Content

Sigrid Roßteutscher, Die Reformation in Schottland in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 136 - 142

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

Bibliographic information
136 former stellte Calvin die Bibel als einzige Autorität über jegliche religiöse Tradition und Institution. Wie Zwingli und Bucer und im Gegensatz zu Luther, predigte Calvin die ausschließlich spirituelle Anwesenheit Christi bei der Kommunion. Wie für Luther war auch für Calvin die menschliche Natur sündig, aber – und hier steht er im Gegensatz zu Luther – es war dem Menschen nicht gegeben, durch eigene Willenskraft oder Glaube Errettung zu erlangen. In Calvins Theologie gab es Erwählte und Verdammte. Aber auch die Zugehörigkeit zum Kreis der Erwählten war dauerhaft dem Zweifel ausgesetzt. Diese sogenannte Determinationslehre ist das Kernstück calvinistischen Denkens. Das Leben der von Gott Erwählten war von einem permanenten Kampf gegen die weltlichen Versuchungen Satans geprägt – ein Kampf, der erst mit Gottes endgültigem Urteil beendet wird. Um diesen weltlichen Kampf gegen den Teufel bestehen zu können, musste eine Gott gefällige öffentliche Disziplin hergestellt werden. Zur Überwachung dieser Disziplin kreierte Calvin Konsistorien aus Pfarrern und Kirchenräten, denen er weitreichende legale Machtmittel in die Hand gab. Gerade in den calvinistischen Staatskirchen entstand eine „kirchenpolizeiliche Kontrolle des Lebens des einzelnen“, die bis dicht an die „Grenze der Inquisition getrieben wurde“ (Weber 1904/2000: 119). „Calvinism demanded righteous living in ways that Lutheranism did not, and it regulated social life in ways that medieval pluralistic Catholicism had not” (Wallace 2004: 106)101. Seit den 1550er Jahren waren der Protestantismus Zwinglischer und Calvinistischer Prägung miteinander verschmolzen und sollte sich von Genf aus in die Niederlande und nach Schottland, Frankreich, aber auch nach England, Polen und Ungarn verbreiten. Die Schweiz hatte Sachsen als Inspirationsstätte der Reformation abgelöst. 5.1.4 Die Reformation in Schottland In den 1540er Jahren erreichte die Reformation Schottland. Von deutschen Ländern ausgehend, waren die ersten Reformatoren lutherischer Prägung. Sehr schnell wurde deutlich, dass die katholische Kirche aber - durch die engmaschige Vernetzung – auch die Monarchie mit dieser Konkurrenz große Probleme haben würde. „But that the Protestants were strong enough to challenge royal authority at all is a comment on the failure of the church hierarchy to respond to the religious needs of the day“ (Mitchison 2002: 113). Schweizer Nachbarkanton Bern unterstützte die Genfer Reformationsbewegung zunächst, als aber ersichtlich wurde, dass Calvin nicht schlicht Zwinglis Vorstellungen umsetzen wollte, wendeten sich sowohl Bern als auch Genf gegen Calvin, der 1538 zum zweiten Mal nach Straßburg ins Exil fliehen musste. Dort arbeitete er eng mit Bucer zusammen, bevor er nach Genf zurückkehrte, wo seine erbittertsten Feinde mittlerweile die Macht verloren hatten (Wallace 2004: 104-105). 101 Bereits Weber registrierte die „geringere asketische Durchdringung des Lebens durch das Luthertum im Gegensatz zum Calvinismus“ (Weber 1904/2000: 88). 137 Die schottische katholische Kirche reagierte auf die protestantische Bedrohung mit einer Serie von Konzilen, die unter anderem eine verbesserte religiöse Bildung ihres Personals versprachen, sowie ihre Bischöfe zur Ausübung priesterlicher Aufgaben verpflichtete.102 Allerdings scheiterten diese Reformversuche in der Praxis an dem Widerstand der Positionsinhaber, die wenig Interesse zeigten, sich von ihrem komfortablen Lebensstil zu verabschieden. Mittlerweile hatte sich die Konkurrenz allerdings verändert. Nicht länger Ideen der deutschen Reformation, sondern calvinistische Ideale, von John Knox aus Genf importiert, bestimmten das Bild der schottischen Reformation. Nun begann, was Mitchison als Periode der „aktiven Reformation“ bezeichnet, und deren gesellschaftliche Bedeutung in „the union of mob, nobility, and John Knox“ (Mitchison 2002: 117) zu finden ist. Durch den Tod der englischen Königin Maria und die Niederlage des katholischen Frankreichs, das ein alter Verbündeter Schottlands gegen den gro- ßen englischen Bruder war, wurde die schottische katholische Kirche weiter geschwächt. „Catholicism lost in Germany because it was linked too closely to the Habsburg power: it lost in Scotland because it meant France“ (Mitchison 2002: 121). Im Jahr 1560 hatte die Reformation gewonnen. Da der mit Knox und dem Calvinismus verbundene schottische Adel große Verantwortung für diesen Sieg trug, wollte man die existierende Kirchenstruktur so weit wie möglich erhalten, hatten doch viele Adlige von dieser Struktur ihren Lebensunterhalt bestritten. Durch einen Beschluss des schottischen Parlaments wurde die calvinistische Doktrin offiziell übernommen, alle kirchlichen Texte und Predigten waren in Englisch zu schreiben und zu führen, die Zelebrierung katholischer Messen und jede Anerkennung päpstlicher Autorität wurden verboten. Der Aufbau der Kirche blieb erhalten, allerdings sollten ein Drittel des Vermögens der alten (katholischen) Kirche an die Krone gehen, die einen Teil behalten durfte und den Rest an die neue (calvinistische) Kirche verteilte. Damit war der Calvinismus Sieger und sozusagen offizielle Religion, dennoch in einer Minderheitenposition unter katholischen Königen (Mitchison 2002: 123-125). Auf die Dauer konnten den Reformatoren und den wachsenden Gemeinden dieses Drittel und die Abhängigkeit vom König nicht genügen. Der Versuch, die Gelder 102 Die katholische Kirchenelite Schottlands war – wie in anderen katholischen Ländern auch – häufig nicht einmal peripher priesterlich tätig, sondern verfolgte professionelle Karrieren in der Staatsverwaltung, an Gerichtshöfen oder Universitäten. Diese Situation verschlimmerte sich unter James V im 16. Jahrhundert. Ihm gelang es unter geschickter Ausnutzung der Konflikte zwischen Papsttum und englischer Kirche (die sich weigerte Papst Paul III anzuerkennen), Geld und Bischofssitze für seine Söhne und ihm loyale Adlige aus der Kurie zu pressen. Diese Praxis machte auf allen höheren Ebenen der schottischen Kirchenhierarchie Schule. „Between them, the King, the Pope, and the bishops were selling the Church to the nobility“ (Mitchison 2002: 97). In der Folge waren immer mehr zentrale Kirchenpositionen von Männern besetzt, deren Interessen und Aktivitäten eindeutig säkular waren und seltenst im Einklang mit den Geboten der Bibel standen. 138 selbst einzutreiben, scheiterte allerdings kläglich, daher suchte man 1572 einen neuen Kompromiss zwischen Krone und Kirche. Alle Bischofssitze wurden der neuen Kirk eingegliedert, aber der Krone blieb das Recht, die Bischöfe zu nominieren. Die katholischen Amtsinhaber wurden durch Protestanten ersetzt. Resultat war eine protestantische Staatskirche nach englischem Modell, was dem radikaleren presbyterianischen Flügel nicht gefallen konnte. Damit war zu dem Konflikt Katholizismus versus Protestantismus ein neuer und für lange Zeit beherrschender Konfliktstoff, der moderatere Protestanten von radikalen Presbyterianern unterschied, hinzugekommen: wer besaß höchste Autorität – König oder Kirk, Landbesitzer (heritor) oder Kirchengemeinde? Der damalige König James VI, seit 1603 Erbe auch des englischen Throns und in England wohnhaft, konnte diesen ersten Konflikt für sich entscheiden, da es ihm gelang den Adel auf seine Seite zu ziehen. Sein Sohn und Nachfolger Charles I, der die Kirchenpraktiken der anglikanischen englischen Kirche mit der calvinistischen schottischen vereinen wollte, verärgerte zuerst den schottischen Adel, indem er 1633 der neuen Kirche einen größeren Einkommensanteil zusprach und sich dadurch das Einkommen der in der alten Kirche positionierten Adligen verringerte. Nur kurze Zeit später brachte er auch die schottischen (presbyterianischen) Puritaner gegen sich auf, da er eine für England und Schottland gleichermaßen verbindliche Liturgie, als „English Prayer Book“ diffamiert, entwarf. Unruhen und Aufstände waren die Folge. „The protest was now openly against the machinery of Charles’s government“ (Mitchison 2002: 194). In offener Revolte entließen die Presbyterianer alle Priester (minister), die der neuen Liturgie zugestimmt hatten oder von denen man schlicht annahm, dass sie anti-presbyterianisch eingestellt waren. Diese Verfügungen waren in einer Deklaration, der sogenannten „National Covenant“ im Jahr 1638 verfasst. Später wurde eine permanente Kommission eingesetzt, deren Aufgabe es war, alle abweichenden Meinungen aus der Kirk zu entfernen. Die Generalversammlung, das höchste Organ der Kirk, setzte alle vom König installierten Bischöfe ab und exkommunizierte sie. Beschlüsse vorheriger Generalversammlungen, die von Charles einberufen waren, wurden annulliert und sämtliche „anglikanische“ Zeremonien aus der Kirchenpraxis entfernt. Im Zuge der „Great Rebellion“ radikalisierte sich der presbyterianische Flügel und bekam eine neue missionarische Qualität: er verlangte nicht weniger als die Gültigkeit seines Glaubens auch für England und Irland: „The dominant party in Scotland committed the nation in an oath to force a minority religion on two larger and more populous countries“ (Mitchison 2002: 214). Die Chance zur Annäherung zwischen Krone und Kirk kam erst nach dem Tode von Charles I und der Proklamation seines Sohnes Charles II zum König Englands. Das schottische Parlament verweigerte dem Thronfolger zunächst die Autorität, bis dieser 1650 widerstrebend die Beschlüsse und Taten der Covenant anerkannte. Nach Cromwells Invasion, dessen Diktatur in Schottland zu einer gewissen Liberalität in religiösen Dingen führte, kehrte nach Cromwells Tod und dem sofort einsetzenden Niedergang seines Imperiums, Charles II auf den Thron zurück. Grundsätzlich antipresbyterianisch eingestellt, annullierte der neue alte König 1661 alle Gesetze, die seit 1633 erlassen worden waren und versuchte presbyterianische Priester durch episkopalische (anglikanischen Typs) zu ersetzen. Dies war für die Bewegung der 139 Covenant eine Zumutung. In einem radikalen Dokument verkündeten sie, dass Kirche und Staat nur von Anhängern der Covenant in Gehorsam zu Gottes Wort zu führen sei (Mitchison 2002: 265-266). Die Antwort der Krone kam prompt. Alle kirchlichen Amtsträger sollten den König als höchste Autorität der Kirche anerkennen und auf jede Absicht, Kirche oder Staat zu reformieren, verzichten. Die Church of Scotland war episkopalisch geworden. Damit war der König einen Schritt zu weit gegangen, da seine generelle Reformunwilligkeit auch moderatere Kräfte in der protestantischen Kirche abschreckte und ein blutiger Krieg zwischen beiden Seiten begann. Während Charles I und II, beide aus der Familie der Stewarts, ihren katholischen Glauben nur heimlich zelebriert hatten, war ihr Nachfolger James VII, Bruder von Charles II, in aller Öffentlichkeit katholisch. Konsequenterweise erließ er 1687 den sogenannten Toleration Act, der Katholiken und Quäkern und später auch den Presbyterianern Tolerierung und Praktizierung ihres Glaubens in Privaträumen zusicherte. Hauptverlierer dieser neuen religiösen Toleranz war die nun episkopale Staatskirche Schottlands. Allerdings war auch James Zeit abgelaufen. Die englische Revolution von 1688 zwang James und seinen Sohn ins Exil nach Frankreich, während Wilhelm von Oranien als William III den englischen Thron bestieg. William war zwar (niederländischer) Calvinist, hatte aber zunächst kein großes Interesse daran, Menschen per Zwang zu einem bestimmten Glauben zu bekehren. Da sich die schottischen Bischöfe weigerten, William als König anzuerkennen, sah er sich gezwungen, die episkopalischen Amtsträger aus ihren Ämtern zu entfernen. Nun dominierten die Presbyterianer das schottische Parlament und unternahmen alle Anstrengungen, selbst als alleiniger Sieger aus der englischen Revolution hervorzugehen. „William gradually gained the upper hand in secular matters, but he had lost to the extreme Presbyterians in church ones” (Mitchison 2002: 284). In den Jahren nach der Revolution wurden über 650 minister ersetzt, und die Presbyterianer erlangten wieder die Kontrolle über fast alle Gemeinden. Die Church of Scotland in ihrer Rolle als Staatskirche war immer mehr als eine seelsorgerische und auf religiöse Belange beschränkte Einrichtung. Bis ins 18. Jahrhundert hinein oblag die Gemeindeverwaltung fast ausschließlich der Kirk. Die Sorge um die Armen und sozial Schwachen wurde allein durch die Kirchengemeinde organisiert. Das lokale kirchliche Gerichtswesen war sowohl für alle Arten „unchristlichen“ Verhaltens (Trunkenheit, Unzucht, Ehebruch, Verletzung des Sabbat, Blasphemie, Fluchen, mangelnde Frömmigkeit, etc.), aber auch kleinere Diebstähle und Körperverletzung verantwortlich. Für die große Mehrheit der Schotten waren daher Staat, König und erst recht das Parlament in Westminster nach der Union von 1707103 abstrakte und lebensferne Institutionen, der Kontakt mit Autoritäten und das Alltagsleben auf die lokalen Kirchengemeinden beschränkt (Devine 103 Als eine Folge der spanischen Erbfolgekriege kam es 1707 zur Union zwischen England und Schottland. Beide Parlamente wurden zusammengelegt, eine gemeinsame Währung eingeführt und Handelsschranken fallengelassen. Allerdings sollten Zivilrecht und Kirchenrecht nicht angepasst werden. 140 1999: 84). Dies ist was Devine treffend den „parish state“ nennt (Devine 1999: 84- 102), dabei war wiederum jede Gemeinde „a state in itself“ (Brown 2001: 56). Seit 1696 war es der Kirk gelungen, die Unterstützung des Staates für ihr Bildungsprogramm zu unterhalten. Durch Besteuerung der lokalen Landesherren wurde ein umfassendes parish school system aufgebaut, das sich Ende des 18. Jahrhunderts mehr oder weniger über ganz Schottland erstreckte. Da das Bildungssystem völlig unter der Kontrolle der Kirk stand, gilt es für viele nicht nur als glorreiche Errungenschaft, die Lesefähigkeiten auch in unteren Schichten verbreitete, sondern als Institution, die zur sozialen Konformität beitrug und gerade Schüler geringerer Herkunft, zur Achtung vor der existierenden sozialen Hierarchie erzog und ganz allgemein als ein „channel for the inculcation of social passivity“ (Devine 1999: 99) wirkte. Die innerprotestantische Zersplitterung, die auch regelmäßig Radikalisierung bedeutete, führte zu einer extremen Auslegung von Determinationslehre, sozialer Kontrolle und „Kirchenzucht“ im schottischen Calvinismus. Die Aufteilung in Erwählte und Verdammte stellte Priester und Gläubige gleichermaßen vor das Problem, ob man zu den Erwählten gehört und in welcher Weise man Gottes Ruf bereits auf Erden erkennen könne. „Scottish Calvinists soon usurped God’s own function and claimed to know his mind and his intent, as if the assurance to their own acceptability gave them an insight into that of others“ (Mitchison 2002: 115). Selbstgewissheit wurde zum Ausdruck der zukünftigen Erlösung, Zweifel ein Zeichen der Verdammnis. Presbyterianisches Leben war durch enge Gemeindedisziplin gekennzeichnet. Sonntägliche Zerstreuungen jeglicher Art verboten, Schlägereien, „Unzucht“, Völlerei und Trunkenheit unter Strafe gestellt. Als Entschädigung für das strenge Regime bot die Kirk die Gewissheit, zum Kreis der Auserwählten zu gehören (Mitchison 2002: 184). Die sogenannten kirk sessions, die aus dem minister und gewählten Laien bestand, regelten das religiöse und soziale Leben auf Gemeindeebene. Die Kirchensektion, schreibt Devine, „acted as a local moral tribunal supervising the conduct of the parishioners and punishing them when they were in breach of the Christian code” (Devine 1999: XXI). Disziplin im Geiste Gottes war mehr als nur eine individuelle Tugend. Die Disziplinierung der gesamten Gemeinde galt als wichtigste öffentliche Funktion der kirk session. Eine Gemeinde, die darauf verzichtet, diese Disziplin durch zu setzten, durfte nicht länger glauben, dass sie als Gemeinde zur spirituellen Elite gehöre. „Few aspects of the history of Scottish Presbyterianism are more repugnant to the modern mind than kirk session discipline with its connotations of public humiliation, voyeurism and smug self-righteousness” (Devine 1999: 85). Für jede Sünde gab es vorbestimmte öffentliche Strafmaßnahmen – sogenannte „appearances in church“ in Sackleinen (z.B. drei für „einfache Unzucht“, 26 für Ehrbruch und ein Jahr für Inzest). Wichtiges Instrument der Disziplinierung war zudem das Testificat System, das Menschen nur dann den Umzug von einer Gemeinde zu einer anderen Gemeinde erlaubte, wenn sie ein Zertifikat guten Verhaltens vorlegen konnten, das vom Priester ihrer Ursprungsgemeinde unterschrieben 141 war. Allerdings konnten schon um 1800 erste Anzeichen festgestellt werden, dass das engmaschige System der Gemeindedisziplin nicht mehr wirklich aufrecht erhalten werden konnte. Die Natur der Bestrafung seitens der lokalen Kirchengerichte wandelte sich eindeutig: statt öffentlicher Bloßstellung wurde vermehrt zu Geldbu- ßen gegriffen, was vor allem den wohlhabenderen Bürgern zu Gute kam. Auf Grund eines erst allmählich einsetzenden und später massiven Anstiegs von Migration (auch auf dem Land), wurde die Durchführung des Zertifikatsystems zunehmend erschwert. Schließlich beendete eine Serie von Abspaltungen von der etablierten Kirche die organisatorische Einheit der Church of Scotland und Kriterien guten christlichen Benehmens waren nicht länger global gültig (Devine 1999: 88-89). Grund der Spaltungen war in der Regel das Verhältnis Kirche und Staat, besser lokale Kirchengemeinde und lokaler Grundherr, symbolisiert im umstrittenen Patronage Act, der seit 1712 Gültigkeit hatte: „Patronage became a symbol of the subordination of the church to the upper social orders, especially the landed interest“ (Brown 1993: 6). Autoren wie Brown bezweifeln daher, dass seit 1707 überhaut noch von einer nationalen Staatskirche im klassischen Sinn die Rede sein kann, sondern sich die Etablierung ausschließlich auf die kleinen Einheiten lokaler Gemeinden bezog, die jede für sich hoheitliche Aufgaben erfüllte (Brown 2001: 50). Die General Assembly, das höchste nationale Gremium der kirk, hatte keinen Einfluss auf Verhalten und Anliegen der lokalen Kirche, da diese gesetzlich und materiell an die Rechte des Grundbesitzers gebunden war (Brown 2001: 52). Der Rechteinhaber oder Patron ernannte den Pfarrer, das sogenannte board of heritors, das die Grundbesitzer umfasste, hatte weitreichende Rechte: In seiner Verantwortung lagen die Bereitstellung und Pflege des Kirchengebäudes, eines Pfarrhauses, des Friedhofs, der Schule, sowie die Einstellung des Lehrers und die Besoldung des Pfarrers. Finanziert wurde dies alles durch den teind, Abgaben, die von den Gemeindemitgliedern zu entrichten waren (Brown 2001: 56-57). Diese Rechte und Pflichten wiederum konnten nur durch Gesetze des Parlaments in England verändert werden. 1843 kam es zur großen Spaltung innerhalb der Church of Scotland, auch hier ging es ganz grundsätzlich um die innere Autonomie der Kirche.104 Alle Evangelicals verließen im Protest die Generalversammlung und gründeten die Free Protesting 104 Bereits 1733 war es zur ersten Spaltung innerhalb der presbyterianischen Church of Scotland gekommen. Die Abspaltung forderte eine militantere Kirche nach dem Vorbild der 1640er Jahre – eine Kirche, die Staat und Gesellschaft beherrscht (Mitchison 2002: 331). Seit den 1750er Jahren dominierten die Moderaten, deren Ziel es war, den erreichten Status Quo zu behalten und Grabenkämpfe zwischen Staat und Kirche zu vermeiden, die Generalversammlung der Kirk. Allerdings war der Preis für diese neue Toleranz und Friedfertigkeit das Aufflammen radikaler Erweckungsbewegungen (evangelicals) an den Rändern der presbyterianischen Staatskirche. Ihre Rolle wurde immer bedeutender als die Moderaten auch als Antwort auf die Verwerfungen der Industriellen Revolution und das Gedankengut der Französischen Revolution, zu unkritischen Anhängern des existierenden Systems wurden und damit nicht zuletzt den Rückhalt bei den Intellektuellen verloren. So kam es 1792 zu einer zweiten Absplitterung, der sogenannten Relief Church. 142 Church of Scotland. Die Spaltung von 1843 war nicht mit vorhergegangen kleineren Schismen zu vergleichen. Immerhin verließen 40 Prozent der Priester (unter zumindest momentanem Verzicht auf Kirche, Haus und Einkommen), und ein Drittel der Gemeinden die etablierte Kirche (Devine 1999: 376). Von diesem Tage an bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein konkurrierten zwei große Kirchenorganisationen darum, wer die wahre Church of Scotland sei (Mitchison 2002: 386). 5.1.5 Die Reformation in den Niederlanden Die Reformation in den Niederlanden bzw. den 17 unabhängigen teils niederländisch, teils französisch sprechenden Provinzen, aus denen sich die Niederlande zusammensetzten, war ein Ereignis mit enormem politischen Stellenwert, da sie mit der Loslösung von den Habsburgern und dem katholischen Spanien einherging. Luthers Ideen hatten sich sehr früh unter der holländisch sprechenden Bevölkerung ausgebreitet. Die Reformation begann als eine Graswurzel-Bewegung, häufig mit anabaptistischer Ausrichtung105 und nicht selten als radikale antiklerikale Explosion, die sich gegen Kirchen und Klöster entlud. Ab 1520 setzte die Repression ein und viele Anhänger Luthers verließen das Land. Schon bald gab es in den Niederlanden kaum noch Gemeinden des lutherischen Bekenntnisses (Lienhard 1995: 746). Die Niederlande stellten, auf Grund eines „schrecklichen Edikts“ (Venard 1995: 872) seitens Kaiser Karl V auch die ersten europäischen Opfer der spanischen Inquisition. Zwischen 1523 und 1566 wurden über 1300 „Häretiker“ exekutiert, von denen die große Mehrzahl den Anabaptisten angehörten (Wallace 2004: 140). In den 1550er Jahren erreichten calvinistische Impulse über Genf die französisch sprechenden Provinzen der Niederlande, wo zu dieser Zeit ein strenges katholisches Regime herrschte. Um der Verfolgung zu entgehen und gleichzeitig Calvin zu befriedigen, der seine niederländischen Glaubensanhänger gerügt hatte, weil sie sich zum Schein und aus Schutz vor der Inquisition an katholischen Zeremonien beteiligten, flohen viele Calvinisten ins Exil, häufig in die nördlichen Provinzen, oder bildeten heimliche Gemeinden, die sich in Privaträumen zusammenfanden. Der politische Eklat begann mit einer Auseinandersetzung zwischen den Habsburgern und den Generalstaaten um die Besetzung neu geschaffener Bistümer, von denen die niederländischen Adelsfamilien, die bisher die hohen klerikalen Ämter belegt hatten, ausgeschlossen werden sollten. Unter Wilhelm von Oranien, Statthalter der Provinzen Holland, Seeland und Utrecht formierte sich die Opposition, die von Philipp die Einberufung der Generalstaaten, die Auflösung der Inquisition und die Wiederherstellung der Adelsprivilegien forderte (Wallace 2004: 141). Philipp weigerte sich und offene Rebellion begann: die aufständischen Adligen entzogen den Habsburgern die Kirchenaufsicht, viele Kirchen wurden gestürmt und calvinistische Gemeinden 105 Die Anabaptisten waren auch im deutschen Bauernkrieg von zentraler Bedeutung. Ihr Hauptkennzeichen ist die Ablehnung der Kindertaufe.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.