Content

Sigrid Roßteutscher, Religion, Konfession und Partizipation: eine politikwissenschaftliche Perspektive in:

Sigrid Roßteutscher

Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie, page 17 - 22

Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4232-8, ISBN online: 978-3-8452-1590-7 https://doi.org/10.5771/9783845215907

Series: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, vol. 12

Bibliographic information
17 1. Einleitung Religion ist wieder ein Thema. Sie hat sich mit Macht ihren Platz in den Schlagzeilen der Medien und auf den Tagesordnungen der hohen Politik erobert. Für viele ist diese neue Sichtbarkeit der Religion Grund für Irritation, Schrecken und Sorge: Wohin führt die neue Gewaltbereitschaft des islamischen Fundamentalismus wie sie sich seit dem 11. September immer wieder von neuen entlädt? Welche Chancen haben Friedensverhandlungen im Nahen Osten, wenn extremistische Hardliner die politischen Schlüsselstellungen besetzten? Provozieren die religiöse Rechte und evangelikale Bewegungen in der jüngeren amerikanischen Politik einen „Kulturkrieg“ gegen Andersdenkende und areligiöse Segmente der Bevölkerung? Wie lassen sich Demokratisierung und religiöse Erweckung miteinander vereinbaren, wenn – nicht nur in Ländern der Dritten Welt – immer mehr Menschen mit Rekurs auf endgültige, nicht verhandelbare Wahrheiten argumentieren und im schlimmsten Fall sogar dazu bereit sind, ihrer Wahrheit mit Gewalt Gehör zu verschaffen? Wie überleben säkularisierte Staaten, die sich dem Banner religiöser Neutralität, des Multikulturalismus und friedlichen Miteinanders verschrieben haben, die Eruption radikalen Glaubens in ihrer Mitte? Unter Ausschluss eines breiteren Massenpublikums findet gleichzeitig eine Debatte um Säkularisierung und die Bedeutung des Niedergangs von Religion und konfessionellen Bindungen für Demokratie und Zivilgesellschaft statt. Auch hier wird vor allem mit Besorgnis diskutiert: Untergräbt religiöse Apathie und der Niedergang christlicher Werte den demokratischen und wohlfahrtsstaatlichen Grundkonsens der Solidarität mit den Schwächeren? Steht der häufig beklagte Niedergang sozialen Kapitals, das als ein lebensnotwendiges Reservoir zivilgesellschaftlicher und demokratischer Orientierungen gilt, in unmittelbarem Zusammenhang mit der Auflösung religiöser Selbstverständlichkeiten und Gruppenloyalitäten? Wenn immer mehr (wohlfahrts-) staatliche Leistungen vom Bürger in Eigenregie erbracht werden sollen, wie kann das funktionieren, wenn gerade der Menschentypus, der sich aufgrund religiöser Motive am ehesten zu ehrenamtlichem, gemeinwohlorientiertem Verhalten inspirieren lässt, immer seltener anzutreffen ist? Die eine Seite beklagt somit die fundamentalistische Erweckung der Religion, meint damit vor allem den Islam und sieht den Prozess der Fundamentalisierung als Hindernis der Demokratisierung mit drastischen Auswirkungen auf die Zukunft der Demokratie weltweit. Die andere Seite lamentiert das Verschwinden religiöser Werte, meint damit vor allem christliche Werte, und prognostiziert den Niedergang zivilgesellschaftlichen Engagements, schwindende Reservoirs an Sozialkapital und schlussendlich graue Aussichten für das Funktionieren und die Qualität des Regierens in etablierten Demokratien. Es ist dieser zweite Aspekt der Zwillingsprozesse der Fundamentalisierung und Säkularisierung, der im Mittelpunkt dieser Arbeit steht: Welche Rolle spielen Religion an sich, aber auch verschiedene Konfessionen im Vergleich, für die Zukunft von Zivilgesellschaft und Demokratie? 18 Die Beschäftigung mit Zivilgesellschaft, Sozialkapital und deren Rolle in der Demokratie bedarf fast keiner Rechtfertigung. Innerhalb der Sozialwissenschaften aber auch weit über sie hinaus, im Diskurs der Medien und im politischen Alltag gibt es wohl zur Zeit kein gängigeres Schlagwort und kein schneller und leichtherziger verschriebenes Mittel gegen eine allgemein gefühlte Malaise der zeitgenössischen repräsentativen Demokratie. Nicht immer heißt das Schlagwort Zivilgesellschaft. Manche sprechen von bürgerschaftlichem Engagement, andere von Werten und Normen der Verantwortung, Solidarität und Pflichten gegenüber Staat und Mitbürger. Wieder andere bevorzugen den Begriff des Sozialkapitals, welches jede demokratische Gesellschaft zum Überleben benötige. Gemeint ist immer etwas sehr ähnliches: durch das Engagement der Bürger in sozialen Organisationen und Vereinen unterschiedlichster Natur (von der Sängervereinigung über den Fußballclub bis zur Seelsorgeeinrichtung) entsteht etwas Einzigartiges und Wertvolles – ein Netz sozialer Beziehungen, Geborgenheit in der Gemeinschaft, soziale Integration, aber auch Normen der Hilfsbereitschaft, Vertrauen in Mitbürger, Werte des gegenseitigen Respekts und nicht zuletzt eine Bildung demokratischer Tugenden und Kompetenzen. Die Aktiven und Ehrenamtlichen im Verein von heute sind die Aktiven und Ehrenamtlichen in der Demokratie von morgen. So weit, so gut. Warum aber Religion und Zivilgesellschaft oder Religion und Demokratie? Sind wir (als aufgeklärte Europäer) nicht durch und durch säkularisierte Menschen, die vielleicht (und auch nur vielleicht) einmal im Jahr an Weihnachten die Kirche besuchen? In der Tat gibt es wohl nichts, was häufiger tot gesagt wurde als die Religion. Sicher: noch gibt es religiöse Menschen; Menschen, die nicht nur regelmäßig in die Kirche gehen, sondern sich auch engagiert an kirchlichen Aktivitäten beteiligen oder sich ehrenamtlich in kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen betätigen. Aber sind dies nicht alte Menschen, oder Verwitwete, oder Ungebildete, oder Menschen, die aus dörflicher Umgebung stammen, oder sonst wie nicht „normal“ moderne Menschen – die sprichwörtliche „alte Oma vom Dorf“ (Jacobs 2000: 177)? Gerade dem „Intellektuellen“, dessen Ethos seit der Aufklärung Rationalität, Wissenschaftlichkeit und Individualität betont, erscheinen Religion und Religiosität als antiquiert und unzeitgemäß – letzte Überreste vergangener „dunklerer“ Epochen. Das Resultat dieses akademischen Dünkels, so meinen manche, ist eine weitreichende Marginalisierung von religionsspezifischen Ansätzen in der Wissenschaft insgesamt und den Sozialwissenschaften im Besonderen (vgl. Ebaugh 2002: 386-389; Calhoun 1999: 237; Willems/Minkenberg 2003: 13). Platt ausgedrückt: Warum sollte man sich mit einem Phänomen beschäftigen, das mittel- oder langfristig sowieso verschwinden wird? Wenn andere Regionen dieser Welt vom Gespenst des Fundamentalismus heim gesucht werden, ist das nicht ein Zeichen dafür, dass die Menschen dort mit atavistischen Reflexen auf die Ansprüche und Anforderungen der Moderne reagieren? Sobald sie in der „neuen“ Zeit angekommen sind, so glaubt der aufgeklärte Europäer, werden sich auch dort die Menschen zunehmend der Religion entledigen. Ein Irrtum oder eine normativ geleitete Fehleinschätzung, wie rational choice Theoretiker sagen würden? 19 Auch in Europa liegt „die hohe Zeit der Religion“, wie Rémond schreibt (2000: 18), nicht in grauer Vorzeit. Im 19. Jahrhundert und teilweise sogar weit ins 20. Jahrhundert hinein waren die Bevölkerungen Europas in ihrer großen Mehrheit religiös geprägt. Solche tiefen und fast alle Gesellschaftsschichten umfassenden Prägungen verschwinden nur schwerlich: „Wenn jede Kategorie sozialer Tatsachen eine ihr spezifische Lebensdauer kennt, so kann man davon ausgehen, dass religiös fundierte Gewohnheiten, Sitten und Gebräuche am längsten überleben. [...] Auch Regierungen geben gewachsene Gewohnheiten nicht leicht auf. Selbst jene, die sich gerade liberalen Grundüberzeugungen, die auf eine Trennung von Kirche(n) und Staat abzielen, am meisten verpflichtet fühlen, sind vor der Versuchung nicht gefeit, die Praxis früherer Regierungssysteme zu bewahren, die über das religiöse Leben ihrer Untertanen herrschten“ (Rémond 2000: 19). In einem Gedankenexperiment geht der Schweizer Theologe Kissling sogar noch einen Schritt weiter: Was wäre, fragt er, wenn morgen nicht nur die Kirchen sondern auch die christliche Religion an sich verschwinden würde? Zunächst nichts, so lautet seine überraschende Antwort. Denn, so sein Argument, unsere Kultur und Lebenswelt ist so durch und durch von christlichen Werten geprägt und durchwirkt, dass es vermutlich nicht einmal auffallen würde, wenn die dazugehörigen Institutionen verschwänden (Kissling 1995: 141). Wir glauben also nur, dass wir Religion und Glaube hinter uns gelassen hätten, während unser Handeln und Denken noch immer von unseren religiösen Traditionen bestimmt wird. Gerade das deutsche Wohlfahrtsstaatsmodell mit seiner Verankerung in der Idee der Subsidiarität, die aus der katholischen Soziallehre stammt, aber auch deutsche Besonderheiten im Steuerrecht wie die typische Familienbesteuerung, die das (katholische) Bild von der Familie und der traditionellen Rolle der Frau widerspiegelt, scheinen Rémond oder Kissling Recht zu geben. Religion beeinflusst nicht nur Institutionen, sondern motiviert selbst im zeitgenössischen Europa Menschen im Extremfall zu massiv gewaltsamem Handeln. Der nordirische Dauerkonflikt zwischen Protestanten und Katholiken ist ein markantes Beispiel, die in jüngster Vergangenheit liegenden religiös motivierten Gräueltaten im ehemaligen Jugoslawien nach dem Zerfall des kommunistischen Regimes ein zweites. Auch besteht unbestritten Einigkeit darüber, dass Religion und Konfession noch heute zu den erklärungskräftigsten Faktoren des Wahlverhaltens zu gelten haben (z.B. Dalton 2002; Seawright (2000); Broughton/ten Napel 2000: 198- 209; Roßteutscher 2007). Nicht zuletzt die überragende Aufmerksamkeit, ja der überschäumende Enthusiasmus, der dem Prozedere der Papstwahl im April 2005 von Medien und Menschenmassen weltweit zuteil wurde, stellt die intellektuelle Vorstellung von der Irrelevanz religiöser Fragen gerade für junge Menschen europäischer Provenienz in Frage. Folgerichtig wird in jüngster Zeit das Paradigma der Säkularisierungsthese auch seitens (amerikanischer) Wissenschaftler in Frage gestellt: von Verschwinden, so die neue These, kann keine Rede sein. Das Bedürfnis nach Religion sei ein konstanter Teil der menschlichen Natur, da jedes Individuum angesichts der Endlichkeit des eigenen Lebens Trost und Kompensation suche. Wenn die Menschen in Europa – gerade im Vergleich zu den USA – so areligiös und unkirchlich erscheinen, liege das nicht an ihren Bedürfnissen, sondern daran, dass europäische Kirchen ein schlechtes Produkt offerierten. Die ökonomische Theorie der Religion kontrastiert den freien 20 religiösen Markt Amerikas mit dem monopolistischen, verzerrten europäischen Markt. Dort wo religiöse Kräfte in Konkurrenz miteinander um die Seelen der Menschen streiten, dort ist Religion lebendig, attraktiv und ein zentrales und dynamisches Element demokratischer Zivilgesellschaften. Ob und inwieweit die zeitgenössische europäische Zivilgesellschaft und Demokratie religiös und kirchlich beeinflusst sind, wollen wir an dieser Stelle als empirische Frage bezeichnen, auf die in dieser Untersuchung eine Antwort gesucht wird. Tatsächlich gelten in den USA bis zu zwei Drittel des zivilgesellschaftlichen Engagements als religiös motiviert und/oder kirchlich organisiert. Das ist eine enorme und fast unglaubliche Bedeutung des Sakralen für eine Sphäre, die eigentlich – theoretisch - ganz im Säkularen liegen sollte. Was bedeutet dies für eine Zivilgesellschaft und damit auch für die auf ihr basierende Demokratie, wenn sie so stark und beinahe monopolartig religiös fundiert ist? Die Geschichte des Verhältnisses zwischen Staat und Religion ist allerdings in Europa eine ganz andere als in den USA. Zudem haben sich in unterschiedlichen Regionen Europas sehr verschiedene Staatskirchenmodelle, Säkularisierungsbestrebungen und Konfessionskonflikte ergeben. Sehr vieles spricht dafür, dass die Dinge in Europa anders liegen als in den USA. Auch spricht vieles dafür, dass sich protestantische von katholischen und gemischt konfessionelle von homogen konfessionellen Gesellschaften hinsichtlich der Bedeutung der Religion für Zivilgesellschaft und Demokratie unterscheiden. 1.1 „Zivil“gesellschaft und Religion – ein Widerspruch? Die Zivilgesellschaft ist eine durch und durch säkulare Idee. In der kirchlich dominierten Welt der Vormoderne ist die Existenz einer separaten, von Religion und Kirche gelösten Sphäre nicht vorstellbar. Organisiertes und individuelles Handeln, Staat und Familie, sind gleichermaßen und ausnahmslos mit den Gesetzen der Religion verwoben – ziviles, nicht-sakrales Handeln sind in einer solchen Welt unmöglich bzw. als ketzerisch gebrandmarkt und von den weltlichen und kirchlichen Autoritäten auf strengste verfolgt. Die Ära der Zivilgesellschaft konnte erst eingeläutet werden, nachdem die Symbiose von Staat und Kirche gelöst wurde. Kirchliche und staatliche Gesetzgebung sind nun nicht mehr identisch und nur der Bruch staatlicher Regelungen ist rechtlich strafbar. Das Zivile oder Bürgerliche definierte sich bewusst als Gegensatz zum Religiösen, wie sich bis heute in Sprachregelungen wie der vom Bürgerlichen Gesetzbuch (im Vergleich zu den Zehn Geboten), der Zivilehe (im Vergleich zur kirchlich geschlossene Ehe) ablesen lässt. Der Kirche blieben indirekte Drohmaßnahmen und Methoden latenter sozialer Kontrolle um die Gläubigen zu reglementieren – die Ausübung staatlicher, polizeilicher oder gerichtlicher Macht sind ihr dagegen im säkularen Staat verwehrt. In diesem Staat konnte sich eine Zivilgesellschaft entwickeln – und: die Kirche und ihr organisatorisches Umfeld konnte (oder musste) Teil dieser nicht-staatlichen Sphäre werden. Für ihre Existenz benötigt die Zivilgesellschaft somit einen säkularen Staat. Sie benötigt allerdings auch einen liberalen Staat, also einen Staat, der gewisse organisatorische und 21 individuelle Freiheitsrechte garantiert, und sich nicht anmaßt, das Leben seiner Bürger bis ins einzelne zu regulieren. Im autoritären oder gar totalitären Staat kann sich ziviles Handeln nur im Verborgenen, sozusagen im Untergrund, entwickeln. Und auch in einem solchen Fall fehlen viele Bedingungen, die wir begrifflich mit der Idee der Zivilgesellschaft verbinden: Öffentlichkeit, Transparenz, Freiwilligkeit. 1.1.1 Religion, Konfession und Partizipation: eine politikwissenschaftliche Perspektive Es ist ein Ziel dieser Arbeit, die Verflechtung zwischen Religion, Zivilgesellschaft und Demokratie aufzuspüren. Inwieweit basiert die säkulare Welt der Zivilgesellschaft auf den Werten und Organisationsprinzipien der sakralen Welt? Und: was bedeutet es für das Sozialkapital einer säkularen Gesellschaft, wenn es auf den Werten und Normen einer sakralen Weltanschauung aufgebaut ist? Ist der von manchen beschworene Niedergang des Sozialkapitals nichts anderes als ein Spiegelbild des Niedergangs religiöser Einstellungen und Handlungsmotive? Mit anderen Worten, wie säkular ist die Zivilgesellschaft tatsächlich und welchen Einfluss haben Religion und Kirche auf die Zukunft von Sozialkapital und Zivilgesellschaft? Gibt es – auch das wird gern behauptet – gewisse Konfessionen (presbyterische Varianten des Protestantismus werden hier gern genannt), die zur Sozialkapitalgenerierung prädestiniert sind, während andere Glaubensrichtungen, die Katholiken an erster Stelle, eher als Hemmschwellen der Entwicklung aktiver Zivilgesellschaften gelten? Wenn, wovon viele heute überzeugt sind, eine funktionierende Zivilgesellschaft und ein großzügiges Reservoir an Sozialkapital zu den grundlegenden Bausteinen einer erfolgreichen Demokratie gehören, so ist die Analyse religiös bzw. konfessionell generierten Sozialkapitals eine vorrangige politikwissenschaftliche Fragestellung. Dies gilt um so eher, wenn – wie die ökonomische Schule behauptet – zentrale Mechanismen der Verflechtung zwischen Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement auf institutionellen Weichenstellungen beruhen. Nur dort, wo sich der Staat neutral geriert, kann sich religiöser Pluralismus entwickeln. Im Wettstreit der Religionen und Konfessionen liegt das Geheimnis hoher religiöser Partizipation. Ein weiterer Schwerpunkt dieser Untersuchung liegt somit auf der Frage, inwieweit das Verhältnis zwischen Staat und Kirche die demokratische Rolle religiöser Zivilgesellschaften beeinflusst: „The nature of state patronage of religion is a fundamental issue for any polity, and it is incumbent upon political scientists to investigate the impact of such patronage on society“ (Chaves et al. 1994: 1088). Die Fragestellung dieser Untersuchung ist somit eine politikwissenschaftliche: Welche Rolle spielen Kirche und Religion in heutigen Zivilgesellschaften und – ganz zentral – wie demokratisch oder demokratiefördernd ist diese Rolle? Wie viele Ehrenamtliche und Aktive werden in Kirchen und religiösen Organisationen generiert? In der aktuellen Sprachregelung: wie viel Sozialkapital wird religiös produziert? Leisten Konfessionen prinzipiell gleiches, oder muss hier stärker differenziert werden? Welche Rolle spielen der Staat bzw. unterschiedliche staatskirchliche Arrangements bei der Generierung religiösen Sozialkapitals? 22 1.2 Untersuchungsdesign Sozialkapital wird in Interaktion generiert. Ehrenamtlichkeit und Engagement sind ohne soziale Gruppen, Vereine und Netzwerke nicht denkbar. Stehen Assoziationsbildung, Mobilisierung, Ehrenamtlichkeit und zivilgesellschaftliches Engagement im Vordergrund, so muss das Augenmerk dorthin gerichtet werden, wo religiöse Organisationen tatsächlich Mitglieder werben können, wo Plattformen des Engagements zur Verfügung stehen und ehrenamtliche Dienste angeboten werden können. Wenn, wie der Hauptzweig der aktuellen Religionssoziologie heute behauptet, „Konkurrenz das Geschäft belebt“, dann muss der Einfluss religiöser Organisationen dort untersucht werden, wo tatsächlich Konkurrenz herrschen kann. Der religiöse Markt ist notwendigerweise ein lokaler Markt (Finke 1997: 47). Die katholische Kirche einer Stadt konkurriert nicht mit der lutherischen Gemeinde einer anderen Kommune. Wenn er denn stattfindet, so ist der „Wettstreit um Seelen“ eine Angelegenheit zwischen der katholischen und protestantischen Kirche innerhalb einer Lokalität, womöglich innerhalb eines Stadtteils, wo zwei unterschiedliche Konfessionen um Anhänger in einer begrenzt zur Verfügung stehenden und maximal zu mobilisierenden Bevölkerung konkurrieren. Eine solche Fragestellung macht ein regional-lokal konzentriertes Forschungsdesign unabdingbar. 1.2.1 Lokale Zivilgesellschaften im Kontext institutioneller Rahmenbedingungen Kollektives Handeln jeder Art ist in der Regel lokal vernetzt; dort sind die Organisatoren, die Plattformen des Engagements und die verschiedensten räumlichen und strukturellen Gegebenheiten, die gemeinsames politisches Handeln ermöglichen. Diese lokale Vernetzung oder Verwurzelung gilt erst recht für alle Formen kirchlichen Engagements. Sie sind in den „relatively small-scale, local collectives and organizations in and through which people engage in religious activity“ (Chaves et al. 1999: 458) beheimatet. Oder, wie Carroll und Roof (1993: 15) schreiben, Kirchenaktivitäten werden in der Regel als Involvierung in Gemeindeangelegenheiten wahrgenommen (vgl. auch Swatos 1981: 223): „The first, and perhaps only, contact most people have with religious institutions is at the local level. People join local congregations. Here they participate in worship and religious activities, attend church school classes, develop and maintain friendships, make financial contributions, and relate to others of a similar faith” (Carroll/Roof 1993b: 29). Studien die religiöse Vitalität untersuchen stützen sich in der Regel auf die Kirchgangshäufigkeit. In der Tat ist die Regelmäßigkeit des Gottesdienstbesuchs ein untrügliches Zeichen für die Bedeutung der Religion in einer Gesellschaft. Dies ist aber keine vergleichende Studie zu Religion oder religiöser Praxis, sondern eine Untersuchung, die in den Konzeptionen von Zivilgesellschaft und Sozialkapital beheimatet ist, und sich das Ziel gesetzt hat, den demokratischen Effekt religiöser (und konfessioneller) Involvierung zu betrachten. Die aus einer solchen Perspektive wichtigen Tugenden, Werte oder Verhaltensweisen – soziales Vertrauen, Werte der

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Sind protestantische Vereine und Netzwerke ein besserer Nährboden für die Demokratie als katholische Organisationen? Brauchen auch Religionen den Wettbewerb des freien Marktes ohne staatliche Einmischung, um sich kraftvoll und lebendig zu entfalten? Das Buch untersucht die demokratische und sozial integrative Wirkung katholischer, lutherischer, calvinistischer und säkularer Organisationsformen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Spanien und Schottland. Dargestellt wird die gesellschaftliche und demokratische Rolle von Religion und Kirche seit den Zeiten der Reformation bis heute. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die demokratieförderliche oder aber hemmende Wirkung von Religion und Konfession als Bestandteil europäischer Zivilgesellschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts. Auf der Basis einer international vergleichenden Organisationsstudie kontrastiert das Buch ökonomische Theorien der Religion mit dem klassischen Säkularisierungsparadigma, sowie Sozialkapitalansätze mit Organisationstheorien, die behaupten dass die kleine, dezentral organisierte Organisationsform des Protestantismus der großen, zentralistischen und hierarchischen Organisationsstruktur des Katholizismus überlegen sei.