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Sigrid Roßteutscher, Nischenbildung und Marktbefriedigung: der religiöse Wettstreit um Seelen in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 99 - 102

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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99 heitsstrukturen und Anreizsystemen, denen Kleriker der etablierten im Vergleich zu solchen nicht-etablierter Kirchen ausgesetzt sind (Iannaccone 1991: 172-173). Folglich führen Deregulierung und Subventionsabbau geradezu zwangsläufig zu Demokratisierung. An dieser Stelle wird ein für diese Arbeit interessanter zusätzlicher Aspekt eingeführt. Rational choice geht nicht ausschließlich davon aus, dass deregulierte Märkte religiöse Vielfalt zur Folge haben, welche wiederum das Niveau des individuellen Engagements hebt, sondern macht auch eine Aussage hinsichtlich der Wirkung freier Märkte auf Organisationsstrukturen. Wenn Finanzierung und Aktivitäten religiöser Organisationen nicht mehr zentral von oben gelenkt werden, sondern zur freiwilligen Aufgabe des Mitglieds werden, erhöht sich nicht nur das Kontrollgefühl der Mitglieder, auch die Organisation selbst muss auf den Machtgewinn der Laien reagieren: Entscheidungsbefugnisse gehen auf die Mitglieder über und dezentrale demokratische Strukturen entstehen: „The authority of the local church was gradually being taken out of the hands of elite professionals and placed into the hands of the people” (Finke 1990: 616). Mit Hirschman (1970) ließe sich die demokratisierende Wirkung pluralistischer Situationen noch um einiges grundsätzlicher konzipieren. Nach Hirschman gibt es zwei prinzipielle Mechanismen, mit denen unzufriedene Mitglieder auf den Qualitätsverlust von Organisationen reagieren können: exit und voice. Exit, das Verlassen oder die Drohung, eine Organisation zu verlassen, hat aber nur dann einen Effekt, wenn das Mitglied damit drohen kann, einer Alternativorganisation beizutreten. Wenn Organisationen, Kirchen in unserem Fall, Monopole halten, verpufft das Drohpotential. Aber auch die Wirkung von voice, dem lautstarken und in der Regel kollektiven Protest, ist in nichtpluralistischen Kontexten geschwächt, da dem unzufriedenen, protestierenden Mitglied bei Ausschluß aus der Monopolorganisation soziale Exklusion und die Abschottung von allen Kollektivgütern, die der Monopolist produziert, droht. Folglich, so Hadenius, ist Protest gegen Monopolisten in der Regel sehr vorsichtig, leise und daher wenig effizient. „In short, leaders can acquire a very ‚safe’ and powerful position in organizations where the exit option is highly restricted” (Hadenius 2004: 60). Organisationen dagegen, die in einem Umfeld überleben müssen, das Alternativorganisationen bereit stellt, sind von der Unterstützung ihrer Mitglieder abhängiger, werden responsiver, müssen mit heftigeren Protesten und glaubhafteren exit- Drohungen rechnen und, um in dieser Logik zu bleiben, entwickeln eine grundsätzlich partizipativere, demokratischere Struktur. 4.2.2 Nischenbildung und Marktbefriedigung: der religiöse Wettstreit um Seelen Die organisatorische und ideologische Trennung von Staat und Kirche führt grundsätzlich in eine Situation, in der Kirchen mit anderen Kirchen um ihre Anhänger konkurrieren.67 Diese Situation war wohl in den USA am frühesten und am ausge- 67 Damit Pluralismus auch wirklich zu Konkurrenz führt, müsste prinzipiell der Kunde flexibel sein, also bereit sein, zu der Religion oder Kirche zu wechseln, die ihm das attraktivste Angebot unterbreitet. Offensichtlich sind religiöse Konsumenten aber nicht sehr flexibel. Auf der 100 prägtesten gegeben. So haben Abgeordnete aus europäischen Ländern schon im 19. Jahrhundert die Besonderheiten des „religiösen Marktes“ in den USA kommentiert: „[...] I say, the result is in everything and every where most favourable to the voluntary, and against the compulsory principle“ (Reed 1885: 137, zitiert nach Finke 1997: 46). Allerdings, so die skeptischere deutsche Sichtweise, die Trennung von Staat und Kirche „changes the peaceful kingdom of God into a battlefield“ (Schaft 1855: 96, zitiert nach Finke 1997: 47). Wenn der Staat keine Religionsgemeinschaft bevorzugt, wenn Finanzierung ausschließlich über freiwillige Gaben und Schenkungen von Privatpersonen erfolgt, dann so Finke, sind religiöser Pluralismus und Konkurrenzkampf die Folge. Und weiter: „Competition and pluralism result in more efficient religious organizations, lead to market niches, and mobilize a high percentage of the population into churches” (Finke 1997: 47). Pluralismus und Wettstreit führen sozusagen zwangsläufig zu einem hohen Grad religiöser Partizipation. Die Erklärung liegt in der Struktur der Konsumenten mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen, was Finke „consumer segments with unique demands“ (Finke 1997: 57) nennt. Je mehr Organisationen um Anhängerschaft konkurrieren, desto wahrscheinlicher ist es, dass Organisationen Nischenprofile entwickeln und daher Menschen in religiöse Organisationen geworben werden, die im Falle einer einzigen Großorganisation oder nur weniger Marktmonopolisten nicht partizipieren würden. „The inability of the monopoly church to mobilize massive commitment is inherent in the segmentation of any religious market. The fact is that a single faith cannot shape its appeal to precisely suit the needs of one market segment, without sacrificing its appeal to another. In contrast, where many faiths function within a religious economy, a high degree of specialization occurs. It follows that many religious bodies will, together, be able to meet the demands of a much larger proportion of a population than can be the case where only one or very few faiths have free access“ (Finke/Stark 1988: 42). Pluralismus führt somit letztendlich auch zur Spezialisierung des religiösen Marktes, da potentielle Anbieter in Konkurrenz mit anderen religiösen Anbietern stehen, und sich folglich verstärkt um die Bedienung der Bedürfnisse verschiedener Nischensegmente der Gesellschaft bemühen (Stark/Iannaccone 1994: 232). Dabei gehen Stark und Iannaccone im Sinne ihrer ökonomischen Theorie davon aus, dass der „natürliche“ Zustand des religiösen Marktes – wie jedes anderen Marktes – ein Zustand des Pluralismus ist, in dem verschiedenste spezialisierte „Firmen“ miteinander konkurrieren (1994: 233).68 Dieser in seinen natürlichen Zustand verbliebene (oder Basis einer Humankapital-Analyse kommt Iannaccone – selbst einer der entschiedensten Vertreter der ökonomischen Schule – zu dem Ergebnis, dass religiöse Bindungen eine hohe intergenerationale Stabilität besitzen, dass die wenigen die wechseln, der Ursprungsreligion nahe verwandte Lösungen suchen, und der Konfessionswechsel in jungen Jahren relativ hoch ist, während die Neigung neue Optionen zu probieren mit jedem zusätzlichen Konsumjahr abnimmt (Iannaccone 1990: 300-301). 68 Spezialisierung kann entlang verschiedener Dimensionen erfolgen. Zum einen durch die Repräsentation gesellschaftlicher Konfliktlinien („on the basis of ‚normal’ variations in the human condition“), also durch religiöse Organisationen, die soziale Klasse, Geschlecht, Alter etc. abbilden. Sie kann aber auch den unterschiedlichen religiösen Bedürfnissen einer pluralistischen Gesellschaft entsprechen, in der manche Menschen eher weltliche Angebote schät- 101 wieder gesetzte) gesunde Markt ist in allen Belangen durch hohe Partizipation gekennzeichnet, während regulierte Märkte diesen natürlichen, gesunden Zustand unterdrücken und somit zu geringer Mobilisierung und wenig Engagement führen. „[...] the more highly specialized and aggressive the churches are, the greater the odds that any given individual will be activated” (Finke/Stark 1988: 43).69 Wenn gewisse Segmente bereits von religiösen Anbietern „besetzt“ sind, muss sich der konkurrierende Anbieter um Segmente oder Sub-Segmente benühen, die noch nicht an ein (religiöses) Produkt gebunden sind. So werden Marktlücken geschlossen. Religiöse Partizipation und Engagement erhöhen sich im freien Markt demnach durch zwei Grundprinzipien: • Die attraktivere, bedürfnisnähere Ausgestaltung des organisatorischen Angebots mit dem Ziel, Konkurrenten die „Kunden“ abzuwerben70, und • Ein gezieltes Marketing von Segmenten, die bisher nicht mobilisiert waren – mit dem Ziel, sich in Nischen der Gesellschaft zu etablieren. Daraus folgt, dass der freie religiöse Markt nicht nur die Mobilität der Konsumenten anregt (also die Neigung zu Konfessions- und Organisationswechsel befördert), sondern auch – durch agressives Nischenmarketing – einem geringen Prozentsatz der Bevölkerung erlaubt, außerhalb des Marktes zu verbleiben. Der regulierte, vom Staat verzerrte Markt dagegen sollte weniger Konfessionswechsel ermöglichen, dafür aber – aufgrund der geringeren und wenig differenzierten Qualität des Angebots – von einem relativ hohen Prozentsatz nicht mobilisierter (religiös inaktiver) Segmente gekennzeichnet sein. In dieser pluralistischen, und, wie Leggewie kommentiert, auf „friedlichem Wettbewerb“ beruhenden Konkurrenz ist nicht der Staat Garant des Erfolges, sondern der Markt und die in ihm getätigten Nutzenkalküle der Individuen. „[...] Religionsgemeinschaften gerieren sich oft wie kapitalistische Unternehmen. Wirtschaftlicher Erfolg gilt, nicht nur in den Sparten des Protestantismus, als bester Beweis, von Gott auserkoren und des ewigen Lebens würdig zu sein“ (Leggewie 2005: 4). Damit erfährt der Grundgedanke der ökonomischen Schule – der freie Markt schafft Pluralismus und dieser erhöht individuelles Partizipation – auch von Autoren Unterstützung, die eigentlich nicht in einer utilaristischen Perspektive beheimatet sind. zen und andere eher die aufs Jenseits fokussierten. Manche Menschen suchen Organisationen, die eine strenge Disziplin verlangen, während andere wenige Vorschriften hinsichtlich Lebensführung bevorzugen. Weiter nennen sie Unterschiede zwischen exklusiven und inklusiven bzw. expressiven und reservierten Typen religiöser Organisation (Stark/Iannaccone 1994: 233). 69 In ihrer Analyse „neuer religiöser Bewegungen“ verbindet auch Barker Pluralismus mit religiöser Vielfalt und Nischenbildung. Gegenwärtige westliche Gesellschaften, so Barker (1993: 236), basieren auf einem Pluralismus „ökonomischer, politischer, struktureller und, vor allen Dingen, kultureller Art“. Die große Zahl unterschiedlicher Lebensbedingungen und Lebensstile ermöglicht den Erfolg unorthodoxer, sektenähnlicher religiöser Angebote. 70 Dies geschieht aktuell in extensiver Weise auf dem religiösen Markt Lateinamerikas, wo die katholische Kirche nach einem von der Amtskirche verfügten „spirituellen Retrenchment“, also der Verabschiedung von der erfolgreichen „Befreiungstheologie“, massenhaft Anhänger an verschiedenste evangelikale protestantische Konkurrenten verliert (Gill 2003b: 484). 102 So sieht auch Putnam den Hauptunterschied zwischen den USA und allen anderen westlichen Industrienationen in der Tatsache, dass in einem Fall die religiöse Situation eine pluralistische sei, während andere Systeme von Staatsreligionen gekennzeichnet seien, die der Gefahr unterliegen zu verknöchern („become ossified“). Nur die pluralistische Situation, so Putnam, erfährt ständige Weiterentwicklung. Typisch für sie ist eine „kaleidoscopic series of revivals and awakenings“ (Putnam 2000: 66). 4.2.3 Säkularisierung als Anreiz religiösen Engagements? In der modernen, säkularisierten Welt71, in der die Organisationsfreiheit zu den einklagbaren Verfassungsgrundsätzen gehört, stehen religiöse Anbieter nicht nur in Konkurrenz zu Anbietern anderer Konfessionen, sondern auch zu nicht-religiösen Unternehmern. Die kirchliche Wohlfahrtsorganisation konkurriert mit nichtreligiösen Anbietern sozialer Dienste, der katholische Sportverein mit dem Angebot säkularer Sportclubs und Kirchenchöre streiten mit klassischen Gesangsvereinen um Mitglieder. Auch wenn Kirchen und Konfessionen aus dogmatischen Gründen auf manche dieser, aus religiöser Sicht profanen, Unterhaltungsangebote gerne verzichten würden, zwingt die Säkularisierung sakrale Organisationen zu diesseitigen Angeboten an ihre (potentiellen) Mitglieder. „When local churches preach against the secular evils of bars, drinking and dancing, they must provide a variety of social alternatives” (Finke 1997: 54). Das Freizeitangebot religiöser Organisationen ist somit zunächst eine Anpassung an die Konkurrenz seitens säkularer Angebote. Religiöse Organisationen adaptieren so ihre Umwelt und entwickeln Angebote, um die Bedürfnisse ihrer Anhänger, die nicht mehr in dieser Umwelt agieren sollen, zu stillen. „Sects that isolate their members socially must provide alternative social networks with ample opportunities for interaction, friendship, and status” (Iannaccone 1994: 1204, vgl. auch Iannaccone 1988: 257). Diese Anpassung an den ‚mainstream’ ist für religiöse Organisationen allerdings nicht ohne Risiko. Die radikalere, engagiertere Anhängerschaft ist möglicherweise von dieser „Verwässerung“ und Profanisierung sakraler Sinngebung enttäuscht und wendet sich weniger säkularisierten, radikaleren religiösen Bewegungen zu. Dieser Austauschmechanismus zwischen moderater werdenden Großorganisationen und radikaleren Neugründungen, die dann im Erfolgsfall selbst Anpassungen an die säkulare Kultur vornehmen, firmiert in der rational choice Theorie als „sect-church cycle“ (Stark/Bainbridge 1985, Finke/Stark 1992). Folgt man dem Religionshistoriker Wallace so lässt sich dieser Mechanismus auf die gesellschaftliche Entwicklung an sich verallgemeinern. Erweckungsbewegungen unterschiedlichster Natur – lutherischer Pietismus, englischer 71 Der Begriff der Säkularisierung ist ein allgemein gebräuchliches Schlagwort, das viele unterschiedliche Facetten besitzt und ganz verschiedene Prozesse beschreibt. Auf allgemeinster Ebene beschreibt Säkularisierung den Niedergang religiöser Bedürfnisse, Werte, Überzeugungen und Organisationen im Zuge von gesellschaftlicher Modernisierung und Rationalisierung (z.B. Wilson 1966, 1982; Kaufmann 2000).

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References

Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.