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Sigrid Roßteutscher, Spanien: beschleunigte Modernisierung in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 207 - 208

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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207 Nationalfonds (Dubach/Campiche 1993) zeigt eine weit verbreitete „Privatisierung“ oder Individualisierung von Religion in der schweizerischen Gesellschaft: religiöse Vorstellungen und Praxis variieren stark und sind sehr wenig von den kirchlichen Institutionen und Dogmen geprägt. Manche, gerade kirchliche Kommentatoren, schreibt Kramer, haben die Ergebnisse der Studie ausschließlich als Zeichen von Krise und Verfall interpretiert und verlangen eine Gegensteuerung durch klarere Verbindlichkeiten, mehr Disziplin und eindeutigere kirchliche Führung (Kramer 1998: 622). Doch noch immer ist ein hoher Prozentsatz der Schweizer kirchlich gebunden – auf Bundesebene waren dies um 1990 86 Prozent der Einwohner (Dubach 1995: 133), Nach der jüngsten Volkszählung aus dem Jahr 2000 gaben nur circa zwölf Prozent explizit an, keiner Religionsgemeinschaft anzugehören, über vier Prozent machten keine Angabe (Bovay/Broquet 2004: 53-55). Allerdings ist unter den 16 bis 25jährigen die Austrittsneigung sehr ausgeprägt. Immerhin ein Drittel kann sich vorstellen, in absehbarer Zeit die Kirchen zu verlassen – ein Austritt mit doppelten Folgen, weil die einmal Ausgetreten in der Regel auch ihre Kinder nicht mehr taufen lassen (Dubach 1995: 136). In der Schweiz sind wie in Deutschland die reformierten Kirchen größerem Schwund ausgesetzt als die katholische Kirche. Nur ein einziger Kanton, Bern, ist heute noch protestantisch dominiert, während sich 1970 noch in zehn Kantonen mehr als die Hälfte der Bevölkerung zum Protestantismus bekannte (Bovay/Broquet 2004: 17). 6.4.4 Spanien: beschleunigte Modernisierung Lange war Spanien die katholische Nation „par excellence“ (Montero/Calvo 2000: 119). Noch sind über 90 Prozent der spanischen Bevölkerung katholisch getauft (Ibán 1996: 93) und fast alle Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen werden römisch-katholisch durchgeführt (Manuel 2002: 73). Doch hinter dieser Konstanz verbirgt sich ein dramatischer Kollaps religiöser Praxis. Laut Daten des World Values Survey besuchten im Jahr 1981 noch 53 Prozent der Spanier regelmäßig die Kirche, 1991 waren es nur noch 37 Prozent (Bruce 1999: 113). Ähnliche Zahlen berichten Jagodzinski und Dobbelaere für einen Vergleich von 1981 mit 1990 (1993: 78). Für 1999 ergibt die European Values Study, dass 36 Prozent der Spanier mindestens einmal im Monat den Gottesdienst besuchen (Lambert 2003: 70). Wenn die Datenbasis vergleichbar ist, hieße dies, dass der Abwärtstrend Anfang der 1990er Jahre deutlich an Schwung verlor. Allerdings öffnet sich ein Graben zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung: auf dem Land liegt der Anteil der häufigen Kirchgänger bei 60 Prozent, in den urbanen Zentren bei gerade 20 Prozent (Clark 1990, zitiert nach Manuel 2002: 73). Zudem tut sich – wie in anderen westeuropäischen Ländern – ein eklatanter Generationsunterschied auf (Davie 2000: 28). Allerdings ist in keinem anderen westlichen Land ist ein so drastischer Rückgang der Kirchlichkeit in nur einem Jahrzehnt zu beobachten. Davie erklärt diese radikale Entwicklung mit Spaniens Fall als „artificially delayed and therefore speeded-up version of modernity“ (Davie 2000: 28). Das Ende des Franco-Regimes und die fehlende Demokratisierung und Modernisierung Spaniens erforderte eine neue Rolle 208 für die quasi-Staatskirche, die sich veränderten Rahmenbedingungen zu stellen hatte. Nicht nur musste die katholische Kirche den Grundsatz der Religionsfreiheit akzeptieren und sich somit – zumindest im Prinzip – der nicht länger illegalen Konkurrenz alternativer Angebote stellen. Auch verlor sie mit der Diktatur, die noch einmal eine enge Symbiose zwischen Nation, Staat und Katholizismus geschaffen hatte, entscheidenden Zugriff auf viele Bereiche weltlicher Macht (vgl. Kapitel 5). Daher: „[...] the Catholic Church has declined at a time when state support has been reduced and very few of those leaving the Church have joined any of the many but still very small alternatives“ (Bruce 1999: 113). Oder, wie Ibán formuliert, der Niedergang praktizierender Katholiken füllt die Kategorie der Indifferenten und kommt anderen Religionsgemeinschaften nicht zugute. Die katholische Kirche, historisch eine Monopolkirche, ist auch heute noch „the only religious organisation with strong roots in society“ (Ibán 1996: 93) – allerdings mit sinkender Relevanz im Alltagsleben. Die mit 54 Prozent Abstand größte Bevölkerungsgruppe Spaniens stellt heute die Kategorie der rein nominellen Katholiken – Katholiken, die zwar (noch) nicht aus der Kirche ausgetreten sind, aber ihren Glauben nur noch selten, wenn überhaupt, praktizieren (Montero/Calvo 2000: 127). 6.4.5 Schottland: die leere Staatskirche Die presbyterischen Kirchen beschäftigten 1900 noch 3600 Priester. Im Jahr 1990 waren es nur noch 1450, obwohl die Bevölkerung während dieser Zeit von 4,5 auf fünf Millionen anstieg (Bruce 1999: 68). 1876 heirateten noch 99 Prozent der Schotten kirchlich, 1990 nur noch 57 Prozent (Rose 1993, zitiert nach Bruce 1999: 71). Dies entspricht einer Verringerung um 36 Prozent. Für fast die Hälfte dieses Schwunds ist allein die kurze Periode der 1960er Jahre verantwortlich (Brown 2003: 31). Mitte der 1990er Jahre vermeldete die Church of Scotland gerade noch 770 000 Mitglieder (McClean 1996: 309) – ein Anteil von 15 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Der Kollaps kam auch hier mit den 1960ern, um sich in den 1980er und 1990er Jahren noch einmal dramatisch zu beschleunigen (Brown 2001: 48): „Britain in the 1960s experienced more secularization than in all the preceding four centuries put together. Never before had all of the numerical indicators of popular religiosity fallen simultaneously, and never before had their declension been so steep“ (Brown 2003: 29). So war auch im Schottland des Jahres 1956 das Niveau der Kirchenmitgliedschaft kaum geringer als 1905, zum Höhepunkt der schottischen Kirchlichkeit. Noch 1961 bezeichneten sich 67 Prozent der Schotten als zumindest „nominelle Mitglieder“ der Kirk (Haynes 1998: 66). Die Rolle der Kirche heute ist folgerichtig eine gänzlich andere: „The Church of Scotland may still be the established national church, but it is no longer the church of the nation” (Massie 1999, zitiert nach Brown 2001: 48). In der Tat hat sich seit 1955 die Mitgliedschaft in der Church of Scotland halbiert. Falls der Schwund im selben Tempo anhält, so eine düstere Prognose, wird die Kirk irgendwann zwischen 2033 und 2047 nicht länger existieren (Brown 2001: 49). Schon jetzt ist die britische Gesellschaft eine „unchurched society“ (Davie 1994: 145).

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.