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Sigrid Roßteutscher, Orthodoxie gegen Verweltlichung: Vereinsbildung in protestantischen Staaten in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 184 - 186

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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184 der Hl. Schrift nachgeordnet“ (Greschat 1997: 321). Aus der hegemonialen Position des Protestantismus in allen drei gemischt konfessionellen Gesellschaften, sowie seiner inneren Spaltung, ergibt sich schließlich die Frage, ob der Protestantismus je ein dem Katholizismus vergleichbares Milieu hervorbrachte (kritisch z.B. Friedrich 2002: 104-110). Das Bild einer protestantischen Konfession, erst recht eines protestantischen Milieus wird daher von vielen Autoren bestritten. Der Protestantismus ist vielgesichtig: konservative oder orthodoxe Elemente stehen gegen einen liberalen und staatsnahen Flügel (Nipperdey 1994: 423). Andere sprechen sogar von der „Spaltung des Protestantismus“ oder einem „innerprotestantischen Kulturkampf“ (Graf 1993; Hübinger 1994: 309); eine „bloße Gegenüberstellung“ von Protestantismus und Katholizismus greift „in jedem Fall“ zu kurz (Friedrich 2002: 101). Dieser Einwand macht auch aufgrund älterer milieusoziologischer Untersuchungen von Lepsius Sinn: schon 1966 unterschied er für Deutschland ein seit der Kulturkampfzeit zusammengeschweißtes katholisches Milieu von drei weiteren „sozialmoralischen Milieus“, die allesamt auf verschiedenste Weise protestantisch geprägt sind: ein ländlich-konservativ-protestantisches Milieu, ein – wenig geschlossenes – städtisch-bürgerlich-protestantisches Milieu und schließlich ein sozialdemokratisches Milieu, das sich hauptsächlich aus areligiösen oder dissidenten Protestanten zusammensetzt (Lepsius 1993: 41, 47-49). Auch in den Niederlanden ist der Säulen- oder Milieucharakter des Protestantismus nicht unumstritten, gerade im Vergleich zum hohen Niveau der „sozialen Apartheid“ innerhalb der katholischen Säule (Andeweg und Irwin 2002: 23). Der katholischen Säule am ähnlichsten war die Milieuorganisation der Gereformeerden; es folgten die Sozialdemokraten, gefolgt von der loseren Struktur der ehemaligen „öffentlichen“ Religion der Hervormden, während die sogenannten liberale Säule, eher eine Restkategorie bildete, die alle Menschen aufnahm, die nicht in diese Säulenstruktur passten oder passen wollten (Andeweg/Irwin 2002: 25). Misst man den Grad der Versäulung mit Lijpharts Kriterienkatalog,139 so erreicht nur die katholische Säule Spitzenwerte auf allen Indikatoren. Nicht nur ist die calvinistische Säule weniger stringent organisiert, sie ist zudem – wie in Deutschland – in mindestens zwei Subsäulen oder -milieus gespalten. 6.1.2 Orthodoxie gegen Verweltlichung: Vereinsbildung in protestantischen Staaten Ähnliche religiöse Sub-Gesellschaften konnten (und mussten) sich in den Ländern protestantischer Staatskirchen auf Grund des eher harmonischen und arbeitsteiligen Verhältnisses zwischen Kirche und Staat natürlich nicht bilden. Dennoch kam es zu prinzipiell ähnlichen Entwicklungen. Proteste kamen vor allem aus den Reihen so- 139 Lijphart (1968) nennt fünf Kriterien: 1) Die Rolle von Ideologie/Religion innerhalb der Säule, 2) Größe und Dichte des organisatorischen Netzwerkes, 3) die Geschlossenheit des organisatorischen Netzwerkes, 4) das Maß sozialer Apartheid, also Grad des säulensprengenden Sozialverhaltens und 5) das Ausmaß mit dem Milieuverhalten und Loyalität durch subkulturelle Eliten gefördert wird. 185 genannter Dissidenten-Bewegungen und moralisch-evangelikaler Parteien, die wie in Dänemark und den anderen skandinavischen Nationen erfolgreich die Massen mobilisierten, um gegen den „von Toleranz geprägten Pragmatismus der etablierten lutherischen Kirche“ zu opponieren (Rokkan 2000: 347). So führte die religiöse Erweckung zum Aufbau eines vor allem ländlichen Vereins- und Kooperationswesens. Die evangelischen Freikirchen, in der Regel als private Einrichtungen organisiert, manchmal aber auch in Verknüpfung mit der Staatskirche agierend, haben das christliche Leben in Dänemark befruchtet, indem unzählige Wohlfahrtsorganisationen, Schulen und christlich geprägte kommerzielle Einrichtungen im ganzen Land entstanden (Dübeck 1996: 47; Kaspersen 2002: 10). Sie gründeten Missionshäuser in allen Landesteilen, beriefen mehr als 100 Laienpriester und eröffneten Sonntagsschulen, aus denen sich Jugendgruppen, Pfadfinder und YMCA-Gruppierungen entwickelten (Dübeck 1996: 46). Auch in Schottland waren Wohlfahrts- und Bildungssystem im 19. Jahrhundert verstaatlicht worden, doch wurden die Mitglieder in diesen neuen „säkularen“ Institutionen lokal gewählt und so eine Vielzahl der Ämter durch Kirchenmänner und Laien besetzt. Hier war zumindest auf der personellen Ebene große Kontinuität feststellbar: „Poor relief and education remained areas widely perceived as in the domain of the churches, and there was a very strong continuity in personnel – and types of personnel – between the eras of Kirk control and supposedly „secular” control” (Brown 2001: 59). Ergebnis war eine bisher unbekannte Fusion ziviler Politik mit christlichcalvinistischem Ethos: „Much Victorian social policy after 1850 was driven by a religious vision which equated social improvement with moral improvement and placed particular emphasis on the values of hard work, self-help, thrift and temperance“ (Devine 1999: 365-366). Die Vereinsbildung in Schottland war weniger als in anderen Ländern eine Reaktion auf die „Verstaatlichung“ kirchlicher Kernaktivitäten oder Machtverluste angesichts eines expandierenden Staates, da es der Kirche gelungen war, die säkularen Einrichtungen zu übernehmen und ihnen ihren Stempel aufzudrücken. Die entstehenden Vereine reflektierten eher zeitgenössische Tendenzen im sozialen Leben: Das 19. Jahrhundert sah die Entstehung eines neuen Freizeitmarktes: Kinos, Fußballarenen und Tanzhallen entstanden in ganz Schottland. Die Kirche reagierte mit Alternativangeboten und es kam zu einem Gründungsboom kirchlicher und religiöser Vereine, die das steigende Freizeitbedürfnis der Gläubigen bedienten und Fußball, Schwimmen, Tanzen, Exkursionen, Konzerte und dergleichen mit (verbindlichen) Gebetsrunden verbanden. Daher hatte selbst Ende des 19. Jahrhunderts die zeitgenössische Populärkultur ein „persistent religious flavour“ (Devine 1999: 366). Devine nennt als Beispiel ein kleineres Städtchen (Motherwell in Lanarshire), das nur ein öffentliches Gebäude besaß, ein 1887 erbautes Rathaus, und dessen Stadtbibliothek erst 1904 eröffnet wurde. Zeitgleich dagegen fanden sich elf Kirchen, eine ganze Reihe Kirchenchöre, Männervereine, Boys’ Brigades, Frauengilden, Abstinenzler-Assoziationen und ein Bildungsinstitut für christliche junge Männer (Devine 1999: 369). 186 6.2 Die Re-Konfessionalisierung der Gesellschaft Die Phase der Vereinsbildung verlief parallel bzw. nachgeschaltet zu einer Phase der spirituellen Erneuerungsbewegung und dem Aufblühen neuer Formen der Volksfrömmigkeit in ganz Europa. Der Bedeutungsgewinn von Religion und Konfession, der alle gesellschaftlichen Schichten betraf, ist der Nährboden der Vereinsbildung und Subkulturformierung, die ohne diese breite Massenbasis niemals so erfolgreich verlaufen wäre. In der Tat gelten die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts als Zeit der „starken spirituellen Quellen vergleichbar mit der Zeit der Gegenreformation im 17. Jahrhundert“ (Gadille 1997: 118). Blaschke setzt einen noch viel weiteren Zeitrahmen: „Was sich zwischen etwa 1800 und 1970 abspielte, erinnert sehr an die Zeiten von Reformation und Gegenreformation. Die Parallelen sind frappierend“ (Blaschke 2002: 8). Damit geschah etwas, was eigentlich kaum einer noch für möglich gehalten hätte. Der Westfälische Friede, das Prinzip des cuis regio, eius religio, sowie der Diskurs der Aufklärung, hatten dazu beigetragen, dass religiöse Konflikte nahezu verschwunden waren und sich die Menschen noch um 1800 längst nicht mehr primär als Angehörige einer Konfession verstanden (Blaschke 2002b: 20). Die Mentalität war toleranter geworden, die Beziehungen zwischen den Konfessionen eindeutig verbessert (Hölscher 1995: 270-273). Dies änderte sich geradezu schlagartig. Mehrere (katholische) Frömmigkeitsbewegungen prosperierten, die wie der Herz- Jesu Kult, die Eucharistie-Bewegung und die aufblühende Marienverehrung, eine breite und emotionale Massenbasis fanden. Eine neue Volksfrömmigkeit entstand, Wanderprediger verschrieben sich der „Rechristianisierung“ (Gadille 1997: 123) der ländlichen Bevölkerung. In Gemeindemissionen, die teilweise mehrere Wochen dauerten, wechselten Predigten mit langen Beichtsitzungen, in der Regel unter enthusiastischer Beteiligung der einheimischen (und zugereisten) Bevölkerung. Die Bonifatius-Tradition wurde wiederbelebt und das Inland seitens der Ultramontanen als Missionsland gedeutet (Weichlein 2002: 163). Wallfahrten erfreuten sich größter Beliebtheit, eine neue volksnahe Andachtsliteratur boomte. Das 19. Jahrhundert erlebte einen enormen Anstieg religiöser Leidenschaft, in deren Zuge auch die soziale Relevanz der Kirchen wuchs (McLeod 2003: 8). Der protestantische Sektor war mit Sonntagsschulen, Bibelstunden, Erweckungsveranstaltungen und (inneren wie äußeren) Missionierungsanstrengungen kaum weniger aktiv. Woher kam dieses Bedürfnis nach Spiritualität? Immerhin war das Aufblühen der Erweckungsbewegungen nicht auf einzelne Gesellschaften beschränkt, sondern gilt als ein gesamteuropäisches Phänomen (Greschat 1997: 312). Unterschiedliche Erklärungen werden angeboten. Für das Viktorianische Großbritannien sieht Gadille das erfolgreiche, öffentliche Wirken der neugegründeten sozialen Vereinigungen als eine wichtige Ursache:

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.