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Sigrid Roßteutscher, Zur Operationalisierung religiöser Vielfalt in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 257 - 263

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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257 8. Produzieren freie Märkte religiösen Pluralismus? Es ist das Ziel dieses Kapitels, einen Zusammenhang zu überprüfen, der theoretisch zentral ist, von der rational choice Theorie als gegeben angenommen wird und daher – mit Ausnahme der Arbeit von Chaves und Cann – auch nie empirisch überprüft wurde: Religiöser Pluralismus entsteht – so die Theorie – wenn der Markt frei von staatlichen Eingriffen ist. Da dieser Automatismus angenommen wird, beginnt beim Pluralismus in der Regel die empirische Überprüfung des ökonomischen Modells. Die rational choice Theorie der Religion ist zunächst aber, wie Chaves und Cann zu Recht kritisieren (1992: 277), eine Makro-Theorie über die Wirkung staatlicher Regulierung. Der religiöse Markt wird in Analogie zu Märkten jeder Art beschrieben, die entweder frei von staatlichen Eingriffen oder reguliert sein können. Ist der Markt staatlich reguliert, stellen sich all diese Irritationen ein, die jeden durch staatliche Eingriffe in seiner Natürlichkeit zerstörten Markt charakterisieren: kein (oder unfairer) Wettbewerb, Unterdrückung alternativer Anbieter, Produktion suboptimaler Produkte und daher auch sub-optimale Konsumentenbefriedigung und geringe Marktpartizipation (ausführlich in Kapitel 4). Der Grad der Regulierung des religiösen Marktes bzw. seine relative Freiheit von staatlichen Eingriffen ist der zentrale Ausgangspunkt der Argumentationskette, alle anderen Marktmerkmale, auch das Ausmaß religiöser Vielfalt, sind davon abgeleitet. Eine Überprüfung der Stimmigkeit der rational choice Logik kann also nicht wirklich mit Pluralismus beginnen, da in einem solchen Fall der zentrale Mechanismus, der den Pluralismusgrad theoretisch erst bedingt, ausgeblendet wird. Dies gilt umso mehr, als – und auch hier ist Chaves und Cann zuzustimmen – alternative, ja sogar gegensätzliche theoretische Annahmen zum Verhältnis zwischen Marktregulierung und religiöser Vielfalt vorliegen: • Religiöse Vielfalt ist nicht das Ergebnis freier Märkte, sondern umgekehrt: zunächst entsteht religiöse Vielfalt, dann erst entscheiden Staaten, sich religiös neutral zu verhalten, um den religiösen Frieden ihrer konfessionell pluralistischen Gesellschaft nicht zu gefährden. Kurz gesagt: Pluralismus ist dem freien Markt zeitlich vorgelagert. Der Rückzug des Staates ist eine Reaktion auf den faktischen Pluralismus der Gesellschaftsmitglieder. Der kausale Zusammenhang (was ist Ursache, was ist Wirkung?) ist hier auf den Kopf gestellt. Diesen historischen Zusammenhang sieht z.B. Bruce (1999) für die USA bestätigt, während Martin (1978) umgekehrt die Durchführbarkeit staatlicher Regulierung und die Errichtung einer Staatskirche überhaupt nur in zuvor konfessionell homogenen Gesellschaften für möglich hält. • Zudem ließe sich auch argumentieren, dass Staaten zum Erhalt religiöser Vielfalt beitragen können, wenn sie wie z.B. in der Schweiz, Deutschland oder bis vor kurzem auch in den Niederlanden (vgl. Kapitel 7), aus Gründen der Parität, die aus der verfassungsrechtlich garantierten Religionsfreiheit abgeleitet wer- 258 den, mehr als eine Konfession subventionieren und privilegieren. Solche Maßnahmen, die finanzielle Sicherheit garantieren, aber auch im Sinne des Säkularisierungsparadigmas zu höherer Sichtbarkeit im öffentlichen Raum führen (etwa durch die Zuweisung von Privilegienräumen im Schul- und Wohlfahrtssektor), können zum Überleben „schwächerer“ Konfessionen beitragen. Träfe dies zu, wäre die Richtung des von der ökonomischen Schule postulierten Zusammenhangs auf den Kopf gestellt: staatliche Eingriffe in den natürlichen religiösen Markt erhöhen die Vielfalt religiöser Angebote. Im Folgenden soll daher, aufbauend auf der Messung des Staat-Kirche-Verhältnisses wie sie im vorherigen Kapitel vorgestellt wurde, empirisch überprüft werden, ob und auf welche Weise die Natur religiöser Märkte religiösen Pluralismus bedingt. Dabei ist staatliche Regulierung nur ein, allerdings ganz zentrales, Merkmal religiöser Märkte. Auch die ökonomische Schule geht davon aus, dass weitere Strukturmerkmale die Natur des Marktes – und damit auch seine Wirkung auf Vielfalt und Wettbewerb – beeinflussen. Explizit genannt werden Merkmale wie der Anteil der Katholiken, der Grad der Säkularisierung und das Ausmaß subkultureller Verankerung gewisser konfessioneller Milieus (ausführlich in Kapitel 4). Damit ist es die zweite Aufgabe dieses Kapitels, den Zusammenhang zwischen staatlicher Regulierung und solchen alternativen, nicht ökonomischen Merkmalen religiöser Märkte zu thematisieren, um schließlich den Zusammenhang zwischen staatlicher Einmischung und religiöser Vielfalt unter Einbeziehung und unter Kontrolle dieser alternativen Marktmerkmale zu überprüfen. 8.1 Zur Operationalisierung religiöser Vielfalt Im Prinzip ist Vielfalt schlicht eine deskriptive Beschreibung des „degree of heterogeneity among units within a society“ (Wuthnow 2004: 162). Im Sprachgebrauch der ökonomischen Schule: „Pluralism refers to the number of organizationally and financially autonomous religious firms in the marketplace.” (Gill 2003: 329). Aber auch diese vermeintlich simple Frage, wie religiöse Vielfalt zu messen sei, hat zu Auseinandersetzungen geführt. Die ökonomische Theorie operiert ausschließlich mit dem sogenannten Herfindahl-Index. Dieser beruht auf der Berechnung der Wahrscheinlichkeit, mit der zwei zufällig „gezogene“ Individuen unterschiedlichen Religionsgemeinschaften angehören.217 Der resultierende Index erreicht somit Werte 217 Die Formel zur Berechnung des Herfindahl Index lautet: H = Summe aus si2, wobei si den Marktanteil einer Konfession angibt, also die Anzahl der Menschen, die mit Konfession i verbunden sind, geteilt durch die Gesamtzahl aller konfessionell gebundenen Menschen (Chaves/Cann 1992: 289). H ist somit „the probability that two people, selected at random from those claiming a religious affiliation, share the same religion“ (Iannaccone 1991: 166). 1 – [(a/z)2 + (b/z)2 + (c/z)2 ...] z ist die Gesamtzahl aller Kirchengebundenen, und a,b,c die Zahl der Anhänger einen bestimmten Konfession (Finke et al. 1996: 207). 259 zwischen “0” (alle Kirchenmitglieder gehören einer einzigen Konfession an) und “1” (alle Mitglieder gehören mit einhundertprozentiger Wahrscheinlichkeit unterschiedlichen Religionen an). Bei der Berechnung des Indexwertes werden die jeweiligen Anteilswerte einer Konfession quadriert. Diese Quadrierung führt zu einer relativ höheren Gewichtung starker Konfessionen bei einer relativen Benachteiligung kleiner Konfessionen. Wenn also in einer Gemeinde fünf in etwa gleich große Konfessionen mit einander konkurrieren, so erreicht der Herfindahl Index den Wert 0.8. Wenn aber in einer Stadt 50 Prozent der Bevölkerung einer Konfession angehören, aber jeweils zehn Prozent drei weiteren Konfessionen, sowie vier Konfessionen existieren, die jeweils 5 Prozent der Gläubigen anziehen, so ergibt die Berechnung des Index den Wert 0.61. Dies ist laut Bruce alles andere als unproblematisch: „That is, the second city will be described as less diverse than the first, even though it has on offer a wider range of choices“ (Bruce 1999: 76). Im Endeffekt, so Bruce, beschreibt der Herfindahl-Index eher bereits getätigte Entscheidungen als die Existenz verschiedener Wahlmöglichkeiten. Sein Vorschlag zur angemessenen Messung religiöser Vielfalt wäre folgerichtig ein Index, in den alle nicht-xmarginalen Optionen gleichgewichtig eingehen - „a straight count of alternatives“ (Bruce 1999: 76). Angewendet auf seine beiden Beispielstädte würde ein solcher Zähl-Index für die erste Stadt den Wert fünf ergeben, während die zweite den Wert acht erhalten würde. Statt bereits getätigter Entscheidung würden alle zur Auswahl stehenden Optionen gemessen. Zudem ergibt sich aus der Messung religiöser Vielfalt, wie sie in der Regel praktiziert wird, ein weiteres substantielles und theoretisch wichtiges Problem. Angebotsvielfalt wird auf der Nachfrageseite gemessen; Vielfalt auf der Basis individueller Daten, also Angaben über Konfessionsbindung, berechnet. Die konfessionelle Komposition einer Gesellschaft eröffnet interessante Erkenntnisse hinsichtlich des demands oder zumindest hinsichtlich bereits realisierter Nachfrage, wie Bruce einwenden würde. Ihre Aussage bezüglich supply, also der organisatorischen und institutionellen Angebotsvielfalt, die ja im rational choice Argument den zentralen Platz einnimmt, ist aber zumindest zweifelhaft. Kann man aus Zahlen zur Konfessionsbindung wirklich auf die Angebotsseite schließen? Ist nicht zumindest vorstellbar, dass auch in konfessionell relativ homogenen Städten, eine größere organisatorische Angebotsvielfalt besteht, die sich in der Konfessionswahl der Konsumenten so nicht widerspiegelt? Ferner birgt die Operationalisierung von supply auf der Individualebene das große Risiko einer Tautologiebildung. Ist es nicht gerade das Verhalten von Individuen – Partizipation und Engagement – welches durch die Indizierung religiöser Vielfalt prognostiziert werden soll? Daher soll hier eine Vorortung von Angebotsvielfalt dort vorgenommen werden, wo sie von der ökonomischen Schule auch theoretisch angesiedelt ist: im institutionellen oder organisatorischen Angebot, das potentiellen Kunden zur Verfügung steht. Mit anderen Worten, religiöse Vielfalt ist die organisatorische Bandbreite religiöser Angebote in einer Stadt oder Gemeinde: die religiösen Vereine, Netzwerke, Gruppen und Organisationen, die in einem lokal begrenzten Raum um Mitglieder buhlen. Dies ist die adäquate Übersetzung einer Theorie, die religiöse Vielfalt als Anzahl der „organizationally and financially autonomous religious firms“ (Gill 2003: 329) versteht. Forschungspragmatisch wird die Logik der rational choice Theorie so in zweierlei 260 Hinsicht berücksichtigt: Zunächst wird nicht der konfessionelle Pluralismus der jeweiligen Wohnbevölkerung zugrunde gelegt, sondern – theoriekonform – die Vielfalt des religiösen Angebots in Form religiöser Organisationen, Gruppen und Vereine. Auch in einer zweiten Hinsicht wird dem ökonomischen Denkmodell Rechnung getragen: Pluralismus kann nur dort auf individuelle Partizipation und Engagement wirken, wo der Wettbewerb lokal ist. Lutherische oder katholische Organisationen in Mannheim konkurrieren nicht mit lutherischen oder katholischen Vereinen in Vaihingen und erst recht nicht mit lutherischen Organisationen in Chemnitz oder gar in Aalborg. Nur innerhalb eines geographisch eng begrenzten Raums können Menschen auch tatsächlich zwischen verschiedenen Optionen wählen. Dies ist in der Tat ein Hauptproblem in der bisherigen Überprüfung vieler Thesen. Dies wird auch von rational choice Theoretikern so wahrgenommen: „The theoretical model proposes that people select their religion from a marketplace of options. Because choice is limited to nearby options, religious markets are localized and tend to center around a single community or neighborhood“ (Finke et al. 1996: 207) 218. Obwohl Pluralismus und Wettbewerb im Mittelpunkt der Theorie stehen, finden fast alle Überprüfungen anhand nationaler Querschnittsdaten statt (z.B. Iannaccone 1991; Land et al. 1991; Chaves/Cann 1992; Chaves et al. 1994; Stark/Iannaccone 1994; Iannaccone et al. 1995). Der Ansatz harrt daher noch seiner Überprüfung auf der lokalen Ebene: „At the level of cities or counties, the presence even of the hypothesized correlation between religious pluralism and vitality has yet to be established firmly” (Chaves/Cann 1992: 272). Der religiöse Markt ist aber notwendigerweise ein lokaler Markt (Finke 1997: 47; Chaves et al. 1999: 458, siehe auch die Einleitung zu dieser Studie). Dieser Tatsache wird Rechnung getragen, indem der Grad des religiösen Pluralismus auf der Basis der an dieser Studie beteiligten Städte und Gemeinden gemessen wird – Lokalitäten mit maximal 300.000 Einwohnern – sodass davon ausgegangen werden kann, dass die lokal zur Verfügung stehende Bandbreite konfessioneller Angebote auch tatsächlich von Interessenten ohne allzu großen Aufwand und Kosten wahrgenommen werden kann. Untersucht wird somit wie vielfältig das potentiellen Kunden zur Verfügung stehende Spektrum organisatorischer Angebote auf lokaler Ebene ist. Die rational choice Theorie geht weiterhin davon aus, dass der religiöse Markt ein in sich geschlossener Markt ist. Daher werden Pluralismuswerte grundsätzlich auf der Basis des religiös gebundenen Bevölkerungsteils berechnet – „from those claiming a religious affiliation“ (Iannaccone 1991: 166; ebenso z.B. Finke et al. 1996: 207; Chaves/Cann 1992: 289). Menschen, die keiner Kirche angehören, sind aus der Kalkulation ausgeschlossen. Hier wird zunächst analog verfahren. Der Pluralismusgrad des religiösen Angebots wird berechnet, indem allein der religiöse Sektor zugrunde gelegt wird: wie viele konfessionell unterschiedliche Organisationen 218 Folgerichtig untersuchen sie den Einfluss religiösen Pluralismus auf Kirchgangshäufigkeit auf der Basis von Zensusdaten in 942 amerikanischen Gemeinden und Städten zwischen 1855 und 1865 (Finke et al. 1996: 204), siehe auch Finke/Stark (1988), die 150 amerikanische Städte mit mehr als 25.000 Einwohnern im Jahr 1906 untersuchten. 261 sind innerhalb der religiösen Organisationswelt aktiv? Der Zusammenhang zwischen Pluralismuswerten und dem Grad der Säkularisierung – dem aus der Indizierung ausgeschlossenen und in der Regel größeren Teil lokaler Zivilgesellschaften – wird empirisch zu untersuchen sein. Tabelle 6 präsentiert Basiswerte zur konfessionellen Vielfalt lokaler Zivilgesellschaften. Tabelle 6: Die konfessionelle Zusammensetzung lokaler Zivilgesellschaften 1 Prozent religiöser Vereine/ Gruppen 2 Anteil Katholisch1 3 Anteil lutherisch 4 Anteil calvinistisch 5 Anteil protestant. Sekten2 6 Anteil anderer Religionen3 Mannheim 27,0 51,7 33,6 - 0,5 10,8 Vaihingen 44,7 22,7 45,4 - 2,5 24,4 Althütte 51,4 11,1 88,9 - - - Chemnitz 28,4 8,7 75,4 - - 12,8 Limbach 29,4 3,5 89,5 - - 1,8 Bobritzsch 43,6 - 100,0 - - - Enschede 11,2 17,4 4,3 18,5 34,8 23,9 Lausanne 6,1 31,0 - 17,2 3,4 10,3 Bern 8,3 21,8 - 23,6 12,7 16,4 Sabadell 18,9 79,4 - - 10,3 - Aalborg 5,5 1,8 71,4 - 8,9 3,6 Aberdeen 21,7 1,9 1,9 62,0 16,7 4,6 Anmerkungen: 1 zu 100 Prozent fehlen: nicht-konfessionelle Organisationen mit religiösen Anliegen (hauptsächlich Chöre), nicht codierbare Fälle. 2 Baptisten, Pfingstbewegungen, Methodisten, Mennoniten, etc. In Enschede auch Neo-Calvinisten. 3 Muslimisch, orthodox, jüdisch, hinduistisch etc. Tabelle 6 zeugt zunächst von der hochgradig unterschiedlichen Position des religiösen Sektors im Kontext des gesamten Organisationssektors. In den westdeutschen Kleinstädten ist circa die Hälfte des gesamten organisatorischen Angebots religiöskonfessionell geprägt. Hier, aber nur hier, erreicht die religiöse Durchdringung der Zivilgesellschaft amerikanisches Niveau. In Mannheim und Chemnitz sind immerhin noch beinahe 30 Prozent aller Vereine konfessionell gebunden. Damit dokumentieren diese ersten Basiswerte auch die relativ hohe Bedeutung der Religion in Deutschland im europäischen Kontext. Nur im schottischen Aberdeen mit 22 Prozent, sowie im spanischen Sabadell mit 19 Prozent, erreicht der religiöse Sektor einen Umfang, der ihn im Vergleich zum säkularen Sektor von Bedeutung erscheinen lässt. In allen anderen europäischen Gemeinden sind religiöse Organisationen an den Rändern des Organisationsspektrums angesiedelt, wenn nicht sogar – wie in Aalborg oder Lausanne – völlig marginalisiert. 262 Tabelle 7: Religiöse Vielfalt in europäischen Zivilgesellschaften Index religiöse Vielfalt (Herfindahl)1 Index religiöser Pluralismus (Bruce)2 Marktmonopolisierung durch privilegierte Religion3 Indexwert Rang Indexwert Rang Indexwert Rang Mannheim .61 5 4 4 85 9 Vaihingen .74 4 6 2 68 5 Althütte .20 10 2 8 100 11 Chemnitz .41 8 4 4 84 8 Limbach .20 10 1 11 93 10 Bobritzsch .00 12 1 11 100 11 Enschede .76 3 7 1 36 2 Lausanne .86 1 4 4 17 1 Bern .85 2 6 2 45 3 Sabadell .36 9 2 8 79 7 Aalborg .48 7 2 8 71 6 Aberdeen .58 6 3 2 62 4 Anmerkungen: 1 Die mathematische Formel lautet: 1 – [(a/z)2 + (b/z)2 + (c/z)2 ...] z ist die Gesamtzahl aller Kirchengebundenen (hier religiöser Organisationen), und a, b, c die Zahl der Anhänger einen bestimmten Konfession (Organisationen einer bestimmten Konfession) (vgl. auch Fußnote 2). 2 Anzahl Konfessionen, die mehr als 5 Prozent der religiösen Organisationen umfassen. Prozentwert „andere“ jeweils durch 5 geteilt. 3 Prozent Vereine (innerhalb des religiösen Sektors) der im jeweiligen Markt privilegierten Konfession(en). Dies gilt in den westdeutschen Gemeinden für katholische und lutherische Gemeinden, in Ostdeutschland für die lutherischen, in Enschede für katholische und reformierte, in Sabadell für katholische, in Bern für katholische und reformierte, in Lausanne für calvinistische, in Aalborg für lutherische und in Aberdeen für calvinistische Organisationen. Bei der Berechnung religiöser Vielfalt wird nun allein der religiöse Sektor der Zivilgesellschaft als Ausgangspunkt genommen. Operationalisiert wird, wie viele religiöse oder konfessionelle Optionen sich innerhalb des jeweiligen religiösen Marktes befinden. Tabelle 7 präsentiert in den ersten beiden Spalten die beiden Messungen religiöser Vielfalt, zunächst auf der Basis des Herfindahl-Index219 und zweitens Bruce’ Gegenvorschlag einer schlichten Zählung nicht-marginaler Optionen. Außerdem wird eine dritte Variante, ein sogenannter Monopolindex, vorgeschlagen. Wenn Privilegierung, Regulierung und Subventionierung für die privilegierten Konfessionen erfolgreich wirken, dann sollte nicht nur Vielfalt unterdrückt werden, sondern 219 Die jeweilige Anzahl (Zahl der Fälle nicht Prozentzahl) jeder konfessionellen Vereinsgruppe durch die Zahl religiös gebundener Vereine insgesamt geteilt, dieses Ergebnis quadriert, die jeweiligen Werte addiert und am Ende von 1 abgezogen. Am Beispiel Mannheim: 27 Prozent der Vereine sind religiös gebunden, das sind insgesamt 437 Vereine. Davon sind knapp 52 Prozent katholisch, dies entspricht 226 Vereinen. Die Zahl 226 wird nun durch 437 geteilt, das Ergebnis (0.517) quadriert (0.267). Entsprechend wird für lutherische Vereine und Vereine anderer Religionen vorgegangen. Die Addition der jeweiligen Quadratsummen – 0.267 für Katholiken, 0.113 für Protestanten und 0.012 für andere Religionen – ergibt den Wert 0.392. Zieht man diesen Wert von „1“ ab, ergibt sich schließlich der Herfindahl-Indexwert von 0.61. 263 den betroffenen Konfessionen sollte es auch möglich sein, den Markt – mit Hilfe all dieser staatlichen Hilfeleistungen, die potentiellen Konkurrenten nicht zur Verfügung stehen – zu monopolisieren. Dieser letzte Index berechnet folglich den Anteil, den privilegierte Religionen am religiösen Markt halten. Tabelle 7 zeigt, dass unsere lokalen Zivilgesellschaften auch sehr unterschiedliche Grade der Vielfalt und Monopolisierung erreichen. Die schweizerischen Gemeinden, Spitzenreiter bezüglich Regulierung, Subventionierung und Privilegierung, sind auch führend in Punkto Vielfalt. Umgekehrt gelingt es ihren quasi-staatskirchlichen Religionen kaum, den Markt in irgendeiner Weise zu monopolisieren: weniger als die Hälfte der religiösen Vereine werden von den privilegierten Kirchen gestellt. Von den kleineren deutschen Gemeinden abgesehen, ist die religiöse Vielfalt im katholischen Spanien am geringsten. Dort gelingt es der Kirche zudem, ihre staatliche Bevorzugung in eine Monopolstellung umzusetzen (circa 80 Prozent aller religi- ösen Vereine sind katholisch). Absoluter Spitzenreiter der Monopolisierung sind die kleine westdeutsche Gemeinde Althütte, sowie die ostdeutsche Kleinstadt Limbach- Oberfrohna und die ostdeutsche Landgemeinde Bobritzsch. In diesen durchweg lutherisch dominierten Städten und Dörfern gelingt der lutherischen Kirche eine vollständige Monopolisierung des religiösen Vereinslebens. Tabelle 7 zeigt zudem, dass die beiden Pluralismus-Indizes in der Tat teilweise unterschiedliche Ergebnisse bzw. Rangfolgen ergeben. In Lausanne, wo die größte Konfession, die katholische, nur 31 Prozent aller religiösen Vereine stellt, ergibt sich ein klarer Spitzenwert auf der Basis des Herfindahl-Index, da sich der religiöse Sektor relativ gleichmäßig über drei Varianten (katholisch, calvinistisch, nicht-christliche) verteilt. Bruce’ Zählindex nicht-marginaler Angebote bringt für Lausanne „nur“ Rang vier, weil in anderen Städten deutlich mehr unterschiedliche Angebote auf dem Markt sind. Umgekehrt erzielt Chemnitz, dessen religiöser Sektor zu 75 Prozent lutherisch ist, auf dem Herfindahl-Index nur Platz acht. Betrachtet man dagegen alle zur Verfügung stehenden nicht-marginalen Optionen, liegt die ostdeutsche Stadt gemeinsam mit Lausanne auf Rang 4 des Rankings, da neben der kleinen Zahl katholischer Vereine auch ein nicht unerheblicher Sektor nicht-christlicher Angebote existiert. Ob diese Unterschiede in der Messung religiöser Vielfalt auch substantiell von Bedeutung sind, wird im Folgenden zu sehen sein. 8.2 Markt und religiöse Vielfalt: zur Überprüfung der Pluralismusthese Die Indikatoren religiöser Vielfalt bzw. Marktmonopolisierung sollen nun in Beziehung zu Marktmerkmalen gesetzt werden. Tabelle 8 stellt die Indikatoren vor, die neben den bereits diskutierten Indizes zu positiver Einmischung (Privilegierung und Subventionierung) sowie negativer Einmischung, das Innenleben der Kirchen reglementierende Staatseingriffe (Spalten 1 und 2), im Anschluss an die Argumentation der rational choice Theorie der Religion genutzt werden. Dies betrifft zunächst den an zentraler Stelle firmierenden Anteil der Katholiken in der Bevölkerung (Spalte 3), mit Hilfe dessen die ökonomische Theorie regelmäßig für die sogenannte „katholi-

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.