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Sigrid Roßteutscher, Protestantischer Individualismus und katholischer Kollektivismus in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 83 - 86

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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83 den Kirche“ auf der anderen Seite führten zu einer tiefen Spaltung im protestantischen Lager. Die deutschen Katholiken waren vor den Verlockungen des Nationalsozialismus gefeiter. Umgekehrt: deutsche Protestanten waren „im Schnitt doppelt so anfällig“ gegenüber der NSDAP wie Katholiken (Falter 1991: 177). Gründe dafür liegen vor allem in ihrer subkulturellen Vernetzung und organisatorischen Einbindung, die den Erfolg nationalsozialistischer Verlockungen erschwerte.51 Zudem hatten die katholischen Bischöfe bis zur Machtergreifung Hitlers ihren Gläubigen den Beitritt zur NSDAP schlicht verboten. Die zentrale Rolle des Pfarrers im katholischen Milieu auch in politischen Fragen verschloss der NSDAP den Zugang zu kirchengebundenen katholischen Wählerreservoirs (Fandel 2002: 307). Konfession war nach Falter der entscheidende Faktor für Erfolg und Nichterfolg der NSDAP (Falter 1991: 177; 179-186, ähnlich auch Pyta 1996: 15). Das Konkordat von 1933 entspannte die Situation kurzfristig, doch bereits 1937 wandte sich der Heilige Stuhl mit der Enzyklika Mit brennender Sorge wieder vehement gegen die rassistischen Thesen und Aktivitäten des Hitler-Regimes. Hinzu kam, dass sich das Verhältnis der katholischen Kirche und des Papstes zu Mussolini, der ganz im Gegensatz zu Franco nicht daran dachte, seine faschistische Ideologie an katholische Vorstellungen anzupassen oder gar diesen unterzuordnen, als mehr als schwierig gestaltete.52 Hierarchie, institutionelle Verfasstheit und klare Anweisungs- und Befehlsstrukturen – so könnte man diese Argumente zusammenfassen – erschweren in „normalen“ Zeiten und unter „normalen“ Umständen die Mobilisierung der Laien und verringern die Fähigkeit, Sozialkapital zu generieren. Ändern sich Zeiten und Umstände, wandelt sich das demokratische Glück und totalitäre Bewegungen okkupieren den Staat, dann werden diese Merkmale zum Bollwerk zumindest passiver Resistenz und setzten dem Machthunger des totalitären Regimes einen effizienten Riegel vor: Protestantismus für Normalzeiten – Katholizismus für die Krise! 3.3.3 Protestantischer Individualismus und katholischer Kollektivismus Fast alle bisher diskutierten Thesen, die einen Vorteil protestantischer Sozialkapitalbildung gegenüber katholischen Vereinen betonen, beruhen auf organisationstheoretischen Argumenten. Gerade in der amerikanischen Debatte um die Rolle protestantischer und katholischer Organisationen in der Demokratie, gelten Organisationsunterschiede bezüglich Größe, Hierarchie und Laienbeteiligung als ursächlich 51 Fandel berichtet wie Katholiken, welche die NSDAP unterstützen, zu Außenseitern wurden, die – besonders in kleineren Gemeinden – geradezu sozial geächtet wurden. Teilweise versagten ihnen Pfarrer die Kommunion und Absolution, der Ausschluss aus katholischen Vereinen drohte (Fandel 2002: 306-307). Dabei ging es, wie Fandel schreibt, weniger um eine politische Opposition gegen das NS-Regime, sondern um „weltanschauliche Immunisierung und kirchlich institutionelle Selbstbehauptung“ (Fandel 2002: 328). 52 Kernpunkt der Auseinandersetzungen der katholischen Kirche mit den faschistischautoritären Regimen Portugals, Spaniens und Italien war in jedem Fall die Frage des katholischen Bildungswesens und der Unabhängigkeit katholischer Jugendorganisationen. 84 (empirisch nachgewiesen wird dies allerdings nicht wirklich). Gleichzeitig wird davon ausgegangen, dass sich die in religiösen Organisationen produzierten Werte und Normen konfessionsübergreifend ähneln. So nennt Smidt vor allem Ehrlichkeit, Wahrheitsliebe, Mitgefühl und Gnade als Werte, die in allen Konfessionen betont werden (Smidt 2003: 11). Andere Autoren gehen einen Schritt weiter und setzen die unterschiedliche Organisationsstruktur mit der Beförderung bestimmter Wertstrukturen in Beziehung. Demnach unterscheiden sich Protestanten und Katholiken auch hinsichtlich ihrer Werte und Orientierungen. Der konfessionelle Kontext – vermittelt über spezifische Organisationsstrukturen – führt zur Ausbildung von Wertsystemen, die sich gerade hinsichtlich Freiwilligenengagements und Partizipation voneinander unterscheiden (Uslaner 2002). „Protestantism is seen as promoting an ethic in which, rather than relying on the state or the church establishment to provide for needs of the community, people are encouraged to join together voluntarily to fulfil various societal functions, including philanthropy and the preservation of public morality“ (Curtis et al. 2001: 785). Die Gegenthese formulieren Offe und Fuchs. Demnach ist der Katholizismus stärker mit Vereinsengagement verknüpft als der Protestantismus, da die katholische Weltanschauung durch Gemeinschaftsorientierung geprägt sei, während der Protestantismus zu liberal-individualistischem Denken neige. Gerade calvinistische Spielarten des Protestantismus mit ihrer Konzeption eines durch menschliches Wirken unbeeinflussbaren Gottes führen, wie Weber argumentiert, zum „Gefühl einer unerhörten inneren Vereinsamung des einzelnen Individuums“ (Weber 1904/2000: 62).53 Die katholische Kirche besitze dagegen einen stärkeren „corporate sense of identity“ (Casanova 1998). Daher vermittele die katholische Kirche ihren Anhängern eine „Ethik der Barmherzigkeit“ und Verantwortlichkeit für das Kollektiv in einem Ausmaß wie dies die protestantische Kirche nicht könne oder wolle (Offe/Fuchs 2001: 445).54 Selbst Inglehart, der ansonsten die Vorteile des Protestantismus betont, sieht hinsichtlich Solidarität und Gemeinschaftsgefühl einen Vorsprung des Katholizismus. So haben vorindustrielle Kulturen, zu denen Inglehart auch den Katholizismus zählt, den einzelnen dazu erzogen, seine soziale Position zu akzeptieren, da sie ihm (oder ihr) verhieß, dass geduldige Hinnahme und Verleugnung weltlicher Ziele im nächsten Leben belohnt werde: „Das Streben nach sozialer Mobilität wird stark unterdrückt. Derartige Wertsysteme tragen auf viele Arten dazu bei, soziale Solidarität aufrechtzuerhalten und ökonomische Akkumulation zu verhindern“ 53 Weber verweist an dieser Stelle auf die calvinistische Prädestinationslehre, die eine Antwort auf die Frage, ob ein Mensch „erwählt“ sei oder nicht, allein an Gott verweist (Weber 1904/2000: 60-61). 54 In der Tat zeigen Bühlmann und Freitag für die Schweiz, dass sich in katholisch dominierten Gemeinden mehr Bürger in Vereinen engagieren, als in protestantisch reformierten Kommunen (2004: 341-343). Allerdings beziehen die Autoren dies weniger auf unterschiedliche Wertsysteme, sondern auf die Gelegenheitsstrukturen der katholischen Kirche, hinsichtlich der Verfügbarkeit von Räumen, Personal etc. (Bühlmann/Freitag 2004: 344). 85 (Inglehart 1998: 106-107). Die These von der stärkeren individualistischen Prägung des protestantischen Lebens im Vergleich zur Lebenswelt des Katholiken führt schließlich zur Hypothese eines grundsätzlichen Organisationsvorsprungs des katholischen Milieus.55 Der gute Protestant benötigt weder die Kirche, noch den Pfarrer, noch die religiöse Organisation, um seinen Frieden mit Gott zu schließen. Der Katholik dagegen, wenn er denn ein guter sein möchte, muss regelmäßig seine Sakramente empfangen und ist daher nur im Kontext der katholischen Organisation denkbar.56 „If there is one thing that Protestants agree on, it is that individuals should believe and practice religion in keeping with their conscience – and thus they tend to see religion as something deeply individual, prior to organizational involvement“ (Carroll/Roof 1993: 18). Die kollektive Orientierung des Katholizismus im Vergleich zum Individualismus des Protestantismus wird daher auch als Begründung für die höhere Kirchlichkeit und Kirchenbindung der Katholiken bis heute genannt (z.B. Dubach 1998: 29). In der Mitgliedschaft in der Kirche besteht für jeden Katholiken das Heil. Kirche in der „Gewissensreligion“ des Protestantismus hat eher funktionale Legitimation, als, wie Ebertz das nennt, „animatorisches Hilfsmittel zum Zweck der Erweckung und Pflege [...] der christlichen Glaubensüberzeugung“ (Ebertz 1998: 74). Die organisatorische Einbettung wiederum gilt vielen als Grund für die relative Resistenz des katholischen Milieus gegenüber Totalitarismen verschiedenster Art (s.o.). Der Protestantismus dagegen, organisatorisch strukturlos und daher von einer permanenten „Struktursehnsucht“ (Schmidtchen 1973: 469) getrieben, findet sich seit der Reformation auf einem „merkwürdigen politischen Zickzack-Kurs“, der sie immer dorthin treibe, wo neue Themen, neue Moden aufkommen. Fast bösartig formuliert Schmidtchen: „Am Wege der Protestanten stehen immerzu Verführungen, auf die sie hereinfallen, weil sie in einer Deformation des Gewissenstrainings gelernt haben, sich selbst nur akzeptieren zu können, wenn sie das Selbst in immer neuen Gewändern präsentieren. [...] Diese Überzeugungsund Wortreligion führt zu neuerungssüchtigen, unstabilen sozialen wie politischen Verhaltensweisen“ (Schmidtchen 1973: 63-64). Im Umkehrschluss führt also die dem Katholizismus eigene Struktur zur Stabilität sozialer und politischer Verhältnisse, während der Protestantismus sein Fähnchen in den Wind hänge – innovativ und erneuerungsfähig einerseits, anfällig und beeinflussbar andererseits. Nun muss man Schmidtchens Polemik nicht teilen, oder wie Schmitt die simple Dichotomie zwischen Katholiken und Protestanten kritisieren. 55 Zumindest bis in die 1980er hinein ließ sich das für Deutschland auch empirisch bestätigen: 19 Prozent aller Katholiken sind Mitglied katholischer Vereine oder Verbände, unter Protestanten dagegen waren „nur“ 12 Prozent in konfessionellen Vereinigungen aktiv (Schmitt 1985: 305-306). 56 So wurde z.B. der ursprünglich von Troeltsch (1922: 434ff.) formulierte Unterschied zwischen der protestantischen „Wortkirche“ und der katholischen „Sakramentskirche“ von Schmidtchen wieder aufgenommen: „Katholiken leben in einer Seinsordnung, in einem ordo, zu dessen Gesamtnatur die Existenz der Kirche notwendiger und folgerichtiger gehört als diese oder jene Pflanzenart“ (Schmidtchen 1973: 452). Protestanten dagegen leben in einem „offenen System“, in einer „Welt des Strukturmangels“ (Schmidtchen 1973: 462). 86 Schmitt fordert vor allem eine Differenzierung zwischen verschiedenen Typen des Protestantismus, aber auch eine differenzierte historische Betrachtungsweise (Schmit 1985: 297-299). Interessant ist aber für den Kontext dieser Arbeit, welch weitreichende Schlussfolgerungen auch in Europa aus der aus dem Glaubensinhalt resultierenden verschiedenartigen Organisationsstruktur und dem Niveau organisatorischer Vernetzung gezogen wurden. 3.4 Sekte oder Kirche: ein Missverständnis? Die Unterscheidung zwischen „klein=aktiv“ und „groß=passiv“ hat – basierend auf Max Weber und von Ernst Troeltsch weiter entwickelt – eine lange religionssoziologische Geschichte. Die Sekte gilt hier als Prototyp der exklusiven, kleinen Vereinigung, die Kirche oder Konfession als ihr inklusives, großes Gegenstück. Während die Kirche oder Konfession ihre Mitglieder qua Geburt (und/oder Kinder- bzw. Babytaufe) erhält und keine gesonderten Mitgliedskriterien aufbaut, beruht der Typ der Sekte auf Erwachsenenkonversion und verbindlichen sowie häufig anspruchsvollen Mitgliedschaftskriterien – eine „believers’ church“, eine „Gemeinschaft der persönlich Gläubigen und Wiedergeborenen“ (Weber 1904/2000: 111). Mit anderen Worten: „Anstaltskirchen und Freiwilligkeitskirchen“ (Troeltsch 1922/1961: 375). Allerdings: Weber bezieht sich nicht auf den Protestantismus an sich, sondern meint vor allem Baptisten, Mennoniten und Quäker – Sekten, die exklusive auf Erwachsenenkonversion und auf Engagement und religiöser Disziplin beruhende Mitgliedschaftskriterien besitzen: „Alle täuferischen Gemeinschaften wollen abr „reine“ Gemeinden im Sinn des tadellosen Wandels ihrer Mitglieder sein“ (Weber 1904/2000: 115; Hervorhebungen im Original). Luthertum, Katholizismus und Calvinismus dagegen sind in dem Sinne Kirche und nicht Sekte, da unter ihrem Dach Gläubige und Ungläubige, Aktive und Inaktive vereint sind (Weber 1904/2000: 111). Wie Weber betont Troeltsch das inklusive Element der Kirche: „Der Typus der Kirche ist die überwiegend, massenbeherrschende und darum ihrem Prinzip nach universale, d.h. alles umfassen wollende Organisation“ (Troeltsch 1922/1961: 362). Die Kirche will ein „universales alles beherrschendes Ideal“ gegenüber der Welt und Masse geltend machen (Troeltsch 1922/1961: 368). Sekten zeichnen sich neben ihrer Exklusivität zudem durch Askese und ihren Kleingruppencharakter aus – Eigenschaften, welche die Sekte in den Gegensatz zur säkularen Gesellschaft, aber auch zur Kirche positionieren. Sektiererische Traditionen leben von einer strengen Grenzziehung zwischen sich und der Umwelt und versuchen „unspotted from the world“ zu verbleiben. Im Gegensatz dazu haben Kirchentraditionen gerade in monokonfessionellen Umständen weltliche Institutionen „umarmt“ und zu leiten versucht (Madeley 2003b: 36). Sekten zeichnen sich zudem durch wenig komplexe, flache Organisationsprinzipien aus, besitzen hochgradig motivierte Mitglieder, die sich oft aus unteren Schichten speisen und bilden engmaschige gruppeninterne Beziehungen. Praktiziert wird ein „Laienchristentum“ basierend auf religiöser Gleichheit und Brüderlichkeit. Die Ablehnung offizieller Kirchenvertreter, „Seelenführer“ und

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.