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Sigrid Roßteutscher, Henne oder Ei: Glaube oder soziales Netzwerk? in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 52 - 54

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

Bibliographic information
52 unter religiösen Menschen häufiger sein, als unter nicht-religiösen (Kecskes/Wolf 1996: 26).23 Auch hier lässt sich die (potentiell) positive Leistung religiöser Organisationen knapp zusammenfassen: da religiös Aktive in ihren Gruppen stark engagiert sind, enge Freundschaftsbeziehungen pflegen und Normen teilen, wird ein hohes Maß an Vertrauen generiert. Da Belohnungserwartungen auf das Leben nach dem Tod vertröstet werden können, verhalten sich Mitglieder religiöser Organisationen besonders altruistisch, Enttäuschungen sind seltener, der Druck auf die Gruppe geringer und Engagement daher besonders ausgeprägt. 2.4 Henne oder Ei: Glaube oder soziales Netzwerk? Auch wenn die potentiell demokratische, partizipationsfördernde und Sozialkapital generierende Rolle religiöser Organisationen von den meisten Autoren betont wird, gibt es eine Auseinandersetzung um den eigentlichen Motivationskern religiös inspirierten zivilgesellschaftlichen Engagements. Für manche sind die durch die religiöse Organisation vermittelten Werte und Normen, der Inhalt des Glaubens, die treibende Kraft (z.B. Diani 2004: 147), die meisten sehen vor allem die durch die Kirche vermittelte Netzwerkeinbindung als zentrale Variable zur Erklärung demokratisch relevanter Verhaltensweisen: „Connectedness, not merely faith, is responsible for the beneficence of church people“ (Putnam 2000: 67; ebenso Wuthnow 1991: 156; Wilson/Janoski 1995: 138; de Hart/Dekker 2005: 170, 184-185; Jackson et al. 1995; Wilson/Musick 1997). Und weiter: „Unless religious impulses find a home in more than the individual heart or soul, they will have few long-lasting public consequences” (Marty 1994, zitiert nach Putnam 2000: 69). „Connectedness“ meint hier mehr als den regelmäßigen Besuch eines Gottesdienstes. Dem Kirchgang fehlt die Qualität der dauerhaften zwischenmenschlichen Interaktion, die Partizipationsmotivation und demokratierelevante Fähigkeiten und Werte erst inspirieren kann. Daher muss es der Kirche zunächst gelingen, Menschen zum religiösen Ehrenamt, zum Engagement, das über die Teilnahme am Gottesdienst herausgeht, zu motivieren. Erst dann stellen sich die „spill over“ Effekte ein, die weiterem sozialen und politischen Engagement zugute kommen: „People do not leap straight from the church pew to the executive committee of the local football club, but they may find their way to that football club via church-related voluntary work“ (de Hart/Dekker 2005: 185). Auch aus einer religionssoziologischen Perspektive liegt der Schwerpunkt auf der Institution. Der Hauptgrund für die von vielen Autoren betonte Priorität institutioneller Strukturen und Netzwerke gegenüber dem rein privaten Glauben liegt in der Annahme verborgen, dass nach Berger (1967, 1969) die religiöse Infrastruktur soge- 23 Eine Annahme, die sich empirisch nicht bestätigt: hinsichtlich Reziprozität in ego-zentrierten Netzwerken findet sich kein Unterschied zwischen religiösen und nicht-religiösen Menschen (Kecskes/Wolf 1996: 158). 53 nannte Plausibilitätsstrukturen generiert. Erst im Kontakt mit anderen Mitgliedern des religiösen Netzes werden Glaube, religiöse Werte und konfessionelle Identitäten bestätigt. Je effektiver und stärker diese soziale Infrastruktur die religiöse Weltsicht bestätigt, um so eher wird der Glaube zur „unquestioned certitude“, während weniger effiziente Strukturen nur „firm probability“ oder sogar „mere opinion“ produzieren (Berger 1969: 45). Auch wenn in zeitgenössischen Gesellschaften die sozialen Prozesse, die das religiöse Weltbild bestätigten, erodieren (Carroll/Roof 1993: 20), so scheint zumindest für diejenigen Menschen, die weiterhin religiös engagiert sind, die enge Beziehung zwischen sozialer Interaktion und Plausibilität des religiösen Glaubenskontexts intakt. Olson nennt dieses Verhältnis zwischen Interaktion, Plausibilität und Stärke des Glaubens „one of the oldest generalizations in the sociology of religion“ (Olson 1993: 32). Hinzu kommt die häufig beobachtete Tatsache, dass Mitglieder religiöser Vereine weitaus häufiger in ihrer Organisation aktiv sind als Mitglieder nicht-kirchlicher Organisationen in ihren Organisationen (Nemeth/Luidens 2003: 116-117). Die Frage nach „Henne oder Ei“ ist daher vielleicht nicht die richtige oder entscheidende Frage. In der Tat scheinen sich in religiösen Organisationen Netzwerkdichte und Intimität einerseits, sowie die Sozialisation und Verstärkung bestimmter Normen und Werte gegenseitig zu bedingen. Beides zusammen führt dann zu den aus demokratietheoretischer Sicht erwünschten Handlungsweisen: politische Partizipation, Vertrauen, Ehrenamtlichkeit, Spendenfreudigkeit, Kollektivgutorientierung. Sozialkapital wird generiert, da aktive Partizipation in freiwilligen Organisationen mehr und dichtere Beziehungsnetze zwischen Mitgliedern befördert. Je mehr intern partizipiert wird, desto wahrscheinlicher ist die Bildung enger Netze, die soziales Vertrauen und gegenseitigen Respekt zur Folge haben. Diese wiederum sind eine zentrale Grundlage für gesellschaftliches Engagement, das über die Grenzen der religiösen Organisation hinausreicht (Nemeth/Luidens 2003: 120). Und: in religiösen Organisationen wird häufiger partizipiert als in nicht-religiösen Organisationen, daher die höhere Wahrscheinlichkeit der Produktion von Sozialkapital und als Folge, verstärktes Engagement in vielen gesellschaftlich und demokratisch relevanten Belangen. Und noch ein Schritt weiter: Menschen sind in ihren religiösen Organisationen auch deshalb aktiver als Mitglieder nicht-religiöser Organisationen in den ihren, da religiöse Normen und Werte solch ein Engagement befördern. „For those who harbor commitments that are anchored in religious beliefs, religiously endowed social capital reflects a unique set of resources that enhances the possibility for successful cooperation” (Harris 2003: 122-123). Die Sogwirkung religiöser Weltsichten und Praktiken ist stark genug, glaubt Harris, dass weitere Anreize (materieller oder nicht-materieller Natur), die in der Regel kollektives Handeln erst ermöglichen, für religiöse Organisationen bedeutungslos sind. „The mere act of joining a community of faith, and the socialization that comes with membership in a religious community, increases the possibility of cooperation among actors through the existence of institutionally derived networks, the creation of norms that promote rewards and punishments, and the nurturing of trust among actors whose relationships are cemented in shared beliefs and practices“ (Harris 2003: 122). Wir finden also einen permanenten Kreislauf in dem sich religiöse Werte und insti- 54 tutionell geschaffene Netzwerkkonstruktionen gegenseitig befruchten. Die Werte drängen den religiösen Menschen zur Mitgliedschaft in der religiösen Organisation, wo sich seine Werte durch Kommunikation, Netzwerkeinbindung und Vertrauensbildung verstärken und wo schließlich die Erfahrung geteilter Werte und Normen und die Intimität der erlebten Beziehungen zu verstärktem Engagement führen – innerhalb und außerhalb der religiösen Gruppe. Im Endeffekt besitzen religiöse Organisationen daher einen kaum schätzbaren Vorteil gegenüber nicht-religiösen Organisationen. Die potentielle Klientel des religiösen Vereins besitzt bereits Normen und Werte, die deren Rekrutierung vereinfachen und auch die Bereitstellung spezifischer materieller Anreizsysteme obsolet machen. Der nicht-religiöse Verein, der klassische Sportverein als Beispiel, kann auf ähnliche Engagement und Gemeinschaft betonende Grunddispositionen nicht in dieser Weise zurückgreifen. Ihm fällt daher die Rekrutierung von Mitgliedern, die er eventuell auch nur durch (teure) Anreizsysteme gewinnen kann (Bereitstellung und kostenfreie Nutzung gepflegter Sportanlagen, Beschäftigung eines qualifizierten Trainerstabs, etc.), ungleich schwerer. Schließlich führt dieser Startvorteil religiöser Organisationen zu weiteren Vorteilen gegenüber der nicht-religiösen Vereinigung. Aufgrund ihres geteilten Werteund Erfahrungshorizontes entwickeln sich in religiösen Organisationen dichtere und engmaschigere Freundschaftsnetzwerke, welche die bereits vorhandenen Werte der Kooperation und gemeinschaftlichen Zusammenarbeit verstärken. Ähnliches ist im klassischen Sportverein viel weniger zu erwarten, gerade dann nicht, wenn eine sehr heterogene Mitgliederstruktur besteht, die erst durch verschiedenste selektive Anreize geschaffen wurde. 2.5 Die Kehrseite der Medaille Der Gehalt der These „Religiöse Partizipation ist gut für Zivilgesellschaft und Demokratie“ ist in dieser Allgemeinheit umstritten. So finden Campbell und Yonish nach Kontrolle aller potentiell wichtigen Einflussfaktoren – und wiederum für die USA – dass Kirchenbindung (im Sinne von Kirchgangshäufigkeit) die Wahrscheinlichkeit nicht-religiösen freiwilligen Engagements untergräbt: „Among those who volunteer for any type of activity, going to church more frequently predicts a lower probability of nonreligious volunteering“ (Campbell/Yonish 2003: 101). Zu einem identischen Ergebnis kommen Park und Smith (2000: 282). Zudem erweist sich, dass 82 Prozent aller Ehrenamtlichen im religiösen Sektor ihr freiwilliges Engagement auf Tätigkeiten beschränken, die sich als organisationsinterne „maintenance activities“ klassifizieren lassen (Campbell/Yonish 2003: 102). Paxton findet, dass religiöse Assoziationen in der Vereinswelt isoliert sind, und – gemeinsam mit Sportvereinen und Gewerkschaften – kaum Verbindungen zu anderen Assoziationen aufbauen (Paxton 2002: 270). Zudem bezeugen Aktive religiöser Organisationen ein geringeres Interesse an Politik als Aktive verschiedenster säkularer Vereinstypen, dafür besitzen sie aber ein unvergleichbar hohes Niveau an Vertrauen gegenüber anderen Mitgliedern ihrer Gruppen sowie der eigenen Vereinsführung (Maloney et

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.