Content

Sigrid Roßteutscher, Die Reformation in der Schweiz in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 134 - 136

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

Bibliographic information
134 Attachement zur Religion behalten und sie so weit bringen, dass sie nicht stehlen und morden [...] Sonsten ist es auf dem platten Land genug, wenn sie ein bisgen Lesen und Schreiben lernen, wissen sie aber zu viel, so laufen sie in die Städte und wollen Secretärs und so was werden, [...]“ (zitiert nach Schnabel-Schüle 2002: 75). In anderer Hinsicht hatte die Reformation auf die Bevölkerung in den nordischen Staaten relativ wenig Einfluss. Vieles, so Österlin (1995: 75), blieb wie es schon zu katholischen Zeiten gewesen war: Kirche und Gesellschaft waren „inseperable, now as before“; Gemeinde und Kirchengemeinde blieben „one and the same thing“; die bischöfliche Struktur blieb unangetastet – viele Punkte einer „unbroken continuity“ zur mittelalterlichen Kirche (Österlin 1995: 76). Die Reformation führte zu einem stabilen Gleichgewicht in dem beide Seiten ihre Aufgaben erfüllten: die Krone unterstütze die Kirche in ihrer geistlichen Mission, der „Christianisierung“ der gesamten Bevölkerung; die Kirche dagegen verhalf den Monarchen zur effizienten Aus- übung staatlicher Autorität (Madeley 2000: 30). 5.1.3 Reformation in der Schweiz Die Geschichte der Reformation in der Schweiz verlief ähnlich und doch völlig anders. Die Schweiz, als freiwilliger Zusammenschluss einzelner Kantone, Städte und ländlicher Gemeinden, die seit 1291 im Laufe zweier Jahrhunderte der Schweizer Konföderation beigetreten waren, war eine Anomalie im Konzert absolutistischer Monarchien, die das Bild Europas zur Reformationszeit bestimmten. Zürich war Ausgangspunkt der Schweizer Reformbewegung, wo Huldrych Zwingli vom Züricher Stadtrat 1519 zum sogenannten Leutpriester, höchste priesterliche Instanz der Stadt, berufen wurde. Der Berufungsakt durch die Stadt Zürich war bereits ein aufsehenerregender Reformakt, da bischöfliche Rechte (Zürich gehörte zur Diözese Konstanz) schlicht ignoriert wurden. Obwohl Zwingli anfänglich von Luther beeinflusst war, entwickelte er ganz eigene Vorstellungen vor allem hinsichtlich der Sakramente und des Verhältnisses von Staat und Kirche (Wallace 2004: 94). Zwingli löste sich völlig von der traditionellen kirchlichen Liturgie und verfolgte das Ziel einer Rückkehr zum Urzustand des Christentums. So galt die Taufe bei Zwingli als rein spiritueller Akt, losgelöst von Priestertum und Weihwasserzeremonien und er verleugnete die Vorstellung einer physischen Anwesenheit Christi bei der Kommunion. Nur drei Jahre nach seiner Berufung verzichtete Zwingli auf die klerikale Stellung und arbeitete von nun an in noch engerer Verbindung mit dem Stadtmagistrat als Laie an der Verwirklichung seiner Ideale.98 Vor dem Hintergrund der Bauernkriege erließ der Züricher Magistrat unter Zwinglis Anleitung eine neue Kirchenver- 98 Ein Problem Zwinglis war, dass seine Anhänger seine öffentlichen Darlegungen in die Tat umsetzten. So folgten z.B. Zwinglis Kritik an der bildhaften Darstellung Gottes massive bilderstürmerische Attacken auf Kirchengut. Diese Unruhe und Gewaltsamkeit war für Zwingli, der aufs Engste mit den zivilen Autoritäten zusammenarbeitete, ein echtes Problem (Wallace 2004: 95). 135 ordnung. Sämtliche Klöster wurden säkularisiert und das Einkommen für die Errichtung eines Fonds zur Finanzierung eines neuen Schulsystems und der Armenfürsorge verwendet. Die Heilige Messe wurde abgeschafft und durch eine zwanglosere Kommunion ersetzt, bei der die Gläubigen gemeinsam Brot und Wein – betend, aber ohne priesterliche Wandlung – zu sich nahmen. An eine wundersame Wandlung von Wein und Brot in Blut und Leib Christi glaubt Zwingli nicht. Die Betonung der rein spirituellen Anwesenheit Gottes beim Abendmahl entfremdete Zwinglianer von Katholiken und Lutheranern (Wallace 2004: 96). Von Zürich aus steuerte Zwingli die Einführung der Reformation in Basel, Bern, Schaffhausen und St. Gallen, wo er in jedem Fall eng mit den dortigen zivilen Autoritäten zusammenarbeitete.99 Auch im Kanton Bern ging die Reformation eindeutig vom Staat aus. „Die Kirche als Dienerin des Staates, als Hort obrigkeitlichen Denkens – das war für Bern charakteristisch und ist es mancherorts bis heute geblieben“ (Allemann 1988: 157). Ins Waadt und nach Lausanne, die seit 1536 nach der Eroberung ein Teil des Kanton Bern waren, kam die Reformation auf Anweisung der Berner. „Nicht widerspruchslos“, schreibt Allemann, „aber doch ohne heftige Gegenwehr ließ sich die Bevölkerung die neue Lehre aufdekretieren“ (Alemann 1988: 419). Schon 1529 hatten Zwinglianer und Katholiken, jeweils in enger Koalition mit den staatlichen Autoritäten, die Schweiz unter sich aufgeteilt. Nicht immer verlief die Reformation so reibungslos; manchenorts kam es auch zu bewaffneten Konflikten, bei denen auch Zwingli ums Leben kam. Ein Friede folgte, der den reformierten Kantonen das Recht zusprach, ihrer Religion treu zu bleiben, aber die Ausbreitung der Reformation untersagte. Die Schweizer Konföderation wurde somit zum ersten europäischen Staat der konfessionellen Pluralismus akzeptierte. Dieser Pluralismus war aber im Prinzip eine Toleranz von Kanton zu Kanton, während die jeweilige Minderheitskonfession innerhalb eines Kantons oftmals mit vielfältigen Repressionen und Anfeindungen rechnen konnte. Mit dem Sieg der Reformation kamen neue Institutionen und eine verstärkte Kirchenzucht. Bern (und andere reformierte Kantone und Städte) schuf ein Ehegericht, das Schulwesen wurde neu geordnet und die reformierte Kirche dem Magistrat unterstellt. Die Kirchenzucht (also die Überprüfung der christlichen, gottesgefälligen Lebensführung) wurde in die Hände der weltlichen Obrigkeit gegeben (Lienhard 1995b: 806-807). Während es Luther und den lutherischen Fürstentümern und Stadtmagistraten in Deutschland gelungen war, angesichts der katholischen Bedrohung abweichende Reformbestrebungen zur Rückkehr zum lutherischen Augsburger Bekenntnis zu zwingen, gab es zwischen deutschen und schweizerischen Reformern keine Annäherung. Im Gegenteil: eine weitere Reformwelle, dieses Mal verbunden mit dem Namen Jean Calvin, schwappte, ausgehend von Genf, über Europa.100 Wie andere Re- 99 Andere schweizerische Städte und Kantone verbaten sich diese Einmischung und wiesen Zwinglis Missionare aus, in manchen Fällen kam es sogar zu Exekutionen (Wallace 2004: 96). 100 Aus Frankreich stammend, lebte Calvin im Exil in Basel, bevor er nach Genf geladen wurde, welches damals politisch von seinem katholischen Bischof und dem Savoyer Herzogtum bestimmt wurde. Calvins Einladung steht im Zusammenhang mit dem Versuch des Genfer Magistrats, sich mit Hilfe des Reformators von diesen politischen Fesseln zu befreien. Der 136 former stellte Calvin die Bibel als einzige Autorität über jegliche religiöse Tradition und Institution. Wie Zwingli und Bucer und im Gegensatz zu Luther, predigte Calvin die ausschließlich spirituelle Anwesenheit Christi bei der Kommunion. Wie für Luther war auch für Calvin die menschliche Natur sündig, aber – und hier steht er im Gegensatz zu Luther – es war dem Menschen nicht gegeben, durch eigene Willenskraft oder Glaube Errettung zu erlangen. In Calvins Theologie gab es Erwählte und Verdammte. Aber auch die Zugehörigkeit zum Kreis der Erwählten war dauerhaft dem Zweifel ausgesetzt. Diese sogenannte Determinationslehre ist das Kernstück calvinistischen Denkens. Das Leben der von Gott Erwählten war von einem permanenten Kampf gegen die weltlichen Versuchungen Satans geprägt – ein Kampf, der erst mit Gottes endgültigem Urteil beendet wird. Um diesen weltlichen Kampf gegen den Teufel bestehen zu können, musste eine Gott gefällige öffentliche Disziplin hergestellt werden. Zur Überwachung dieser Disziplin kreierte Calvin Konsistorien aus Pfarrern und Kirchenräten, denen er weitreichende legale Machtmittel in die Hand gab. Gerade in den calvinistischen Staatskirchen entstand eine „kirchenpolizeiliche Kontrolle des Lebens des einzelnen“, die bis dicht an die „Grenze der Inquisition getrieben wurde“ (Weber 1904/2000: 119). „Calvinism demanded righteous living in ways that Lutheranism did not, and it regulated social life in ways that medieval pluralistic Catholicism had not” (Wallace 2004: 106)101. Seit den 1550er Jahren waren der Protestantismus Zwinglischer und Calvinistischer Prägung miteinander verschmolzen und sollte sich von Genf aus in die Niederlande und nach Schottland, Frankreich, aber auch nach England, Polen und Ungarn verbreiten. Die Schweiz hatte Sachsen als Inspirationsstätte der Reformation abgelöst. 5.1.4 Die Reformation in Schottland In den 1540er Jahren erreichte die Reformation Schottland. Von deutschen Ländern ausgehend, waren die ersten Reformatoren lutherischer Prägung. Sehr schnell wurde deutlich, dass die katholische Kirche aber - durch die engmaschige Vernetzung – auch die Monarchie mit dieser Konkurrenz große Probleme haben würde. „But that the Protestants were strong enough to challenge royal authority at all is a comment on the failure of the church hierarchy to respond to the religious needs of the day“ (Mitchison 2002: 113). Schweizer Nachbarkanton Bern unterstützte die Genfer Reformationsbewegung zunächst, als aber ersichtlich wurde, dass Calvin nicht schlicht Zwinglis Vorstellungen umsetzen wollte, wendeten sich sowohl Bern als auch Genf gegen Calvin, der 1538 zum zweiten Mal nach Straßburg ins Exil fliehen musste. Dort arbeitete er eng mit Bucer zusammen, bevor er nach Genf zurückkehrte, wo seine erbittertsten Feinde mittlerweile die Macht verloren hatten (Wallace 2004: 104-105). 101 Bereits Weber registrierte die „geringere asketische Durchdringung des Lebens durch das Luthertum im Gegensatz zum Calvinismus“ (Weber 1904/2000: 88).

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.