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Sigrid Roßteutscher, Organisationsstruktur, Konfession und Demokratie in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 89 - 90

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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89 Katholizismus, gerade als es ihm nicht mehr gelang, den Lauf weltlicher Institutionen zu bestimmen, den Kirchenpfad verlassen und viele sektentypische Merkmale – vor allem hinsichtlich Abschottung und interner Mobilisierung – ausgebildet. 3.5 Organisationsstruktur, Konfession und Demokratie Aus der Diskussion um Organisationsformen, Sozialkapital und Demokratie lässt sich zunächst ein Schluss ziehen: Konfession ist irrelevant; kleine Gruppen sind besser als große. Aus dem Kleingruppenprinzip werden alle weiteren demokratierelevanten Eigenschaften abgeleitet: flache Hierarchien, dezentrale Struktur, hohes Maß an innerorganisatorischer Partizipation. Aus dieser organisationstheoretischen Überlegung heraus lassen sich somit zwei Grundannahmen formulieren: • Kleine (mitgliederarme) Organisationen sind intern demokratisch, da sie flach und dezentral organisierbar sind. Da die Neigung zum Trittbrettfahren minimiert wird, ist die Mitgliederpartizipation hoch. • Umgekehrt: große (mitgliederstarke) Organisationen neigen zur Ausbildung interner Hierarchien, die Differenzierung und Professionalisierung zur Folge haben, welche wiederum die Mitgliederpartizipation unterdrücken. Das vor allem von Smith und Warren postulierte Konstrukt partizipativer Hierarchie beinhaltet die Gegenthese: • Hierarchischen, zentral geleiteten und in größere nationale oder supranationale Hierarchien eingebetteten Organisationen gelingt Mobilisierung und Sozialkapitalgenerierung eher als Kleingruppen, da die Hierarchie die Informations- und Kontrollmechanismen verbessert und eine größere (soziale) Mischung an der Mitgliederbasis besteht. Aus diesen grundsätzlichen organisationstheoretischen Überlegungen wird – von vielen – der demokratische Vorteil protestantischer Organisationen bzw. – von wenigen – der partizipatorische Vorteil katholischer Gruppen abgeleitet. Dies geschieht, indem beide Organisationstypen mit Konfession in Beziehung gesetzt werden. Dem Protestantismus wird die kleine, flache, dezentrale Organisationsstruktur unterstellt, der Katholizismus mit großen, bürokratischen zentralistischen Organisationen gleichgesetzt. Während die (große, hierarchische) Organisationsstruktur des Katholizismus unisono angenommen wird, ist die Gleichsetzung des Protestantismus an sich mit kleinen, dezentralen Organisationsstrukturen, wie es vor allem in der aktuellen amerikanischen Diskussion um Sozialkapital geschieht, problematischer. Nimmt man die Ursprungsargumente, wie sie von Weber und Troeltsch zu Beginn des 20. Jahrhunderts formuliert wurden, ernst, so sollten sich große innerprotestantische Unterschiede ergeben: • Lutherische Organisationen sind katholischen Organisationen sehr ähnlich. Größe, Hierarchie, Zentralismus und Mitgliederapathie verringern sich vom Luthertum über den Calvinismus und erreichen erst in den aus dem Calvinismus hervorgegangen Sekten den Idealtypus der kleinen, dezentralen, partizipativen Gruppe. 90 Viele der hier angeführten Argumente zum Zusammenhang zwischen Organisationsstruktur und Konfession harren einer empirischen Bestätigung. Inwieweit unterschiedliche Konfessionen in der Tat zu unterschiedlichen Organisationsmustern neigen, und – das ist der entscheidende Punkt – diese Organisationsmuster tatsächlich erklären können, warum manche Gruppen Partizipation und Engagement fördern und andere nicht, ist zunächst eine empirische Frage. Immerhin sind auch die vorliegenden empirischen Studien zur Wirkung von Vereinsgröße und innerorganisatorischen Hierarchien alles anderer als eindeutig. Solange die Situation so ist, scheint es angebracht den Mythos der kleinen Größe um eine kritische Anmerkung Bells zu ergänzen: „The size of an organization is only one among many factors that may contribute to civic virtue. Relatively small organizations are more likely to provide settings for teaching organizational skills and stimulating an interest in public affairs. Smaller is better, other things being equal. But other things are rarely equal [...]” (Bell 1998: 262). Zu den Dingen, die in der Sprache Bells „rarely equal“ sind, gehören konfessionelle Identitäten, staatskirchliche Arrangements und religiöser Pluralismus.

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.