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Bernadette Bord, Die Kanalinseln in der Tudorzeit, von Heinrich VII. bis Elisabeth I. in:

Bernadette Bord

Das Erbrecht der Kanalinseln von den normannischen Wurzeln bis zum heutigen Rechtszustand, page 37 - 39

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4219-9, ISBN online: 978-3-8452-1602-7 https://doi.org/10.5771/9783845216027

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37 [1422 – 1461] in Reims 1429). Bis 1453 mussten die Engländer alle französische Territorien mit Ausnahme von Calais und der Kanalinseln räumen.97 Während das englische Volk Heinrich VI. (1422 – 1461 und 1470 – 1471) aus dem Hause Lancaster für die Niederlage in Frankreich verantwortlich machte, sich der Herzog von York gegen ihn erhob und daraufhin die Geschlechter Englands in den Rosenkriegen um die Krone kämpften98, entbrannte auch auf Jersey ein Streit der mächtigen Familien99. 1461 nutzte der Franzose Pierre de Brézé, der Graf von Maulévrier, diesen Moment der Unaufmerksamkeit der Inselbewohner und eroberte Jersey. Auf eine Petition der Bewohner hin erließ Brézé, wohl um das neue Regime populär zu machen, einige Ordonnances, in denen er die vorhandenen Traditionen und das Gewohnheitsrecht bestätigte.100 1468 eroberte Eduard IV. (1461 – 1470 und 1471 – 1483) aus dem Hause York Jersey von Frankreich zurück und erneuerte wiederum von englischer Seite die Anerkennung der Privilegien der Inselbewohner.101 Die Menschen auf den Kanalinseln gerieten durch den Streit zwischen England und Frankreich in Not. Deshalb einigten sich der englische König Eduard IV. und der französische König Ludwig XI. (1461 – 1483), dass die Kanalinseln in Kriegszeiten neutrales Gebiet darstellen sollten, was eine päpstliche Bulle von Sixtus IV. 1483 bestätigte; dabei blieb es den Bewohnern der Inseln gestattet, mit allen Krieg führenden Parteien Handelsbeziehungen zu pfl egen.102 1549 wurde die Insel Sark von den Franzosen eingenommen, was aufgrund der Unbewohntheit der Insel keine kriegerische Handlung im Sinne der Bulle von 1483 darstellte und von den Franzosen damit begründet wurde, dass die Insel Teil des Herzogtums Normandie sei.103 VI. Die Kanalinseln in der Tudorzeit, von Heinrich VII. bis Elisabeth I. Mit der Schlacht bei Bosworth 1485, in der Richard III. (1483 – 1485) aus dem Hause York fi el, endeten die Rosenkriege und es begann mit der Thronbesteigung Heinrichs 97 Balleine‘s History of Jersey, S. 56 – 57; Curry, The Hundred Years War, S. 109 – 116. Dennoch trugen alle englischen Könige seit Heinrich VI. bis zum Vertrag von Amiens 1802 den Titel King (oder Queen) of France, siehe statute 2 Henry VI (1423) und 1 Co. Inst. 7b, zitiert bei Matthews, JLRev 1999, 177 (Fn. 74). 98 1455 – 1485 zwischen den beiden Plantagenêt-Seitenlinien Lancaster (rote Rose im Wappen) und York (weiße Rose), Helmolt, Weltgeschichte, Bd. 6, S. 376 – 378. 99 Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 81 – 82. 100 Balleine‘s History of Jersey, S. 60 – 61; Besnier, La Coutume de Normandie, S. 260 – 261; vgl. auch Jacqueline, Revue du Departement de la Manche 1978, 197 (198). 101 Bois, A constitutional history of Jersey, Abschnitt 8/11 – 8/12; Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 78 – 79; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 74. 102 Balleine‘s History of Jersey, S. 64 – 65; Jacqueline, Revue du Departement de la Manche 1978, 197 (199); Jacqueline in Société d‘Histoire de Droit et des Institutions des Pays de l‘Ouest de la France, Droit privé et institutions régionales, 401 (403); Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 82 –83; Poingdestre, Caesarea, S. 52 – 60; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 76. Die Neutralität wurde 1689 auf Anordnung Wilhelms III. von Oranien-Nassau (1689 – 1702) einseitig wieder aufgehoben, siehe hierzu unten Fn. 125. 103 Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 27 – 28. A. Geschichte 38 VII. (1485 – 1509) die Tudor-Zeit – eine neue Ära nicht nur für England, sondern auch für die Kanalinseln. Heinrich VII. reformierte die Ämterstrukturen auf den Kanalinseln, um die Eigenständigkeit der Inselbewohner zu stärken.104 Seine Bestrebungen, die Kanalinseln mit Unterstützung von Papst Alexander Borgia vom Bistum von Coutances zu lösen, waren jedoch nicht von Erfolg gekrönt.105 Im Zuge der Reformation, die sich auch auf den Kanalinseln auswirkte, war die Ausübung des katholischen Glaubens zunächst rigoros verboten worden. Nach dem Tod König Eduards VI. (1547 – 1553) 1553 gelang es den Katholiken jedoch, Königin Maria I. (die Katholische oder die Blutige) (1553 – 1558, ab 1554 mit Philip in Doppelherrschaft) auf den Thron zu setzen, wodurch der katholische Glaube auch auf den Kanalinseln wieder erlaubt wurde; dies kam vor allem dem katholischen Guernsey zugute.106 Als jedoch Königin Elisabeth I. (1558 – 1603) den Thron bestieg, was zu einer Restauration der protestantischen Religion in Form des Kalvinismus führte, emigrierten viele hugenottische Familien auf die Kanalinseln, insbesondere nach Jersey, das fest in protestantischer Hand war, um dem Terror in der Normandie zu entkommen.107 1559 bestätigte und erweiterte Elisabeth I. alle bestehenden Rechte und Privilegien der Bewohner Guernseys, deren Situation aufgrund des konfessionellen Wechsels der britischen Krone komplizierter geworden war, bestellte jedoch auch Commissioners, um Guernsey zu überwachen.108 Das englische Königshaus hatte lange Zeit versucht, die Kirche der Kanalinseln vom Bistum von Coutances zu lösen. Nachdem sich sowohl auf Jersey als auch auf Guernsey presbyterianische Zentren zu bilden begannen, trennte der Privy Council die Inseln 1569 endgültig vom normannischen Bistum und schloss sie an das Bistum von Winchester an, zu dem sie bis heute gehören.109 Die Queen und ihr Council akzeptierten die bestehenden presbyterianischen Gemeinden, bemühten sich allerdings – wenn auch vergeblich – darum, dass diese den Regeln der anglikanischen Kirche folgten. Kirche und Regierung formten so auf den Inseln ein striktes System, das Vergnügungen unterband und die Bewohner zu einem gottesfürchtigen Leben führen sollte.110 104 Lemprière, History of the Channel Islands, S. 45; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 78 – 81. Vgl. hierzu unten 1. Teil C. vor I. 105 Vgl. hierzu oben Fn. 82. 106 Uttley, The story of the Channel Islands, S. 85 – 86. 107 Balleine‘s History of Jersey, S. 83; Eagleston, The Channel Islands under Tudor Government, 1485 – 1642, S. 37 – 41; Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 83 – 84; Schickler, Les églises du refuge en Angleterre, Bd. 2, S. 371 – 373; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 88 – 89. 108 Loveridge, The constitution and law of Guernsey, Kap. 2; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 87 – 88. 3 Jahre später erging eine hinsichtlich der Privilegien entsprechende Charter auch für Jersey, siehe Bois, A constitutional history of Jersey, Abschnitt 8/16 – 8/17. 109 Jacqueline in Société d‘Histoire de Droit et des Institutions des Pays de l‘Ouest de la France, Droit privé et institutions régionales, 401 (404); Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 203; Loveridge, The constitution and law of Guernsey, Kap. 6; Peyroux, Guernsey, S. 61 – 63; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 89 – 90. 110 Balleine‘s History of Jersey, S. 83 – 89; Eagleston, The Channel Islands under Tudor Government, 1485 – 1642, S. 49 – 53; Lemprière, History of the Channel Islands, S. 53; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 90 – 97. 1. Teil: Einführung in das Rechtssystem der Kanalinseln 39 Die Engländer befürchteten, dass die Franzosen ihre aktive Unterstützung der Hugenotten in der Normandie im Jahr 1562 mit einer Invasion auf den Kanalinseln vergelten könnten. Als sie nach einer Finanzierung der Verteidigung suchten, übergab Königin Elisabeth I. dem damaligen Herrn von St. Ouen in Jersey, Hélier de Carteret, auf seinen Vorschlag hin als erstem Seigneur (kleinen Herrn) Sarks die Insel 1564 als Lehen; dieses Lehen bestand zunächst im Zusammenhang mit seinem Lehen St. Ouen und wurde Hélier de Carteret 1572 als fi ef de haubert, als direktes Lehen – ein Privileg, das bis heute erhalten geblieben ist – übergeben. Die Übertragungsurkunde verpfl ichtet den Seigneur bis heute, dafür zu sorgen, dass die Insel von mindestens 40 Männern bewohnt ist und von ihnen im Notfall verteidigt werden kann. Der Seigneur und seine Erben dürfen das Lehen ohne Erlaubnis der Queen weder verkaufen noch verschenken. Um zu verhindern, dass der Seigneur von Glatigny, der die Insel Sark 1560 vom französischen König als Lehen erhalten, den Besitz der Insel aber 1562 infolge der erneuten kriegerischen Auseinandersetzung zwischen England und Frankreich aufgegeben hatte111, seine Ansprüche geltend machte, ließ sich Hélier de Carteret die Übertragung der Insel 1565 von der Königin in einem Letters Patent (öffentlichen Erlass)112 bestätigen.113 Alderney war als einzige der Kanalinseln nicht presbyterianisch organisiert. 1584 erhielt die katholische Gouverneursfamilie Chamberlain aus Guernsey, die 1559 die Herrschaft auf Alderney übernommen hatte, die Insel als Lehen, so dass Guernsey ängstlich über seine Nachbarinsel wachte.114 1598 erhielt ein Händler aus Guernsey von Elisabeth I. eine Lettre de Marque, eine Erlaubnis, in Kriegszeiten feindliche, hier französische, Schiffe aufzubringen und zu kapern. Seit dieser Zeit betrieben die privateers (Freibeuter) von den Kanalinseln ihre Geschäfte quasi mit staatlicher Lizenz.115 VII. Die Kanalinseln unter dem Hause Stuart und der Cromwell-Herrschaft Jakob I. (1603 – 1625) aus dem Hause Stuart, der Nachfolger von Elisabeth I., befreite die anglikanische Kirche vom Puritanismus und brachte die Bewohner Jerseys dazu, die Einführung der anglikanischen Regeln zu unterstützen. Guernsey dagegen blieb nach einer Übereinkunft mit König Jakob I. zunächst (bis 1662) presbyterianisch. Der religiöse Konfl ikt auf den Inseln war vorerst gelöst.116 111 Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 30. 112 Eine englische Übersetzung des lateinischen Originaltextes ist abgedruckt bei Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 140 – 143. 113 Lemprière, History of the Channel Islands, S. 54; Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 31 – 34, 43 – 44. 114 Uttley, The story of the Channel Islands, S. 98. 115 Uttley, The story of the Channel Islands, S. 134 – 135; vgl. auch Balleine‘s History of Jersey, S. 121; Stevens, A short history of Jersey, S. 27. Erst 1814 hob Georg III. (1760 – 1820) die Erlaubnis zur Freibeuterei wieder auf, vgl. unten 1. Teil A.VIII. 116 Balleine‘s History of Jersey, S. 95 – 98; Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 85; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 102 – 105. A. Geschichte

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Zusammenfassung

Wer sich für fremde Rechte und ihre Wurzeln interessiert, wird hier genauso auf seine Kosten kommen wie der Praktiker, der als Richter, Rechtsanwalt oder Notar Antworten auf konkrete Fragen über die Erbrechte der Kanalinseln sucht, für die es in Deutschland bislang noch keine systematische Darstellung gab.

Die Arbeit behandelt nach einem historischen Abriss das Erbrecht Jerseys und die Unterschiede in den Rechten des Bailiwick Guernsey (inklusive Alderney und Sark). Mit der systematischen Darstellung erschließen sich die inhaltlichen Regelungen, die sich oftmals von dem im deutschen Recht Gewohnten unterscheiden, von einem ganz anderen Rechtsverständnis ausgehen und bei denen auch die Termini andere sind. Dabei wird auch untersucht, inwieweit normannische Grundzüge heute noch fortwirken und sich in modernen Zeiten bewähren. Für den Rechtsanwender hilfreich sind der Abdruck einer Auswahl grundlegender Gerichtsentscheidungen der Kanalinseln sowie eine Aufzählung der wichtigsten einschlägigen Gesetze.