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Sigrid Roßteutscher, Zur Rolle religiöser Vereine in der Demokratie in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 64 - 66

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

Bibliographic information
64 Religiöser Fundamentalismus und Demokratie bilden einen grundsätzlichen Widerspruch. Da fundamentalistische Gruppen der Meinung sind, Träger einer absoluten Wahrheit zu sein, können sie die relativen Wahrheiten, die demokratische Prozesse produzieren, nicht akzeptieren. Fundamentalisten sind, wie Riesebrodt schreibt, „niemals Demokraten aus Prinzip, sondern stets nur aus Opportunität“ (Riesenbrodt 2000: 89). „Es geht nicht um Menschengeschichte, sondern um Heilsgeschichte, in der Kompromiß und Pluralismus nicht Tugend, sondern Verderbnis bedeuten“ (Riesebrodt 2000: 90). Fundamentalisten, so Inglehart, reagieren mit „beispiellosem Aktionismus“ auf die Tatsache, dass viele ihrer grundlegenden Normen ausgehöhlt werden und in einem Großteil der Bevölkerung nicht länger bindende Kraft besitzen (Inglehart 1998: 109). Umso säkularisierter die Bevölkerung an sich ist, könnte man daraus schließen, desto orthodoxer oder fundamentalistischer wird das in religiösen Organisationen verbleibende Bevölkerungssegment.32 2.6 Zur Rolle religiöser Vereine in der Demokratie Wie ist das nun mit der demokratiefördernden und Sozialkapital generierenden Wirkung religiöser Gruppierungen? Zunächst erscheint der Beitrag des religiösen Sektors als durchweg positiv: religiöse Organisationen rekrutieren auch in bildungs- und einkommensschwächere Gruppen hinein, bieten somit einen gewissen Ausgleich für den typischen „Mittelklasse-Bias“, der hinsichtlich sozialer und politischer Partizipation immer wieder zu registrieren ist. Da im Verein politisch relevante Fähigkeiten und Kompetenzen erworben werden, leisten religiöse Vereine einen Beitrag zur Verringerung politischer Ungleichheit, da sie Kompetenzen an Menschen vermitteln, die in anderen Lebensbereichen solche Chancen nicht erhalten. Hinzu kommt, dass Religionen aller Couleur Werte der Empathie und Solidarität mit Schwächeren predigen und somit nicht nur zu ehrenamtlichem Engagement anregen, sondern gerade in individualistisch-kapitalistischen Gesellschaftssystemen Wohlfahrts-, und Kollektivorientierungen befördern und damit zur sozialen Integration dieser Gesellschaften beitragen. Diese Argumente sind überzeugend vorgetragen und in vielen (amerikanischen) Studien empirisch bestätigt. Eine etwas genauere Untersuchung der demokratieförderlichen Rolle religiöser Partizipation zeigt allerdings, dass die Welt weniger rosig ist, als dies auf den ersten Blick erscheint. Ein nicht unerheblicher Teil des partizipativen Vorteils religiöser Organisationen kommt der Gesamtgesellschaft nicht zu gute. In religiösen Organisationen wird viel partizipiert und viel ehrenamtliche Arbeit geleistet, aber dieses Engagement richtet sich vor allem auf gruppeninterne Ziele. Menschen außerhalb der Gruppe profitieren davon kaum oder gar nicht. Auch die Sympathie für andere 32 Ingleharts Behauptung, dass das Phänomen des westlichen Fundamentalismus keine Zukunft habe, da es nur „das Rückzugsgefecht eines schwindenden Segments der Bevölkerung“ sei (1998: 109), würde wohl Huntington zu vehementem Widerspruch reizen. 65 macht gern an den Gruppengrenzen halt. Nach außen wird abgegrenzt und sozial segmentierten Gesellschaften Vorschub geleistet. Die relative Werthomogenität religiöser Organisationen kann zu exzessivem bonding verleiten. Dieses unterminiert gesellschaftliche Integration und kann im Extremfall gesellschaftlich und demokratisch schädliche Wirkungen entfalten. Auch hier sind die Argumente schlüssig und zumindest teilweise (und wiederum vor allem in amerikanischen Studien) empirisch bestätigt. Wie ist das möglich? Identische Strukturmerkmale religiöser Vereinsbildung können jederzeit sowohl positiv als auch negativ wirken. Dies ist ein Grundparadoxon der Gruppenbildung, das auf Vereine insgesamt, aber auf den religiösen Sektor in besonderem Maße zutrifft. Weil religiöse Gruppen eher auf einem geteilten Werthorizont basieren als nicht-religiöse Gruppen, sind sie in ihrer Struktur homogener (zumindest hinsichtlich dieser Dimension). Diese Homogenität erleichtert die Bildung sozialen Vertrauens, fördert Normen der Reziprozität, erschwert das Trittbrettfahren und kreiert schlussendlich eine Kultur des Engagements. Allerdings können genau diese Eigenschaften aus gesellschaftlicher und demokratischer Sicht unerwünschte Folgen bergen: exzessive Cliquenbildung, Generierung von verbindendem auf Kosten brückenbildenden Sozialkapitals, Gruppenegoismen, und dichtes, nicht transferierbares Vertrauen. Das Thema dieses Kapitel wird im folgenden Kapitel weiter geführt, da in der Literatur ein gewisser Konsens besteht, dass Vereine bestimmter Konfessionen (Protestantismus) die Vorteile und Positivaspekte religiöser Gruppenbildung maximieren, während Vereine, die dem katholischen Kontext entspringen, diese Vorteile des Gruppenengagements unterdrücken, wenn nicht sogar in der Tendenz eher die Negativaspekte hervorbringen: Ist der Protestantismus demokratischer als der Katholizismus?

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.