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Sigrid Roßteutscher, Die Reformation in den Niederlanden in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 142 - 144

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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142 Church of Scotland. Die Spaltung von 1843 war nicht mit vorhergegangen kleineren Schismen zu vergleichen. Immerhin verließen 40 Prozent der Priester (unter zumindest momentanem Verzicht auf Kirche, Haus und Einkommen), und ein Drittel der Gemeinden die etablierte Kirche (Devine 1999: 376). Von diesem Tage an bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein konkurrierten zwei große Kirchenorganisationen darum, wer die wahre Church of Scotland sei (Mitchison 2002: 386). 5.1.5 Die Reformation in den Niederlanden Die Reformation in den Niederlanden bzw. den 17 unabhängigen teils niederländisch, teils französisch sprechenden Provinzen, aus denen sich die Niederlande zusammensetzten, war ein Ereignis mit enormem politischen Stellenwert, da sie mit der Loslösung von den Habsburgern und dem katholischen Spanien einherging. Luthers Ideen hatten sich sehr früh unter der holländisch sprechenden Bevölkerung ausgebreitet. Die Reformation begann als eine Graswurzel-Bewegung, häufig mit anabaptistischer Ausrichtung105 und nicht selten als radikale antiklerikale Explosion, die sich gegen Kirchen und Klöster entlud. Ab 1520 setzte die Repression ein und viele Anhänger Luthers verließen das Land. Schon bald gab es in den Niederlanden kaum noch Gemeinden des lutherischen Bekenntnisses (Lienhard 1995: 746). Die Niederlande stellten, auf Grund eines „schrecklichen Edikts“ (Venard 1995: 872) seitens Kaiser Karl V auch die ersten europäischen Opfer der spanischen Inquisition. Zwischen 1523 und 1566 wurden über 1300 „Häretiker“ exekutiert, von denen die große Mehrzahl den Anabaptisten angehörten (Wallace 2004: 140). In den 1550er Jahren erreichten calvinistische Impulse über Genf die französisch sprechenden Provinzen der Niederlande, wo zu dieser Zeit ein strenges katholisches Regime herrschte. Um der Verfolgung zu entgehen und gleichzeitig Calvin zu befriedigen, der seine niederländischen Glaubensanhänger gerügt hatte, weil sie sich zum Schein und aus Schutz vor der Inquisition an katholischen Zeremonien beteiligten, flohen viele Calvinisten ins Exil, häufig in die nördlichen Provinzen, oder bildeten heimliche Gemeinden, die sich in Privaträumen zusammenfanden. Der politische Eklat begann mit einer Auseinandersetzung zwischen den Habsburgern und den Generalstaaten um die Besetzung neu geschaffener Bistümer, von denen die niederländischen Adelsfamilien, die bisher die hohen klerikalen Ämter belegt hatten, ausgeschlossen werden sollten. Unter Wilhelm von Oranien, Statthalter der Provinzen Holland, Seeland und Utrecht formierte sich die Opposition, die von Philipp die Einberufung der Generalstaaten, die Auflösung der Inquisition und die Wiederherstellung der Adelsprivilegien forderte (Wallace 2004: 141). Philipp weigerte sich und offene Rebellion begann: die aufständischen Adligen entzogen den Habsburgern die Kirchenaufsicht, viele Kirchen wurden gestürmt und calvinistische Gemeinden 105 Die Anabaptisten waren auch im deutschen Bauernkrieg von zentraler Bedeutung. Ihr Hauptkennzeichen ist die Ablehnung der Kindertaufe. 143 entstanden offen in allen Provinzen. „Revolt ensued when this flexing of local political muscle was combined with the forces of the Reformation“ (Andeweg/Irwin 2002: 6). Unter dem Herzog von Alba, Gesandter Philipps, gelang zunächst die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands. Aber die Brutalität von Albas Vorgehens entzog ihm die Sympathie auch derer, die dem Katholizismus und der spanischen Herrschaft prinzipiell positiv gegenüber standen. Nach einer Phase der Restauration katholisch-habsburgischer Herrschaft, spalteten sich 1579 die drei Provinzen Holland, Seeland und Utrecht ab und schlossen sich als „Vereinigte Provinzen der Niederländischen Republik“ zusammen. Bis 1590 sind vier weitere nördliche Provinzen dem Verbund beigetreten. Allmählich, und begleitet von militärischen Auseinandersetzungen, entstanden zwei verschiedene Staaten: die zehn katholischen Provinzen, die unter spanischer Herrschaft verblieben und die Republik der sieben nördlichen Provinzen mit einer privilegierten calvinistischen Kirche, aber einer religiös gemischten Bevölkerung.106 Die Teilung der Niederlande war so „vor allem konfessionell bedingt“ (Venard 1992: 486). Nach der Trennung von Spanien, strömten viele Exil-Calvinisten zurück in die Niederlande und manch moderatere Kräfte befürchteten, dass sich ein calvinistisches „Pfaffentum“ etablieren könnte, mit den Konsistorien als eine Art Genfer Inquisition. Schon vor dem Schritt zur Unabhängigkeit hatte es Versuche gegeben, eine niederländische reformierte Kirche zu gründen, die ein Ordnungssystem aufbauen wollte, in dem Konsistorien aus Pfarrern und Kirchenräten die moralische Kontrolle über die Gläubigen ausüben sollten. Allerdings hatte die Union von Utrecht Gewissensfreiheit garantiert, und trotz mancher Bemühungen wurden die Niederlanden nie ein calvinistischer Staat. Nach 1648 spiegelte sich die privilegierte Stellung der reformierten Kirche als „publieke kerk“ darin wieder, dass sie die Religion des Königshauses Oranien-Nassau war, dass nur sie Anspruch auf finanzielle Donationen besaß, de facto das Erziehungsmonopol im Schulwesen innehielt und Mitgliedschaft in der Hervormde Kerk eine Vorsaussetzung für die Übernahme öffentlicher Ämter war (Damberg 1997: 522). „The Dutch Reformed Church assumed a loose-fitting „official“ mantle, though it was never the state Church; it could not enforce religious conformity, only provide access to official privileges“ (Wallace 2004: 144). Solange der Führungsanspruch der Calvinisten nicht in Frage gestellt wurde, durfte man sich ungestraft zu anderen Religionen bekennen. Grund für diese relativ liberale Haltung liegt wohl in der Natur der dortigen calvinistischen Kirche, welche die Idee der „believers“ oder Freiwilligkeitskirche nicht völlig verabschiedete. Daher führte man zwar Kindertaufen durch, aber als volle Mitglieder wurden nur Erwachsene akzeptierte, die sich öffentlich zur Kirche bekannten und bereit waren, sich der Kir- 106 Die niederländische Republik, wie sie aus der Spaltung von Spanien hervorging, war kein republikanischer Staat im modernen Sinne, sondern „a political anomaly“, die von einer Ständeversammlung, die kleinere Städte und Gemeinden repräsentierte, regiert wurde: „Dutch politics was oligarchic and corporate, reflecting older medieval political values“ (Wallace 2004: 142-3). 144 chendisziplin zu unterwerfen (van Rooden 2003: 114; vgl. auch Kapitel 3). Im späten 17. Jahrhundert entwickelten sich die Niederlande – zu einem Zeitpunkt als in Schottland ein strengstes calvinistisches System auch die „Ungläubigen“ überwachte und reglementierte – zu einem Ort religiöser Toleranz, in dem Anabaptisten, Juden, Katholiken und Freigeister, die in anderen Regionen Europas vertrieben oder verfolgt wurden, eine Zuflucht fanden. Diese „pragmatische Toleranz“ machte die Niederlande zu einem „einzigartigen Phänomen innerhalb der europäischen Staatenwelt des 17. Jahrhundert“ (Damberg 1997: 522).107 Später würde sich die Tolerierung auch auf die „häretischen“ Arminier ausdehnen, welche mit den Remonstranten und der Gerefomeerd Kerk eine zweite reformierte Kirche etablieren sollten.108 Die staatlichen Behörden, in der Regel die lokalen Zivilmagistrate, versuchten von Beginn an, über das Laienelement den religiösen Sektor zu kontrollieren. Die Involvierung weltlicher Stellen in religiöse Angelegenheiten war hoch. Die Kleriker aller Konfessionen waren nicht berechtigt, das Geld der Gemeinde zu verwalten oder über die Ausgaben zu verfügen. Die Ernennung der Priester musste von den Behörden genehmigt werden und diese überwachten zudem das kirchliche Innenleben und vor allem, ob die Autorität der Laiengremien gegenüber dem priesterlichen Amt sichergestellt war (van Rooden 2003: 115). 5.1.6 Die Gegenreformation in Spanien Die protestantische Herausforderung erzwang für viele Katholiken, mit Kaiser Karl V an exponierter Stelle, die Notwendigkeit innerkirchlicher Strukturveränderungen auch in der katholischen Kirche. Die Kurie schloss sich solchen Vorstellungen aber nicht an – im Gegenteil: auf dem Konzil in Trient wurden reformerische Ansätze gerade bezüglich der Rolle der Bibel als alleinige Quelle spiritueller Autorität als Häresie gebrandmarkt und die Bedeutung des Papstes – direkter Nachfolger Petri – als unangefochtene Autorität in der Interpretation Gottes Wort bestätigt. 107 Gleiche bürgerliche Rechte besaßen Angehörige der Minderheitskonfessionen allerdings bei aller Toleranz nicht. So konnten z.B. Juden weder öffentliche Ämter besetzen (das stand nur Mitgliedern der calvinistischen „Staatskirche“ zu), noch durften sie Mitglied der Gilden oder Zünfte werden (Gäbler 1991: 87). 108 Zürückgehend auf den Leidener Theologen Jacobus Arminius bezweifeln sie die strenge calvinistische Determinationslehre, und betonen Gottes Gnade und menschliche Eigenverantwortung. Diese calvinistische Sub-Bewegung wurde 1618-19 von einer internationalen Versammlung der Calvinisten auf der Synode von Dordrecht verdammt, woraufhin die niederländische Nationalsynode 200 Pastoren entließ. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Bewegung weitgehend verschwunden. Die Niederlande waren nun mehrheitlich calvinistisch: 55 Prozent der Einwohner waren Mitglied der Nederlands Hervormde Kerk, der Dissidentenzweig der Gereformeerde Kerk erfasste lediglich 1,3 Prozent der Bevölkerung, zwei Prozent waren Lutheraner und die Katholiken stellten mit circa 38 Prozent die zweitgrößte Konfession (Tihon/van de Sande 1997: 210).

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.