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Sigrid Roßteutscher, Lokale Zivilgesellschaften im Kontext institutioneller Rahmenbedingungen in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 22 - 23

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

Bibliographic information
22 1.2 Untersuchungsdesign Sozialkapital wird in Interaktion generiert. Ehrenamtlichkeit und Engagement sind ohne soziale Gruppen, Vereine und Netzwerke nicht denkbar. Stehen Assoziationsbildung, Mobilisierung, Ehrenamtlichkeit und zivilgesellschaftliches Engagement im Vordergrund, so muss das Augenmerk dorthin gerichtet werden, wo religiöse Organisationen tatsächlich Mitglieder werben können, wo Plattformen des Engagements zur Verfügung stehen und ehrenamtliche Dienste angeboten werden können. Wenn, wie der Hauptzweig der aktuellen Religionssoziologie heute behauptet, „Konkurrenz das Geschäft belebt“, dann muss der Einfluss religiöser Organisationen dort untersucht werden, wo tatsächlich Konkurrenz herrschen kann. Der religiöse Markt ist notwendigerweise ein lokaler Markt (Finke 1997: 47). Die katholische Kirche einer Stadt konkurriert nicht mit der lutherischen Gemeinde einer anderen Kommune. Wenn er denn stattfindet, so ist der „Wettstreit um Seelen“ eine Angelegenheit zwischen der katholischen und protestantischen Kirche innerhalb einer Lokalität, womöglich innerhalb eines Stadtteils, wo zwei unterschiedliche Konfessionen um Anhänger in einer begrenzt zur Verfügung stehenden und maximal zu mobilisierenden Bevölkerung konkurrieren. Eine solche Fragestellung macht ein regional-lokal konzentriertes Forschungsdesign unabdingbar. 1.2.1 Lokale Zivilgesellschaften im Kontext institutioneller Rahmenbedingungen Kollektives Handeln jeder Art ist in der Regel lokal vernetzt; dort sind die Organisatoren, die Plattformen des Engagements und die verschiedensten räumlichen und strukturellen Gegebenheiten, die gemeinsames politisches Handeln ermöglichen. Diese lokale Vernetzung oder Verwurzelung gilt erst recht für alle Formen kirchlichen Engagements. Sie sind in den „relatively small-scale, local collectives and organizations in and through which people engage in religious activity“ (Chaves et al. 1999: 458) beheimatet. Oder, wie Carroll und Roof (1993: 15) schreiben, Kirchenaktivitäten werden in der Regel als Involvierung in Gemeindeangelegenheiten wahrgenommen (vgl. auch Swatos 1981: 223): „The first, and perhaps only, contact most people have with religious institutions is at the local level. People join local congregations. Here they participate in worship and religious activities, attend church school classes, develop and maintain friendships, make financial contributions, and relate to others of a similar faith” (Carroll/Roof 1993b: 29). Studien die religiöse Vitalität untersuchen stützen sich in der Regel auf die Kirchgangshäufigkeit. In der Tat ist die Regelmäßigkeit des Gottesdienstbesuchs ein untrügliches Zeichen für die Bedeutung der Religion in einer Gesellschaft. Dies ist aber keine vergleichende Studie zu Religion oder religiöser Praxis, sondern eine Untersuchung, die in den Konzeptionen von Zivilgesellschaft und Sozialkapital beheimatet ist, und sich das Ziel gesetzt hat, den demokratischen Effekt religiöser (und konfessioneller) Involvierung zu betrachten. Die aus einer solchen Perspektive wichtigen Tugenden, Werte oder Verhaltensweisen – soziales Vertrauen, Werte der 23 Reziprozität, Toleranz, zivilgesellschaftliche Kompetenzen, Kollektivgutorientierung, um nur einige zu nennen –werden aber nicht beim Kirchgang generiert. Sozialkapital benötigt zu seiner Produktion die auf eine gewisse Dauer gestellte Interaktion von Individuen. Diese Interaktion mag sich vielleicht im nachgottesdienstlichen Gespräch auf den Kirchenstufen einstellen, bleibt aber eine zufällige und nicht-institutionalisierte Form der Interaktion, von der ein großer Teil der Kirchgänger womöglich völlig ausgeschlossen bleibt. Eine Sozialkapital- oder zivilgesellschaftliche Perspektive benötigt den Blick auf Vereine, Netzwerke, Gruppen und Organisationen, die um die Kirchen und Glaubensrichtungen herum entstehen. Nur dort findet dauerhafte Interaktion statt, nur dort entstehen die Freundschaftsund Beziehungsnetzwerke, organisierte sozial-gesellschaftliche Aktivitäten, die zur Bildung Sozialkapitals führen können (Feld 1981).1 Die Zivilgesellschaft und ihre religiösen Netzwerkwerke sind daher zunächst und vor allem lokale Projekte. Nur dort sind die Vereine, Organisationen und Gruppen, die das Rückgrat einer gesunden Zivilgesellschaft bilden. Nur dort entstehen die Netzwerke direkter Kommunikation und zwischenmenschlicher Interaktion, die für eine Generierung sozialen Kapitals unentbehrlich sind. Auch der Wirkungsbereich der Kirchen ist zunächst ein lokaler. Dort sind die Kirchengemeinden, die religiöse Angebote unterbreiten, dort werden Gottesdienste abgehalten, Kinder getauft, Paare getraut und Menschen beerdigt. Auch sind die lokalen Kirchengemeinden die Hauptquelle religiöser Netzwerkbildung: um die Kirchen herum entstehen die Gruppen, Vereine und Netzwerke (von der Krabbelgruppe über den Bibelkreis und Kirchenchor bis zur quasi-professionellen Wohlfahrtsorganisation), die den zivilgesellschaftlichen Beitrag der Kirchen leisten. Da davon auszugehen ist, dass lokale Zivilgesellschaften von Region zu Region variieren können und dass kirchlicher Status und konfessionelle Prägung einen erheblichen Einfluss auf den religiösen Sektor ausüben, ist dies eine vergleichende Untersuchung lokaler Zivilgesellschaften. Da diese Arbeit zudem überprüfen möchte, inwieweit unterschiedliche staatskirchliche Arrangements religiöse Vitalität beeinflussen, müssen die ausgewählten lokalen Untersuchungseinheiten in unterschiedliche Staat-Kirche-Verhältnisse eingebettet sein. Das Verhältnis zwischen einem Staat und seinen Kirche(n) ist aber in der Regel national geprägt. Die Arbeit kann also nur international vergleichend angelegt sein: Ökologien lokal aktiver Vereine, Gruppen und Organisationen in verschiedenen europäischen Ländern. 1.2.2 Ähnliche Gelegenheitsstrukturen – unterschiedliche Kontexte Westeuropa teilt sich auf allgemeinster Ebene in einen katholischen Süden, einen protestantischen Norden und eine Reihe von „mixed countries“, die geographisch 1 Schaller (1984) zeigte in der Tat, dass die meisten Beziehungen zwischen Kirchenmitgliedern nicht im Kontext Gottesdienst entstehen, sondern aus Aktivitäten in kleineren Gruppen wie dem Kirchenchor, kirchlichen Frauenkreisen, Bibelgruppen, religiösen Sportvereinen etc. resultieren.

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Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.