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Jörg Henzler, Sittenverstoß in:

Jörg Henzler

Haftung der GmbH-Gesellschafter wegen Existenzvernichtung, page 58 - 63

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4220-5, ISBN online: 978-3-8452-1523-5 https://doi.org/10.5771/9783845215235

Series: Heidelberger Schriften zum Wirtschaftsrecht und Europarecht, vol. 52

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58 sind, zur Insolvenzmasse zurückgewährt werden. Die Insolvenzmasse ist so zu stellen, als sei die gläubigerbenachteiligende Rechtshandlung nicht erfolgt. Regelmäßig ist der betroffene Gegenstand im vollen Umfang seiner Veräußerung, Weg- oder Aufgabe in Natur zurückzugewähren.209 Angepasst und ergänzt wird diese Rückgewährpflicht durch § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO, der über die Verweisungen der §§ 819 Abs. 1, 818 Abs. 4, 292 BGB die Vorschriften der §§ 987 ff BGB in Bezug nimmt. So hat der Anfechtungsgegner zum einen entsprechend § 989 BGB Wertersatz zu leisten, soweit die Rückgewähr in Natur nicht möglich ist. Weiterhin sind entsprechend § 987 Abs. 1 BGB die tatsächlich gezogenen Nutzungen (§ 100 BGB) herauszugeben, und entsprechend § 987 Abs. 2 BGB hat der Anfechtungsgegner Wertersatz für diejenigen Nutzungen zu leisten, die er schuldhaft nicht gezogen hat. Demgegenüber werden die durch die anfechtbare Rechtshandlung verursachten - oftmals beträchtlichen - mittelbaren Folgeschäden durch das Anfechtungsrecht nicht kompensiert. Zudem ginge das Existenzvernichtungsverbot auch insoweit über den durch das Anfechtungsrecht gewährleisteten Schutz hinaus, als es im Gegensatz zu diesem eine konkrete Verhaltenspflicht für die Gesellschafter im Vorfeld der Insolvenz schafft. Solch ein präventiver Schutz mit einem bestimmten Handlungsverbot dürfte effektiver sein als ein retroaktiver, wie ihn das Anfechtungsrecht bietet.210 C. § 826 BGB Zu untersuchen bleibt, inwieweit existenzvernichtende Eingriffe von § 826 BGB erfasst werden. Im Ausgangspunkt ist unbestritten, dass gläubigerschädigendes Gesellschafterverhalten einen Schadensersatzanspruch der Gläubiger nach § 826 BGB begründen kann. Dabei wurde bis zur „Trihotel“-Entscheidung211 wohl allgemein angenommen, dass die Haftung wegen gläubigerschädigenden Gesellschafterverhaltens aus § 826 BGB auch und gerade für den Fall des existenzvernichtenden Eingriffs eine Einstandspflicht der GmbH-Gesellschafter unmittelbar gegenüber den Gesellschaftsgläubigern begründet.212 In der „Trihotel“-Entscheidung ordnet der BGH den Fall des existenzvernichtenden Eingriffs aber als besondere Fallgruppe des § 826 BGB ein und will insoweit nunmehr eine reine Innenhaftung der Gesellschafter gegenüber der GmbH Platz greifen lassen.213 Dieses neue Haftungsmodell will 209 MünchKomm- Kirchhof, Kommentar zur Insolvenzordnung (2002), § 143 Rn. 24; Häsemeyer, Insolvenzrecht 3. A. (2003), Kap 21.104, S. 557. 210 Paulus, ZIP 1996, 2141, 2145. 211 BGH, Urt. v. 16.07.2007 II ZR 3/04 - NJW 2007, 2689, 2689 ff. 212 BGH Urt. v. 24. 6. 2002 - II ZR 300/00 - BGHZ 151, 181, 181 ff „KBV“; aus der Literatur etwa Altmeppen, ZIP 2002, 1553, 1563; Ulmer JZ 2002, 1049, 1052; Wilhelmi, DZWIR 2003, 45, 50 f; Kleindiek, ZGR 2007, 276, 301 f. 213 BGH, Urt. v. 16.07.2007 II ZR 3/04 - NJW 2007, 2689, 2689 ff. 59 der BGH dabei nicht als schlichten Verweis auf die Anwendung des § 826 BGB nach herkömmlichem Verständnis, sondern als Konzept zur rechtsfortbildenden Erweiterung des als unzureichend bewerteten Schutzes gegenüber der „rechtsmissbräuchlichen Ausplünderung des Gesellschaftsvermögens“ verstanden wissen.214 Dieses Haftungskonzept wird an anderer Stelle noch zu besprechen sein.215 Hier ist dagegen unter dem Gesichtspunkt der Reichweite der gesetzlichen Gläubigerschutzinstrumente zu klären, inwieweit § 826 BGB existenzvernichtende Eingriffe tatbestandlich zu erfassen vermag. Dabei ist stets im Blick zu behalten, dass die Qualifikation eines bestimmten Gesellschafterverhaltens als Sittenwidrigkeit im Sinne des § 826 BGB freilich nicht losgelöst von GmbH-rechtlichen Wertungen erfolgen kann.216 Wird ein bestimmtes Verhalten, das den Gesellschaftern nach den Regeln des GmbHG erlaubt ist, gleichwohl als sittenwidrig eingestuft, handelt es sich hierbei schon um (verdeckte) Rechtsfortbildung, die nur aus spezifisch gesellschaftsrechtlichen Gründen gerechtfertigt werden kann.217 Hieran wird auch deutlich, dass die Frage nach der Reichweite des § 826 BGB gleichsam zwischen der Frage nach der Reichweite des gesetzlichen Gläubigerschutzinstrumentariums einerseits und der Frage nach den Möglichkeiten der rechtsfortbildenden Entwicklung einer über dieses Instrumentarium hinausgehenden Haftung andererseits steht. I. Sittenverstoß Bei der Frage, inwieweit gesellschaftsschädigendes Gesellschafterhandeln als sittenwidrig eingestuft werden kann, ist stets zu berücksichtigen, dass die Gesellschafter grundsätzlich berechtigt sind, Vermögensgegenstände und Geschäftschancen von der Gesellschaft abzuziehen. Das Ausnutzen dieser Dispositionsbefugnis ist selbst bei einiger Gefahr für den Geschäftsverkehr prinzipiell zulässig.218 Die Verfolgung eigener Interessen bei der Ausübung von Gesellschafterrechten ist im Grundsatz auch dann nicht als sittenwidrig i.S.d. § 826 BGB anzusehen, wenn eine Schädigung Dritter damit verbunden ist. Denn im Grundsatz ist niemand verpflichtet, eigene Belange den Interessen Dritter unterzuordnen.219 Solange sich die Gesellschafter innerhalb ihrer insbesondere durch die §§ 30 f, 64 GmbHG gezogenen Kompetenz- 214 BGH, Urt. v. 16.07.2007 II ZR 3/04 - NJW 2007, 2689, 2690 f., Rz. 16, 20 f, 23. 215 Siehe unten 2. Kapitel B. 216 Dauner-Lieb, ZGR 2008, 34, 41; Wagner, FS Canaris (2007), Band II, S. 473, 492ff. 217 Grigoleit, Gesellschafterhaftung für interne Einflussnahme im Recht der GmbH (2006), S. 203 ff. 218 Eckhold, Materielle Unterkapitalisierung (2002), S. 124. 219 BGH Urt. v. 19. 10. 1987 - II ZR 9/87 - NJW 1988, 700, 703; Soergel- Hönn/ Dönneweg, BGB 12. A. (1999), § 826 Rn. 43; Erman- Schiemann, BGB 10. A. (2000), § 826 Rn. 3; Staudinger- Oechsler, BGB 13. Bearb. (2003), § 826 Rn. 343; Falkenstein, Grenzen für die Entnahmerechte der GmbH-Gesellschafter (1992), S. 198. 60 grenzen bewegen, kann ein Verhalten nur unter engen Voraussetzungen als sittenwidrig angesehen werden.220 Aber auch bewusste Verstöße gegen gläubigerschützende Normen, wie etwa § 30 GmbHG, können nur dann als sittenwidrig i.S.d. § 826 BGB angesehen werden, wenn über den bewussten Verstoß hinaus besondere die Verwerflichkeit begründende Umstände hinzutreten.221 Ansonsten bleibt es bei den Rechtsfolgen, die die jeweils verletzte Norm vorsieht. Das gilt insbesondere auch für die Behandlung eigenkapitalersetzender Gesellschafterleistungen. Neben den §§ 32 a, 32 b GmbHG und den von der Rechtsprechung entwickelten Regeln findet § 826 BGB hier nur noch in Ausnahmefällen Anwendung.222 Im vorliegend interessierenden Zusammenhang ist zudem von besonderer Bedeutung, dass der Entzug von Vermögensgegenständen und Geschäftschancen - wie gesehen223 - in weitem Umfang der Anfechtung nach der InsO oder dem AnfG unterliegt. Denn in den Vorschriften der Insolvenz- und Gläubigeranfechtung sind die Rechtsfolgen anfechtbarer Vermögensverschiebungen grundsätzlich abschließend geregelt.224 Das abgestufte System der Anfechtungsvorschriften darf durch den Rückgriff auf die allgemeine Regelung des § 826 BGB nicht unterlaufen werden.225 Allein der gezielte Entzug von Vermögenswerten, durch den die Gesellschaftsgläubiger vorsätzlich benachteiligt werden, reicht also wegen des Vorrangs der Anfechtungsvorschriften zur Begründung der Sittenwidrigkeit i.S.d. § 826 BGB gerade nicht aus.226 Für die Anwendbarkeit des § 826 BGB ist in diesen Fällen nur Raum, wenn die Sittenwidrigkeit der Verschiebung das in den 220 Dieser Grundsatz spielt insbesondere für die Frage der Anwendbarkeit des § 826 BGB auf Fälle der sog. materiellen Unterkapitalisierung eine Rolle; zu den hohen Anforderungen der Rechtsprechung insbesondere BGH Urt. v. 4. 5. 1977 - VIII ZR 298/75 - BGHZ 68, 312, 315 ff, insbes. 322 (eine Durchgriffshaftung und § 826 BGB verneinend); BGH Urt. v. 30. 11. 1978 - II ZR 204/76 - NJW 1979, 2104, 2104 f (§ 826 BGB bejahend); ausführlich zu dieser Frage Weitbrecht, Haftung der Gesellschafter bei materieller Unterkapitalisierung der GmbH (1990), S. 81 ff; Eckhold, Materielle Unterkapitalisierung (2002), S. 122 ff. 221 Staudinger- Oechsler, BGB 13. Bearb. (2003), § 826 Rn. 326; siehe auch BGH Urt. v. 12. 2. 1996 - II ZR 279/94 - ZIP 1996, 637, 637; zu § 30 GmbHG Wilhelmi DZWIR 2003, 45, 50; ders., Der Grundsatz der Kapitalerhaltung im System des GmbH-Rechts (2001), S. 202. 222 Staudinger- Oechsler, BGB 13. Bearb. (2003), § 826 Rn. 314; Erman- Schiemann, BGB 10. A. (2000), § 826 Rn. 33; das Reichsgericht hatte hier noch mit § 826 BGB gearbeitet, vgl. etwa RG Urt. v. 22. 10. 1938 - II. Zivilsenat 58/38 - RGZ 158, 302, 310. 223 Dazu ausführlich oben 1. Kapitel B. 224 Zur Frage, ob auch die rechtlichen Folgen existenzvernichtender Eingriffe in den Anfechtungsvorschriften abschließend geregelt sind ausführlich unten 3. Kapitel C. 225 BGH Urt. v. 2. 7. 1958 - V ZR 102/57 - WM 1958, 1278, 1278 f; Falkenstein, Grenzen für die Entnahmerechte der GmbH-Gesellschafter (1992), S. 198. 226 Ständige Rechtsprechung BGH Urt. v. 2. 7. 1958 - V ZR 102/57 - WM 1958, 1278, 1278 f; BGH Urt. v. 5. 7. 1971 - II ZR 176/68 - BGHZ 56, 339, 355; BGH Urt. v. 9. 7. 1987 - IX ZR 89/86 - WM 1987, 1172, 1172 f; BGH Urt. v. 12. 2. 1996 - II ZR 279/94 - ZIP 1996, 637, 637; auch in der Literatur wohl unbestritten vgl., Smid- Zeuner, Insolvenzordnung 2. A. (2001), § 129 Rn. 16; Staudinger- Oechsler, BGB 13. Bearb. (2003), § 826 Rn. 336; Erman- Schiemann, BGB 10. A. (2000), § 826 Rn. 26; MünchKomm- Mertens, BGB 61 wenn die Sittenwidrigkeit der Verschiebung das in den Anfechtungsvorschriften (insbesondere in den § 133 InsO bzw. § 3 AnfG) vorausgesetzte Maß übersteigt.227 Hierfür hatte die Rechtsprechung teilweise recht hohe Hürden aufgestellt. So hatte es der BGH etwa als nicht ausreichend angesehen, dass ein Gesellschafter- Geschäftsführer kurz vor Stellung des Konkursantrags eine Gesellschaftsforderung, die fast das gesamte Vermögen der Gesellschaft ausmachte, auf sich übertrug.228 Weiter sollte nach bisheriger Rechtsprechung allein die Einstellung des Geschäftsbetriebs einer GmbH und seine anschließende Fortführung durch eine von denselben Gesellschaftern neu gegründete GmbH (sog. GmbH-Stafette) die für die Anwendbarkeit des § 826 BGB erforderliche Sittenwidrigkeit selbst dann nicht begründen, wenn diese Maßnahme gezielt zur Entziehung von bestimmten Vermögenswerten vor dem Vollstreckungszugriff der Gläubiger getroffen wurde.229 Dagegen hat der BGH in der Urteilen „KBV“ 230 und „Klinik“231, denen ebenfalls jeweils die Konstellation einer GmbH-Stafette zugrunde lag, einen Sittenverstoß i.S.d. § 826 BGB angenommen, ohne sich mit der Frage des grundsätzlichen Vorrangs der Anfechtungsvorschriften zu befassen. Zur Begründung der Sittenwidrigkeit wurde allein auf den planmäßig zu Lasten der Gläubiger durchgeführten (Geschäftschancen- und) Vermögensentzug abgestellt, durch den den Gläubigern der alten Gesellschaft der Haftungsfonds entzogen würde. Insbesondere weil die GmbHs in diesen Fällen jeweils aus egoistischen Motiven rücksichtslos ausgeplündert (so wurden etwa im „KBV“-Fall sämtliche Forderungen und der gesamte Warenbestand von der Gesellschaft abgezogen232) und ganz bewusst in die Insolvenz getrieben wurden, sind die Entscheidungen im Ergebnis nicht zu beanstanden.233 3. A. (1997), § 826 Rn. 145; Soergel- Hönn/ Dönneweg, BGB 12. A. (1999), § 826 Rn. 146. 227 Staudinger- Oechsler, BGB 13. Bearb. (2003), § 826 Rn. 337. 228 So BGH Urt. v. 9. 7. 1987 - IX ZR 89/86 - WM 1987, 1172, 1172 f; zur Vorschrift des § 138 BGB, bei der die Frage des Vorrangs der Anfechtungsvorschriften in gleicher Weise zu entscheiden ist wie bei § 826 BGB; siehe dazu auch BGH Urt. v. 2. 7. 1958 - V ZR 102/57 - WM 1958, 1278, 1278 f. 229 BGH Urt. v. 12. 2. 1996 - II ZR 279/94 - ZIP 1996, 637, 637; dem zustimmend Münch- Komm- Mertens, BGB 3. A. (1997), § 826 Rn. 190; Staudinger- Oechsler, BGB 13. Bearb. (2003), § 826 Rn. 323; Goette, DStR 1996, 840, 840. 230 BGH Urt. v. 24. 6. 2002 - II ZR 300/00 - BGHZ 151, 181, 185. 231 BGH Urt. v. 20. 9. 2004 - II ZR 302/02 - NJW 2005, 145, 145 ff. 232 Zwar wurden im Gegenzug Verbindlichkeiten der GmbH übernommen, deren Höhe blieb aber erheblich hinter dem Wert des abgezogenen Vermögens zurück. 233 So - jeweils ohne Auseinandersetzung mit der Frage des Vorrangs der Anfechtungsvorschriften - im Ergebnis auch die einhellige Meinung in den das „KBV“- Urteil besprechenden Stellungnahmen, etwa Altmeppen, ZIP 2002, 1553, 1563; Ulmer JZ 2002, 1049, 1052; Wilhelmi, DZWIR 2003, 45, 50 f; zumindest angedeutet wird die Problematik bei Westermann, NZG 2002, 1129, 1134. 62 Allerdings hätte es einer ausdrücklichen Auseinandersetzung mit den oben genannten Grundsätzen bedurft, nach denen der bewusste Verstoß gegen gläubigerschützende Normen wie § 30 GmbHG allein Sittenwidrigkeit gerade nicht begründet und die Sittenwidrigkeit zudem das in den Anfechtungsvorschriften vorausgesetzte Maß übersteigen muss. Der planmäßig zu Lasten der Gläubiger durchgeführte Vermögensentzug allein - also unabhängig von subjektiven Momenten, wie den Zwecken, den Motiven und der Gesinnung des Täters - vermag zumindest dann die Sittenwidrigkeit noch nicht zu begründen, wenn an diesen bislang zu Recht anerkannten Grundsätzen festgehalten werden soll. Deuteten diese Entscheidungen schon in die Richtung, dass der BGH sich von diesen Grundsätzen entfernen will, so wird dies in der „Trihotel“-Entscheidung noch deutlicher: Danach soll im Falle „einer planmäßigen Entziehung von - der Zweckbindung zur vorrangigen Befriedigung der Gesellschaftsgläubiger unterliegendem - Vermögen der Gesellschaft mit der Folge der Beseitigung ihrer Solvenz unzweifelhaft ein Sittenverstoß anzunehmen sein, wenn dieser Vermögensentzug „zudem wie regelmäßig - zum unmittelbaren oder mittelbaren Vorteil des Gesellschafters oder eines Dritten“ geschehe“.234 Dies ist wohl so zu interpretierten, dass schon allein der insolvenzauslösende oder -vertiefende (kompensationslose) Vermögensentzug als solcher die Sittenwidrigkeit begründen soll.235 Soll ein insolvenzverursachender, planmäßiger Entzug von Gesellschaftsvermögen auch dann als sittenwidrig qualifiziert werden, wenn dieser nach den positivrechtlichen Vorgaben des GmbHG noch von der Dispositionsfreiheit der Gesellschafter gedeckt ist, so wird damit eine über das positive Recht hinausgehende Kompetenzschranke für die Gesellschafter geschaffen. Eine solche Kompetenzschranke lässt sich aber gerade nicht aus § 826 BGB als gleichsam von dieser Norm autonom geliefertes Ergebnis etablieren, sondern muss mit gesellschaftsrechtlichen Wertungen begründet werden. Was sittenwidrig ist, bestimmt § 826 BGB eben nicht selbst. Hier zeigt sich die schon beschriebene „Zwitterstellung“ der Vorschrift des § 826 BGB, die einerseits Teil des positiven Rechts ist, andererseits aber über das Einfalltor des generalklauselartigen Begriffs der Sittenwidrigkeit auch als Vehikel für die rechtsfortbildende Entwicklung bestimmter Verhaltenspflichten dient.236 Mit dem Hinweis auf diese Zwitterstellung ist auch der scheinbare Widerspruch aufzulösen, der zu bestehen scheint, wenn der BGH den durch das Gesetz gewährleisteten Schutz vor existenzvernichtenden Eingriffen einerseits als unzureichend bezeichnet, andererseits aber zur Schließung dieser Lücke auf § 826 BGB verweist und damit 234 BGH, Urt. v. 16.07.2007 II ZR 3/04 - NJW 2007, 2689, 2692, Rn. 30. 235 In diesem Sinne auch Dauner-Lieb, ZGR 2008, 34, 46; a.A. wohl Weller, ZIP 2007, 1681, 1685. 236 So wird dann auch davon gesprochen, dass § 826 BGB einen Rechtsfortbildungsauftrag enthalte, vgl. etwa Staudinger- Oechsler, BGB 13. Bearb. (2003), § 826 Rn. 32 ff; siehe dazu auch unten 3. Kapitel A. 63 auf eine Norm des positiven Rechts. So bezeichnet der BGH selbst die von ihm neu geschaffene Fallgruppe des existenzvernichtenden Eingriffs als Ergebnis eines „richterlichen Gestaltungsakts“.237 Ob dieser Weg der Rechtsfortbildung zu überzeugen vermag, wird noch zu untersuchen sein.238 Für die an dieser Stelle anzustellende Prüfung der Reichweite der Gläubigerschutzinstrumente genügt aber die Feststellung, dass die Annahme von Sittenwidrigkeit jenseits solcher „Skandalfälle“, wie er dem „KBV“-Urteil zugrunde lag, zumindest dann problematisch ist, wenn man den Anwendungsbereich des § 826 BGB nicht im Wege der Rechtsfortbildung über die oben aufgezeigten anerkannten Grundsätze erweitern will. II. Kenntnis der die Sittenwidrigkeit begründenden Umstände und Schädigungsvorsatz Neben der Auslegung des Merkmals der Sittenwidrigkeit wird die Reichweite des § 826 BGB auch maßgeblich durch dessen subjektive Voraussetzungen bestimmt.239 § 826 BGB setzt nicht voraus, dass sich der Täter der Sittenwidrigkeit seines Handelns bewusst ist. Es genügt vielmehr die Kenntnis der die Sittenwidrigkeit begründenden Umstände.240 Neben dieser Kenntnis ist weitere subjektive Voraussetzung der Haftung aus § 826 BGB, dass der Täter mit Schädigungsvorsatz gehandelt hat. Als Vorsatzform ist dolus eventualis ausreichend. Voraussetzung ist also, dass der Täter im Bewusstsein der Schädigung handelt und die Schädigung will oder zumindest billigend in Kauf nimmt. Dabei ist die billigende Inkaufnahme in Anlehnung an die im Strafrecht vorherrschende Auffassung auch dann zu bejahen, wenn der Täter die Schädigung ernstlich für möglich hält und sich mit ihr abfindet. Ein voluntatives Element, als Mindestvoraussetzung eben jenes Sich-Abfinden mit der Schädigung, ist freilich immer erforderlich. Bedingter Vorsatz scheidet damit aus, wenn die Gesellschafter bei Vornahme des existenzvernichtenden Eingriffs darauf vertraut haben, dass die Maßnahme nicht zum Zusammenbruch der Gesellschaft führen werde und damit auch keine Gläubigerbenachteiligung eintreten werde. Das gilt auch dann, wenn sie hätten erkennen müssen (aber eben nicht erkannt haben), dass der Eingriff 237 BGH, Urt. v. 16.07.2007 II ZR 3/04 - NJW 2007, 2689, 2691, Rn 23. 238 Siehe unten 2. Kapitel B. 239 Wie gesehen, haben aber auch schon bei der Prüfung der Sittenwidrigkeit subjektive Momente eine Rolle gespielt; zur Wechselwirkung zwischen Sittenwidrigkeit und Schädigungsvorsatz ausführlich, Soergel- Hönn/ Dönneweg, BGB 12. A. (1999), § 826 Rn. 52 ff. 240 Ständige Rechtsprechung, der Verzicht auf das Bewusstsein der Sittenwidrigkeit stellt eine Ausnahme von der zivilrechtlichen Vorsatztheorie dar, nach der der Vorsatz (anders als im Strafrecht) eine Schuldform ist und daher alle Elemente der Tat umfassen muss, dazu ausführlich Staudinger- Oechsler, BGB 13. Bearb. (2003), § 826 Rn. 62 ff.

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Zusammenfassung

Seit dem „Bremer Vulkan“-Urteil des BGH vom 17.09.2001 ist die Frage nach einer Gesellschafterhaftung für existenzvernichtende Eingriffe eines der meist diskutierten Probleme im GmbH-Recht. Während in den Stellungnahmen zu diesem Problemkreis zumeist ohne weiteres davon ausgegangen wird, dass das gesetzliche Schutzinstrumentarium zur Bewältigung der Folgen existenzvernichtender Eingriffe nicht ausreichend sei, setzt sich der Autor ausführlich mit diesen Instrumenten, insbesondere den Möglichkeiten des insolvenzrechtlichen Anfechtungsrechts, auseinander; er untersucht eingehend, ob die für die rechtsfortbildende Entwicklung einer solchen Haftung erforderliche planwidrige Gesetzeslücke vorliegt. Im Ergebnis hält er – ebenso wie die Rechtsprechung und die meisten Literaturstimmen – die Etablierung einer Existenzvernichtungshaftung für methodologisch zulässig und rechtspolitisch sinnvoll. Anders als der BGH, der die Existenzvernichtungshaftung zunächst als Durchgriffshaftung und später als besondere Fallgruppe des § 826 BGB eingeordnet hat, sieht der Verfasser die dogmatische Grundlage der Haftung aber in der mitgliedschaftlichen Sonderverbindung des Gesellschafters zur GmbH.