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Bernadette Bord, Die Coutume Réformée des 16. Jahrhunderts in:

Bernadette Bord

Das Erbrecht der Kanalinseln von den normannischen Wurzeln bis zum heutigen Rechtszustand, page 51 - 52

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4219-9, ISBN online: 978-3-8452-1602-7 https://doi.org/10.5771/9783845216027

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51 IV. Die Coutume Réformée des 16. Jahrhunderts Erst 1583/85 – bizarrerweise 17 Wochen, bevor Elisabeth I. den Grand Coutumier als Recht Guernseys anerkannte185 – wurde, obwohl bereits 1453 von Karl VII. (1422 – 1461) für ganz Frankreich in einer Ordonnance angeordnet, auf Geheiß König Heinrichs III. (1574 – 1589) eine überarbeitete und angepasste Zusammenstellung des mittlerweile auf dem normannischen Festland geltenden Rechts, das sich in der Zwischenzeit weiterentwickelt hatte und von den Rechten der anderen Gebiete Frankreichs beeinfl usst war, veröffentlicht.186 Diese Coutume Réformée187 stammt somit aus der Zeit nach Beginn der römischrechtlichen Rezeption auch in Nordfrankreich. Die Kanalinseln waren zu diesem Zeitpunkt schon seit 400 Jahren von der Normandie abgespalten. Insofern fragt sich, welche Bedeutung die Coutume Réformée für die Inseln hat. Eine unmittelbare Autorität konnte die Coutume Réformée auf den Inseln aufgrund der Trennung von der Normandie nicht haben188, so dass auch hier kein direktes „Einfallstor“ für das römische Recht entstand. Das Judicial Committee des Privy Council zog in einer Entscheidung gegen ein Berufungsurteil des Royal Court of Jer- 185 Siehe hierzu oben 1. Teil B.III.2.b. 186 Besnier, La Coutume de Normandie, S. 177 – 185; Brunner, Geschichte der englischen Rechtsquellen im Grundriß, S. 73 – 74; Esmein, Cours élémentaire d‘histoire du droit français, S. 729 – 730; Warnkönig/Warnkönig, Französische Staats- und Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 83. Auszugsweise fi ndet sich ein Abdruck bei Warnkönig/Warnkönig, Französische Staats- und Rechtsgeschichte, Bd. 2, Urkundenbuch, S. 159 – 172. Eine revidierte Fassung der Coutume Réformée erschien 1666 unter der Bezeichnung Articles Placités. Die Kommentatoren der Coutume Réformée des späten 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts, die am stärksten ihre Spuren auf den Kanalinseln hinterließen, waren Jacques Bathelier d’Aviron (1599), Josias Bérault (1612), Jacques Godefroy (1626/28) und Henri Basnage (1678), vgl. z. B. Benest v. Pipon (1829) 1 Knapp 60 (65); Re States of Jersey (1853) IX Moo P.C.C. 185; Godfray v. Godfray (1865) III Moo P.C.C.N.S. 316 (338). Von den Kommentatoren des 18. Jahrhunderts sind insbesondere Jean Baptiste Flaust (1781), David Hoüard (1782), N. Pesnelle (1704) und Charles Routier (1742) zu nennen. Auf den Kanalinseln entstanden ab dem 17. Jahrhundert Kommentare des dort geltenden Rechts auf der Basis des Grand Coutumier, insbesondere, um eine Vermischung der Regelungen mit denen der neuen Coutume Réformée zu verhindern: auf Jersey „Les Commentaires sur l‘Ancienne Coutume de Normandie“ (verfasst ca. 1670-1685) sowie „Les Lois et Coutumes de l‘Ile de Jersey“ (verfasst ca. 1676) von Jean Poingdestre; „Les Manuscrits de Philippe Le Geyt, Ecuyer, Lieutenant-Bailli de l‘Ile de Jersey, sur la Constitution, les Lois, et les Usages de cette Ile“ (auch unter der Bezeichnung „La Constitution, les Lois et les Usages“ bekannt) (veröffentlicht 1846 – 1847) sowie „Privilèges, Loix et Coustumes de l‘Isle de Jersey avec un essay pour des reglemens politiques“ (auch „Code Le Geyt“ genannt) (jeweils verfasst um 1700) von Philippe Le Geyt; „L’Ancienne Coutume de Normandie“ (1881) von William Laurence de Gruchy; „Traité du Droit Coutumier de l‘Ile de Jersey“ (1943) von Charles Sydney Le Gros; auf Guernsey „Remarques et Animadversions, sur l‘Approbation des Lois et Coustumier de Normandie usitées es Juridictions de Guernezé et particulèrement en la Cour Royale de la ditte isle“ (1826) von Thomas Le Marchant. 187 Im Gegensatz hierzu wird das Recht aus der Zeit vor 1583/85 häufi g als Ancienne Coutume bezeichnet. 188 Att.Gen. for Jersey v. Turner (Sol.Gen. for Jersey) (1893) A.C. 326; Public Services Committee v. Maynard, C. A., JLR 1996, 343 (350 – 351); Poingdestre, Les Commentaires sur l‘Ancienne Coutume de Normandie, S. 1 – 2. B. Rechtsquellen: Das normannische Recht 52 sey primär den Commentaire du Droit Civil, tant public que privé, observé au Pays et Duché de Normandie Terriens heran, weil dieser aus der Zeit zwar nach der Trennung der Normandie von der englischen Krone, aber vor der französisch-normannischen Reform stammte189, wobei sich in einer weiteren Entscheidung eine Passage fi ndet, die betont, die Coutume Réformée könne vergleichend herangezogen werden, um aus den Kommentierungen zu ersehen, wie das Recht ursprünglich ausgestaltet gewesen sei.190 Für das Intestaterbrecht enthält die Coutume Réformée im Grunde nur eine wichtige Neuerung: das Eintrittsrecht zugunsten der Geschwisterkinder für den Nachlass des beweglichen Vermögens und des erworbenen (nicht ererbten) unbeweglichen Vermögens.191 Aufgrund der größeren Strukturiertheit, der Verfügbarkeit von Kommentaren und des Mangels an eigenen Materialen wurde die Coutume Réformée jedoch von den Juristen in der Rechtswirklichkeit konsultiert,192 wodurch die Entwicklung des Rechts auf Jersey, zum Beispiel im Hinblick auf letztwillige Verfügungen, 193 mittelbar beeinfl usst wurde. V. Weitere rechtliche Einfl üsse von außen aus späterer Zeit So wie es trotz der Trennung der Kanalinseln von der Normandie falsch wäre zu sagen, das Recht der Kanalinseln sei gänzlich unbeeinfl usst von den Lehren, die sich auf dem französischen Festland entwickelten,194 besteht auch ein wachsender englischer Einfl uss auf den Inseln.195 Das Deliktsrecht Jerseys und Guernseys beispielsweise basiert 189 La Cloche v. La Cloche (No. 1) (1870) LR 3 P.C. 125 (136). 190 La Cloche v. La Cloche (No. 2) (1872) LR 4 P.C. 325, IX Moo P.C.C.N.S. 87 (99 – 100). In diesem Sinne auch Poingdestre, Les Lois et Coutumes de l‘Ile de Jersey, S. 60; vgl. auch Dicks- Mireaux, Les principes du droit successoral ab intestat dans les Iles Anglo-Normandes et leur évolution, S. 32. 191 Saggel, Das Erbrecht der Kanalinsel Jersey, S. 15; vgl. auch Dicks-Mireaux, Les principes du droit successoral ab intestat dans les Iles Anglo-Normandes et leur évolution, S. 32 – 38. Vgl. hierzu unten 2. Teil Kapitel 1 B.V.2.b(2)(b). 192 Report of the Commissioners 1861, S. iii; Nicolle, The Origin and Development of Jersey Law, Abschnitt 11.13 – 11.15. 193 Le Geyt, La Constitution, Bd. 1, S. 132. 194 Nicolle, The Origin and Development of Jersey Law, Abschnitt 14, vgl. auch Amy v. Amy (1968) 1 J.J. 981 (988). Z. B. wurde der französische Code Civil im 19. Jahrhundert als Grundlage für einige Gesetze Jerseys verwendet, so dass zur Interpretation dieser Gesetze französische Kommentare und französisches Fallrecht herangezogen wurden; zu denken ist hier insbesondere an Teile der Loi (1851) sur les testaments d’immeubles (L.2/1851, Recueil des lois, Bd. II, 1851 – 1871, S. 7 – 17), die Loi (1851) au sujet du partage des successions (L.1/1851, Recueil des lois, Bd. II, 1851 – 1871, S. 1 – 4) oder die Loi (1873) étendant les prescriptions de la loi sur le partage des successions aux petits-neveux et petites-nièces (L.2/1873, Recueil des lois, Bd. III, 1872 – 1881, S. 78 – 79), vgl. zu Letzterer De Quetteville v. Hamon (Pérrée) (1893) A.C. 532 (538). 195 Allerdings wurde stets darauf geachtet, das englische Recht nicht achtlos durch Rechtsprechung und Lehre zu importieren, vgl. Thornton v. Robin (1837) 1 Moo P.C.C. 439 (450); Burke v. Sogex International Ltd, C.A., (1992) JLR 202 (207); Le Geyt, La Constitution, Bd. 1, S. ii. 1. Teil: Einführung in das Rechtssystem der Kanalinseln

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Zusammenfassung

Wer sich für fremde Rechte und ihre Wurzeln interessiert, wird hier genauso auf seine Kosten kommen wie der Praktiker, der als Richter, Rechtsanwalt oder Notar Antworten auf konkrete Fragen über die Erbrechte der Kanalinseln sucht, für die es in Deutschland bislang noch keine systematische Darstellung gab.

Die Arbeit behandelt nach einem historischen Abriss das Erbrecht Jerseys und die Unterschiede in den Rechten des Bailiwick Guernsey (inklusive Alderney und Sark). Mit der systematischen Darstellung erschließen sich die inhaltlichen Regelungen, die sich oftmals von dem im deutschen Recht Gewohnten unterscheiden, von einem ganz anderen Rechtsverständnis ausgehen und bei denen auch die Termini andere sind. Dabei wird auch untersucht, inwieweit normannische Grundzüge heute noch fortwirken und sich in modernen Zeiten bewähren. Für den Rechtsanwender hilfreich sind der Abdruck einer Auswahl grundlegender Gerichtsentscheidungen der Kanalinseln sowie eine Aufzählung der wichtigsten einschlägigen Gesetze.