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Sigrid Roßteutscher, Minoritäten und Sekten: vom partizipativen Vorteil „strikter“ Kirchen in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 103 - 104

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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103 Methodismus oder die Great Awakening in den britischen Kolonien – haben ein und dieselbe Ursache: Eine Wiederbelebung christlichen Glaubens, Missionierung und privater Gotteserfahrung als Reaktion auf die religiöse Indifferenz einer zunehmend säkularisierten Kultur, Elite und Gesellschaft (Wallace 2004: 200). Damit kann Säkularisierung – in der Regel als Feind religiöser Vergemeinschaftung jeder Art verstanden – sogar eine den religiösen Sektor befruchtende Wirkung besitzen. Versteht man unter Säkularisierung die Entstehung einer säkularen Vereinswelt mit unterschiedlichsten Freizeit- und Unterhaltungsangeboten, so führen Nachahmungszwänge die Religion in eine größere organisatorische Vielfalt: je mehr „profane“ Angebote zur Verfügung stehen, desto mehr eigene Angebote müssen die Kirchen kreieren, um ihre Mitglieder und Anhänger nicht an die säkulare Welt zu verlieren. Da mit dieser Ausweitung des Angebots in profane Bereiche hinein in der Logik der ökonomischen Schule der Sekte-zu-Kirchen Zyklus in Gang gesetzt wird (oder dies zumindest droht), führt säkulare Konkurrenz zur permanenten Erneuerung und Vitalität des religiösen Marktes. 4.2.4 Minoritäten und Sekten: vom partizipativen Vorteil „strikter“ Kirchen Die Minderheitsreligion fühlt sich von einer ihr feindlichen Kultur umgeben. Dies gilt auch dann, wenn die Minderheit in einer bestimmten Region eine Hegemonialposition einnimmt (Finke/Stark 1988: 44-46; 1989: 1054-1056). Die Minderheitsreligion ist ständig um den Erhalt ihrer Identität bemüht und daher „less likely to lapse into the complacency that a protected position invites“ (Warner 1993: 1056). Die relative Position der katholischen Kirche – von der Hegemonialmacht in der klassischen katholischen Nation bis zur bekämpften und benachteiligten Minderheit in dominant protestantischen Staaten – erklärt nach Stark und Iannaccone auch die sehr nationenspezifischen Partizipationsraten der Katholiken. So findet Stark (1992) auf der Basis eines 45 Nationenvergleichs, dass das Engagement der Katholiken negativ korreliert mit der Größe des katholischen Bevölkerungsanteils. „That is, the Catholic Church will be more effective in mobilizing its members where it is confronted either by pluralistic religious economies or by Protestant semimonopolies and will be least effective where it most closely approximates a monopoly“ (Stark/Iannaccone 1994: 240). Die rational choice Theorie der Religion sieht die positiven Effekte deregulierter Märkte auch für nicht-christliche Religionen innerhalb dominant christlicher Gesellschaften bestätigt. Auf der Basis eines 18 Nationenvergleichs schließen Chaves et al., dass Muslime desto stärker partizipieren, je freier der Markt an sich organisiert ist: „Even among Muslim in predominantly Christian societies, less state subsidy of religion produces higher levels of religious activity“ (Chaves et al. 1994: 1087). Je ausgeprägter die Außenseiter-Position solcher Minoritäten ist, desto wahrscheinlicher wird hohes Gruppenengagement. Dies ist so, weil Spannungen (degree of tension) zwischen der Umwelt und einer religiösen Gruppe bzw. die Abweichung (deviance) von dieser Umwelt, einen positiven Einfluss auf innerkirchliche Partizipati- 104 on ausüben (Stark/Bainbridge 1996: 142; Stark/Finke 2000: 143). Der Ausstieg aus solch devianten Organisationen ist relativ „teuer“, da sie völlig neuen Ansprüchen in einer für sie fremden Umwelt genügen müssen: „An organization in tension will ask a lot from its members, who in turn will give a lot to the organization. [...] Furthermore, by deliberately offering or withholding these rewards, a religious organization can tie people exclusively to the organization and ensure that they will give their rewards to the organization alone“ (Sengers 2004: 130). So vergrößern sich die Spannungen mit der Außenwelt, da Unterschiede betont werden und sich antagonistische Beziehungen entwickeln. Allerdings: mit dem Erfolg einer solchen subkulturellen Organisation sinkt der Grad der Spannung zwangsläufig. Die Sekte mutiert zur Kirche (Stark/Bainbridge 1996: 270; Stark/Finke 2000: 143). Dies ist ein direkter Effekt ihrer Größe. Je mehr Anhänger, desto schwieriger wird die Disziplinierung der Mitglieder und desto wahrscheinlicher wird es, dass Normen und Werte sozialisiert werden, die denen der Umwelt ähneln. Sinken die Spannungen und Konflikte mit der Umwelt, so sinkt auch der gruppeninterne Mobilisierungsgrad. Mit anderen Worten, „strikte“ Kirchen wachsen, liberalere Kirchen bzw. Kirchen, die an die Umwelt angepasst sind, schrumpfen (Kelley 1986; Iannaccone 1994). Folgt man der Logik des „sect-church-cycles“ so ist Subkulturbildung demnach entweder zeitlich begrenzt oder nur dann dauerhaft möglich, wenn die religiöse Gruppierung erfolglos bleibt, also nicht den Mitgliederzuwächsen ausgesetzt ist, die den Sekte-Kirchen-Zyklus in Gang setzen. „The heart of the sect-tochurch theory is the thesis that deviant religious organizations can become succesful, but that they bear the seed of decline in them“ (Sengers 2004: 130). Auch die rational choice Theorie feiert somit den partizipativen Vorteil kleiner Größe. Wie im Fall der Sozialkapitaltheorie sind auch hier viele Thesen zur Vitalität von Sekten gegen- über Kirchen bei Weber und Troeltsch entliehen (vgl. Kapitel 3). 4.2.5 Mögliche Schlussfolgerungen für eine empirische Analyse Das zentrale Argument der ökonomischen Schule lautet: ein freier Markt produziert religiöse Vielfalt und diese Vielfalt führt zu einer Steigerung religiöser Partizipation. Damit ergeben sich zwei überprüfbare Hypothesen, von denen die erste den Zusammenhang zwischen Regulierung und Pluralismus formuliert und eine zweite den Einfluss von pluralistischen Angebotsstrukturen auf individuelle Partzipationsraten beinhaltet: • Je weniger der Staat in den religiösen Sektor eingreift (je „freier“ der Markt ist), desto höher ist der Pluralimsmusgrad im religiösen Sektor, d.h. desto mehr unterschiedliche konfessionelle Angebote stehen zur Verfügung. • Je mehr religiöse Angebote zur Verfügung stehen (je pluralistischer der religiöse Markt strukturiert ist), desto höher ist die religiöse Partizipation. Die These, dass freie Märkte und die daraus hervorgehende pluralistische Konkurrenzsituation religiöse Partizipation erhöhen, gilt sowohl auf für Individuen als auch für zivilgesellschaftliche Organisationen:

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.