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Sigrid Roßteutscher, Schweiz: Integrationsverluste auf hohem Niveau in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 206 - 207

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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206 6.4.3 Schweiz: Integrationsverluste auf hohem Niveau Seit der Reformation stellten die Protestanten die deutliche Mehrheit der Schweizer. Aufgrund geringerer Geburtenraten und zunehmender Immigration vor allem im 20. Jahrhundert, hat sich das konfessionelle Gleichgewicht deutlich zu Gunsten der Katholiken verschoben. Während 1860 noch 59 Prozent der schweizerischen Bevölkerung calvinistischen Glaubens war (und 40 Prozent katholisch), stieg 100 Jahre später der Anteil der Katholiken auf 45 Prozent, wohingegen Protestanten nur noch eine knappe Mehrheit von 53 Prozent stellen (Campiche 1972: 513). Noch allerdings waren die Schweizer religiös orientiert. Eine Studie für das Lausanne der 1960er Jahre ergab, dass 99 Prozent aller Bürger getauft waren, 96 Prozent an der Konfirmation bzw. Kommunion teilgenommen hatten und 91 Prozent aller Ehen in der Kirche geschlossen wurden (Campiche 1972: 515). Befragungen zur alltäglichen Involvierung haben allerdings schon damals ein weniger rosiges – aber konfessionsspezifisches – Bild ergeben. So besuchten von den staatskirchlich gebundenen Calvinisten nur drei Prozent regelmäßig den sonntäglichen Gottesdienst, aber 30 Prozent der Katholiken und sogar 56 Prozent der freikirchlich Organisierten (Campiche 1972: 517).161 Campiches Untersuchung beruht auf einer Bevölkerungsumfrage, die in einem Sektor der Stadt Lausanne durchgeführt wurde. Berechnet man auf dieser Basis die konfessionelle Zugehörigkeit der Lausanner, so ergibt sich für 1965, dass damals 56 Prozent der Bevölkerung Mitglied der calvinistischen Kirche waren, 39 Prozent der katholischen Kirche und fünf Prozent einer protestantischen Freikirche angehörten. Die Unterschiede zur heutigen Situation sind frappant: der Anteil der Katholiken an der Stadtbevölkerung ist mit 38 Prozent mehr oder weniger konstant geblieben, der Anteil der Protestanten (Staatskirche und Freikirchen gemeinsam) ist dagegen von 61 auf 29 Prozent geschrumpft: ein Verlust von 32 Prozent in knapp 40 Jahren! Die Konfessionslosen, die 1965 kaum einen Prozent der Bevölkerung ausmachten, sind heute mit 22 Prozent fast so stark vertreten wie die Protestanten.162 Auch für Bern lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Vor allem einwanderungsbedingt (zunächst aus katholischen Kantonen, später vor allem aus Italien und Spanien) ist der Katholikenanteil im 20 Jahrhundert sprunghaft angestiegen: von fünf Prozent im Jahr 1860 auf 20 Prozent in den 1960er Jahren bis zu 27 Prozent im Jahr 1990 (Gächter 1999: 109). Allerdings hat sich – wie in den Niederlanden – die katholische Subgesellschaft, „welche dem einzelnen einen weitgehend katholisch geprägten gesellschaftlichen Rahmen bot“, beinahe vollständig aufgelöst (Cavelti 1995: 207). Eine Studie des 161 Ebenso zeigte sich, dass zwar 83 Prozent der Mitglieder Lausanner Freikirchen „regelmäßig“ die Bibel lesen, aber nur 18 Prozent der staatskirchlich Gebundenen und 5 Prozent der Katholiken (Campiche 1972: 518). 162 Dieser Vergleich gilt nur unter der Bedingung, dass a) die Daten der 1965er Bevölkerungsumfrage tatsächlich repräsentativ sind; und b) der Sektor Sévelin-Lausanne, Basis der 1965er Befragung, in seiner konfessionellen Zusammensetzung Gesamt-Lausanne ähnelt. 207 Nationalfonds (Dubach/Campiche 1993) zeigt eine weit verbreitete „Privatisierung“ oder Individualisierung von Religion in der schweizerischen Gesellschaft: religiöse Vorstellungen und Praxis variieren stark und sind sehr wenig von den kirchlichen Institutionen und Dogmen geprägt. Manche, gerade kirchliche Kommentatoren, schreibt Kramer, haben die Ergebnisse der Studie ausschließlich als Zeichen von Krise und Verfall interpretiert und verlangen eine Gegensteuerung durch klarere Verbindlichkeiten, mehr Disziplin und eindeutigere kirchliche Führung (Kramer 1998: 622). Doch noch immer ist ein hoher Prozentsatz der Schweizer kirchlich gebunden – auf Bundesebene waren dies um 1990 86 Prozent der Einwohner (Dubach 1995: 133), Nach der jüngsten Volkszählung aus dem Jahr 2000 gaben nur circa zwölf Prozent explizit an, keiner Religionsgemeinschaft anzugehören, über vier Prozent machten keine Angabe (Bovay/Broquet 2004: 53-55). Allerdings ist unter den 16 bis 25jährigen die Austrittsneigung sehr ausgeprägt. Immerhin ein Drittel kann sich vorstellen, in absehbarer Zeit die Kirchen zu verlassen – ein Austritt mit doppelten Folgen, weil die einmal Ausgetreten in der Regel auch ihre Kinder nicht mehr taufen lassen (Dubach 1995: 136). In der Schweiz sind wie in Deutschland die reformierten Kirchen größerem Schwund ausgesetzt als die katholische Kirche. Nur ein einziger Kanton, Bern, ist heute noch protestantisch dominiert, während sich 1970 noch in zehn Kantonen mehr als die Hälfte der Bevölkerung zum Protestantismus bekannte (Bovay/Broquet 2004: 17). 6.4.4 Spanien: beschleunigte Modernisierung Lange war Spanien die katholische Nation „par excellence“ (Montero/Calvo 2000: 119). Noch sind über 90 Prozent der spanischen Bevölkerung katholisch getauft (Ibán 1996: 93) und fast alle Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen werden römisch-katholisch durchgeführt (Manuel 2002: 73). Doch hinter dieser Konstanz verbirgt sich ein dramatischer Kollaps religiöser Praxis. Laut Daten des World Values Survey besuchten im Jahr 1981 noch 53 Prozent der Spanier regelmäßig die Kirche, 1991 waren es nur noch 37 Prozent (Bruce 1999: 113). Ähnliche Zahlen berichten Jagodzinski und Dobbelaere für einen Vergleich von 1981 mit 1990 (1993: 78). Für 1999 ergibt die European Values Study, dass 36 Prozent der Spanier mindestens einmal im Monat den Gottesdienst besuchen (Lambert 2003: 70). Wenn die Datenbasis vergleichbar ist, hieße dies, dass der Abwärtstrend Anfang der 1990er Jahre deutlich an Schwung verlor. Allerdings öffnet sich ein Graben zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung: auf dem Land liegt der Anteil der häufigen Kirchgänger bei 60 Prozent, in den urbanen Zentren bei gerade 20 Prozent (Clark 1990, zitiert nach Manuel 2002: 73). Zudem tut sich – wie in anderen westeuropäischen Ländern – ein eklatanter Generationsunterschied auf (Davie 2000: 28). Allerdings ist in keinem anderen westlichen Land ist ein so drastischer Rückgang der Kirchlichkeit in nur einem Jahrzehnt zu beobachten. Davie erklärt diese radikale Entwicklung mit Spaniens Fall als „artificially delayed and therefore speeded-up version of modernity“ (Davie 2000: 28). Das Ende des Franco-Regimes und die fehlende Demokratisierung und Modernisierung Spaniens erforderte eine neue Rolle

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.