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Sigrid Roßteutscher, Werte der Reziprozität in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 51 - 52

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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51 (und von den Partizipantinnen auch manchmal nicht erwünscht) ist, bleibt die Tatsache bestehen, dass Kirchengemeinden vermutlich einen nicht unerheblichen Anteil der informellen Netzwerkbildung beheimaten. 2.3.3 Werte der Reziprozität Harris kritisiert Verba et al., die seiner Meinung nach die demokratisch relevante Leistung freiwilliger Vereinigungen fast ausschließlich in der Tatsache sahen, dass Aktive hier zentrale zivilgesellschaftliche Kompetenzen (civic skills) erlernen, die als Ressource für politische Partizipation genutzt werden können. Obwohl solche Fähigkeiten unbestreitbar wichtig seien, könne Religion Sozialkapital zusätzlich auf viel subtilere Weise generieren: „One such subtle way it does so through what I believe to be a unique feature of religion’s contribution to the formation of social capital – namely, ist ability to nurture and sustain reciprocity among actors“ (Harris 2003: 122). Anreize zur religiösen im Vergleich zur säkularen Kooperation sind in der Regel immateriell – das Bedürfnis, etwas Gutes zu tun; dem Willen Gottes zu gehorchen; einen göttlichen Auftrag zu erfüllen; sich einen Platz im Himmel zu verdienen. Solche religiös motivierten Anreize sind nicht nur eine (teilweise) Lösung des free-rider Problems, sondern können Individuen zu intensivem Engagement treiben, die Außenstehenden als völlig irrational erscheinen müssen (Wald et al. 2005: 132). Der Begriff der Reziprozität erfasst die Annahme, dass ein Akteur heute kooperiert in der Hoffnung, dass diese Kooperation in der Zukunft Früchte trägt. Der Grundgedanke ist in der vielzitierten Parabel von David Hume veranschaulicht: „Your corn is ripe to-day; mine will be so- to-morrow. `Tis profitable for us both, that I shou’d labour with you to-day, and that you shou’d aid me tomorrow” zitiert nach Putnam 1993: 163). Wenn also Normen der Reziprozität, der Gegenseitigkeit, im religiösen Kontext implizieren, dass ein Akteur etwas für einen anderen tut, in der Hoffnung, nicht in der Zukunft von diesem Akteur belohnt zu werden, sondern die Belohnungserwartung auf das Jenseits, das Leben nach dem Tod verschoben wird, entlastet dies, so Harris, den Erwartungsdruck innerhalb der Gruppe ungemein und führt zu einer Belohnungserwartung, die weit über das hinausgeht, was von einem individuellen Akteur zu erwarten ist: „For cooperators with belief structures that promise rewards or punishments in the hereafter, their expectations of deferred rewards may provide a stronger source of reciprocity than secular sources, since human actors do not possess the same power to reward and punish as does a perceived sacred force“ (Harris 2003: 123). Die religiösen Netzwerken inhärente Form der indirekten Reziprozität – der Austausch von Leistungen findet nicht sofort und nicht direkt statt, sondern wird im Extremfall erst vor dem Jüngsten Gericht erwartet – erhöht zudem die Bereitschaft zu sozialer Unterstützung und praktischer Hilfe: altruistische Beziehungen sollten 52 unter religiösen Menschen häufiger sein, als unter nicht-religiösen (Kecskes/Wolf 1996: 26).23 Auch hier lässt sich die (potentiell) positive Leistung religiöser Organisationen knapp zusammenfassen: da religiös Aktive in ihren Gruppen stark engagiert sind, enge Freundschaftsbeziehungen pflegen und Normen teilen, wird ein hohes Maß an Vertrauen generiert. Da Belohnungserwartungen auf das Leben nach dem Tod vertröstet werden können, verhalten sich Mitglieder religiöser Organisationen besonders altruistisch, Enttäuschungen sind seltener, der Druck auf die Gruppe geringer und Engagement daher besonders ausgeprägt. 2.4 Henne oder Ei: Glaube oder soziales Netzwerk? Auch wenn die potentiell demokratische, partizipationsfördernde und Sozialkapital generierende Rolle religiöser Organisationen von den meisten Autoren betont wird, gibt es eine Auseinandersetzung um den eigentlichen Motivationskern religiös inspirierten zivilgesellschaftlichen Engagements. Für manche sind die durch die religiöse Organisation vermittelten Werte und Normen, der Inhalt des Glaubens, die treibende Kraft (z.B. Diani 2004: 147), die meisten sehen vor allem die durch die Kirche vermittelte Netzwerkeinbindung als zentrale Variable zur Erklärung demokratisch relevanter Verhaltensweisen: „Connectedness, not merely faith, is responsible for the beneficence of church people“ (Putnam 2000: 67; ebenso Wuthnow 1991: 156; Wilson/Janoski 1995: 138; de Hart/Dekker 2005: 170, 184-185; Jackson et al. 1995; Wilson/Musick 1997). Und weiter: „Unless religious impulses find a home in more than the individual heart or soul, they will have few long-lasting public consequences” (Marty 1994, zitiert nach Putnam 2000: 69). „Connectedness“ meint hier mehr als den regelmäßigen Besuch eines Gottesdienstes. Dem Kirchgang fehlt die Qualität der dauerhaften zwischenmenschlichen Interaktion, die Partizipationsmotivation und demokratierelevante Fähigkeiten und Werte erst inspirieren kann. Daher muss es der Kirche zunächst gelingen, Menschen zum religiösen Ehrenamt, zum Engagement, das über die Teilnahme am Gottesdienst herausgeht, zu motivieren. Erst dann stellen sich die „spill over“ Effekte ein, die weiterem sozialen und politischen Engagement zugute kommen: „People do not leap straight from the church pew to the executive committee of the local football club, but they may find their way to that football club via church-related voluntary work“ (de Hart/Dekker 2005: 185). Auch aus einer religionssoziologischen Perspektive liegt der Schwerpunkt auf der Institution. Der Hauptgrund für die von vielen Autoren betonte Priorität institutioneller Strukturen und Netzwerke gegenüber dem rein privaten Glauben liegt in der Annahme verborgen, dass nach Berger (1967, 1969) die religiöse Infrastruktur soge- 23 Eine Annahme, die sich empirisch nicht bestätigt: hinsichtlich Reziprozität in ego-zentrierten Netzwerken findet sich kein Unterschied zwischen religiösen und nicht-religiösen Menschen (Kecskes/Wolf 1996: 158).

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.