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Sigrid Roßteutscher, Über- und Unterversorgung: zur Ineffizienz freier Märkte in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 106 - 107

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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106 4.3 Fehlversorgung, Segmentierung und Abschottung – die Schattenseite freier Märkte Es ist sicher nicht überraschend, dass die Anwendung ökonomischer Denkmodelle auf ein Phänomen wie Religion scharfe Kritik hervorrufen musste. Überraschend ist vielleicht, dass sehr ähnliche Kontextfaktoren oder Makroindikatoren auch von der kritischen Seite in den Mittelpunkt gestellt werden – allerdings gänzlich anders interpretiert werden. So werden auch hier Pluralismus und deregulierte Märkte in einen engen Zusammenhang gesetzt, doch ist nicht religiöse Mobilisierung das Resultat religiöser Vielfalt, sondern Relevanzverlust der Religion und sinkende Partizipationsraten. Spezialisierung und Nischenbildung, die in der ökonomischen Theorie als Triebfeder religiöser Mobilisierung firmieren, werden nun zu Bausteinen einer segmentierten und sozial ungleichen Gesellschaftsordnung. Während die ökonomische Schule die Sonnenseite freier Märkte thematisiert, sehen ihre Kritiker mehr Schatten als Licht. 4.3.1 Über- und Unterversorgung: zur Ineffizienz freier Märkte Monopole mögen, wie Iannaccone argumentiert, ineffizient sein, doch dies kann auf kompetitive Situationen ebenso zutreffen: unnötige Duplizierung bereits bestehender Angebote ist die offensichtlichste Ineffizienz rivalisierender Religionen. So zeigt Gill, dass der religiöse Wettstreit im Großbritannien des 19. Jahrhunderts zu einer massiven Überversorgung mit Kirchen führte (Gill 1993). Auch Bruce findet für die Zeit nach dem großen Schisma innerhalb der calvinistischen schottischen Kirche und der Abspaltung der Free Church, dass die Freikirche genau in den (wohlhabenden Mittelklasse-) Stadtteilen und Gemeinden alternative Kirchen und Schulen baute, die bereits bestens von der Kirk (der schottischen Staatskirche) versorgt waren, und die Gemeinden übersahen, in denen auch die Kirk nicht aktiv war: „The result was eighty years of expensive and pointless overprovision and, after the re-union in 1929, the closure of hundreds of church buildings“ (Bruce 1999: 52). Überversorgung ist also eine mögliche Auswirkung deregulierter Märkte. Die Verstärkung sozialer Schichtung ist eine aus demokratischer Perspektive womöglich noch bedenklichere Folge eines freien Marktes. Auch dies lässt sich eindeutig für das schottische Aberdeen bestätigen: „It was self-evident that the more wealthy members a church could attract the better would be its financial position and its resultant status in the country. It was early realization of this simple fact which undoubtedly played a large part in influencing the choice of building sites for both Greyfriars and Trinity Free churches. Both of these congregations deserted what were primarily working-class parishes and built their churches with fifty yards of one another in fashionable Crown Street“ (MacLaren 1974: 109). Je stärker religiöse Organisationen auf freiwillige Gaben ihrer Mitglieder angewiesen sind, desto eher versuchen sie, ressourcensstarke Individuen zu gewinnen. Umgekehrt ist zu vermuten, dass staatskirchliche oder amtskirchliche Traditionen, die 107 auf einem allgemeinen Umlagesystem basieren, dieser Neigung am wenigsten nachgeben (müssen). Dies ist übrigens ein beliebtes Argument seitens der über allgemeine Umlagen finanzierten Kirchen, die nichts mehr befürchten, als Abhängigkeit von Schenkungen und Mitgliederbeiträgen und große Nachteile für die weniger Begüterten unter den Bevölkerungen beschwören: „That, they say, can be more stifling than establishment when it comes to championing the rights of the underdog who may not be popular with the bourgeois church members who pay the organist and call the hymn tune. The state’s money is more anonymous and enables them to be more independent [...]” (Lamont 1989: 171). Auch aus historischer Sicht ist das Argument der gesellschaftlichen Ineffizienz vieler Staatskirchen schwer zu halten. Staatskirchen waren Teil der Verwaltungsstruktur und in der Regel alleinzuständig für alle Belange der Lokalverwaltung, einschließlich Bildungs-, Wohlfahrts- und Gerichtswesen. Die Kirchenmitglieder, die sich in der Gemeinde engagierten, hatten somit Einfluss auf lebensrelevante Bereiche außerhalb der engeren spirituellen kirchlichen Angelegenheiten. Vor allem (männliche) Bürger der höheren Schichten, aber auch manche weniger bevorteilte Gemeindemitglieder gewannen so „a sense of direct participation in the government of the church“ (Mitchison 2002: 351). Aus historischer Sicht sind somit gerade Staatskirchen mit ihren vielfältigen und zum Teil politischen Aufgaben hervorragende Schulen der Demokratie gewesen. Geht man noch weiter in mittelalterliche Zeiten zurück, so war die Kirche sogar einer der wenigen Zugangsmöglichkeiten zu Macht und politischer Verantwortung: „in medieval-agrarian societies“, so Collins, „religion was a bulwork of the main organizational structure, and the church was a direkt route to power, wealth, and prestige“ (Collins 1997: 164). Die aktuelle Annahme, die Staatskirchentum mit Passivität seitens der Kirchenmitglieder und des Kirchenpersonals gleichsetzt, beruht offensichtlich auf einer Perspektive, die allein auf die Jetztzeit zutrifft. Dabei ist anzunehmen, dass solche historischen Konfigurationen, gerade wenn sie über Jahrhunderte bestanden, lang anhaltend nachwirken. Dieses Argument lässt sich unschwer mit Ingleharts Interpretation verknüpfen, der wie Lipset und andere Autoren aktuelle Unterschiede in der Sozialkapital- Ausstattung zwischen protestantischen und katholischen Nationen auf die postreformatorische Natur der jeweiligen Kirchen zurückführte (vgl. Kapitel 3): historische Staatskirchen als Generator eines Reservoirs an Sozialkapital, das sich über die Jahrhunderte in die politische Kultur der Nationen übertrug. Allerdings dürfte man nicht wie Inglehart ein spezifisch protestantisches Organisationsmodell für diesen nachhaltigen Effekt verantwortlich machen. Der Grund wäre eine Jahrhunderte währende staatskirchliche Einbindung mit ihren vielfältigen politischen und administrativen Aufgaben, die als effiziente Schulen der Demokratie wirkten. 4.3.2 Religion, die nichts kostet? Dass Religion im Staatskirchensystem sozusagen umsonst zu haben sei, gehört zu den zentralen Argumenten der rational choice Theorie der Religion. Dies ist sicherlich nicht das überzeugendste Argument der ökonomischen Schule. Immerhin wer-

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.