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Sigrid Roßteutscher, Soziale Segmentierung als Ergebnis deregulierter Märkte in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 109 - 110

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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109 4.3.3 Soziale Segmentierung als Ergebnis deregulierter Märkte Es gibt ein grundsätzliches Argument gegen den kausalen Zusammenhang zwischen Deregulierung auf der einen Seite und religiöser Vielfalt auf der anderen. Amerika ist eine vor allem nach ethnischen Gesichtspunkten segmentierte Gesellschaft. Pluralismus und Organisationsvielfalt sind kausal mit diesen Bruchlinien verknüpft, da z.B. schwarze Baptisten nie gemeinsam mit weißen oder hispanischen Baptisten eine Organisation bilden würden. Allein die ethnische Konfliktlinie führt daher zu einer drei- oder vierfachen Ausbildung der gleichen Organisation, oft nochmals segmentiert nach Schicht- oder Geschlechtskriterien. “The decisive separations in the majority (in America) Christian world did not follow denominational lines so much as lines of gender, class, race, ethnicity, cause, or ideology and political preference“ (Marty 1993: 19). Folgt man diesem Argument, so sind potentielle Auswirkungen der Marktorganisation marginal oder sekundär zum Einfluss der Segmentierung der amerikanischen Gesellschaft. Die (religiöse) Vereinslandschaft der USA wäre daher vor allem deshalb vielfältiger als in den meisten vergleichsweise homogenen europäischen Gesellschaften, weil diese Gesellschaft von mehr und weniger einfach zu überbrückenden Konfliktlinien gekennzeichnet ist. Dabei hat sich die Segmentierung entlang sozio-struktureller Merkmale in den vergangenen zwei Jahrhunderten deutlich verstärkt. „These three demographic factors – region, social class, and urbanism – at first served to differentiate from each other a dozen or so denominations of mostly white, Anglo-Saxon Protestants, but by the middle of the 19th century, religion in the United States became much more multicultural, with race, ethnicity, and national origin added to the demographic differentiators of religious denominations. The immigration of masses of Catholics and Jews (as well as more Lutherans) from Germany and Catholics from Ireland increased the sociological salience of religious identity itself, the Civil War intensified religious sectionalism, and the rapid rise of African-American churches after the war added a color line between the churches (instead of simply within them)“ (Warner 1993: 1058-1059). Damit stehen diese Überlegungen im Widerspruch zu alternativen Annahmen, die gesellschaftliche Homogeneität als Ausgangspunkt religiöser Vitalität betrachten (siehe unten). Hier heißt es nun, dass heterogene Gesellschaften Vereinsbildung und Partizipation fördern, da die Vereinslandschaft quasi natürlich die verschiedenen Merkmale, Interessen und Wertüberzeugungen der Gesellschaftsmitglieder widerspiegelt. Je mehr eine Gesellschaft durch Gegensätze (ethnischer, sozialstruktureller oder weltanschaulicher Natur) gekennzeichnet ist, desto eher wird ein lebendiges und differenziertes Vereinsleben entstehen. Weil der einzelne Verein somit homogener strukturiert ist, sind Gruppennormen und interner Zusammenhalt hoch, daher wird in solchen Vereinen auch stärker partizipiert als in Vereinen mit heterogener Mitgliederbasis. Heterogenität beeinflusst somit sowohl die Ausbildung von Organisationen als auch individuelles Handeln in Organisationen (Krassa 1995, Wilson 1986): „Mit der Breite des Angebots an Organisationen steigt die Wahrscheinlichkeit der individuellen sozialen Beteiligung in Vereinen, da den unterschiedlichen Präferenzen der Individuen zahlreiche Auswahlmöglichkeiten gegenüber stehen“ (Bühlmann/Freitag 2004: 331). Für Anhänger der rational choice Schule wäre dies allerdings kein überzeugendes 110 Gegenargument, ist es doch genau der freie unregulierte Markt, der erlaubt, dass sich Organisationen verstärkt um solche Konsumentensegmente bemühen und so – kundennah – die Bedürfnisse nach sozialer und kultureller Differenzierung erfüllen. In Konsequenz bedeutet dies aber, dass ein freier Markt, der solche Differenzierungsbestrebungen ermutigt, die von Sozialkapitalisten hochgeschätzte Generierung brückenbildenden Sozialkapitals und generalisierten Vertrauen eher behindern (siehe Kapitel 2). Regulierte religiöse Märkte mit einer geringen religiösen Vielfalt sollten dagegen eher erzwingen, dass sich Menschen unterschiedlicher Herkunft und aus unterschiedlichen Schichten gemeinsam assoziieren. Eine vom Markt erzwungene inner-organisatorische Koexistenz unterschiedlicher gesellschaftlicher Segmente resultierte somit in gesamtgesellschaftlich wünschenswerten Charakteristika: der Produktion brückenbildenden Sozialkapitals und dem Aufbau generalisierten Vertrauens gerade innerhalb religiöser Vereinigungen.73 Folgerichtig wird in der Religionssoziologie die aus einer Integrationsperspektive fatale Wirkung freier Märkte thematisiert. Deregulierung ist – folgt man Emerson und Smith – eben nicht marginal, sondern ein ganz entscheidender Faktor, der die Nischenbildung und (ethnische) Segmentierung des religiösen Lebens nicht nur fördert, sondern geradezu erzwingt. In ihrer Argumentation folgen sie der ökonomischen Schule: die Trennung von Staat und Kirche produziert religiöse Vielfalt und wachsende Konkurrenz, sowie eine verstärkte Betonung individueller Wahlfreiheit. Folglich müssen sich religiöse Anbieter spezialisieren und ihre Angebote vermarkten, um sich ihre Überlebenschance zu bewahren (Emerson und Smith 2000: 136). Das Resultat dieses angepassten Marktverhaltens ist – und hier unterscheiden sie sich grundsätzlich von der rational choice Schule – desaströs: Innerorganisatorische Homogenität und Zementierung ethnischer und sozialer Segmementierung mit dem Ergebnis, dass sich soziale Ungleichheit durch kirchliches Engagement verstärkt. „The processes that generate church growth, internal strength, and vitality in a religious market place also internally homogenize and externally divide people“ (Emerson/Smith 2000: 142). Die ökonomische Schule teilt diese prolematisierende Perspektive nicht. Hier steht Segmentierung für Nischenbildung und Marktbefriedigung und wird damit zur zentralen Voraussetzung von religiöser Vitalität. 4.3.4 Religiöse Vielfalt: Anreiz zum Engagement oder Zerstörer absoluter Wahrheiten? Deregulierung, Subventionsabbau und Deprivilegierung führen quasi zwangsläufig zur Durchsetzung religiöser Vielfalt. Dieser Pluralismus, und dies ist das letzte Glied in der Argumentationskette der ökonomischen Schule, beflügelt religiöses Engagement. Die Gründe sind bereits genannt: Pluralismus befördert den Konkur- 73 Dafür leistet die religiöse Segmentierung entlang ethnischer und nationaler Gesichtspunkte in einem Einwanderungsland wie den USA die relativ spannungsfreie Integration unterschiedlichster Immigrantentypen (Warner 1993: 1060-1064).

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.