote zu schaffen, soll im folgenden überprüft werden. Tabelle 9 präsentiert zunächst bivariate Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Marktindikatoren und Aspekten religiöser Vielfalt. Auch hier wurden die Ana- 266 lysen wie im vorherigen Kapitel zweifach durchgeführt, kursiv gesetzte Zusammenhangsmaße wurden auf der Basis gewichteter Daten ermittelt. Auch wurden – um dem Spezialfall Ostdeutschland mit seinem ganz eigenen Staat-Kirche-Verhältnis gerecht zu werden – die Analysen ein zweites Mal unter Ausschluss ostdeutscher Kommunen durchgeführt. Tabelle 9a: Zusammenhänge zwischen Marktmerkmalen und religiöser Vielfalt, alle Gemeinden (N=12) 1 Prozentanteil Katholiken (Einwohner) 2 Katholische Subkultur 3 Prozent Konfessionsloser (Einwohner) 4 Grad der Säkularisierung (Vereine) 5 Index religiöse Vielfalt (Herfindahl) 6 Index religiöser Pluralismus (Bruce) 7 Marktmonopolisierung durch privilegierte Religion Privilegierung2 .56*** .31*** -.90*** .07* .44 *** .01 -.03 .60*** .27*** -.93*** -.03 .49 *** .35 *** -.26 *** Regulierung -.60*** -.38*** .44*** .41*** -.39 *** -.42 *** -.01 -.45*** -.28*** .60*** .41*** -.33 *** -.43 *** -.20 *** % Katholiken 1.00 .24*** -.65*** .16*** .27 *** .12 *** -.11 *** .17*** -.68*** .33*** .37 *** .25 *** -.33 *** Kath. Subkultur 1.00 -.31*** -.07* .26 *** .15 *** .09 ** -.28*** -.02 .29 *** .27 *** -.13 *** % Konfessionsloser 1.00 -.27*** -.58 *** -.17 *** .28 *** -.14*** -.55 *** -.40 *** .42 *** Säkularisierung 1.00 .28 *** .02 .-58 *** .47 *** .23 *** -.67 *** ReligiöseVielfalt 1.00 .81 *** -.69 *** .91 *** -.86 *** Pluralismus 1.00 -.57 *** -.73 *** Marktmonopol 1.00 Die Interpretation der Ergebnisse dieser ersten Korrelationsanalyse basiert in jedem Fall auf den Analysen, die mit allen Gemeinden durchgeführt wurden. Ergebnisse, die auf der verringerten Fallauswahl beruhen, werden nur dann explizit diskutiert, wenn der Ausschluss ostdeutscher Gemeinden zu grundsätzlich abweichenden Resultaten führt. Geradezu spiegelbildliche Beziehungen ergeben sich hinsichtlich staatlicher Reglementierungs- und Kontrollmaßnahmen. Sie sind in katholischen Gesellschaften, sowie in Gesellschaften, in denen sich eine katholische Subkultur entwickelte, seltener als in dominant protestantischen Gesellschaften. 267 Tabelle 9b: Zusammenhänge zwischen Marktmerkmalen und religiöser Vielfalt, ohne ostdeutsche Gemeinden (N=9) 1 Prozentanteil Katholiken (Einwohner) 2 Katholische Subkultur 3 Prozent Konfessionsloser (Einwohner) 4 Grad der Säkularisierung (Vereine) 5 Index religiöse Vielfalt (Herfindahl) 6 Index religiöser Pluralismus (Bruce) 7 Marktmonopolisierung durch privilegierte Religion Privilegierung2 .18*** .14*** -.17*** -.17 *** -.23*** -.43*** .48*** .24*** .08*** -.67*** -.23 *** -.20*** -.28*** .37*** Regulierung -.37*** -.27*** -.34*** .66 *** -.02 -.40*** -.43*** -.06* -.13*** -.37*** .71 *** .24*** -.14*** -.53*** % Katholiken 1.00 .08* -.35*** .05 -.23*** -.07* .14*** .02 -.59*** .37 *** .01 -.05* -.10*** Kath. Subkultur 1.00 -.12*** -.14 *** .10*** .08* .22*** -.12*** .00 .18*** .18*** -.02 % Konfessionsloser 1.00 -.33 *** .09** .22*** -.20*** -.46 *** -.21*** -.05* .16*** Säkularisierung 1.00 .13*** -.09** -.55*** .48*** .16*** -.70*** ReligiöseVielfalt 1.00 .88*** -.65*** .84*** -.83*** Pluralismus 1.00 -.52*** -.667*** Marktmonopol 1.00 Anmerkungen: Signifikanzniveau: *** > 0,001, ** > 0,01 *, > 0,05. Korrelationskoeffizienten nach Pearson’s r. (Tabelle 9a: 1251 religiöse Vereine aus 12 Gemeinden. Tabelle 9b: 982 religiöse Vereine aus 9 Gemeinden). Werte in kursiver Schrift wurden mit gewichteten Daten (gleiche Fallzahl/Zahl der Vereine insgesamt pro Gemeinde) ermittelt. 2 Summenindex aus Privilegierung und Subventionierung. Dafür sind staatliche Eingriffe in die Autonomie der Kirchen dort eher anzutreffen, wo der Anteil der Konfessionslosen hoch ist und wo der religiöse Sektor im Vergleich zum Organisationssektor insgesamt eher randständig ist. Die Negativbeziehung zwischen Katholizismus und staatlicher Kirchenkontrolle lässt sich durchaus historisch interpretieren, ist es doch in katholischen Nationen bzw. Nationen mit größeren katholischen Minderheiten dem Staat nie in diesem Ausmaß gelungen, die kirchliche Autonomie zu beschneiden und die Kirche – wie in protestantischen Ländern – als Teil staatlicher Verwaltungsstrukturen zu institutionalisieren. Die enge Beziehung zwischen Regulierung einerseits und beiden Indikatoren der Säkularisierung andererseits lässt sich wiederum zweifach interpretieren. Eine (macht-)politische Erklärung könnte lauten, dass der Staat umso leichter in die Autonomie der Kirchen eindringen kann, je schwächer der religiöse Sektor ist: nämlich dann, wenn religiöse Organisationswelten marginalisiert sind und nur noch wenige Menschen 268 der Kirche angehören. Ähnlich plausibel ist natürlich eine Erklärung, die rational choice bemüht: staatliche Eingriffe in die inneren Angelegenheiten der Kirchen schwächen den religiösen Sektor, führen zum Verschwinden seiner Organisationswelten und zur Entfremdung der Menschen von der Kirche als Institution. Positive und negative – unterstützende und kontrollierende – Eingriffe des Staates sind also nicht nur, wie Kapitel 7 zeigen konnte, grundsätzlich voneinander zu unterscheidende Prinzipien des Staat-Kirche-Verhältnisses, sondern führen auch zu diametral entgegengesetzten Ergebnissen: als Bollwerk gegen den Relevanzverlust der Religion und weiterschreitende Prozesse individueller und organisatorischer Säkularisierung im Fall positiver staatlicher Einmischung in religiöse Märkte; als Beförderung kirchlichen Bedeutungsverlusts und fortschreitender Säkularisierung im Fall negativer staatlicher Eingriffe. Ob und inwieweit dieses beiden Prinzipien staatlicher Einmischung religiöse Vielfalt hemmen oder befördern, kann auf der Basis dieser bivariaten Analysen nicht abschließend beantwortet werden, da hier unterschiedliche Strukturen aufscheinen, je nachdem ob man den Spezialfall Ostdeutschland in der Analyse belässt oder nicht. Betrachtet man alle Gemeinden, so findet sich ein sehr stimmiges Beziehungsgeflecht, dass im Einklang mit obigen Interpretationen steht: Privilegierung und Subventionierung befördern Vielfalt (Pearson’s r von .44 bzw. .49 mit gewichteten Daten) und tendieren (geringfügig) dazu, Monopolbildung zu erschweren (-.03 bzw. -.26). Umgekehrt verhält es sich mit staatlicher Reglementierung: sie steht in einem Negativzusammenhang zu allen Indikatoren religiösen Pluralismus: Wie im Fall gesellschaftlicher und organisatorischer Säkularisierung wirkt somit ein Prinzip des Staat-Kirche-Verhältnisses befördernd, ein anderes eher unterdrückend. Die Validität dieser Ergebnisse wird allerdings infrage gestellt, da unter Ausschluss ostdeutscher Kommunen, also auf einer rein westeuropäischen Datenbasis, völlig andere Beziehungen auftreten. Maßnahmen der Privilegierung und Subventionierung stehen nun in einem Negativzusammenhang zu Mustern religiöser Vielfalt und in einem positiven Verhältnis zur Befähigung privilegierter Kirchen, den religiösen Markt in ihrem Sinne zu monopolisieren. Staatliche Regulierung hat dagegen – und hier stimmen die Ergebnisse mit denen überein, die auf der Basis aller Kommunen auftraten – einen hemmenden Einfluss auf die Fähigkeit dieser kontrollierten Kirchen, den Markt für sich zu monopolisieren. Mit anderen Worten: im regulierten Markt entstehen vermehrt konfessionelle Angebote, die sich der staatlichen Kontrolle entziehen, sich als staatlich unabhängig organisieren und so die gesellschaftliche Dominanz der „Staatskirche“ in Frage stellen. Für eine solche Interpretation sprächen nicht nur historische Entwicklungen, die genau jenes Muster immer wieder replizierten: Die Gründung neuer protestantischer Bewegungen in Schottland oder auch Dänemark entzündete sich dezidiert an der staatlichen Beeinflussung der Staatskirche (vgl. Kapitel 5).221 Die substantiell nicht trivialen Unterschiede zwischen der rein westeuropäischen Datenbasis und dem Analyseschritt, der auch ost- 221 Allerdings nur auf der Basis gewichteter Daten. 269 deutsche Kommunen einbezog, ist durch Extremwerte vor allem der ostdeutschen Kleingemeinden – Spitzenwerte hinsichtlich Marktmonopolisierung bzw. geringstes Ausmaß religiöser Vielfalt und staatlicher Privilegierung (siehe Tabellen 7 und 8) – verursacht. Unter Einbeziehung dieser drei Extremfälle (die dann 25 Prozent der „Fälle“ auf der Makroebene stellen), werden bivariate Beziehungsmuster beeinflusst. Im Folgenden wird zu sehen sein, ob solche Extremwerte auch multivariate Analysen irritieren, oder ob diese Ausreißerwerte durch den gleichzeitigen Einschluss anderer Indikatoren korrigiert werden können. Zunächst müssen aber zwei weitere Ergebnisse dieser Korrelationsanalysen (Tabelle 9) Erwähnung finden. Ein wichtiger Punkt betrifft die Wirkung des zivilgesellschaftlichen Säkularisierungsniveaus. Es korreliert zum einen enorm negativ mit dem Monopolisierungserfolg privilegierter Religionen (-.58 bzw. -.67 auf Basis gewichteter Daten), sowie positiv mit allen Indikatoren religiösen Pluralismus (Pearson’s r zwischen .02 und .47): umso weniger Raum die Zivilgesellschaft der Religion belässt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die bevorzugte Konfession diesen (reduzierten) Raum nutzen kann. Und umgekehrt: je weniger religiöse Organisationen die lokale Zivilgesellschaft durchdringen – also um so stärker das religiöse Element aus dem öffentlichen Raum gedrängt wurde – desto mehr unterschiedliche Konfessionen tummeln sich in diesem Raum. Dies bedeutet natürlich auch, dass die Monopolstellung gewisser Religionen positiv mit der relativen Stärke des religiösen Sektors der Zivilgesellschaft zusammenhängt. Monopolisierung als Garant religiöser Durchdringung? Säkularisierung als Schrittmacher religiöser Vielfalt? Dies sind Zusammenhänge, die der ökonomischen Theorie nicht wirklich gefallen können. Sehr viel theoriekonformer verhält sich der Indikator, der den Anteil der Konfessionslosen an der lokalen Wohnbevölkerung bemisst – zumindest auf den ersten Blick. Mit dem Anstieg der Konfessionslosen in der Gesellschaft sinkt religiöse Vielfalt (Pearson’s r zwischen -.17 und -.58). Oder, wie Anhänger der ökonomischen Schule dies formulieren würden: Religiöser Pluralismus, die Diversität religi- öser Angebote, aktiviert Menschen, während Monopolsituationen aufgrund des mangelhaften, unattraktiven Angebots zur Abwendung von Kirche und Religion führen. Ein Blick auf Tabelle 9b zeigt allerdings, dass dieser dem ökonomischen Denkmodell entsprechende Zusammenhang in vielerlei Hinsicht dem ostdeutschen Ausnahmefall, der außergewöhnlich hohe Raten kirchlich ungebundener Menschen mit geringem (im Fall der kleineren Gemeinden nicht existentem) religiösen Pluralismus verbindet, zu verdanken ist. Auf der Basis ausschließlich westeuropäischer Kommunen zeigen sich – allerdings nur auf der Basis ungewichteter Daten – Zusammenhänge, die eher denen entsprechen, die für den organisatorischen Aspekt der Säkularisierung auftreten, und mit dem Säkularisierungsparadigma übereinstimmen. Konfessionslosigkeit und Vielfalt stehen in einem Positivzusammenhang: in pluralistischen Situationen verliert jeder einzelne Glaube an Relevanz, Zweifel machen sich breit, Kirchenaustritte und religiöse Indifferenz folgen. Ein zweiter erwähnenswerter Aspekt betrifft den Zusammenhang zwischen Katholikenanteil und religiösem Pluralismus. Der Anteil der Katholiken an einer Gesellschaft zeigt nicht den aufgrund bisheriger Untersuchungen zu erwartenden stark negativen Zusammenhang mit religiöser Vielfalt (vgl. Kapitel 4). Das stabilste Er- 270 gebnis der rational choice Schule lässt sich überhaupt nur replizieren, wenn man ostdeutsche Gemeinden (quasi katholikenfrei und kaum/gar nicht pluralistisch) aus der Analyse entfernt. Aber auch auf ausschließlich westeuropäischer Datenbasis sind die Zusammenhänge geringer als die bisherige Diskussion vermuten ließe (Pearson’s r zwischen +.01 und -.23). Wie ist das möglich? In der Auswahl der an dieser Untersuchung beteiligten Länder sind gemischt-konfessionelle Gesellschaften (Westdeutschland, die Niederlande und die Schweiz) überrepräsentiert. Die drei Nationen stellen zusammen 50 Prozent unserer „Fälle“ auf der Makroebene.222 Nun sind gemischt-konfessionelle Länder aber per definitionem „pluralistischer“ als religiös homogene wie z.B. Dänemark. In der Tat gehören Enschede und Bern sogar zu den Spitzenreitern hinsichtlich religiöser Vielfalt. Wären in diese Untersuchung neben Spanien mehrere homogen katholische Länder eingegangen, wäre zu erwarten, dass auch der mysteriöse „catholic effect“ auftauchen würde. Multivariate Analysestrategien sollten einen solchen „bias“ in der Fallauswahl ein Stück weit korrigieren können. Um auf das obige Beispiel zurückzukommen: die Überrepräsentation gemischt-konfessioneller Länder, die vermutlich für das Ausbleiben bzw. die Schwäche des katholischen Effekts verantwortlich ist, wird im multivariaten Modell dadurch ausgeglichen, dass andere Indikatoren – Indikatoren wie Subventionierung, Regulierung oder Säkularisierung hinsichtlich derer sich die Familie der gemischtkonfessionellen Gesellschaften stark unterscheiden – den katholischen Effekt unter Kontrolle dieser alternativen Einflussgrößen bemessen. Zuvor soll in einem Zwischenschritt die dimensionale Struktur religiöser Märkte ermittelt werden. Tabelle 9 oben zeigte, dass zwischen manchen Marktmerkmalen sehr hohe, teilweise fast perfekte, Zusammenhänge bestanden, während andere Merkmale oder Mechanismen kaum oder gar nicht miteinander verbunden sind. Tabelle 10 präsentiert das Ergebnis einer Faktorenanalyse, die zeigt, ob und in welcher Weise sich die Vielzahl unterschiedlichster Marktmerkmale zu bestimmten zusammengehörigen Symptomen oder Dimensionen verdichten lassen. Die Faktorenanalyse unterscheidet drei Dimensionen religiöser Marktmerkmale. In der Tat bilden die drei unterschiedlichen Messungen religiösen Pluralismus eine Dimension für sich, mit der – wie zu erwarten – die Marktmonopolisierung privilegierter Kirchen negativ, die beiden Messungen religiöser Vielfalt positiv verknüpft sind. Eine weitere Dimension verbindet die zwei positiven, unterstützenden Eingriffe in die Natur religiöser Märkte (Privilegierung und Subventionierung), die aufgrund ihrer engen Korrelation in den bisherigen und folgenden Analysen folglich auch zu Recht als ein zusammengehöriges Konstrukt staatlicher Einmischung behandelt werden.223 222 Genauer: drei westdeutsche, zwei schweizerische Fälle, sowie ein niederländischer Fall. 223 Die dimensionalen Analysen können nicht unter Ausschluss ostdeutscher Kommunen durchgeführt werden, da in einem solchen Fall neun Makroeinheiten mit zehn Marktmerkmalen (mehr Ausprägungen als Fälle) kontrastiert würden. 271 Diesen Privilegierungsmaßnahmen zur Seite stellen sich zwei Aspekte religiöser Durchdringung lokaler Zivilgesellschaften: der Anteil der Konfessionslosen, besser die Zahl der kirchlich Gebundenen, da die Bindung dieses Indikators an die Dimension negativ ist, sowie der Anteil der Katholiken an der lokalen Wohnbevölkerung. In Anlehnung an die im vorherigen Kapitel diskutierten Staatskirchenmodelle, ließe sich diese Dimension als Kooperations- oder Partnerschaftsmodell umschreiben – ein Modell, in dem der Staat den Kirchen unterstützend unter die Arme greift, ein Modell, das zudem für katholische Nationen bzw. Nationen mit großen katholischen Minderheiten typisch ist und die Zahl der Konfessionslosen minimiert. Eine dritte Dimension formiert sich aus der Kombination staatlicher Regulierungs- und Kontrollmaßnahmen, dem Säkularisierungsgrad lokaler Zivilgesellschaften und der Abwesenheit katholischer Milieubildung – ein säkularisiertes protestantisches Staatskirchenmodell? Tabelle 10: Dimensionen religiöser Märkte Privilegierung .94 Subventionierung .94 % Konfessionsloser -.94 % Katholiken .71 Pluralismus .93 Marktmonopol -.81 -.50 Religiöse Vielfalt .39 .88 Regulierung .38 .80 Säkularisierung .30 .81 Kath. Subkultur .35 -.43 Anmerkungen: Hauptkomponentenanalyse mit Varimaxrotation, ausgewiesen sind Faktorenladungen über .30. Die 3-Faktorenlösung erklärt 81 Prozent der Gesamtvarianz (Faktor 1: 36 Prozent; Faktor 2: 26 Prozent; Faktor 3: 19 Prozent). Kurz gesagt: die dimensionalen Analysen zeugen von der Existenz dreier mehr oder weniger unabhängiger Dimensionen oder Konstrukte, mit denen sich die Natur religiöser Märkte beschreiben lässt: Vielfalt, katholische Privilegierung, protestantische Reglementierung. Zwei dieser Dimensionen besitzen einen Teilaspekt, den man als Ursache oder Wirkung der Grundprinzipien beschreiben könnte. Privilegierung und Subventionierung sind typisch für Länder mit hohem Katholikenanteil (Ursache) und führen in der Konsequenz zu einer hohen Kirchenbindung der Bevölkerung (Wirkung). Die Präsenz starker katholischer Minderheiten verhindert staatliche Reglementierung des kirchlichen Lebens (Ursache), womit wiederum die Verdrängung aus der Sichtbarkeit lokaler Zivilgesellschaften vermieden wird (Wirkung). In der aktuellen Realität religiöser Märkte sind zeitlich vorgelagerte Ursachen und nachgelagerte Wirkungen nicht mehr zu trennen und erscheinen so als zusammen- 272 gehöriges Merkmalsbündel. Ob das dritte Merkmalsbündel – religiöser Pluralismus – durch Aspekte, die anderen Merkmalsbündeln zugehören, befördert oder gehemmt wird, wird im folgenden und letzten Analyseschritt dieses Kapitels zu klären sein. Auch an dieser Stelle werden die Analysen in einem zweiten Schritt unter Ausschluss der ostdeutschen Kommunen durchgeführt, auch hier werden Ergebnisse dieser zweiten Analyse nur diskutiert, wenn sie von den Ergebnissen, die auf Basis aller Kommunen entstehen, signifikant abweichen. Tabelle 11a: Marktindikatoren und religiöse Vielfalt, alle Gemeinden (N=12) 1 Index religiöse Vielfalt (Herfindahl) 2 Index religiöser Pluralismus (Bruce) 3 Marktmonopolisierung durch privilegierte Religion ungew. gewichtet ungew. ungew. gewichtet ungew. R2adj. .54 .67 .33 .47 .38 .58 Privileg. + Subvent. .44*** .38*** -.07* .09*** -.01 -.23*** Regulierung .87*** -.67*** -.90*** -.85*** .33*** .37*** % Katholiken -.58*** -.48*** -.43*** -.44*** .17*** .28*** Kath. Subkultur -.02 .05*** .03 .06** .13*** .01 Säkularisierung .68*** .91*** .46*** .72*** -.74*** -.92*** Tabelle 11b: Marktindikatoren und religiöse Vielfalt, ohne ostdeutsche Gemeinden (N=9) 1 Index religiöse Vielfalt (Herfindahl) 2 Index religiöser Pluralismus (Bruce) 3 Marktmonopolisierung durch privilegierte Religion ungew. gewichtet ungew. ungew. gewichtet ungew. R2adj. .17 .37 .30 .30 .58 .56 Privileg. + Subvent. .05 .29*** -.18*** .24*** .72*** .29*** Regulierung -.53*** -.71*** -.65*** -1.02*** -.74*** -.24*** % Katholiken -.47*** -.57*** -.30*** -.60*** -.27*** .01 Kath. Subkultur .06 .07*** .00 .04 -.04 -.07*** Säkularisierung .52*** 1.26*** .33*** 1.16*** -.06 -.46*** Anmerkung: OLS Regression. Signifikanzniveau: *** > 0,001, ** > 0,01 *, > 0,05. Nur religiöser Sektor. Angegeben sind beta-Koeffizienten. Der Indikator für den Anteil der Konfessionslosen musste wegen Multikollinearität (hoch korrelierend mit dem additiven Index aus Privilegierung und Subventionierung) von den Analysen ausgeschlossen werden. Staatliche Regulierung hemmt religiöse Vielfalt, sowie – quasi als Umkehrung – befördert die Durchsetzung großer Monopolisten: ein Ergebnis ganz nach dem Geschmack der rational choice Theorie. Allerdings: die staatliche Privilegierung bestimmter Kirchen befruchtet religiösen Pluralismus. Ein Paradox? Vielleicht nein, da sehr wohl eine Erklärung im Luckmann’schen Sinne möglich ist. Sieht man vom eindeutig hemmenden Einfluss staatlicher Eingriffe im Sinne von Reglementierung und Kontrolle ab, so führt staatliche Bevorzugung – gerade wenn sie als Privilegierung im Wohlfahrtsstaat, Schulwesen oder staatlichen Institutionen daher kommt – 273 zur öffentlichen Sichtbarkeit von Religion. Die Kirche ist in der Gesellschaft, in der sozialen Dienstleistung, in der Schule, in der Armee oder im Krankenhaus präsent. Präsenz meint aber Sichtbarkeit und diese kann sehr wohl eine verstärkte religiöse Relevanz auch hinsichtlich (begrenzter) religiöser Vielfalt zur Folge haben. Dass diese Vielzahl eine begrenzte ist, lässt sich auch daran ablesen, dass der eindeutig positive Effekt staatlicher Privilegierung auf den Herfindahl-Index beschränkt ist, der bereits getätigte „Kaufentscheidungen“ misst und damit große Konfessionen begünstigt. Hinsichtlich der grundsätzlich zur Auswahl stehenden Optionen – der Bruce-Index, der kleine und große Optionen gleichgewichtig einbezieht – ist die Wirkung positiver staatlicher Einmischung gering, wenn nicht sogar leicht negativ (stark negativ, wenn man allein westeuropäische Kommunen betrachtet). Schließt man ostdeutsche Gemeinden aus der Analyse aus, ergibt sich eine weitere interessante Abweichung: Privilegierung und Subventionierung sind im Kontext Westeuropa Mittel, mit denen privilegierte Kirchen ihr Marktmonopol aufbauen oder festigen können. Dagegen sind reglementierende Mechanismen ein Stolperstein und behindern die Monopolstellung einzelner Kirchen. Wie oben bereits diskutiert, lassen sich solche systematischen Unterschiede auf ostdeutsche Extremwerte zurückführen (absolutes Monopol der lutherischen Kirche in den beiden kleineren Gemeinden, bei hohem Regulierungsgrad und gleichzeitig geringer Privilegierung und Subventionierung). Für den Anteil der Katholiken an der Bevölkerung, der im bivariaten Modell positiv mit Vielfalt verknüpft war, bestätigt sich die korrigierende Natur multivariater Methoden. Stellt man die Vielzahl der Merkmale religiöser Märkte in Rechnung, so ist der Katholikenanteil in der Tat (leicht) positiv mit der Marktmonopolisierung seitens privilegierter Anbieter und deutlich negativ mit der Ausbildung religiösen Pluralismus verknüpft: Mit dem Katholikenanteil sinkt die religiöse Vielfalt. Da dominant protestantische Gesellschaften zur Entwicklung inner-protestantischer Schismen neigen (vgl. Kapitel 5), steigt – umgekehrt – mit dem Protestantismusgrad die Wahrscheinlichkeit pluralistischer Situationen. Die neben der staatlichen Einmischung zentralen Einflussgrößen sind aber eindeutig im Bereich zivilgesellschaftlicher Säkularisierung zu verorten. Je geringer die religiöse Penetration der Vereinswelt ausfällt, desto vielfältigere religiöse Optionen stehen zur Verfügung. Die Stärke der Effektkoeffizienten ist enorm und häufig ist es der mit Abstand wirkkräftigste Einzelfaktor. Mit anderen Worten, eine Erklärung religiösen Pluralismus kann nicht auf eine Behandlung der Wirkung von Säkularisierungsprozessen verzichten. Im Sinne Bergers lässt sich dieser Zusammenhang im Kontext der in Auflösung begriffenen religiösen „Plausibilitätsstrukturen“ interpretieren (1989: xi). Mit der sinkenden Relevanz der Religion – sowohl für das Individuum als auch für die zivilgesellschaftliche Öffentlichkeit – steigt die Vielfalt des religiösen Angebots, weil die eine wahre Religion den Zugriff auf die Menschen verloren hat. Individuen reagieren auf die geringere Plausibilität religiöser „Großerzählungen“ unterschiedlich: mit Austritt oder Rückzug, oder aber auch mit dem Ausprobieren neuer religiöser Alternativen. Säkularisierung und Vielfalt sind somit zwei Seiten einer Medaille. 274 Die Überprüfung der ersten Annahme des ökonomischen Modells – freie Märkte generieren religiösen Pluralismus – endet mit einem zwiespältigen Befund. In der Tat ist die negative staatliche Einmischung in den religiösen Markt – im Sinne von Kontroll- und Regelungsmechanismen – ein signifikanter Hemmschuh religiöser Vielfalt. Im europäischen Kontext – und das schließt auch den ostdeutschen oder staatssozialistischen Kontext ein – basiert religiöse Vielfalt aber ebenso so stark, wenn nicht sogar stärker, auf Prozessen der Säkularisierung. Nur dort, wo ehemals (oder noch immer) privilegierte Religionen bereits geschwächt sind; nur dort, wo sich erkleckliche Anteile der Bevölkerung gänzlich von den Kirchen abgewandt haben; nur dort, wo die Zivilgesellschaft tatsächlich überwiegend „zivil“ ist; nur dort ist Raum für religiöse Vielfalt. Es ist somit eine Mischung aus staatlicher Zurückhaltung und fortgeschrittener Säkularisierung, die in Europa zur Quelle religiöser Erneuerung und religiösen Pluralismus wird. Das heißt aber auch: in religiös homogenen Gesellschaften, gerade solchen mit hohem Katholikenanteil ist die Plausibilitätsstruktur der Religion (noch) intakt. Säkularisierung findet nur innerhalb eines begrenzten Rahmens statt, es gibt kaum Nährboden für religiöse Vielfalt. Welchen Einfluss diese Gemengelage auf Prozesse innerorganisatorischer Partizipation, ehrenamtlichen Engagements, gruppeninterner Mobilisierung und der Produktion von Sozialkapital besitzt, soll in Kapitel 11 untersucht werden. Dort steht der zweite Teil der Gleichung – der Teil, den die ökonomische Theorie selbst in den Mittelpunkt ihrer empirischen Arbeiten stellt – auf dem Prüfstand: Religiöse Vielfalt als Quelle religiöser Vitalität.

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.