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Sigrid Roßteutscher, Religiöses Engagement als Quelle altruistischer Normen in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 44 - 46

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

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44 zeigt ein Vergleich mit anderen nicht-politischen Organisationen, dass der Beitrag religiöser Organisationen deutlich über deren Niveau hinausgeht (Beyerlein/Chaves 2003: 236). Die potentielle Mobilisierungsleistung religiöser Organisationen wird zusätzlich durch dem religiösen Sektor eigene Kommunikationsmuster verstärkt. Hier, so Wald et al. (2005: 135) besitzen religiöse Gruppen einen echten Organisationsvorteil gegenüber nicht-religiösen Gruppen. Der religiös Aktive ist von den kirchlichen „Unternehmern“ regelmäßig und ohne besondere Anstrengungen zu erreichen: der Masse der zu Mobilisierenden können die kritischen Informationen in zumindest wöchentlichem Abstand vermittelt werden (de Hart/Dekker 2005: 169).21 Hier schließt sich der Kreis zu den Argumenten hinsichtlich der von religiösen Organisationen beförderten sozialen Gleichheit. Grundsätzlich sind Lobby- Organisationen bzw. die Interessen, die von ihnen vertreten werden, alles andere als repräsentativ für die Gesamtgesellschaft. Religiöse Organisationen dagegen vertreten eher schwächere Gruppen der Gesellschaft und tragen dazu bei, die Repräsentativität der Demokratie zu erhöhen: „Religious lobbies are significant because they potentially represent non-elite constituencies and attempt to articulate broad (albeit competing) visions of the public good“ (Hertzke 1988: 94).Auch sind Pastoren und Priester – wiederum in den USA – in ökonomisch benachteiligten Stadtteilen und Vororten zu einem höheren Grad politisch aktiv als Priester wohlhabender Vorortgemeinden (Crawford/Olson 1998; Penning/Smidt 2000: 207). Damit trägt Religion zu politischer Gleichheit bei, da sie den Gruppierungen Stimme verleiht, die sonst kaum gehört würden und – aufgrund ihrer benachteiligten wirtschaftlichen Situation – selbst am Mangel politischer Ressourcen leiden. 2.2.3 Religiöses Engagement als Quelle altruistischer Normen In der Trias von Verba et al. zur Erklärung politischer Passivität fehlt noch eine letzte zentrale Komponente: „they don’t want“. Religiöse Werte können in mehrfacher Hinsicht motivationsfördernd auf Partizipation einwirken. Zunächst und ganz direkt gelten religiöse Überzeugungen als hochgradig aktivierend, da religiös motivierte Menschen bereit sind, enorme Opfer auf sich zu nehmen „if they believe themselves to be driven by divine force“ (Wald 1987: 29-30). Nach Cnaan und seinen Kollegen geht die Bedeutung religiöser Organisationen daher weit über die Generierung Sozialkapitals hinaus. Mit der Bindung an die religiöse Gruppe werden dauerhafte Normen vermittelt – Normen, welche das Engagement in zivilgesellschaftlichen Belangen fördern (Cnaan et al. 2003: 20). Gerade in individualistischen Gesellschaften wie den USA, wo Eigeninteresse und der Kampf für den persönli- Studien sind Teil eines gemeinsamen Projektes, The Cooperative Clergy Study Project (vgl. Smidt 2003b: 496-497). 21 Wenn man davon ausgeht, dass Menschen, die in religiösen Organisationen aktiv sind, auch regelmäßig den Gottesdienst besuchen bzw. Priester regelmäßigen Kontakt zum organisatorischen Umfeld ihrer Kirchengemeinde halten. 45 chen Erfolg zentrale Werte sind die von fast allen Institutionen vermittelt werden, setzen in religiösen Organisationen sozialisierte Normen des Mitgefühls und der Mitverantwortung einen wichtigen Gegenakzent (Hart 1992: 125; Smith 2003: 21): „[...] the ideals of compassion and care still set the tone and form the foundation for a complex web of individual commitments and a rich civic life [...] “ (Cnaan et al. 2003: 20). Es sind diese Normen des sozialen Engagements die hohen politischen Nutzen erzielen: der Staat spart Geld, da Sozialleistungen auf freiwilliger Basis erbracht werden; Gemeinden und Stadtteile profitieren von der Stabilität und Konformität, die solche Normen erzeugen und Neumitglieder können aufgrund dieser universal gültigen Werte unverzüglich in die Gemeinschaft integriert werden (Cnaan et al. 2003: 20). Nicht zuletzt sind religiöse Werte die zentralen Werte wohlfahrtsstaatlichen Engagements, gerade da sie Mitgefühl und Altruismus erzeugen (Yeung 2004: 401). Dies ist von besonderer Bedeutung in Gesellschaften, in denen der Staat selbst wenig Neigung zu sozialstaatlichen Engagement zeigt. So betonen Cnaan et al. (2003: 29), sowie Wuthnow die Bedeutung religiöser Sozialisation: „churches and synagogues remain the primary place where instruction is given about the spiritual dimension of caring” (Wuthnow 1996: 9). Diese enge Verknüpfung von Wohltätigkeit, Ehrenamt und Kirchenbindung liegt, so Meulemann und Beckers, in einer Besonderheit religiöser Sozialisation: „Weil die Religion metaphysisch die Begrenztheit des Menschen erklärt, kann sie moralisch seine Selbstbescheidung fordern und den Wunsch zur Selbstverwirklichung mit dem Gebot der Pflicht eindämmen“ (Meulemann/Beckers 2004: 67). Religiosität führt also zu Demut, bremst egoistische Triebe und erhöht daher die Bereitschaft sich für das Wohl der Mitmenschen zu engagieren. Verständnis für Probleme und Schwächen anderer werden gepflegt (Emerson/Smith 2000: 154). „Pro-soziale“ Wertorientierungen werden gefördert Wuthnow 1995; Radke-Yarrow et al. 1983; Smith 2003: 20). Religiöse Organisationen befördern so eine „culture of benevolence“ (Wilson/Musick 1997). Es sind diese altruistischen Werte, die Rücksichtnahme, Verantwortungsbewusstsein, Einsatz für die Schwachen einer Gesellschaft, implizieren, welche bis heute bei vielen Autoren als einziger verlässlicher Garant staatlicher und gesellschaftlicher Integration gelten (Burmeister 1999; Kaufmann 1999: 80-81; Magen 2004: 32). „Weil die christliche Sozialethik einem Sinnhorizont entstammt, der außerhalb materieller und ökonomischer Zwänge steht, sind die Kirchen in der Lage, den im Pluralismus lebenden Gesellschaftsgliedern Möglichkeiten der Identifizierung und sozialen Integration zu eröffnen“ (Hafner 1995: 38). Religion und religiöse Werte bereiten somit erst die Voraussetzungen auf deren Basis freiheitlich-demokratische Staaten existieren können (Böckenförde 1991: 112). Das „Böckenförde-Paradoxon“, nach Haus (2003: 47) mittlerweile zum „geflügelten Wort“ erhoben, berührt die zentrale – allerdings durchaus strittige – Frage, dass Demokratie ohne die Kollektivwerte der Religion nicht überlebensfähig ist, sich andererseits aber selbst religionsneutral generieren muss. Während „die Sprache des Marktes“ alle zwischenmenschlichen Beziehungen in „das Schema der selbstbezogenen Orientierung an je eigenen Präferenzen“ presse, ist es die Religion, die hilft, ein „soziales Band“ bestehend „aus gegenseitiger Anerkennung“ zu knüpfen 46 (Haus 2003: 54-55). Religiös motivierte Aktivisten leisten so einen wichtigen Beitrag zur Produktion kollektiver Güter: „This is an army of people whose activities touch the most vulnerable groups in [...] society; without it the common good would, quite clearly, be diminished“ (Davie 2000: 55). Kurz zusammengefasst: Religiöse Organisationen leisten einen erheblichen Beitrag zur „Produktion“ einer aktiven, demokratisch geschulten Bürgerschaft. Sie sind eine potente Plattform demokratischer Schulung und vermitteln politisch relevante Fähigkeiten an Menschen, die ansonsten dazu kaum Gelegenheit erhalten. Sie befördern altruistische Wertsysteme, inspirieren gemeinwohlorientiertes Engagement und nützen ihre gesellschaftliche Reputation zum Einsatz für sozial benachteiligte Schichten. In vielfältigen Netzwerken und engmaschigen Kommunikationskanälen werden politisch Aktive „generiert“. 2.3 Die demokratische Rolle religiöser Organisationen: Sozialkapital Unter dem Stichwort Sozialkapital läuft eine der derzeit wohl lebhaftesten Debatten innerhalb der Politikwissenschaft, mit Auswirkungen weit über den engen Kreis akademischer Forschung hinaus. Vor allem Putnams Veröffentlichung Making Democracy Work aus den Jahr 1993 katapultierte das Thema an die „front stage of the social sciences“ (Huysseune 2003: 211). Sozialkapital – genauer die organisatorische (oder auch informelle) Vernetzung der Gesellschaftsmitglieder und das in diesen Beziehungsnetzen generierte soziale Vertrauen sowie Normen der Reziprozität – gilt als das Heilmittel gegen eine Unzahl politischer, sozialer und individueller Pathologien. Die Liste der Positivinduktionen ist lang: Lösung unterschiedlichster Kollektivgutprobleme von Wahlbeteiligung über Kriminalität bis zu Sozialstaatsmissbrauch; Steigerung der allgemeinen Demokratiezufriedenheit; Erhöhung der Qualität demokratischen Regierens. Es gibt kaum ein in der Öffentlichkeit wahrgenommenes Defizit zeitgenössischer repräsentativer Demokratie, von dem man nicht glaubt, dass es nicht durch eine gesunde Dosis Sozialkapital geheilt werden könnte (Roßteutscher 2005: 4). Nicht nur der gesellschaftlichen Ordnung kommt Sozialkapital zugute, es ist auch für das einzelne Individuum von unschätzbarem Wert. Sozialkapital macht Menschen, wie Putnam schreibt, schlauer, gesünder, sicherer, reicher und „better able to govern a just and stable democracy“ (Putnam 2000: 326): „The more integrated we are with our community, the less likely we are to experience colds, heart attacks, strokes, cancer, depression and premature deaths of all sorts... As a rough rule of thumb, if you belong to no group but decide to join one, you can cut your risk of dying over the next year in half“ (Putnam 2000: 326). Die Liste der potentiellen Segnungen, die Sozialkapital der Menschheit bringt, ist so lang und reicht in so viele unterschiedliche Teilbereiche menschlicher Existenz, dass sich das Studium von Sozialkapital schon lohnte, wenn auch nur eine einzige dieser Segnungen zuträfe (van Deth 2001: 1). Im Folgenden sollen – wie zuvor hinsichtlich der partizipativen Wirkung religiösen Engagements – Sozialkapital und seine Beziehung zum religiösen Sektor thematisiert werden.

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.