Content

Sigrid Roßteutscher, Re-Konfessionalisierung in protestantischen Staaten in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 192 - 193

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

Bibliographic information
192 6.2.2 Re-Konfessionalisierung in protestantischen Staaten In Großbritannien erlebten unterschiedliche dissenter Bewegungen eine enorme Blüte und umfassten unter der Führung der Methodisten schließlich ein Fünftel der englischen Bevölkerung, die gegen die Stellung der Staatskirche protestierten und letztendlich ihre Entstaatlichung verlangten (Gadille 1997b: 221-223). Schottland war von der Radikalisierung im besonderen Maße betroffen, bedeutete sie doch das Ende der alten Staatskirche (vgl. Kapitel 5). Schon 1820 waren 38 Prozent der schottischen Bevölkerung Mitglieder einer dissenting church oder römischkatholisch (Devine 1999: 90). Die Stimmung radikalisierte sich auch unter dem Eindruck massiver Einwanderung ärmerer Arbeiterschichten aus dem katholischen Irland in den 1830er Jahren: „... Protestant antagonism to this influx was able to disguise itself as concern for law and order“ (Mitchison 2002: 381). Die Erweckungsbewegungen hielten sich an einen extremen Calvinismus, der die absolute Priorität in der Rettung der Seele sah und individuelle Schicksale als direkten Ausdruck von Gottes Willen verstand. Wie anderenorts führte der Kirchenkampf zu einer Revitalisierung von Religion und Konfession. Zwischen 1830 und 1914 verdoppelte sich die Kirchenmitgliedschaft (Brown 1997). Gerade der (bereits tot geglaubten) katholischen Kirche war es gelungen, viele Anhänger aus der Gruppe der ehemals kirchenungebundenen unteren Schichten zu gewinnen. Irische Einwanderer, die häufig die ärmsten Schichten der ungelernten Arbeiter stellten, verbanden sich mit der katholischen Kirche auf der Suche nach einem Stück heimatlicher Identität in einem fremden Land. Allein in Glasgow ist die katholische Gemeinde in den letzten dreißig Jahren des 19. Jahrhunderts um über 100.000 Gläubige gewachsen.143 Ebenso gelang es der im 18. und 19. Jahrhundert in die Bedeutungslosigkeit versunkenen episkopalischen Kirche ihre Mitgliederzahl bis 1914 zu verdreifachen (Devine 1999: 378-379). Aber auch das calvinistische Milieu wurde durch den Erfolg der evangelischen Erweckungsbewegungen revitalisiert. „It was the spiritual source of the endless stream of Sunday schools, mission societies, benevolent societies, Bible classes and prayer groups that enveloped urban Scotland in the nineteenth century“ (Devine 1999: 370). Der missionarische Eifer unterschiedlichster Erweckungsbewegungen wurde von Thomas Chalmers in kohärentere Bahnen gelenkt. Seine Ideale beruhten auf der Vorstellung eines „godly commonwealth“, in dem es keine Trennung von Staat und Kirche gibt, sondern beide eine heilige Allianz eingehen, um eine gottgefällige Gesellschaft zu bauen. Ganz im Sinne älterer calvinischter Traditionen, sah auch Chalmers Armut als ein Resultat individuellen moralischen Fehlverhaltens. Aufgabe 143 Die katholischen Hochburgen waren nun in den städtischen Einwanderungsgebieten des industrialisierten Westens, wohingegen traditionell katholische Gebiete seit der Reformation in Aberdeenshire, Banffshire und „some districts of Inverness-shire“ lagen (Devine 1999: 379). 193 des Gläubigen war es daher, den „Armen“ aus diesem Zustand der Immoralität zu „erwecken“. Die Ideale der Evangelicals waren vor allem für die schottische wohlhabendere Mittelschicht attraktiv. Zum einen entsprachen sie in ihrer Ablehnung von Gewerkschaften, Demokratie und staatlichen Wohlfahrtsmaßnahmen ihren politischen und ökonomischen Interessen (Cheyne 1983: 118), andererseits konnten sie sich über philanthropische Aktivitäten direkt am Aufbau Gottes Reiches beteiligen. „The work of volunteers, and more especially of the growing army of ‚home missionaries’ from the 1840s onwards was publicised for middle class sponsors, affirming bourgeois values and separateness through the power of mission work to improve society“ (Brown 1997: 107). Volkstümliche Erweckungsbewegungen kennzeichneten auch die religiösen Strömungen Dänemarks und Nordeuropas im 19. Jahrhundert. Sie waren lutherisch orthodox geprägt, mit pietistischem Farbtupfer gesprenkelt (Österlin 1995: 153): „Ihr Einfluß prägte eine ganze Generation von Geistlichen, die mit der Aufklärung gebrochen hatte und aufs Neue die Bibel und die Traditionen des 17. Jh. entdeckte“ (Chanel 1997: 245). Auf individueller Frömmigkeit basierend, sahen sie ihr Ziel vornehmlich in der Verbreitung religiöser Schriften und der Bibel, betätigten sich erst in der Auslandsmissionierung und später – nach englischem und deutschem Beispiel - in der Inneren Mission, der Re-Evangelisierung einer in ihren Augen areligiösen Bevölkerung. „The emphasis shifted to the desirability of a personal experience of salvation, and so the necessity of a personal, spiritual breakthrough, leading to a new way of life and the rejection of this world with all its vanity, became mandatory“ (Österlin 1995: 154). Als Laienbewegungen, die sich vielerorts basisdemokratisch organisierten, standen sie in einem scharfen Gegensatz zu den hierarchischen Staatskirchen (Chanel 1997: 246). Oder, wie Österlin schreibt, die Identität und Lebensweise der Nationalkirche „was under serious threat“ (Österlin 1995: 153). Die Kirchenhierarchie (und damit der Staat) reagierte, indem sie Pietisten zunächst öffentliche Versammlungen untersagte. Eine zweite dänische Variante der Erweckungsbewegung, der nach seinem Gründer benannte Grundtvigianismus, breitete sich aber rasch innerhalb der wohlhabenden, politisch aufstrebenden Landbevölkerung aus, „der sich damit die Möglichkeit eröffnete, ihre geistliche Reife gegenüber Klerus und städtischen Eliten unter Beweis zu stellen“ (Chanel 1997: 250). Der Grundtvigianismus wurde Dänemarks erfolgreichste Volksbewegung, ihre Attraktion lässt sich allein mit der der Arbeiterbewegung vergleichen (Kaspersen 2002: 9). Von der Romantik inspiriert, suchte sie eine Wiederentdeckung der Bibel in „old-fashioned Lutheran piety“, gekoppelt mit Elementen nordischer Mystik und alter isländischer Literatur (Österlin 1995: 174). 6.3 Ein letzter Konfessionskonflikt? Wenn sich die Wiederbelebungs- und Erweckungsbewegungen katholischer und protestantischer Richtungen auch primär als eine Reaktion auf staatlichen Machtver-

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.