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Sigrid Roßteutscher, Mögliche Schlussfolgerungen für eine empirische Analyse in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 104 - 106

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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104 on ausüben (Stark/Bainbridge 1996: 142; Stark/Finke 2000: 143). Der Ausstieg aus solch devianten Organisationen ist relativ „teuer“, da sie völlig neuen Ansprüchen in einer für sie fremden Umwelt genügen müssen: „An organization in tension will ask a lot from its members, who in turn will give a lot to the organization. [...] Furthermore, by deliberately offering or withholding these rewards, a religious organization can tie people exclusively to the organization and ensure that they will give their rewards to the organization alone“ (Sengers 2004: 130). So vergrößern sich die Spannungen mit der Außenwelt, da Unterschiede betont werden und sich antagonistische Beziehungen entwickeln. Allerdings: mit dem Erfolg einer solchen subkulturellen Organisation sinkt der Grad der Spannung zwangsläufig. Die Sekte mutiert zur Kirche (Stark/Bainbridge 1996: 270; Stark/Finke 2000: 143). Dies ist ein direkter Effekt ihrer Größe. Je mehr Anhänger, desto schwieriger wird die Disziplinierung der Mitglieder und desto wahrscheinlicher wird es, dass Normen und Werte sozialisiert werden, die denen der Umwelt ähneln. Sinken die Spannungen und Konflikte mit der Umwelt, so sinkt auch der gruppeninterne Mobilisierungsgrad. Mit anderen Worten, „strikte“ Kirchen wachsen, liberalere Kirchen bzw. Kirchen, die an die Umwelt angepasst sind, schrumpfen (Kelley 1986; Iannaccone 1994). Folgt man der Logik des „sect-church-cycles“ so ist Subkulturbildung demnach entweder zeitlich begrenzt oder nur dann dauerhaft möglich, wenn die religiöse Gruppierung erfolglos bleibt, also nicht den Mitgliederzuwächsen ausgesetzt ist, die den Sekte-Kirchen-Zyklus in Gang setzen. „The heart of the sect-tochurch theory is the thesis that deviant religious organizations can become succesful, but that they bear the seed of decline in them“ (Sengers 2004: 130). Auch die rational choice Theorie feiert somit den partizipativen Vorteil kleiner Größe. Wie im Fall der Sozialkapitaltheorie sind auch hier viele Thesen zur Vitalität von Sekten gegen- über Kirchen bei Weber und Troeltsch entliehen (vgl. Kapitel 3). 4.2.5 Mögliche Schlussfolgerungen für eine empirische Analyse Das zentrale Argument der ökonomischen Schule lautet: ein freier Markt produziert religiöse Vielfalt und diese Vielfalt führt zu einer Steigerung religiöser Partizipation. Damit ergeben sich zwei überprüfbare Hypothesen, von denen die erste den Zusammenhang zwischen Regulierung und Pluralismus formuliert und eine zweite den Einfluss von pluralistischen Angebotsstrukturen auf individuelle Partzipationsraten beinhaltet: • Je weniger der Staat in den religiösen Sektor eingreift (je „freier“ der Markt ist), desto höher ist der Pluralimsmusgrad im religiösen Sektor, d.h. desto mehr unterschiedliche konfessionelle Angebote stehen zur Verfügung. • Je mehr religiöse Angebote zur Verfügung stehen (je pluralistischer der religiöse Markt strukturiert ist), desto höher ist die religiöse Partizipation. Die These, dass freie Märkte und die daraus hervorgehende pluralistische Konkurrenzsituation religiöse Partizipation erhöhen, gilt sowohl auf für Individuen als auch für zivilgesellschaftliche Organisationen: 105 Im freien Markt gibt es mehr und vielfältigere religiöse Organisationen/Angebote, da … • …neue Anbieter nicht vom Staat eingeschränkt werden, • …start-up Kosten daher relativ gering sind und • …vermehrt Nischenprodukte offeriert werden. Auch in der einzelnen religiösen Organisation wird engagierter partizipiert, da … • …attraktive, kundenoriente „Produkte“ angeboten werden, • …die Organisation dem „Kunden“ und nicht dem Staat gegenüber verantwortlich ist, • …die Kunden (Mitglieder) die Organisation finanzieren und daher über hohe Kontrollbefugnisse verfügen. Dadurch erhöht sich schlussendlich auch im Aggregat der Anteil, der von religiösen Organisationen insgesamt Mobilisierten. Die These von der vitalitätssteigernden Kraft pluralistischer Systeme im Vergleich zur Monopolsituation lässt sich somit dreifach präzesieren: In pluralistischen Kontexten gibt es a) mehr religiöse Organisationen, b) höhere Partizipationsraten innerhalb der Organisationen und c) eine höhere religiöse Mobilisierungsrate, d.h. ein höherer Anteil der Gesamtbevölkerung ist in religiösen Gruppen aktiv. Die Richtigkeit dieser Thesen wird in Kapitel 8 (Zusammenhang zwischen freiem Markt und religiöser Vielfalt) und Kapitel 11 (Zusammenhang zwischen religiöser Vielfalt und Ausmaß individueller Partizipation) empirisch überprüft. Neben diesen Kernannahmen ergeben sich aber aus der Logik der rational choice Theorie mehrere Hypothesen, die für diese Untersuchung ebenfalls fruchtbar sind. Interessanterweise sind dies Hypothesen, die nicht mit dem Organisationsargument der Partizipations- und Sozialkapitaltheorie konkurrieren, sondern diese ergänzen. Dies betrifft zunächst eine These, die besagt, warum unter bestimmten institutionellen Verhältnissen die Ausbreitung demokratischer Organisationsformen befördert oder aber gehemmt wird. • Im freien Markt sind religiöse Organisationen eher dezentral und demokratisch verfasst, da sie finanziell von der Mitgliederbasis und nicht vom Staat abhängen. • Umgekehrt: Mit der Abhängikeit von staatlichen Mitteln, steigt die oligarchische, arbeitsteilige, professionalisierte Verfassung religiöser Organisationen. Zwei weitere Thesen ergeben sich, welche die Wirkung organisatorischer Merkmale auf individuelle Partizipationsmuster im Prinzip bestätigen, aber den kausalen Mechanismus, der sich hinter dem postulierten Zusammenhang verbirgt, konkretisieren: • Mit der Professionalisierung des religiösen Sektors (im Sinne festangestellter, womöglich staatlich finanzierter „Kirchenbeamter“) sinkt das innerorganisatorische Niveau an Partizipation und Ehrenamtlichkeit. • Je größer die Höhe staatlicher Subvention bzw. die Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln ist – also von Mitteln, die organisationsextern requiriert werden – desto geringer ist das Ausmaß innerorganisatorischer Partizipation. 106 4.3 Fehlversorgung, Segmentierung und Abschottung – die Schattenseite freier Märkte Es ist sicher nicht überraschend, dass die Anwendung ökonomischer Denkmodelle auf ein Phänomen wie Religion scharfe Kritik hervorrufen musste. Überraschend ist vielleicht, dass sehr ähnliche Kontextfaktoren oder Makroindikatoren auch von der kritischen Seite in den Mittelpunkt gestellt werden – allerdings gänzlich anders interpretiert werden. So werden auch hier Pluralismus und deregulierte Märkte in einen engen Zusammenhang gesetzt, doch ist nicht religiöse Mobilisierung das Resultat religiöser Vielfalt, sondern Relevanzverlust der Religion und sinkende Partizipationsraten. Spezialisierung und Nischenbildung, die in der ökonomischen Theorie als Triebfeder religiöser Mobilisierung firmieren, werden nun zu Bausteinen einer segmentierten und sozial ungleichen Gesellschaftsordnung. Während die ökonomische Schule die Sonnenseite freier Märkte thematisiert, sehen ihre Kritiker mehr Schatten als Licht. 4.3.1 Über- und Unterversorgung: zur Ineffizienz freier Märkte Monopole mögen, wie Iannaccone argumentiert, ineffizient sein, doch dies kann auf kompetitive Situationen ebenso zutreffen: unnötige Duplizierung bereits bestehender Angebote ist die offensichtlichste Ineffizienz rivalisierender Religionen. So zeigt Gill, dass der religiöse Wettstreit im Großbritannien des 19. Jahrhunderts zu einer massiven Überversorgung mit Kirchen führte (Gill 1993). Auch Bruce findet für die Zeit nach dem großen Schisma innerhalb der calvinistischen schottischen Kirche und der Abspaltung der Free Church, dass die Freikirche genau in den (wohlhabenden Mittelklasse-) Stadtteilen und Gemeinden alternative Kirchen und Schulen baute, die bereits bestens von der Kirk (der schottischen Staatskirche) versorgt waren, und die Gemeinden übersahen, in denen auch die Kirk nicht aktiv war: „The result was eighty years of expensive and pointless overprovision and, after the re-union in 1929, the closure of hundreds of church buildings“ (Bruce 1999: 52). Überversorgung ist also eine mögliche Auswirkung deregulierter Märkte. Die Verstärkung sozialer Schichtung ist eine aus demokratischer Perspektive womöglich noch bedenklichere Folge eines freien Marktes. Auch dies lässt sich eindeutig für das schottische Aberdeen bestätigen: „It was self-evident that the more wealthy members a church could attract the better would be its financial position and its resultant status in the country. It was early realization of this simple fact which undoubtedly played a large part in influencing the choice of building sites for both Greyfriars and Trinity Free churches. Both of these congregations deserted what were primarily working-class parishes and built their churches with fifty yards of one another in fashionable Crown Street“ (MacLaren 1974: 109). Je stärker religiöse Organisationen auf freiwillige Gaben ihrer Mitglieder angewiesen sind, desto eher versuchen sie, ressourcensstarke Individuen zu gewinnen. Umgekehrt ist zu vermuten, dass staatskirchliche oder amtskirchliche Traditionen, die

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.