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Bernadette Bord, Entwicklung der Coutumes in:

Bernadette Bord

Das Erbrecht der Kanalinseln von den normannischen Wurzeln bis zum heutigen Rechtszustand, page 44 - 47

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4219-9, ISBN online: 978-3-8452-1602-7 https://doi.org/10.5771/9783845216027

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44 Das Gewohnheitsrecht ist nicht nur der Ursprung der Institutionen der Inseln, sondern regelt bis heute Teile des Zivil- und öffentlichen Rechts mit Modifi kationen durch lokale Gebräuche und lokale Gesetzesakte.139 Deshalb sollen im Folgenden die verschiedenen Elemente des normannischen Rechts und ihre Entwicklung beschrieben werden. I. Volksrechte und Kapitularien der fränkischen Zeit Nachdem die Normannen 911 ihr Land von Karl III. (dem Einfältigen) erhalten hatten, führten sie weder eine neue Staats- noch eine neue Rechtsordnung ein. Es fi nden sich kaum Einfl üsse des nordischen Rechts, vielmehr scheint das fränkische Recht in seinen wesentlichen Punkten erhalten geblieben.140 Ab dem 10. Jahrhundert wurden in Frankreich die auf dem Personalitätsprinzip beruhenden verschiedenen Leges (Volksrechte) aufgrund der Schwierigkeiten bei der Findung des im Einzelfall geltenden Rechts – erzeugt durch die Vermischung der Stämme – immer seltener angewandt; auch die Kapitularien, die königlichen Gesetze der fränkischen Zeit, die im Rechtsbewusstsein der Bevölkerung keine Verankerung gefunden hatten, gerieten in Vergessenheit.141 II. Entwicklung der Coutumes So wurden Leges und Kapitularien von einer neuen Rechtsquelle abgelöst, den territorialen Gewohnheitsrechten: Diese tradierten Regeln wurden im karolingischen Rechtssystem als Usus et consuetudines, später als Costumes oder Coustumes, schließlich Coutumes142 bezeichnet und jeweils mit der Kennzeichnung des Geltungsbereichs (in der Regel streng territorial, so dass die Gerichte ohne Ansehen der Parteien die 139 Zur Behandlung dieses Gewohnheitsrechts als common law der Inseln Snell v. Beadle, P. C., JLR 2001, 118; Janvrin v. De La Mare (1861) 14 Moo P.C.C. 334, 9 WR 623. Die Rechtsquellen, auf die sich die Bewohner der Kanalinseln heute beziehen, sind somit der Grand Coutumier, die Rechtsprechung, die Gesetze, die Sitten und Gebräuche sowie die Lehre, Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 323; Loveridge, The constitution and law of Guernsey, Kap. 23. Zu den auf den Kanalinseln geltenden Parlamentsgesetzen siehe unten 1. Teil C.I.3.; 1. Teil C.II.1.c.; 1. Teil C.II.2.c. sowie 1. Teil C.II.3. 140 Brunner, Geschichte der englischen Rechtsquellen im Grundriß, S. 62 – 63; Dawes, A brief history of Guernsey law, S. 4. Ein Beispiel für einen Einfl uss des skandinavischen Rechts könnte allerdings in dem auf der Gleichbehandlung aller Erben beruhenden rapport à la masse zu sehen sein, vgl. hierzu unten 2. Teil Kapitel 1 D.I.1. 141 Esmein, Cours élémentaire d‘histoire du droit français, S. 708 – 710; Warnkönig/Warnkönig, Französische Staats- und Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 28 – 29. Zu den Volksrechten und Kapitularien vgl. Warnkönig/Warnkönig, Französische Staats- und Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 6 – 22; vgl. weiterhin Bart, Histoire du droit privé, S. 19 – 20. 142 Letztlich auch von lateinisch consuetudo (Gewohnheit, Sitte, Brauch). 1. Teil: Einführung in das Rechtssystem der Kanalinseln 45 Coutume ihres Bezirks anwandten) versehen, in der Normandie deshalb Coutume de Normandie.143 Die Coutumes waren das Ergebnis einer langen Entwicklung, die ihre Geltungskraft nicht durch obrigkeitliche Verkündung erhielten, sondern auf der Sitte gründeten und durch dauernde Anwendung Verbindlichkeit erlangten. Im Norden Frankreichs lagen die Ursprünge dieser Rechtsmasse im germanischen Recht. Die Coutumes waren in ihrer Reinform nahezu frei von römischen Einfl üssen, zeigten aber auch kaum Spuren skandinavischen Rechts144, sondern repräsentierten durch ihre feudale Prägung den Lehnsstaat des Herzogtums. Ein Grund für die geringe Beeinfl ussung der normannischen Coutume durch das römische Recht mag in der besonderen politischen Situation des Herzogtums Normandie gelegen haben: Da sich die Normandie durch die Führung der Herzöge ihre Einheit lange Zeit bewahrte, konnten sich dort eine Coutume herausbilden und fi xieren, bevor das römische Recht seine Invasion begann.145 Zur Lückenfüllung und Interpretation wurden die Coutumes benachbarter Regionen, die Coutume de Paris oder hilfsweise schließlich doch das römische Recht herangezogen.146 Eine Einbruchstelle für letzteres fand sich bei den kirchlichen Gerichten: Die dieser Gerichtsbarkeit unterliegenden Fälle bezüglich Testamenten und gesetzlicher Erbfolge (also nicht bei unbeweglichem Vermögen), Eheschließungen, ehelichen Vereinbarungen und Legitimität von Kindern wurden nach römischem Recht entschieden. In späterer Zeit wurden diese Materien durch weltliche Gerichte entschieden; diese behielten die römischrechtlichen Grundsätze aber bei.147 Auf den Kanalinseln hatte das römische Recht im Rahmen der Heranziehung zur 143 Bart, Histoire du droit privé, S. 108 – 109; Gilissen, La Coutume, S. 33; Timbal, Cours d‘Histoire du droit privé, S. 25 – 26. 144 Vgl. hierzu oben 1. Teil B.I . 145 Timbal, Cours d‘Histoire du droit privé, S. 38 – 39; Yver, Ius Romanum Medii Aevi V, 4, a (1976), 1 (12 – 16). 146 Bart, Histoire du droit privé, S. 113 – 115; Anex-Cabanis in Bautier/Bretscher-Gisiger, LMA, Bd. 3, Spalten 323 – 327; Besnier, La Coutume de Normandie, S. 47 – 50; Boucraut Mele, Le droit des îles anglo-normandes, S. 134; Esmein, Cours élémentaire d‘histoire du droit français, S. 711 – 718; Nicolle, The Origin and Development of Jersey Law, Abschnitt 12.4.17; Ourliac/ Gazzaniga, Histoire du droit privé français, S. 79 – 84; Poingdestre, Les Lois et Coutumes de l‘Ile de Jersey, S. 261; Terrien, Commentaires du Droict Civil tant public que privé, observé au Pays et Duché de Normandie, S. 11 Anmerkung b); Timbal, Cours d‘Histoire du droit privé, S. 34 – 35. Während im Süden Frankreichs, dem Pays de droit écrit, die römischen Gesetze nach der Wiederentdeckung des Codex Justinianus en bloc als geschriebenes Recht (aber nicht als lex, sondern als ratio und aequitas) übernommen wurden (ein Grund hierfür liegt vermutlich darin, dass die Coutumes des Südens ohnehin stark römischrechtlich beeinfl usst waren), galten im mittleren und nördlichen Teil weiterhin die Gewohnheitsrechte (Pays de coutumes) und das römische Recht begann das Recht lediglich z. B. durch die Anwendung zur Lückenfüllung zu infi ltrieren. Entgegen Poingdestre, Les Lois et Coutumes de l‘Ile de Jersey, S. 63 kann aber wohl nicht davon gesprochen werden, dass im Pays de droit écrit keinerlei lokale Coutumes mehr galten. Die Grenze zwischen den beiden Gebieten verlief parallel zu der sprachlichen Teilung Frankreichs in die Langue d’oc und Langue d’oïl, vgl. auch Bart, Histoire du droit privé, S. 111 – 113. 147 Hoüard, Dictionnaire analytique, historique, étymologique, critique et interprétatif de la Coutume de Normandie, Bd. 1, S. xxxviii. B. Rechtsquellen: Das normannische Recht 46 Lückenfüllung Einfl uss insbesondere auf den bénéfi ce d’inventaire (Haftungsbeschränkung durch Inventarerrichtung)148, die Form des Testaments149 und die Einteilung des Vermögens in meubles und immeubles, also in bewegliches und unbewegliches Vermögen150.151 Während der Zeit der Feudalherrschaft gab es somit grundsätzlich keine schriftlichen Aufzeichnungen des Rechts; eine Ausnahme bildete das Kirchenrecht, welches jedoch nur Teilbereiche behandelte, hierin eingeschlossen einige Aspekte des Erbrechts (Testamentsformen und einige inhaltliche Punkte).152 Erste schriftliche Hinweise auf den Inhalt der Coutumes sind in Privatsammlungen von Urteilssprüchen aus den Assises (Gerichtssitzungen) der Wanderrichter153 sowie in solchen von Urteilen der Cour de l’Échiquier, dem herzoglichen Gericht154, enthalten. Die Obrigkeit verhalf der Coutume somit durch gerichtliche Anwendung oder durch Aufzeichnung durch einen Seigneur oder den König in einer öffentlichen Urkunde (wodurch sie zum Gesetz wurde), zur vollen Wirksamkeit, ohne das Recht jedoch zu schaffen. 148 Siehe inhaltlich hierzu unten 2. Teil Kapitel 1 D.II.2. Vgl. zur Entwicklung auch Bart, Histoire du droit privé, S. 373 – 374. 149 Siehe inhaltlich hierzu unten 2. Teil Kapitel 1 C.V. 150 Siehe inhaltlich hierzu unten 2. Teil Kapitel 1 A.I.. 151 Für ganz Neustrien Hoüard, Dictionnaire analytique, historique, étymologique, critique et interprétatif de la Coutume de Normandie, Bd. 1, S. xli – xliii. Somit waren auch die Werke französischer Juristen für die Kanalinseln von Bedeutung, hierunter insbesondere Les loix civiles dans leur ordre naturel von Jean Domat (1689). 152 Bart, Histoire du droit privé, S. 135; Esmein, Cours élémentaire d‘histoire du droit français, S. 790; Gilissen, La Coutume, S. 49 – 50. 153 Z. B. Assisiae Normannie, ein Auszug von Urteilssprüchen, die 1234 – 1237 in den Assises von Bayeux, Caen, Falaise, Exmes und Avranches gefällt wurden; Abdrucke fi nden sich bei Marnier, Etablissements et coutumes, assises et arrêts de l‘échiquier de Normandie au XIII siècle: 1207 à 1245 und Warnkönig/Warnkönig, Französische Staats- und Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 48 – 69; vgl. auch Brunner in Rauch, Abhandlungen zur Rechtsgeschichte, S. 3 (39). 154 Die Cour de l’Échiquier wurde von Heinrich I. (1100 – 1135) gegründet, war aber erst seit der Zeit Heinrichs II. (1154 – 1189) als Gericht tätig, Mollat in Bautier/Bretscher-Gisiger, LMA, Bd. 3, Spalten 1540 – 1541. Die Rechnungsabschlüsse bzw. Gerichtsakte der normannischen Cour de l’Échiquier wurden zwar schon im 12. Jahrhundert inrotuliert, fortlaufend erhalten geblieben sind diese Originalregister aber erst ab dem Jahr 1336; bezüglich der Urteile vor diesem Zeitpunkt existieren vier Privatsammlungen, die auf die verschollene authentische zurückzuführen sind: Abdruck bei Linke, ZvglRWiss 1978, 301; Léchaudé D‘Anisy, Grands rôles des échiquiers de Normandie; Warnkönig/Warnkönig, Französische Staats- und Rechtsgeschichte, Bd. 2, Urkundenbuch, S. 70 – 144; Marnier, Etablissements et coutumes, assises et arrêts de l‘échiquier de Normandie au XIII siècle: 1207 à 1245. Vgl. zum Ganzen weiterhin Besnier, La Coutume de Normandie, S. 29 – 30; Brunner, Geschichte der englischen Rechtsquellen im Grundriß, S. 63 – 68; Dupont, Histoire du Cotentin et de ses Iles, Bd. 1, S. 375; Esmein, Cours élémentaire d‘histoire du droit français, S. 737 – 738; Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 51 – 52. 1. Teil: Einführung in das Rechtssystem der Kanalinseln 47 III. Die privatschriftlichen Coutumiers des 13. Jahrhunderts 1. Die Établissements et Coutumes de Normandie Seit Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden zahlreiche private Aufzeichnungen, sogenannte Coutumiers, die als Nachschlagewerke benutzt wurden und faktisch das Ansehen amtlicher Aufzeichnungen erlangten.155 Die älteste schriftliche Zusammenstellung des normannischen Gewohnheitsrechts ist in den Établissements et Coutumes de Normandie (Statuta et Consuetudines Normanniae) enthalten.156 Diese bestehen aus zwei ursprünglich wohl getrennten Haupttextmassen, dem Très Ancien Coutumier de Normandie und dem Tractatus de brevibus et recognitionibus (in der französischen Fassung Traité de Briés et de Requenoissanz), die im Wesentlichen dieselben Themen behandeln.157 Der Très Ancien Coutumier zerfällt wiederum in zwei Hauptmassen – Satzungen zum einen und Ausführungen über das Gewohnheitsrecht zum anderen –, er stammt von einem unbekannten Juristen, möglicherweise einem amtlich beschäftigten Clerk, und ist um 1200 zu datieren. Der Tractatus de brevibus et recognitionibus schildert einen offenbar jüngeren Rechtszustand158 und muss von einem unbekannten Autor kurz nach 1218 verfasst worden sein.159 Unklar ist, ob die Établissements et Coutumes de Normandie auf den Kanalinseln Anwendung fanden. Im Rahmen der Quo Warranto-Untersuchungen160 beriefen sich die Inselbewohner nur auf eine spätere Sammlung.161 155 Bart, Histoire du droit privé, S. 119 – 120; Esmein, Cours élémentaire d‘histoire du droit fran- çais, S. 722 – 723. 156 Abgedruckt z. B. bei Warnkönig/Warnkönig, Französische Staats- und Rechtsgeschichte, Bd. 2, Urkundenbuch, S. 1 – 47, die französische Fassung bei Marnier, Etablissements et coutumes, assises et arrêts de l‘échiquier de Normandie au XIII siècle: 1207 à 1245. Die französischen Texte sind anerkanntermaßen Übersetzungen der lateinischen Version und erschienen gegen Ende des ersten Drittels des 13. Jahrhunderts. Fast ausschließlich wird, wie bei Tardif, Coutumiers de Normandie, Bd. 1.1, ders., Coutumiers de Normandie, Bd.1.2 das Gesamtwerk der Statuta et Consuetudines Normanniae auch als Très Ancien Coutumier de Normandie bezeichnet; obwohl es, wie Brunner, Geschichte der englischen Rechtsquellen im Grundriß, S. 67 ausführt, strenggenommen korrekter wäre, den Titel des Très Ancien Coutumier de Normandie nur für den ersten Teil der Statuta et Consuetudines Normanniae zu verwenden, hat sich diese Unterscheidung nicht durchgesetzt, weshalb, um ein Arbeiten mit den verwendeten weiteren Quellen zu erleichtern, im 2. Teil dieser Arbeit die Bezeichnung Très Ancien Coutumier auch für die Statuta insgesamt verwendet wird. 157 Brunner in Rauch, Abhandlungen zur Rechtsgeschichte, S. 3 (40 – 47); anders noch Warnkönig/ Warnkönig, Französische Staats- und Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 46. 158 Er enthält eine Abhandlung über das normannische Rekognitionsverfahren, ein Weistum über die Rechte des Herzogs sowie zwei Konstitutionen Heinrichs I. und Richards. 159 Besnier, La Coutume de Normandie, S. 50 – 55; Brunner, Geschichte der englischen Rechtsquellen im Grundriß, S. 66 – 67; Brunner in Rauch, Abhandlungen zur Rechtsgeschichte, S. 3 (39 – 56); Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 52; Ourliac/Gazzaniga, Histoire du droit privé français, S. 103 – 104. 160 Siehe hierzu oben 1. Teil A.IV. 161 Balleine‘s History of Jersey, S. 37 – 38; Besnier, La Coutume de Normandie, S. 257 – 264; 4/14 – 4/17. Für das Erbrecht bieten die Statuta et Consuetudines ohnehin eine geringe Ausbeute. B. Rechtsquellen: Das normannische Recht

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Zusammenfassung

Wer sich für fremde Rechte und ihre Wurzeln interessiert, wird hier genauso auf seine Kosten kommen wie der Praktiker, der als Richter, Rechtsanwalt oder Notar Antworten auf konkrete Fragen über die Erbrechte der Kanalinseln sucht, für die es in Deutschland bislang noch keine systematische Darstellung gab.

Die Arbeit behandelt nach einem historischen Abriss das Erbrecht Jerseys und die Unterschiede in den Rechten des Bailiwick Guernsey (inklusive Alderney und Sark). Mit der systematischen Darstellung erschließen sich die inhaltlichen Regelungen, die sich oftmals von dem im deutschen Recht Gewohnten unterscheiden, von einem ganz anderen Rechtsverständnis ausgehen und bei denen auch die Termini andere sind. Dabei wird auch untersucht, inwieweit normannische Grundzüge heute noch fortwirken und sich in modernen Zeiten bewähren. Für den Rechtsanwender hilfreich sind der Abdruck einer Auswahl grundlegender Gerichtsentscheidungen der Kanalinseln sowie eine Aufzählung der wichtigsten einschlägigen Gesetze.