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Sigrid Roßteutscher, Hierarchie und Zentralismus: zur Widerstandsfähigkeit der Katholischen Kirche in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 81 - 83

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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81 schlicht reiche Personen zu kennen als Mitglieder kleiner Organisationen (Wuthnow 2002: 675-678).45 Auch hierarchische Einbettung kann – potentiell – einen demokratieförderlichen Effekt besitzen. Während traditionelle Vorstellungen von der Wirkung hierarchischer Strukturen in der Regel davon ausgehen, dass Hierarchien die Entscheidungsbefugnisse der unteren Ebenen unterminieren (und damit die Vorteile, die sich aus der kleinen Vereinsdemokratie ergeben können, reduzieren), betont Smith die positive Wirkung hierarchischer Einbettung. Die Verknüpfung religiöser Vereine mit regionalen und nationalen Dachorganisationen bedeutet auch die Bildung von Netzwerken und Engagementpotentialen, die den Einzelnen aus seiner Kleinstgruppe heraus in die weitere Gesellschaft hinein integrieren. Horizonterweiterung, Wissensund Kompetenzvergrößerung sind das Ergebnis solch hierarchischer Netzwerke (Smith 2003: 26).46 Während Smith demnach hierarchische Strukturen als eine Möglichkeit zur Generierung brückenbildenden Sozialkapitals betrachtet, nimmt Wuthnow Organisationsgröße als Ausgangspunkt. In beiden Fällen sollte dieses Mal der Vorteil auf Seiten der Katholiken zu finden sein, sind es doch ihre Organisationen, die in Größe und Hierarchie die protestantischen Organisationen übertreffen (sollen). 3.3.2 Hierarchie und Zentralismus: zur Widerstandsfähigkeit der Katholischen Kirche Der Katholizismus hat sich – teilweise höchst erfolgreich – bis in die jüngste Gegenwart gegen den säkularen Staat und den Geist der Aufklärung gewehrt (ausführlich in Kapitel 5 und 6). Die pointierte Frontstellung zur Trennung von Kirche und Staat, sowie Tendenzen der Säkularisierung der Gesellschaft, haben den Katholizismus vielerorts zur Produktion subkulturell abgeschotteter Gegengesellschaften getrieben. So war der Katholizismus aus historischer Perspektive tatsächlich lange Zeit ein Feind der Demokratie. Interessanterweise hat sich die katholische Kirche allerdings nicht nur resistent gegenüber dem modernen, demokratischen Staatswesen, sondern auch gegenüber der „totalitären Herausforderung“ (Maier 1993) des 20. Jahrhunderts erwiesen. Dies gilt für die kommunistischen Staaten Mittel- und Osteuropas ohne Zweifel. Auch waren deutsche Katholiken im Vergleich zu Protestanten eindeutig weniger anfällig gegenüber dem Nationalsozialismus (vgl. Falter 1991: 186-188, siehe auch Kapitel 5).47 Der Protestantismus dagegen, gerade in protestan- 45 Da Wuthnows Untersuchung auf repräsentativen Individualdaten basiert, kann er allerdings nicht zeigen, ob Mitglieder diese statusüberbrückenden Kontakte tatsächlich in ihrer Organisation bzw. Kirchengemeinde geknüpft haben. 46 Interessanterweise geht Smith davon aus, dass hierarchische Einbettung in Dachorganisationen für „the vast majority of American religious organizations“ zutrifft, es also keine signifikanten konfessionellen Unterschiede gibt (Smith 2003: 26). 47 Im Fall des spanischen oder italienischen Faschismus kann man allerdings sehr viel weniger von einer besondern Widerständigkeit der katholischen Kirche sprechen. 82 tisch dominierten Ländern, zeigte eine viel größere Bereitschaft mit dem modernen, zunehmend demokratischen Staatswesen zusammenzuarbeiten.48 Er zeigte aber auch eine weitaus geringere Widerstandskraft gegen die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts. So haben die protestantischen Kirchen in allen ost- und mitteleuropäischen Ländern während des Kommunismus weitaus mehr Einbußen hinnehmen müssen als die katholische Kirche (vgl. Pollack 1998: 18; Pollack 2003: 443). Diese eklatanten Unterschiede lassen sich sicherlich theologisch – z.B. mit Verweis auf Luthers Lehre von den beiden Reichen oder Regimenten Gottes und der davon abgeleiteten Verpflichtung zur konstruktiven Mitarbeit im Staate (z.B. Kühn 1993: 239-246; Bruce 2000: 44)49 – erklären. Allerdings werden auch zu diesem Punkt häufiger organisationsstrukturelle Erklärungsmuster angeboten: „Je hierarchischer und dogmatischer die religiöse Gemeinschaft und je schärfer die Innen/Außen-Differenz ausgebildet war, desto besser konnte sie sich gegenüber den Angriffen des politischen Systems behaupten“ (Pollack 1998: 26). So war gerade der Islam, der „keine kirchliche Hierarchie kennt“ (Pollack 1998: 26), den kommunistischen Repressionen schutzlos ausgeliefert. Die Widerstandskraft der katholischen Kirche dagegen beruhte nach Pollack eben auf den Merkmalen, die sie als „Schule der Demokratie“ und Reservoir der Vertrauensbildung disqualifiziert: hochgradige institutionelle Verfasstheit, hierarchische Ordnung und Zentralisierung, sowie die Abhängigkeit vom Vatikan in Rom. Mit Hilfe dieser Mittel – sowie der hierarchisch strukturierten „päpstlichen Internationale“ (Kallscheuer 2005: 7), dem „hierarchischen Zusammenhalt der Kirche“ (Maier 1993: 4250) – gelang ihr eine Politik der Abkapslung von den kommunistischen Regimen, die nicht zuletzt zur Folge hatte, dass die lokale katholische Kirche eine gewisse Immunität gegenüber den Beeinflussungsversuchen seitens Staat und Partei entwickeln konnte (Pollack 1998: 26-27). Mit den Deutschen Christen (DC) entstand sogar eine starke protestantische Strömung, die den Nationalsozialismus aktiv unterstützte (inklusive seiner rassistischen, anti-semitischen Lehrmeinung), in der Hoffnung, eine protestantische machtvolle Staatskirche zu erringen. Das nationalprotestantische Lager ergab sich der Illusion, die NSDAP sei eine „anti-ultramontane evangelische Partei“ (Kittel 2002: 290), die Partei, die „am wirkungsvollsten den Einfluß des politischen Katholizismus einzudämmen versprach“ (Fandel 2002: 304). Die Entstehung der DC, das Überlaufen vieler Protestanten zur NSDAP, sowie der zum Widerstand aufrufenden „Bekennen- 48 Aufgrund spezifischer historischer Entwicklungen in Deutschland war allerdings die „Affinität des konfessionellen Protestantismus zu emanzipativ-politischem Protest eher selten“ (Haspel 1997: 79; ausführlicher in Kapitel 5). 49 Der Calvinismus geht noch einen Schritt weiter: hier gilt die Gehorsamspflicht gegenüber der Obrigkeit, selbst einer – wie Kühn schreibt – „ungerechten Obrigkeit“, solange der weltliche Herrscher nicht direkten Ungehorsam gegen Gott befehle (Kühn 1993: 243). Allerdings entwickelte der Calvinismus im Unterschied zum Luthertum verschiedene Modelle zur Rechtfertigung eines aktiven Widerstandsrechts bis hin zum Tyrannenmord (Kühn 1993: 245). 50 Maier bezieht sich auf die höhere Resistenz des Katholizismus im Vergleich zur evangelischen Kirche während des Nationalsozialismus. 83 den Kirche“ auf der anderen Seite führten zu einer tiefen Spaltung im protestantischen Lager. Die deutschen Katholiken waren vor den Verlockungen des Nationalsozialismus gefeiter. Umgekehrt: deutsche Protestanten waren „im Schnitt doppelt so anfällig“ gegenüber der NSDAP wie Katholiken (Falter 1991: 177). Gründe dafür liegen vor allem in ihrer subkulturellen Vernetzung und organisatorischen Einbindung, die den Erfolg nationalsozialistischer Verlockungen erschwerte.51 Zudem hatten die katholischen Bischöfe bis zur Machtergreifung Hitlers ihren Gläubigen den Beitritt zur NSDAP schlicht verboten. Die zentrale Rolle des Pfarrers im katholischen Milieu auch in politischen Fragen verschloss der NSDAP den Zugang zu kirchengebundenen katholischen Wählerreservoirs (Fandel 2002: 307). Konfession war nach Falter der entscheidende Faktor für Erfolg und Nichterfolg der NSDAP (Falter 1991: 177; 179-186, ähnlich auch Pyta 1996: 15). Das Konkordat von 1933 entspannte die Situation kurzfristig, doch bereits 1937 wandte sich der Heilige Stuhl mit der Enzyklika Mit brennender Sorge wieder vehement gegen die rassistischen Thesen und Aktivitäten des Hitler-Regimes. Hinzu kam, dass sich das Verhältnis der katholischen Kirche und des Papstes zu Mussolini, der ganz im Gegensatz zu Franco nicht daran dachte, seine faschistische Ideologie an katholische Vorstellungen anzupassen oder gar diesen unterzuordnen, als mehr als schwierig gestaltete.52 Hierarchie, institutionelle Verfasstheit und klare Anweisungs- und Befehlsstrukturen – so könnte man diese Argumente zusammenfassen – erschweren in „normalen“ Zeiten und unter „normalen“ Umständen die Mobilisierung der Laien und verringern die Fähigkeit, Sozialkapital zu generieren. Ändern sich Zeiten und Umstände, wandelt sich das demokratische Glück und totalitäre Bewegungen okkupieren den Staat, dann werden diese Merkmale zum Bollwerk zumindest passiver Resistenz und setzten dem Machthunger des totalitären Regimes einen effizienten Riegel vor: Protestantismus für Normalzeiten – Katholizismus für die Krise! 3.3.3 Protestantischer Individualismus und katholischer Kollektivismus Fast alle bisher diskutierten Thesen, die einen Vorteil protestantischer Sozialkapitalbildung gegenüber katholischen Vereinen betonen, beruhen auf organisationstheoretischen Argumenten. Gerade in der amerikanischen Debatte um die Rolle protestantischer und katholischer Organisationen in der Demokratie, gelten Organisationsunterschiede bezüglich Größe, Hierarchie und Laienbeteiligung als ursächlich 51 Fandel berichtet wie Katholiken, welche die NSDAP unterstützen, zu Außenseitern wurden, die – besonders in kleineren Gemeinden – geradezu sozial geächtet wurden. Teilweise versagten ihnen Pfarrer die Kommunion und Absolution, der Ausschluss aus katholischen Vereinen drohte (Fandel 2002: 306-307). Dabei ging es, wie Fandel schreibt, weniger um eine politische Opposition gegen das NS-Regime, sondern um „weltanschauliche Immunisierung und kirchlich institutionelle Selbstbehauptung“ (Fandel 2002: 328). 52 Kernpunkt der Auseinandersetzungen der katholischen Kirche mit den faschistischautoritären Regimen Portugals, Spaniens und Italien war in jedem Fall die Frage des katholischen Bildungswesens und der Unabhängigkeit katholischer Jugendorganisationen.

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.