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Sigrid Roßteutscher, Das Erbe der Revolution in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 161 - 162

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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161 „In Scotland from at least the Union of 1707 until 1929, the established church did not mean a single, central or centralised church. [...] The established church meant primarily the local, parish church“ (Brown 2001: 50). Als lokal wirkende Instanz ist sie von den revolutionären Wirren des späten 18. Jahrhunderts daher kaum erfasst worden. Die Zeiten als Frankreich wichtigster Verbündeter Schottlands im Kampf gegen das übermächtige England war, waren längst Geschichte, so dass auch internationale Verwicklungen die Belange der kirk kaum berührten. Der Kampf der schottischen Calvinisten im 18. Jahrhundert richtete sich daher kaum gegen die Krone, sondern gegen die Rechte und Privilegien der Landbesitzer. Die heritors finanzierten durch Besteuerung der Gemeindemitglieder das umfassende calvinistische Bildungswesen, hatten Entscheidungsrecht bei der Wahl des Pfarrers und konnten in unterschiedlichster Weise die Belange der lokalen Kirchengemeinde beeinflussen. All dies wurde durch den verhassten Patronage Act von 1712 symbolisiert. Die Krone verkaufte oder vererbte die Rechte an vielen Kirchengemeinden (und damit auch das Recht der Bestellung des ministers, den Kirchenbesitz, aber auch die damit einhergehenden finanziellen Pflichten) an eine Vielzahl unterschiedlicher Grundherren. Erst 1874 wurde das Patronagesystem parlamentarisch beendet (Brown 2001: 55). 5.3.3 Das Erbe der Revolution Was aus den Revolutionsjahren und der Zeit französischer Besatzung blieb, war ein ungebrochener staatlicher Wille zu Zentralisierung und Rationalisierung. Beides ging mindestens so sehr mit dem Geist der Aufklärung wie mit der französischen Revolution einher, betraf daher auch Länder wie Dänemark, die von den Revolutionswirren und Napoleonischen Kriegen nicht direkt betroffen waren. Gerade das Beispiel Dänemark zeigt allerdings auch, dass Aufklärung und Despotismus sehr wohl zusammen passten. Erst die Mischung aus absolutistischem Staat und dem modernen, rationalen, zweckorientierten Denken, das die Aufklärung gebar, führte zur totalen staatlichen Durchdringung, der die Kirchen wenig entgegen setzen konnten. Überall haben die nationalen Kirchen gegenüber dem Staat Macht abgeben müssen. Ein zweites Erbe von Aufklärung und Revolution war – wie in Spanien – ein grundsätzlicher Konflikt zwischen laizistischen Minderheiten, welche die Tradition von Aufklärung und Revolution weitertrugen und religiös, staatskirchlich gesinnten Mehrheiten. Oder – wie in den Niederlanden, der Schweiz, aber auch Dänemark – die Entstehung anti-aufklärerischer protestantischer, häufig pietistischer, Gegengruppen, welche die Macht der gezähmten, verstaatlichten Kirche herausfordern sollten. Auf katholische Minderheiten sollten die Ereignisse der Revolutionsjahre ganz unterschiedliche Auswirkungen haben. Während die niederländischen Katholiken den emanzipatorischen Gehalt der Französischen Revolution begrüßten und somit ein eher positives Gefühl gegenüber Idealen der Aufklärung und Bürgerrechten entwickelten, das sie gegen die Radikalisierung des Ultramontanismus immunisierte und die Integration in die Republik vorbereitete, zogen die deutschen Katholiken ganz andere Schlüsse aus der Napoleonischen Zeit: Ihnen hatte die Re- 162 volution fast alle (materielle und politische) Macht gekostet, man flüchtete sich ideologisch in die Anti-Moderne, blieb streng gegen-aufklärerisch und flüchtete unter die Fittiche der Kurie. Die Schweizer Katholiken entwickelten Spielarten beider Varianten, daher sollte hier die Französische Revolution einen innerkatholischen Dauerkonflikt produzieren: romloyale gegen nationale Katholiken. Geblieben war auf kirchlicher Seite aber auch das Wissen, das nichts mehr so war wie früher. Dies war ein direktes Ergebnis der Revolutionsjahre. Der revolutionäre, religionsneutrale, auf Bürgergleichheit pochende Staat hatte der Kirche Dinge zugemutet, die sie kaum für möglich gehalten hätte und auf die sie auch nicht wirklich vorbereitet war. Zwar hatte die Restaurationsphase (fast) überall (fast) alle Privilegien wieder hergestellt (wirklich vollständig ist das nur in Spanien gelungen), doch war man sich nun von kirchlicher Seite sehr wohl bewusst, dass dies womöglich nur ein Sieg auf Zeit war. Was der Staat einmal genommen hatte, konnte er sich jederzeit wieder nehmen. Noch schlimmer: die Ideale der Französischen Revolution, die Vorstellung von Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit, hatten in Europa – trotz des zwischenzeitlichen Siegeszugs konservativer, restaurativer Kräfte – Wurzeln geschlagen. Die Kirchen waren gewappnet und bereit zu kämpfen. Im Lauf des 19. Jahrhunderts sollte sich herausstellen, dass ihre Sorgen berechtigt waren. 5.4 Staat gegen Kirche: der Kampf um die Macht Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein waren alle europäischen Gesellschaften zutiefst religiöse Gesellschaften. Tendenzen der Entchristlichung oder gar völliger religiöser Indifferenz, wie sie uns heute normal erscheinen, waren, wenn überhaupt auf kleine Minderheiten hoch gebildeter bürgerlicher Intellektueller beschränkt. Während also die Bevölkerungen „in ihrer Mehrheit die Anweisungen der Kirche lammfromm befolgten“ (Rémond 2000: 15), verfolgten Länder wie Frankreich, Belgien, Italien, Portugal aber auch Bayern, Baden, die Schweiz oder Österreich (Mommsen 1993: 409) eine explizit kirchenfeindliche Politik mit dem Ziel, die Rolle der Kirchen zu schwächen. Staat und Kirche kämpften erbittert um die Macht: beide strebten nach der Vormundschaft über die Gesellschaft und ihre Mitglieder (Rémond 2000: 109). Die Ideale des Liberalismus, der sich im Anschluss an die Französische Revolution in fast allen europäischen Gesellschaften in großen Teilen der bürgerlich-gebildeten Schichten ausgebreitet hatten, verlangten nichts weniger als eine Trennung der Privatsphäre als Ort des persönlichen Glaubens, in dem Gewissensfreiheit herrschen müsse, von einer öffentlichen Sphäre, die von religiösen Vorstellungen befreit sein sollte. Rationales Denken verurteilte alles Religiöse als rückwärtsgewandt, irrational, als Herausforderung für die Vernunft und Bedrohung individueller Freiheiten (Rémond 2000: 111). Der Konflikt mit den Liberalen, die in fast allen europäischen Regierungen nach der Durchsetzung konstitutioneller Monarchien (in der Regel aufgrund ihrer Bevorzugung im Proporz-, Klassen- bzw. Zensuswahlrecht) federführend vertreten waren, ist – wie Greschat notiert – „ein prinzipielles, also gesamteuropäisches Phänomen“.

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.