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Sigrid Roßteutscher, Regulierung: Innere Autonomie statt Macht in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 240 - 246

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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240 Kirche eng mit dem Staat verbunden war: hier sind soziale Dienste unterentwickelt, oft durch die (katholische) Caritas geleistet, aber im Grundsatz der erweiterten Familie überlassen (Pérez-Díaz 2001: 561, 574). Die weitgehende „Inkorporation“ der Kirche in den Staat verursachte, dass die katholische Kirche – im Gegensatz zu den katholischen Kirchen in gemischt-konfessionellen Konstellationen – wenig Notwendigkeit sah, einen stärkeren intermediären Sektor wohlfahrtsstaatlicher Vereine und Verbände zu entwickeln (Fix/Fix 2005: 27). 7.2.3 Regulierung: Innere Autonomie statt Macht Die zunehmende Lösung des Staates von religiöser Bevormundung sowie seine Definition als neutral in Religions- und Konfessionsbelangen, verstärkte paradoxerweise die Rechte und Freiheiten kirchlicher Institutionen. Monarchen im konfessionellen Staat regierten häufig und gern in die innersten Belange der Kirche hinein und reklamierten für sich regelmäßig das Recht auf Bestimmung, oder zumindest Bestätigung geistlicher Amtsträger. So wachte das katholische Bayern streng auf die strikte Umsetzung des Konkordats von 1817, das die katholische Kirche dem Staat unterordnete: sogar die Hirtenbriefe der Bischöfe mussten staatlich genehmigt werden, der Briefwechsel mit Rom unterlag der behördlichen Kontrolle (Rémond 2000: 118). Der Freiraum der protestantischen Landeskirchen war noch geringer: die Monarchen, kraft Amt auch Oberhaupt der Landeskirche, regelten das kirchliche Leben bis ins Detail. So konnte zum Beispiel der preußische König noch 1817 den Zusammenschluss der lutherischen mit der reformierten Kirche zu einer unierten evangelischen Kirche anordnen, ihr eine Kirchenordnung verpassen und die Liturgie diktieren (Greschat 1997: 311-312). In den Niederlanden erließ der Monarch 1816 ebenfalls eine Kirchenordnung für die reformierte Kirche, Schweizer Bundesbehörden bestimmten über die Einrichtung neuer Diözesen. Konflikte entbrannten vor allem immer wieder an der Frage der Ernennung des geistlichen Personals – vom Landpfarrer bis zum Bischof. Im Ancien Régime war es Aufgabe des Monarchen, den Bischof zu ernennen. Dies galt sowohl in den katholischen Ländern wie Frankreich oder Spanien als auch in protestantischen Nationen, wo der Monarch zugleich Kirchenoberhaupt war. Selbst bei der Wahl des Papstes besaßen Österreich, Spanien und Frankreich das verbriefte Recht, gegen gewisse Kandidaten ein Veto einzulegen.201 „Nirgendwo in Europa waren die Kirchen mehr vollständig frei – weder in ihren Worten noch in ihren Taten. Deswegen trifft die Formel vom Bündnis zwischen Thron und Altar, mit der man ihre Beziehungen in dieser Epoche gewöhnlich bezeichnet, kaum zu, es sei denn sie wird als Präzisierung einer ungleichen Allianz zwischen den Staaten, die aus der Krise der Revolution gestärkt hervorgingen, und den durch die erlittenen Prüfungen geschwächten Kirchen verstanden“ (Rémond 2000: 120). 201 Noch im Jahr 1903 machte Österreich – erfolgreich – von diesem Recht Gebrauch (Rémond 2000: 96). 241 Den Kampf um die Unabhängigkeit bei der Bestellung ihres Personals haben die Kirchen gewonnen, allerdings um den Preis der zunehmenden politischen Bedeutungslosigkeit: „Der Prozeß der Wiedergewinnung der kirchlichen Freiheit verlief also parallel zu dem der Säkularisation“ (Rémond 2000: 96). Die vom Staat getrennte Kirche des 19. Jahrhunderts erhält nun eine hohe innere Autonomie und Privilegien wie zum Beispiel hinsichtlich der Freistellung aller Geistlichen vom Militärdienst, die Unterstellung (katholischer) Geistlicher allein unter kirchliche Jurisdiktion, aber auch die Frage der Steuerfreiheit kirchlicher Amtsträger und Institutionen. Seit die Kirche auf ihre Vormachtstellung verzichten musste, wacht sie über nichts aufmerksamer als über ihre Unabhängigkeit. Drei Grundprinzipien bestimmen das spezifisch westdeutsche Verhältnis: Neutralität, Toleranz und Parität (Robbers 1996: 60). Das Prinzip der Neutralität verbietet die Etablierung einer Staatskirche, sowie die staatliche Bevorzugung einer bestimmten Religionsgemeinschaft. Es bedeutet aber auch, dass religiöse Institutionen nicht gegenüber anderen säkularen Einrichtungen benachteiligt werden dürfen. Der deutsche Staat darf nicht atheistisch sein (Robbers 1996: 60). Schließlich beinhaltet die staatliche Neutralität auch das Gebot der Nichteinmischung in interne kirchliche Angelegenheiten. Kirchliche Angelegenheiten sind großzügig definiert und umfassen neben Fragen des Glaubens und der Lehre, Fragen des Kirchenpersonals, des Gottesdienstes, der Organisation karitativer Aktivitäten, des Datenschutzes, etc. (Robbers 1996: 62). Im Vergleich zu den skandinavischen Staatskirchen gibt es daher weder ein Ministerium für kirchliche Angelegenheiten, noch regieren staatliche Behörden in innere Angelegenheiten der Kirchen hinein.202 Toleranz bedeutet nicht nur die Verpflichtung des Staates zur Indifferenz gegenüber unterschiedlichen Religionsgemeinschaften, sondern auch, dass der Gesellschaft ermöglicht wird, ihre religiösen Bedürfnisse zu stillen. Parität schließlich verpflichtet zur Gleichbehandlung aller Konfessionen. Diese Mischung aus Privilegierung und Autonomie kategorisiert Robbers als einen Mittelweg zwischen staatskirchlichem System und einer strikten Trennung zwischen Staat und Kirche (1996: 60) – einem Koordinationssystem, welches Staat und Kirche (nach 1945) als grundsätzlich gleichwertige und eigenständige Gewalten deutete (Friederich 1995: 22). 203 In der DDR wurden formell alle Kontakte zwischen Staat und Kirche über das Sekretariat für Kirchenfragen, welches für die Richtlinien staatlicher Kirchenpolitik zuständig war, organisiert. In der Praxis kümmerte sich häufig das Zentralkomitee der SED um sämtliche Belange dieser Dienststelle (Hoffmann-Dieterich 1997: 140). Schon in den 1950er Jahren war diese Arbeitsgruppe für Kirchenfragen beim Zent- 202 Die hohe innere Autonomie der deutschen Kirchen geht zurück auf das Konkordat von 1933, welches der Papst mit Hitler aushandelte und die Freiheit der katholischen Kirche von staatlicher Einmischung garantierte. Die Gültigkeit dieser Regelung wurde 1957 vom Bundesverfassungsgericht bestätigt (Lamont 1989: 166). 203 Der Begriff der „hinkenden Trennungskirche“ beschreibt die weniger konsequente Trennung von Staat und Kirche in Deutschland im Vergleich z.B. zu Frankreich (Schluchter 2001: 23). 242 ralkomitee der SED, sowie eine kirchenpolitische Abteilung im Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) geschaffen worden. Entstanden war ein umfassender Apparat zur Planung, Kontrolle und Steuerung der Kirchen (Boyens 1996: 120). Regulierung in der DDR hatte somit eine ganz andere Bedeutung als in den westlichen Nachbarländern. Sie bedeutete nicht nur Kontrolle, sondern war auch ein Unterdrückungsmechanismus ersten Ranges. Ein zentraler Aspekt der Regulierung war daher auch die weitreichende Bespitzelung kirchlicher Amtsträger auf allen Ebenen, sowie die massive Benachteiligung von Menschen, die der Kirche die Treue hielten. Kindern christlicher Elternhäuser wurde die Aufnahme in die Oberschule verwehrt, junge Menschen, die aus religiösen Motiven den Dienst an der Waffe ablehnten, erhielten keine Zulassung zum Studium (Pollack 1994: 256). Strategie war auch die Kirche von innen zu spalten, indem sogenannte „fortschrittliche“ Kirchenvertreter gezielt für eigene politische Ziele instrumentalisiert wurden (Goerner 1997: 61ff., 281). Damit trug man einerseits Konflikte in die Kirche hinein, erhöhte andererseits die Kontrolle und Folgsamkeit der evangelischen Kirche. Die wichtigsten Zugeständnisse erreichten die DDR-Kirchen Dank eines „Spitzengesprächs“ 1978 zwischen Staatschef Honecker und Bischof Schönherr.204 Die Kirche erlangte einen höheren Grad an innerer Freiheit, musste dafür allerdings zugestehen, in Zukunft auf grundsätzliche politische Stellungsnahmen zu verzichten (Pollack 1994: 296). Der Staat versprach sich von seiner entgegenkommenden Haltung die Eindämmung der Gefahr, dass die Kirche zu einer „offenen, zornigen Opposition“ werden könne (Mau 1994: 68). Für die Autonomie der Kirchen in der DDR gilt allerdings grundsätzlich, dass die Kirche stets auf das Wohlwollen und Entgegenkommen des SED-Staates angewiesen blieb. Mit Hinweis auf Artikel 41,2 der DDR-Verfassung, der besagte, dass „Einrichtungen von Religionsgemeinschaften, religiöse Handlungen und der Religionsunterricht [...] nicht für verfassungswidrige oder parteipolitische Zwecke missbraucht werden“ dürfen (Goerner 1997: 60), ließen sich jederzeit Eingriffe in kirchliche Belange rechtfertigen. Die niederländischen calvinistischen und katholischen Kirchen gelten als juristische Person sui generis und unterliegen somit hinsichtlich ihrer Organisationsautonomie nicht den allgemeingültigen Bestimmungen des Zivilrechts (Potz 2003: 30). Der Aufbau und die Verwaltung kirchlicher Organisationen sind diesen selbst überlassen. Als Kirchen werden alle Organisationen gewertet, die eine „strukturierte Organisation“ besitzen und eine Form der Religion involvieren (van Bijsterveld 1996: 217). Es steht niederländischen Religionsgemeinschaften frei, ob sie sich als „Kirche“ konstituieren oder die Form des Vereins oder einer Stiftung wählen. In diesem zweiten Fall, der von nicht-christlichen Religionsgemeinschaften häufig bevorzugt wird, unterstehen sie aber den Bestimmungen des Zivilrechts (van Bijs- 204 Aus diesem Gespräch resultierte auch die für staatssozialistische Systeme ungewöhnliche Gewährung von Sendezeiten im staatlichen Fernseh- und Rundfunkwesen (Wolle 1998: 253- 255). 243 terveld 1996: 217). Das niederländische (wie das deutsche) System kennt – im Gegensatz zu den skandinavischen Systemen – keine staatliche, ministerielle oder bürokratische Zentralinstitution für Kirchenfragen. Dies ist ein logisches Produkt der inneren Autonomie der Kirchen sowie – in Deutschland – des Prinzips, das eine Gleichbehandlung kirchlicher Körperschaften mit säkularen Einrichtungen verlangt. Bis ins 19. Jahrhundert herrschte in der Schweiz ein striktes Staatskirchensystem und gerade in den reformierten Kantonen (zu denen Bern und das Waadt gehören) waren die calvinistischen Kirchen als „quasi Staatsämter“ in den Staatsapparat integriert (Cattacin et al. 2003: 14). Spuren dieses Systems sind bis heute unübersehbar, auch wenn es – teilweise von den Kirchen gewünscht – in vielen Kantonen zu einer gewissen Distanzierung zwischen Staat und Kirche gekommen ist. Die Schweizer Kirchen und Gläubigen sind in einer Art „dualen Systems“ in zwei verschiedene Körperschaften eingegliedert, einerseits die kirchliche Pfarrgemeinde (mit kanonischem Recht) und andererseits einer auf staatlichem Recht basierenden „Kirchgemeinde“ als öffentlich-rechtliche Gebietskörperschaft (Ries 2000: 359-360; Gut 1998: 534-535). Für die katholische Kirche im Kanton Bern gilt diese Aufwertung vom Kultusverein zur öffentlich-rechtlichen Kirchgemeinde seit 1971. Im Kanton Waadt mit Lausanne dagegen (sowie in den Kantonen Neuenburg und Genf) sind kirchliche Einrichtungen auf das Privatrecht verwiesen und so ist auch die katholische Kirche in der Regel als Verein konstituiert (Ries 2000: 362).205 Nur die reformierte Kirche des Kantons Waadt gilt als „institution nationale“ und wird als „unselbständige staatliche Anstalt“ geführt (Cattacin et al. 2003: 95). Da ihre Organisation ganz in der staatlichen Organisation aufgeht, besitzt die evangelisch-reformierte Kantonalkirche folglich auch keine eigene Rechtspersönlichkeit (Hafner 2001: 3). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden kantonale (staatliche) Aufsichts- und Leitungsgremien geschaffen, die zunächst konfessionell organisiert waren: katholische Mitglieder der Regierung übernahmen die Aufsichts- und Kontrollaufgaben für die katholischen Kirchgemeinden, während calvinistische Regierungsmitglieder ihrer Kirche vorstanden. Später gingen die Kompetenzen an vom Volk gewählte „Kirchenräte“ über, die als Leitungsbehörde kantonaler kirchlicher Körperschaften fungierten (Ries 2000: 362, 367). Hinzu kommen alle Elemente schweizerischer Direktdemokratie: Initiativrecht, obligatorisches und fakultatives Referendum, Petitionen, Interpellationen, etc. (Gut 1998: 540). Als Behörden, die nach den Mechanismen staatlicher Institutionen funktionieren, verwirklichen die Kirchgemeinden somit „das bürgerliche Ideal der Demokratie auf kirchlichem Gebiet (Ries 1998: 135). Damit besitzt das schweizerische System – ein „ekklesialer Sonderfall“ (Koch 1995: 118), eine „einzigartige“ verfassungsrechtliche Struktur (Odermatt 1987: 181) mit „partikulären Ausprägungen“ (Rauber 1995: 176) – eine gerade für die katholische Kirche außergewöhnliche demokratische Note (Nay 1998: 480). 205 Die neue Kantonsverfassung vom 22. September 2002 (inkraft ab April 2003) veränderte den rechtlichen Status der reformierten und katholischen Kirche, die nun beide gleichermaßen als öffentlich-rechtliche Körperschaften anerkannt werden, allerdings weiterhin ohne eigenes Besteuerungsrecht (Cattacin et al. 2003: 95). 244 „Das schweizerische Staatskirchenrecht gibt den Laien, den getauften und gefirmten Katholiken und Katholikinnen, das, was ihre eigene Kirche ihnen aus theologisch unhaltbaren Gründen vorenthält“ (Karrer 1991: 372). Dies kann man natürlich auch in einem anderen Lichte sehen. Ein „typisch helvetisches Sonderfall-Gefühl“ beschreibt Koch als die „Grundkrankheit“ einer katholischen Kirche, die „zu sehr schweizerische und zu wenig katholische Kirche ist“ (Koch 1995: 119). 206 Die lokale steuerbeziehende Kirchgemeinde handelt nach zivilem Recht: sie ist Eigentümerin der Kirchengebäude und Liegenschaften und Arbeitgeberin des kirchlichen Personals. Die „Landeskirchen“ (auf Kantonsebene), ebenfalls der Struktur nach staatlichen Einrichtungen nachempfunden, sind der „Synode“ verantwortlich. Die Geschäftsführung übernimmt eine von der Synode bzw. den Kirchenmitgliedern gewählte Behörde (Ries 2000: 368). Die Landeskirchen finanzieren u.a. Aufgaben im Bildungs- und Wohlfahrtsbereich, die über die einzelne Pfarrgemeinde hinausreichen. Das gesamte Finanzierungssystem beruht auf der „alten“ überlieferten staatskirchlichen Ordnung und „ist daher Änderungen der staatlichen Gesetzgebung und damit äußerer Einflussnahme direkt ausgesetzt“ (Ries 2000: 370). Überhaupt betonen schweizerische Kirchenrechtler die historische Verwurzelung des aktuellen Systems. Drei Prinzipien bestimmen das Staatskirchenrecht: „[...] dessen föderalistische Ausgestaltung, die weitgehende Orientierung an geschichtlich Gewachsenem und die vielerorts bleibende Nähe von Staat und Kirche“ (Friederich 1995: 26). In Spanien mit seiner langen Tradition des „Regalismo“ existiert eine dem Justizministerium angegliederte Verwaltungseinheit für religiöse Fragen. Staatskirchen im protestantischen Sinne konnten sich in katholischen Nationen aufgrund der doppelten Autoritätsstrukturen (König/Landesherr und Papst/Bischof) nicht entwickeln. Der Begriff des Regalismus beschreibt daher sämtliche Techniken, die absolute Monarchen entwickelt haben, um ihre nationale katholische Kirche zu beeinflussen (Ibán 1996: 94). Heute wird der katholischen Kirche allerdings weitreichende innere Autonomie zugestanden (in Belangen des Glaubens, des Gottesdienstes, der kanonischen Gerichtsbarkeit und des inneren Aufbaus). Auch ist das Recht des Staates, kirchliche Stellenbesetzungen zu kontrollieren, mit dem Franco-Regime zu Ende gefallen. Autonomie in inneren Belangen trifft im Prinzip auch auf alle anderen anerkannten Konfessionen zu, allerdings wird diesen keine juristische Freiheit im Sinne einer eigenständigen kanonischen Gerichtsbarkeit zuerkannt (Ibán 1996: 104). Für sie gelten die normalen Gesetze und Verfahrenswege. Der Kampf um Autonomie war vor allem ein Kampf der katholischen Kirche. Die protestantischen Kirchen, die als Staatskirchen von Eingriffen staatlicher Organe 206 Ähnlich wird aus konservativ-katholischer Sicht, welche die hierarchische Verfassung der Kirche als zentral betrachtet, die dem schweizerischen System inhärente „Tendenz zur langsamen Aushöhlung der episkopalen Struktur der Kirche“ kritisiert (z.B. Gut 1998: 549). Siehe auch die Kommentierung bei Bruhin (1995: 177-178). 245 eher stärker betroffen waren, verblieben auch im 19. Jahrhundert in ihrer Abhängigkeit, ohne dass dies größere Konflikte provozierte.207 Sie hatten sich mit einem für sie insgesamt sehr komfortablen System arrangiert. Die lutherische Kirche Dänemarks besitzt im Kanon europäischer Kirchen außergewöhnliche Zuständigkeiten, bezahlt dafür aber ihren Preis: keine eigene Zentralverwaltung oder nationale Leitungsebene. Anstellung, Besoldung, Verrentung der Priester und Kirchenangestellten folgen den allgemeinen Kriterien des dänischen Beamtentums, zuständig für Einstellung und Entlassung ist der Minister für kirchliche Angelegenheiten. Natürlich wird von den Kirchenbeamten Mitgliedschaft in der lutherischen Staatskirche erwartet (Dübeck 1996: 50). Dübeck bezeichnet den Charakter der lutherischen Kirche demnach als „zentrale Staatsagentur in Verwaltungsangelegenheiten“, ohne Organ mit rechtlicher Autonomie. Sie ist keine gesetzlich anerkannte Körperschaft und kann daher auch keine bindenden Verträge schließen (Dübeck 1996: 41). Die einzelnen Pfarreien sind ebenfalls als staatliche Verwaltungseinrichtungen organisiert (Potz 2003: 29). Die dänische lutherische Kirche wird im Namen der Königin vom Ministerium für kirchliche Angelegenheiten verwaltet, die Kirche betreffende Gesetze werden ganz normal vom dänischen Parlament beschlossen und für Streitfälle sind ordentliche Gerichte zuständig (Rémond 2000: 220).208 Im Gegensatz dazu sind die vielen kleinen Religionsgemeinschaften, die neben der Staatskirche existieren, unabhängige, selbst-regierte, private Einrichtungen, die ausschließlich von der Zahlungsmoral ihrer Mitglieder abhängig sind (Dübeck 1996: 42, 47). Hauptgrund für die vielen Schismen innerhalb der schottischen Staatskirche waren selten theologische Zwiste sondern Verhältnis zwischen Staat und Kirche und die Frage, inwieweit es Zivilbehörden und Landbesitzern zu gestatten sei, in die inneren kirchlichen Angelegenheiten hineinzuregieren bzw. ob sich das Kirchenpersonal zur Loyalität gegenüber staatlichen Behörden verpflichten muss (Devine 1999: 89). 1921 wurde das Verhältnis Staat-Kirche endgültig geklärt, und der Kirche spirituelle Unabhängigkeit und Freiheit von Staatskontrolle garantiert. 1929 haben sich folgerichtig die beiden großen Konkurrenten wieder zu einer Church of Scotland vereinigt, da das Thema, das zur ursprünglichen Spaltung geführt hatte, nicht länger akut war. Der staatskirchliche Charakter der schottischen Kirk wird heute durch nicht viel mehr getragen, als durch die Tatsache, dass die britische Königin qua Amt ihr privi- 207 Auch im skandinavischen Kontext scheint sich neuerdings die Entflechtung zwischen Staat und Kirche anzubahnen. Seit 1997 werden in Schweden nicht mehr alle Neugeborenen automatisch ins Taufregister der Lutherischen Kirche eingetragen, und im gleichen Jahr hat Finnland beschlossen, die Trennung durchzuführen. Seitdem ist die Kirche für die Verwaltung ihrer Bistümer selbst zuständig (Rémond 2000: 245). 208 Da sie aufgrund ihrer Staatsnähe als befangen gilt, wird es ungern gesehen, wenn die dänische Folk Kirche, sich zu politischen Angelegenheiten äußert. Fast einstimmig wünschen die dänischen Bürger, dass die Kirche die Einmischung in Regierungsangelegenheiten und die Beeinflussung der Wähler unterlässt (de Hart/Dekker 2005: 174; Halman/Pettersson 2003: 314-315). Tut sie es dennoch, ist ihr Kritik von allen Seiten gewiss (Gustafsson 1989: 59). Ähnliches gilt übrigens auch für die dänische Kirche: offene politische Äußerungen, die über Themen wie Rassismus und Flüchtlingsproblematik hinausgehen, führen zu vehementen antikirchlichen Reaktionen in großen Teilen der Öffentlichkeit, aber auch seitens aktiver Christen (Bruhin 1998: 595). 246 legiertes Mitglied ist. Vor den jüngsten britischen Dezentralisierungsmaßnahmen (devolution) und der damit einhergehenden Einrichtung eines schottischen Parlamentes, galt die jährliche Generalversammlung der Church of Scotland, unter Anwesenheit der Königin (bzw. einem Lord High Commissioner in ihrer Vertretung), als „major expression of national feeling“ (McClean 1996: 311). Die Verfassung eines neuen Kanon der anglikanischen Kirche bedarf noch heute königlicher Zustimmung, von der Kirchensynode beschlossene „Maßnahmen“ besitzen Gesetzescharakter und bedürfen der Zustimmung des britischen Parlamentes (Potz 2003: 28). Im schottischen Fall hat das Parlament auf seine Kontrollrechte allerdings bereits Anfang des 20. Jahrhunderts explizit verzichtet. „Established yet free“ ist daher die bevorzugte Selbstbeschreibung der Kirk (Davie 1994: 17). 7.3 Staat und Kirche in Europa: Messung und erste Ergebnisse Tabelle 3 fasst die oben diskutierten staatskirchenrechtlichen Regelungen und Mechanismen zusammen, welche die zentralen Aspekte des Staat-Kirchen Verhältnisses berühren. Für alle diskutierten Maßnahmen gilt, dass sie nur dann als Mechanismus der Privilegierung, Regulierung oder Subventionierung gerechnet werden, wenn sie ausschließlich einer oder wenigen Religionen zugute kommen, während andere Religionsgemeinschaften von ihrem Genuss ausgeschlossen bleiben. Die jeweils auf ein Land zutreffenden Mechanismen werden addiert und so pro Land und pro Dimension ein Indexwert berechnet. Auf eine Gewichtung einzelner Faktoren, wie dies z.B. Pollack (2003: 445) praktizierte, wird bewusst verzichtet. Einerseits spiegeln alle in diese Indizes einfließenden Mechanismen und Regelungen historisch signifikante Konflikte wider. Marginalien, von den betroffenen Akteuren als irrelevant betrachtete Regelungen, sind somit von vorneherein aus der Indizierung ausgeschlossen. Andererseits würde eine wie auch immer geartete Gewichtung der theoretischen Beliebigkeit Tür und Tor öffnen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Aus Sicht der rational choice Schule müsste man die Frage, ob der Klerus staatsfinanziert ist oder nicht, höher gewichten als Privilegien im Wohlfahrts- und Bildungsbereich, die in diesem Ansatz gar nicht thematisiert werden. Aus der Perspektive der Säkularisierungstheorie wäre das Ergebnis umgekehrt: hier führen vor allem solche Wohlfahrts- und Bildungsprivilegien zur „Sichtbarkeit“ der Religion, während die Quellen kirchlicher Finanzierung keine vorrangige, also niedriger zu gewichtende, Rolle spielen. Um mit den Mustern staatlicher Privilegierung zu beginnen: Wenig überraschend ist die Schlussposition der Kirchen in Ostdeutschland. Obwohl die DDR gerade die lutherische Kirche in vielerlei Weise nicht nur unterdrückte, sondern auch hofierte und ihr im kommunistischen Systemvergleich weitgehende Rechte und Privilegien überließ, sind diese Vorrechte oft symbolischer (z.B. offizielles Lutherjahr 1983) oder negativer (z.B. sie wurden nicht enteignet; ihre Wohltätigkeitsorganisationen wurden nicht verboten) Natur und entsprechen nicht den „harten“, einklagbaren

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.