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Sigrid Roßteutscher, Größe, Hierarchie und die Produktion brückenbildenden Sozialkapitals in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 78 - 81

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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78 3.3 Partizipative Hierarchie: Organisationsvorteile des Katholizismus Die Kirche und religiöse Organisationen haben auch eine wichtige Mobilisierungsfunktion. Allerdings waren hier – ganz im Gegensatz zur Schulung sozialer und kommunikativer Kompetenzen – kaum konfessionelle Unterschiede festzustellen. Ungeachtet aller strukturellen Unterschiede, die Verba et al. für die geringere Kompetenzvermittlung katholischer Organisationen verantwortlich machen, haben beide Organisationstypen einen ähnlichen Mobilisierungseffekt. „We have no reason to expect that political recruitment or political messages are more common in congregationally organized churches than in hierarchical churches, in small rather than large congregations, or in denominations in which lay members take a larger part in religious rites“ (Verba et al. 1995: 381). Mit einem anderen methodischen Ansatz,43 kommt Warren dagegen zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen: katholische Organisationen mobilisieren bis zu 25 Prozent mehr Aktivisten für politische Zwecke als protestantische Organisationen. Dies ist so, weil sie größer sind und daher einen größeren Mobilisierungspool besitzen, und weil es ihnen gelingt, proportional mehr Anhänger zu mobilisieren als protestantische Gemeinden und Organisationen (Warren 2003: 55). „The overall greater capacity of Catholic over Protestant churches for [...] mobilization, therefore, rests upon their larger average size and upon their ability to mobilize a greater proportion of parishioners and neighborhood residents“ (Warren 2003: 55). Auch er geht also davon aus, dass katholische Gemeinden und Organisationen grö- ßer und hierarchischer organisiert sind als ihre protestantischen Gegenparte, betrachtet die Wirkung dieser Merkmale aber als positiv und mobilisierungsförderlich. Gerade weil Gemeinden und Organisationen hierarchisch organisiert sind, gelingt es katholischen Priestern und Organisationseliten relativ mehr Mitglieder zu aktivieren. Weil das Reservoir zu organisierender Mitglieder größer ist als in protestantischen Organisationen, können auch absolut mehr politisch Engagierte geworben werden (Warren 2003: 57). Auch in den USA werden katholische Priester durch die Amtskirche autorisiert, da sie vom Bischof ernannt werden und nicht, wie in protestantischen Gemeinden üblich, durch die Gemeinde gewählt sind. Dadurch ist ihre Position gesichert und politisches Engagement kann auf Laien übertragen werden. Der Priester selbst ist nicht davon abhängig, sich eine Reputation als politischer Aktivist und Führer auch in außer-religiösen Belangen zu erarbeiten. Die Situation vieler protestantischer Pastoren ist laut Warren eine fundamental andere. Der Pastor ist ein Angestellter einer unabhängigen Gemeinde, und die letzte Autorität liegt daher nicht in der Hand des Pastors oder gar eines Bischofs (wie im katholischen Fall), sondern beim Ältestenrats der Gemeinde – in der Hand der Laien. Wenn Verba et al. behaupten, dass die dezentrale und flache Organisation des Protestantismus politische Par- 43 Warren untersucht die Involvierung hispanisch-katholischer, schwarz-amerikanischer protestantischer (baptistischer) und mexikanisch-katholischer Gemeinden in Texas in einem nationalen Netzwerk religiöser Organisationen, das sich sozial engagiert. 79 tizipation befördert, so übersehen sie laut Warren ein wichtiges Strukturmerkmal, das sich aus dieser Situation ergibt: die materielle Abhängigkeit des Pastors von der Gemeinde. Wenn er sich seine Arbeitsstelle erhalten möchte, ist der protestantische (baptistische) Priester in der Regel gut beraten, sich die Unterstützung der Gemeindemitglieder zu sichern: „The pastor acquires this support through demonstrating leadership as well as through charismatic speaking. [...], pastors are expected to be community and political leaders as part of their ministerial responsibilities” (Warren 2003: 63). Von protestantischen Geistlichen wird demnach erwartet, dass sie sich an vorderster Front engagieren, während katholische Priester keine Nachteile zu erwarten haben, wenn sie solch extra-religiöses Engagement den Laien überlassen. Aus diesem Zwang zum Aktivismus, so Warren, ziehen viele protestantische Pastoren den Schluss, die Gemeinde erst gar nicht an solchen für sie persönlich sehr zeitaufwendigen Wohlfahrts- oder Politiknetzwerken zu beteiligen (Warren 2003: 64). „Verba, Schlozman, and Brady (1995) made their argument for the greater democratic potential of black congregations vis-a-vis Hispanic parishes by examining skill development in individuals. They did not, however, look at processes of political engagement and mobilization within church communities. [...] The advantages of the „participatory hierarchy“ of the Catholic Church suggest that we must pay attention to the structure of social capital, as it is mediated by concrete social institutions, rather than bias our approach to favour horizontalness“44 (Warren 2003: 67-8). Noch ein weiteres – allerdings nicht organisationsstrukturelles – Argument spricht für den Mobilisierungsvorteil katholischer Organisationen. Aus einer sozialen Bewegungsperspektive wird Putnams Betonung unpolitischer Organisationen kritisiert, die den demokratischen und politisierenden Beitrag von Sängervereinigungen und Hobbyzüchtern über den von explizit politischen Organisationen wie Parteien, Gewerkschaften oder aber sozialen Bewegungen stelle. So argumentiert z.B. Quigley, dass solche unpolitischen Vereine niemals in einem Ausmaß zivilgesellschaftliche Fähigkeiten oder Sozialkapital generieren könnten wie dies Organisationen tun, die den Staat in seiner Autorität herausfordern (Quigley 1996: 3; ähnlich auch Foley und Edwards 1996, Rueschemeyer 1998). Wer den Staat oder staatliche Verwaltungen provozieren will und damit auch noch erfolgreich sein möchte, muss – so die Überlegung – über sehr spezifische Kenntnisse, Mittel und Kompetenzen verfügen. Nun war es aber gerade die katholische Kirche und ihr organisatorisches Umfeld, die im europäischen Kontext eine Gegengesellschaft bildete und den säkularen, liberalen Staat herausforderte (ausführlicher siehe Kapitel 6). Wenn also antistaatliche Bewegungen besonders hohe partizipative Leistungen erbringen und – aufgrund ihrer Protestposition ein hohes Kompetenzniveau entwickeln müssen – dann sollten gerade katholische Organisationen, die aus diesen subkulturellen Milieus hervorgegangen sind, besonders kompetent, sozialkapitalreich und partizipativ 44 Nach einer Untersuchung ethnischer Organisationen zieht Wood in der gleichen Buchveröffentlichung allerdings den umgekehrten Schluss: vertikal organisierte Organisationen und „patron-client networks fail badly at effective democratic participation“ (Wood 2003: 77). 80 sein (oder zumindest gewesen sein). Umgekehrt lässt sich aus einer staatsnahen Position auch eine verstärkte Hinwendung zu Politik und Verwaltungsaufgaben ableiten, während sich staatsferne oder gar feindliche Organisationen von solchen Aufgaben abschirmen bzw. ausgeschlossen werden. So gilt zumindest für Amerika, dass sich mainline Protestanten, sowohl von Katholiken als auch von fundatischen oder evangelikalen Protestantenin ihrer Außenwirkung unterscheiden. Historisch, so z.B. Putnam, haben mainline protestantische Kirchen disproportional häufiger lokales Führungspersonal gestellt, während katholische Organisationen oder protestantische Sekten eine höhere Betonung auf kircheninterne Aktivitäten legten (Putnam 2000: 77, ähnlich auch Park/Smith 2000: 283; Uslaner 2002b: 242). Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Wuthnow: „whereas the mainline churches participated in progressive social betterment programs during the first half of the twentieth century, evangelical churches focused more on individual piety” (Wuthnow 1999: 338). Hier wird also wie bereits im Falle des sozialen Vertrauens ein Argument formuliert, das, unabhängig vom Konfessionskontext, auf die jeweilige nationale Positionierung einzelner Konfessionen abhebt – als staatstragende Konfession einerseits, als den Staat bzw. die hegemoniale Konfession herausfordernde religiöse Gruppierung andererseits. Wie im Fall des sozialen Vertrauens scheint das Positionsargument allerdings beliebig einsetzbar, dient einmal der Erklärung des partizipativen Vorteils der Minderheit, ein nächstes Mal zur Begründung des Vorsprungs der dominanten Konfession. Wir werden dieses Thema daher in Kapitel 5 wieder aufnehmen und das Verhältnis zwischen Staat, Staatsreligion und Minderheitenkonfessionen, sowie dessen Auswirkung auf Partizipation und Laienbeteiligung an Hand der sechs Länder dieser Studie ausführlicher diskutieren. 3.3.1 Größe, Hierarchie und die Produktion brückenbildenden Sozialkapitals Große Organisationen sind grundsätzlich heterogener als kleine Organisationen, die Mitgliederbasis wird aus verschiedenen Schichten gespeist.Die Bedingungen für eine Generierung des von Putnam und anderen so hervorgehobenen brückenbildenden Kapitals (vgl. Kapitel 2) sollte somit in großen Organisationen eher gegeben sein als in kleinen Organisationen, deren Mitgliederbasis vermutlich sehr viel homogener ist. Wenn brückenbildendes Sozialkapital entsteht, weil Menschen verschiedener Herkunft und Schicht gemeinsam in einem Verein aktiv sind, dann steigen die Chancen für eine solche wünschenswerte Heterogenität mit der Größe der Gruppe: „Large congregations may attract a more diverse clientele and by virtue of size give members greater opportunities to develop high-status social ties“ (Wuthnow 2002: 673). Diese Überlegung findet auch eine gewisse empirische Bestätigung. So kann Wuthnow zeigen, dass Mitglieder großer oder mittelgroßer Organisationen eher angeben, Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft, Akademiker oder 81 schlicht reiche Personen zu kennen als Mitglieder kleiner Organisationen (Wuthnow 2002: 675-678).45 Auch hierarchische Einbettung kann – potentiell – einen demokratieförderlichen Effekt besitzen. Während traditionelle Vorstellungen von der Wirkung hierarchischer Strukturen in der Regel davon ausgehen, dass Hierarchien die Entscheidungsbefugnisse der unteren Ebenen unterminieren (und damit die Vorteile, die sich aus der kleinen Vereinsdemokratie ergeben können, reduzieren), betont Smith die positive Wirkung hierarchischer Einbettung. Die Verknüpfung religiöser Vereine mit regionalen und nationalen Dachorganisationen bedeutet auch die Bildung von Netzwerken und Engagementpotentialen, die den Einzelnen aus seiner Kleinstgruppe heraus in die weitere Gesellschaft hinein integrieren. Horizonterweiterung, Wissensund Kompetenzvergrößerung sind das Ergebnis solch hierarchischer Netzwerke (Smith 2003: 26).46 Während Smith demnach hierarchische Strukturen als eine Möglichkeit zur Generierung brückenbildenden Sozialkapitals betrachtet, nimmt Wuthnow Organisationsgröße als Ausgangspunkt. In beiden Fällen sollte dieses Mal der Vorteil auf Seiten der Katholiken zu finden sein, sind es doch ihre Organisationen, die in Größe und Hierarchie die protestantischen Organisationen übertreffen (sollen). 3.3.2 Hierarchie und Zentralismus: zur Widerstandsfähigkeit der Katholischen Kirche Der Katholizismus hat sich – teilweise höchst erfolgreich – bis in die jüngste Gegenwart gegen den säkularen Staat und den Geist der Aufklärung gewehrt (ausführlich in Kapitel 5 und 6). Die pointierte Frontstellung zur Trennung von Kirche und Staat, sowie Tendenzen der Säkularisierung der Gesellschaft, haben den Katholizismus vielerorts zur Produktion subkulturell abgeschotteter Gegengesellschaften getrieben. So war der Katholizismus aus historischer Perspektive tatsächlich lange Zeit ein Feind der Demokratie. Interessanterweise hat sich die katholische Kirche allerdings nicht nur resistent gegenüber dem modernen, demokratischen Staatswesen, sondern auch gegenüber der „totalitären Herausforderung“ (Maier 1993) des 20. Jahrhunderts erwiesen. Dies gilt für die kommunistischen Staaten Mittel- und Osteuropas ohne Zweifel. Auch waren deutsche Katholiken im Vergleich zu Protestanten eindeutig weniger anfällig gegenüber dem Nationalsozialismus (vgl. Falter 1991: 186-188, siehe auch Kapitel 5).47 Der Protestantismus dagegen, gerade in protestan- 45 Da Wuthnows Untersuchung auf repräsentativen Individualdaten basiert, kann er allerdings nicht zeigen, ob Mitglieder diese statusüberbrückenden Kontakte tatsächlich in ihrer Organisation bzw. Kirchengemeinde geknüpft haben. 46 Interessanterweise geht Smith davon aus, dass hierarchische Einbettung in Dachorganisationen für „the vast majority of American religious organizations“ zutrifft, es also keine signifikanten konfessionellen Unterschiede gibt (Smith 2003: 26). 47 Im Fall des spanischen oder italienischen Faschismus kann man allerdings sehr viel weniger von einer besondern Widerständigkeit der katholischen Kirche sprechen.

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.