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Sigrid Roßteutscher, Religion und Konservatismus: eine Verzerrung politischer Präferenzen in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 62 - 64

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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62 „To provide meaning and belonging, groups must create unique collective identities sought by the members, and this becomes far more difficult and is less satisfying in heterogeneous groupings. Thus, atypical members do not stay members, and if the group has no „typical” members, it dissolves as members are recruited into other, more homogenous groups” (Emerson/Smith 2000: 151). Offensichtlich befinden sich die beiden Pole bridging und bonding in einem sehr diffizilen Austauschverhältnis. Ohne ein gewisses Maß an bindenden Aktivitäten sind brückenbildende Strukturen nicht zu halten. Schwingt das Pendel allerdings zu sehr in eine der beiden Richtungen, steht die demokratische Relevanz der Gruppe in Frage: durch Auflösung im Fall eines Übermaßes an bridging, durch Sektierertum, Isolationismus und Gruppenegoismen bei zu starker Betonung des verbindenden Elements. Religiöse Vereinigungen sind der Versuchung, zu sehr in Richtung bonding zu tendieren, besonders ausgesetzt, da sie wegen ihres geteilten Wertehorizonts prinzipiell zur Homogenität neigen. 2.5.3 Religion und Konservatismus: eine Verzerrung politischer Präferenzen Gruppen und Individuen, die sich politisch engagieren, haben eine größere Chance, von den politischen Entscheidungsträgern wahrgenommen zu werden und ihre Interessen werden mit höherer Wahrscheinlichkeit berücksichtigt. Dies ist ein grundsätzliches und viel diskutiertes Problem, wenn sich politisch Aktive vor allem aus dem Kreis der sozial und ökonomisch Bessergestellten rekrutieren. Die Interessen sozial schwacher Menschen, die politische Hilfen besonders dringlich benötigen, werden dagegen – da sie viel seltener politisch agieren – kaum wahrgenommen und daher auch seltener berücksichtigt. Demokratietheoretisch ist diese „representational distortion“ (Verba et al. 1995: 463ff) vor allem dann ein Problem, wenn Aktive und Nicht-Aktive unterschiedliche Präferenzen besitzen. Wie bereits diskutiert, wirken religiöse Gruppen dieser Verzerrung entgegen, da sie zivilgesellschaftliche Kompetenzen an alle Schichten verteilen. Sie setzten sich zudem auch als Lobby für sozial Schwache ein und sind damit ein wichtiges Element, das soziale Gleichheit und Fürsorge propagiert – eine Leistung, die wohl universell geschätzt wird. Aber soziale Gerechtigkeit und Altruismus sind nur ein Standbein religiösen Engagements: Religiöse Gruppen, gerade wenn sie orthodoxen oder fundamentalistischen Prinzipien anhängen, verstärken autoritäre Werte und intolerante Einstellungen und Vorurteile (Laythe et al. 2002)29, die von den wenigsten als demokratieförderlich betrachtet werden. Fundamentale religiöse Gruppierungen ziehen scharfe Trennlinien, „in der die Welt Gottes und die Welt Satans, die Welt des Guten und die Welt des Bösen“ (Marty/Appleby 1996: 39) sauber getrennt werden. Die Welt 29 Die Ergebnisse von Laythe et al. sind ein wenig komplexer. So finden sie heraus, dass Fundamentalismus sozusagen aus zwei Komponenten besteht: Autoritarismus und Orthodoxie. Die rechts-autoritäre Komponente verursacht Rassismus, die orthodoxe ist für Vorurteile sexueller Natur verantwortlich (2002: 633). 63 wird dualistisch interpretiert, Grautöne und Kompromisse – die Essenz demokratischen Regierens – negiert bzw. ausgeschlossen. Fundamentalistische Orientierungen sind nur ein Extrembeispiel, denn religiös aktive Menschen – auch solche, in ganz normalen nicht-fundamentalistischen, nicht-orthodoxen Vereinigungen – haben grundsätzlich konservativere Ansichten vor allem im sozial-moralischen Bereich von Ehe, Familie und Sexualität.30 Der Verdacht der Intoleranz und Ausgrenzung von Minderheiten liegt daher nahe. Die Lobby religiöser Organisationen kann eine restriktivere Sozialpolitik hinsichtlich Homosexualität, Abtreibung und verwandten Fragen der Lebensführung bedingen: „[...] the fact that church activists tend to develop civic skills in church and, thus, all things being equal, to be more active in politics has consequences for the messages that activists send on social issues“ (Verba et al. 1995: 466).In diesem Fall sind es aber Botschaften, die nicht auf ungeteilte Zustimmung treffen. Dabei muss man gar nicht so weit gehen, wie z.B. Huntington, der in mehreren Veröffentlichung den „Kampf der Kulturen“ und hier vor allem christlicher versus nicht-christlicher (islamischer) Weltbilder als das Kriegs- und Konfliktmodell der Jetztzeit beschreibt (Huntington 1993; 1996).31 Diese Konflikte sind kein ausschließliches Phänomen der internationalen Politik, sondern sprengen den innergesellschaftlichen Frieden. Daher gelten religiöse Organisation manchem als Dorn im Auge, da sie radikale (konservative, anti-aufklärerische) Werte vermitteln, soziale Konflikte vertiefen und so einen „cultural war“ (Smidt 2003: 13) gegen Andersdenkende führen. Dies wird besonders dann zu einem Problem, wenn der Anteil „gegenkultureller“ Gruppierung in einer Gesellschaft zunimmt und es diesen gelingt, ihren Anliegen politisches Gehör zu verschaffen: „The resulting proliferation of countercultural groups fragments the polity, exacerbates conflict within civil society, and undermines the ability of democratic institutions to foster persuasive debate based on rational and universal principles“ (Welch et al. 2004: 318). Riesebrodt spricht in einem solchen Fall von einem „innergesellschaftlichen Kulturkampf“ um die öffentliche Anerkennung ihrer kulturellen Normen (Riesebrodt 2000: 79). Gerade weil Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ihre Inhalte für unverfügbar und universell gültig halten, sind sie in der Lage, Konflikte heraufzubeschwören und zur Eskalation zu bringen. Religion wird so zu einer „bedrohlichen Quelle sozialer Konflikte“ (Magen 2004: 33). Auch hier sind es – wie bezüglich Sozialkapital und Partizipation – prinzipiell die gleichen Gruppenmerkmale, welche sowohl die light als auch die dark side von Religion provozieren können: „Dabei scheinen es die gleichen Eigenschaften von Religion zu sein, welche Religion einerseits zur gesellschaftlichen Integration befähigen, sie andererseits aber auch zu einem Katalysator gesellschaftlicher Spannungen und Krisen werden lassen“ (Magen 2004: 33). 30 Nach Minkenberg (2003: 131) ist die „Frauenpolitik“ und vor allem die Abtreibungsfrage das Politikfeld, welches „religiöse und moralische Werte“ am deutlichsten offen legt. 31 Ganz zu Recht werden Huntingtons Ansatz und vor allem auch seine politischen und sicherheitspolitischen Schlussfolgerungen heftig kritisiert (vgl. z.B. Riesebrodt 2000; Schluchter 2001). Die Auseinandersetzung mit Huntington führt an dieser Stelle aber zu weit vom Thema ab. 64 Religiöser Fundamentalismus und Demokratie bilden einen grundsätzlichen Widerspruch. Da fundamentalistische Gruppen der Meinung sind, Träger einer absoluten Wahrheit zu sein, können sie die relativen Wahrheiten, die demokratische Prozesse produzieren, nicht akzeptieren. Fundamentalisten sind, wie Riesebrodt schreibt, „niemals Demokraten aus Prinzip, sondern stets nur aus Opportunität“ (Riesenbrodt 2000: 89). „Es geht nicht um Menschengeschichte, sondern um Heilsgeschichte, in der Kompromiß und Pluralismus nicht Tugend, sondern Verderbnis bedeuten“ (Riesebrodt 2000: 90). Fundamentalisten, so Inglehart, reagieren mit „beispiellosem Aktionismus“ auf die Tatsache, dass viele ihrer grundlegenden Normen ausgehöhlt werden und in einem Großteil der Bevölkerung nicht länger bindende Kraft besitzen (Inglehart 1998: 109). Umso säkularisierter die Bevölkerung an sich ist, könnte man daraus schließen, desto orthodoxer oder fundamentalistischer wird das in religiösen Organisationen verbleibende Bevölkerungssegment.32 2.6 Zur Rolle religiöser Vereine in der Demokratie Wie ist das nun mit der demokratiefördernden und Sozialkapital generierenden Wirkung religiöser Gruppierungen? Zunächst erscheint der Beitrag des religiösen Sektors als durchweg positiv: religiöse Organisationen rekrutieren auch in bildungs- und einkommensschwächere Gruppen hinein, bieten somit einen gewissen Ausgleich für den typischen „Mittelklasse-Bias“, der hinsichtlich sozialer und politischer Partizipation immer wieder zu registrieren ist. Da im Verein politisch relevante Fähigkeiten und Kompetenzen erworben werden, leisten religiöse Vereine einen Beitrag zur Verringerung politischer Ungleichheit, da sie Kompetenzen an Menschen vermitteln, die in anderen Lebensbereichen solche Chancen nicht erhalten. Hinzu kommt, dass Religionen aller Couleur Werte der Empathie und Solidarität mit Schwächeren predigen und somit nicht nur zu ehrenamtlichem Engagement anregen, sondern gerade in individualistisch-kapitalistischen Gesellschaftssystemen Wohlfahrts-, und Kollektivorientierungen befördern und damit zur sozialen Integration dieser Gesellschaften beitragen. Diese Argumente sind überzeugend vorgetragen und in vielen (amerikanischen) Studien empirisch bestätigt. Eine etwas genauere Untersuchung der demokratieförderlichen Rolle religiöser Partizipation zeigt allerdings, dass die Welt weniger rosig ist, als dies auf den ersten Blick erscheint. Ein nicht unerheblicher Teil des partizipativen Vorteils religiöser Organisationen kommt der Gesamtgesellschaft nicht zu gute. In religiösen Organisationen wird viel partizipiert und viel ehrenamtliche Arbeit geleistet, aber dieses Engagement richtet sich vor allem auf gruppeninterne Ziele. Menschen außerhalb der Gruppe profitieren davon kaum oder gar nicht. Auch die Sympathie für andere 32 Ingleharts Behauptung, dass das Phänomen des westlichen Fundamentalismus keine Zukunft habe, da es nur „das Rückzugsgefecht eines schwindenden Segments der Bevölkerung“ sei (1998: 109), würde wohl Huntington zu vehementem Widerspruch reizen.

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.