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Bernadette Bord, Neuere Geschichte in:

Bernadette Bord

Das Erbrecht der Kanalinseln von den normannischen Wurzeln bis zum heutigen Rechtszustand, page 41 - 43

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4219-9, ISBN online: 978-3-8452-1602-7 https://doi.org/10.5771/9783845216027

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41 Wendepunkt dar. Wilhelm setzte, als 1689 der Krieg gegen Frankreich ausbrach, aufgrund seines lebenslangen Kampfes gegen Ludwig XIV. (1643 – 1715) die päpstliche Bulle, die den Kanalinseln in den vergangenen zwei Jahrhunderten Neutralität zugesichert hatte, außer Kraft, wodurch der legale Handel mit dem Feind in Kriegszeiten unmöglich gemacht wurde.125 VIII. Neuere Geschichte Mit dem Eintritt Frankreichs und Spaniens in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1778/79 kam es unter der Regierung Georgs III. (1760 – 1820) erneut zu Gefechten zwischen England und Frankreich. Die Franzosen, wohl auch, um sich an den Freibeutern Jerseys zu rächen, nutzten die Gelegenheit zum Angriff auf die Inseln: 1781 versuchte der französische Baron de Rullecourt vergeblich, Jersey zu erobern (Battle of Jersey). Aufgrund dieser Erfahrung bauten die Inselbewohner systematisch eine Verteidigung auf.126 1793, als Großbritannien sich mit der österreichisch-preußischen Koalition gegen die französische Republik verbündet hatte, errichteten die Engländer als Schutz vor dem französischen Revolutionsheer sowie eines später befürchteten Angriffs von Napoleon weitere Festungen, die auch größeren Schaden abhielten.127 Mit dem Ende der Befreiungskriege hob Georg III. 1814 die Erlaubnis der Freibeuterei schließlich auf, eine endgültige Abschaffung erfolgte allerdings erst im Vertrag von Paris 1856.128 Nach 1870 entspannten sich die Beziehungen zwischen England und Frankreich hinsichtlich der Kanalinseln; einziger Streitpunkt blieben die Fischereirechte, was zu einem Streit um die unbewohnten Inseln Les Ecréhou und Les Minquiers führte.129 Erst 1953 wurde diese langjährige Auseinandersetzung zwischen Großbritannien und Frankreich vom Internationalen Gerichtshof zugunsten Großbritanniens entschieden.130 Die beiden Weltkriege führten nicht zu blutigen Eroberungen der Inseln, die Nachwirkungen waren jedoch noch lange spürbar. Jersey und Guernsey erließen im Ersten Weltkrieg Gesetze, durch die die Bewohner vorübergehend auf ihr Recht, den britischen Truppen nicht dienen zu müssen, verzichteten.131 Im Zweiten Weltkrieg waren die Kanalinseln vom 30.06.1940 bis zum 09.05.1945 von der deutschen Wehrmacht 125 Jacqueline, Revue du Departement de la Manche 1978, 197 (201); Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 105; Stevens, A short history of Jersey, S. 14; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 134. 126 Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 237; Lemprière, History of the Channel Islands, S. 131; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 148 – 151. 127 Uttley, The story of the Channel Islands, S. 155 – 157. 128 Lemprière, History of the Channel Islands, S. 147; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 164 – 165. 129 Uttley, The story of the Channel Islands, S. 170. 130 Minquiers and Ecréhos Case (France/United Kingdom) (1953) ICJ 47; Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 237 – 238. 131 Uttley, The story of the Channel Islands, S. 191 – 193. A. Geschichte 42 besetzt.132 In der Annahme, dass England es nicht dulden würde, wenn auch nur ein winziger Teil des Commonwealth von feindlichen Truppen besetzt sei, nahm Hitler die Kanalinseln ein und betrieb insbesondere auf Alderney, aber auch auf Jersey und Guernsey den Ausbau des Atlantic Walls (Atlantikwalls). Es ist unter englischen Historikern anerkannt, dass sich die Besatzer bewusst gewesen sein mussten, dass sie zur Durchführung ihrer Aufgabe auf die Hilfe der Inselbewohner angewiesen sein würden, weshalb sie beispielsweise die vorhandene Verwaltung zumindest in der Anfangszeit bestehen ließen.133 Die Einwohner der Inseln litten jedoch unter großem Hunger, Kälte und Isolation vom Weltgeschehen. Dennoch bewahrten sie den Engländern wie so oft die Treue, wofür der englische König ihnen nach der Befreiung dankte.134 Dies soll den Abschluss der geschichtlichen Betrachtung bilden. Der Schwerpunkt dieses Abrisses wurde auf die normannische und anglo-normannische Zeit gelegt, da die geschichtliche Entwicklung der späteren Jahrhunderte für das Verständnis der im Hauptteil zu behandelnden erbrechtlichen Fragen nicht in gleichem Maße von Bedeutung ist. Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über das normannische Recht als Rechtsquelle im Generellen gegeben werden. 132 Vor der Invasion der Deutschen Wehrmacht wurden 17000 Bewohner von Guernsey, 6600 von Jersey und die meisten Einwohner von Alderney nach Großbritannien evakuiert, Uttley, The story of the Channel Islands, S. 198 – 200. 133 Amelunxen, DRiZ 1977, 82 (82); Peyroux, Guernsey, S. 143 – 144; Stevens, A short history of Jersey, S. 35 – 36; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 200 – 206. 134 Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 238 – 239. 1. Teil: Einführung in das Rechtssystem der Kanalinseln 43 B. Rechtsquellen: Das normannische Recht Das Rechtssystem der Kanalinseln stammt noch aus dem Mittelalter: Es fußt auf normannischem Recht, wie es zur Zeit der Trennung der Inseln von der Normandie 1204 angewandt wurde und wie es insbesondere im Grand Coutumier du Pays et Duché de Normandie zusammengefasst ist.135 Bevor auf die einzelnen Rechtsquellen des normannischen Rechts eingegangen wird, seien zunächst einige Sätze zur Klärung des Begriffes Coutume und zum Verständnis von Gewohnheitsrecht unter dieser Bezeichnung gesagt: Das Wort Coutume wird im Sinne von Gewohnheitsrecht verwendet, wenn die Art der Rechtsquelle bezeichnet werden soll, gleichermaßen wird coutumier adjektivisch gebraucht (wie zum Beispiel in droit coutumier). In Bezug auf einen Text ist eine Coutume ein offi zielles Dokument, während ein Coutumier eine inoffi zielle Zusammenstellung durch einen Privatmann meint.136 Im weiteren Sinne ist die Coutume, das Gewohnheitsrecht, das Produkt der generell akzeptierten und andauernden Übung in einem bestimmten räumlichen Gebiet, hinter der keine andere Autorität als das übereinstimmende Verständnis der Gesellschaft steht.137 Nach dieser Defi nition hört das Gewohnheitsrecht als solches auf zu existieren, wenn es durch eine Gerichtsentscheidung oder ein Gesetz in positives Recht umgewandelt wird, da der Regelung die Bindungskraft dann durch das Gericht beziehungsweise Parlament gegeben wird und sie allein kraft Übung nicht mehr abgeändert werden kann. Solange die Regelung allerdings nicht zum Beispiel in einer offi ziellen Coutume kodifi ziert ist, kann und soll sie weiter fortentwickelt werden.138 135 Vgl. als neuere Entscheidung des Court of Appeal Public Services Committee v. Maynard, C. A., JLR 1996, 343 (350 – 351); siehe auch Southwell, JLRev 1999, 213 (213). 136 Nicolle, The Origin and Development of Jersey Law, Abschnitt 2.6. 137 Routier, Principes généraux du droit civil et coutumier de la province de Normandie, S. 1: „La Coutume n’est autre chose qu’un DROIT non écrit, qui s’est introduit par un tacite consentement du SOUVERAIN & du PEUPLE, pour avoir été observée pendant un temps considérable“. Die Defi nition der französischen Autoren des Mittelalters, wie z. B. Routier, die auch für die Kanalinseln galt, betonte somit die gleichförmige und langandauernde, von der Bevölkerung akzeptierte Übung einer ungeschriebenen Regelung in einer bestimmten Region als Charakteristikum des Gewohnheitsrechts. In seiner Analyse der Coutume nennt Gilissen als weitere Voraussetzung, dass die Regel richtig und vernünftig ist, erkennt aber an, dass das Gewohnheitsrecht damit ein rein subjektives Element erhält, Gilissen, La Coutume, S. 30; vgl. weiterhin Bart, Histoire du droit privé, S. 107; Lebrun, La Coutume, Rn. 24 – 26, 37 – 42, 211 – 215; Timbal, Cours d‘Histoire du droit privé, S. 22 – 26. 138 Routier, Principes généraux du droit civil et coutumier de la province de Normandie, S. 3 – 9; Nicolle, The Origin and Development of Jersey Law, Abschnitt 12.4.6. – 12.4.7. Anders Esmein, Cours élémentaire d‘histoire du droit français, S. 751, nach dem trotz der Verfestigung in einer Coutume eine Veränderung möglich ist, und zwar entweder durch die Behauptung, dass eine bestimmte Regelung nicht mehr angewandt werde, oder durch die Anwendung einer Coutume neben geregelten Coutumes mit der Behauptung, dass erstere schon immer bestanden habe. Hinsichtlich möglicher Veränderungen und Fortentwicklungen des heutigen Gewohnheitsrechts auf Jersey vgl. z. B. Constable of St. Helier v. Gray and Attorney General 2004 JLR 360. B. Rechtsquellen: Das normannische Recht

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Zusammenfassung

Wer sich für fremde Rechte und ihre Wurzeln interessiert, wird hier genauso auf seine Kosten kommen wie der Praktiker, der als Richter, Rechtsanwalt oder Notar Antworten auf konkrete Fragen über die Erbrechte der Kanalinseln sucht, für die es in Deutschland bislang noch keine systematische Darstellung gab.

Die Arbeit behandelt nach einem historischen Abriss das Erbrecht Jerseys und die Unterschiede in den Rechten des Bailiwick Guernsey (inklusive Alderney und Sark). Mit der systematischen Darstellung erschließen sich die inhaltlichen Regelungen, die sich oftmals von dem im deutschen Recht Gewohnten unterscheiden, von einem ganz anderen Rechtsverständnis ausgehen und bei denen auch die Termini andere sind. Dabei wird auch untersucht, inwieweit normannische Grundzüge heute noch fortwirken und sich in modernen Zeiten bewähren. Für den Rechtsanwender hilfreich sind der Abdruck einer Auswahl grundlegender Gerichtsentscheidungen der Kanalinseln sowie eine Aufzählung der wichtigsten einschlägigen Gesetze.