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Bernadette Bord, Die Kanalinseln unter den Häusern Lancaster und York, von Heinrich IV. bis Richard III. in:

Bernadette Bord

Das Erbrecht der Kanalinseln von den normannischen Wurzeln bis zum heutigen Rechtszustand, page 36 - 37

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4219-9, ISBN online: 978-3-8452-1602-7 https://doi.org/10.5771/9783845216027

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36 Die strategische Bedeutung der Kanalinseln lässt sich daran erkennen, dass sie weiterhin von England und Frankreich heftig umkämpft wurden: 1337 begann zwischen England und Frankreich der Hundertjährige Krieg. Ursache für diesen Krieg war der Streit um den englischen Festlandsbesitz in Frankreich. Ausgelöst wurde der Krieg durch den vom englischen König Eduard III. erhobenen Anspruch auf den französischen Thron nach dem Aussterben der Kapetinger in direkter Linie (1328), was zu einem Konfl ikt mit dem französischen König Philipp VI. (1328 – 1350) aus der kapetingischen Nebenlinie Valois führte.89 1338 belagerten und eroberten die Franzosen die Inseln Guernsey, Sark und Alderney.90 Sieben Jahre später gelang den Engländern die Rückeroberung Guernseys. Jedoch schon 1356 ging Guernsey wieder in die Hände der Franzosen über.91 Sark wurde 1340 von den Engländern zurückerobert, jedoch von 1343 bis 1347 wieder von den Franzosen besetzt.92 Jersey hielt trotz seit 1338 anhaltender Übergriffe Frankreichs der englischen Krone die Treue, weshalb Eduard III. in einer Charta 1341 die Gesetze und Privilegien Jerseys erneut anerkannte.93 Seit dieser und der im Jahr 1357 folgenden feierlichen Proklamierung der Privilegien bestätigte jeder englische Herrscher bei seiner Thronbesteigung die Rechte der Kanalinseln.94 Die Bewohner der Kanalinseln litten jedoch nicht nur unter den Kriegswirrungen, sondern auch unter der Schwarzen Pest, die 1347 die Inseln erreichte.95 1360 erhielten die Bewohner der Inseln eine kurze Ruhepause, als die Franzosen im Frieden von Brétigny alle Ansprüche auf die Kanalinseln aufgaben, während die Engländer im Gegenzug die Rechte des Bischofs von Coutances auf den Inseln anerkannten; jedoch schon 1369 nahmen die Franzosen ihre Kriegshandlungen wieder auf.96 V. Die Kanalinseln unter den Häusern Lancaster und York, von Heinrich IV. bis Richard III. Im Krieg zwischen England und Frankreich kam es nach anfänglichen englischen Erfolgen mit dem Eingreifen von Jeanne d’Arc zur kriegsentscheidenden Wende zugunsten Frankreichs (Aufhebung der Belagerung von Orléans und Krönung Karls VII. 89 Curry, The Hundred Years War, S. 32 – 58. 90 Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 23. 91 Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 80 – 81. 92 Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 23. 93 Bois, A constitutional history of Jersey, Abschnitt 8/8; Balleine‘s History of Jersey, S. 44 – 45. 94 Balleine‘s History of Jersey, S. 45; Bois, A constitutional history of Jersey, Abschnitt 8/9 – 8/125; Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 81; Peyroux, RGDIP 1972, 69 (73). 95 Lemprière, History of the Channel Islands, S. 33; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 66. 96 Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 24; Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 81; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 67. Auf Sark war der zerstörerische Effekt so gewaltig, dass die Insel von 1372 bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts unbewohnt war, Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 23 – 24. 1. Teil: Einführung in das Rechtssystem der Kanalinseln 37 [1422 – 1461] in Reims 1429). Bis 1453 mussten die Engländer alle französische Territorien mit Ausnahme von Calais und der Kanalinseln räumen.97 Während das englische Volk Heinrich VI. (1422 – 1461 und 1470 – 1471) aus dem Hause Lancaster für die Niederlage in Frankreich verantwortlich machte, sich der Herzog von York gegen ihn erhob und daraufhin die Geschlechter Englands in den Rosenkriegen um die Krone kämpften98, entbrannte auch auf Jersey ein Streit der mächtigen Familien99. 1461 nutzte der Franzose Pierre de Brézé, der Graf von Maulévrier, diesen Moment der Unaufmerksamkeit der Inselbewohner und eroberte Jersey. Auf eine Petition der Bewohner hin erließ Brézé, wohl um das neue Regime populär zu machen, einige Ordonnances, in denen er die vorhandenen Traditionen und das Gewohnheitsrecht bestätigte.100 1468 eroberte Eduard IV. (1461 – 1470 und 1471 – 1483) aus dem Hause York Jersey von Frankreich zurück und erneuerte wiederum von englischer Seite die Anerkennung der Privilegien der Inselbewohner.101 Die Menschen auf den Kanalinseln gerieten durch den Streit zwischen England und Frankreich in Not. Deshalb einigten sich der englische König Eduard IV. und der französische König Ludwig XI. (1461 – 1483), dass die Kanalinseln in Kriegszeiten neutrales Gebiet darstellen sollten, was eine päpstliche Bulle von Sixtus IV. 1483 bestätigte; dabei blieb es den Bewohnern der Inseln gestattet, mit allen Krieg führenden Parteien Handelsbeziehungen zu pfl egen.102 1549 wurde die Insel Sark von den Franzosen eingenommen, was aufgrund der Unbewohntheit der Insel keine kriegerische Handlung im Sinne der Bulle von 1483 darstellte und von den Franzosen damit begründet wurde, dass die Insel Teil des Herzogtums Normandie sei.103 VI. Die Kanalinseln in der Tudorzeit, von Heinrich VII. bis Elisabeth I. Mit der Schlacht bei Bosworth 1485, in der Richard III. (1483 – 1485) aus dem Hause York fi el, endeten die Rosenkriege und es begann mit der Thronbesteigung Heinrichs 97 Balleine‘s History of Jersey, S. 56 – 57; Curry, The Hundred Years War, S. 109 – 116. Dennoch trugen alle englischen Könige seit Heinrich VI. bis zum Vertrag von Amiens 1802 den Titel King (oder Queen) of France, siehe statute 2 Henry VI (1423) und 1 Co. Inst. 7b, zitiert bei Matthews, JLRev 1999, 177 (Fn. 74). 98 1455 – 1485 zwischen den beiden Plantagenêt-Seitenlinien Lancaster (rote Rose im Wappen) und York (weiße Rose), Helmolt, Weltgeschichte, Bd. 6, S. 376 – 378. 99 Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 81 – 82. 100 Balleine‘s History of Jersey, S. 60 – 61; Besnier, La Coutume de Normandie, S. 260 – 261; vgl. auch Jacqueline, Revue du Departement de la Manche 1978, 197 (198). 101 Bois, A constitutional history of Jersey, Abschnitt 8/11 – 8/12; Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 78 – 79; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 74. 102 Balleine‘s History of Jersey, S. 64 – 65; Jacqueline, Revue du Departement de la Manche 1978, 197 (199); Jacqueline in Société d‘Histoire de Droit et des Institutions des Pays de l‘Ouest de la France, Droit privé et institutions régionales, 401 (403); Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 82 –83; Poingdestre, Caesarea, S. 52 – 60; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 76. Die Neutralität wurde 1689 auf Anordnung Wilhelms III. von Oranien-Nassau (1689 – 1702) einseitig wieder aufgehoben, siehe hierzu unten Fn. 125. 103 Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 27 – 28. A. Geschichte

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Zusammenfassung

Wer sich für fremde Rechte und ihre Wurzeln interessiert, wird hier genauso auf seine Kosten kommen wie der Praktiker, der als Richter, Rechtsanwalt oder Notar Antworten auf konkrete Fragen über die Erbrechte der Kanalinseln sucht, für die es in Deutschland bislang noch keine systematische Darstellung gab.

Die Arbeit behandelt nach einem historischen Abriss das Erbrecht Jerseys und die Unterschiede in den Rechten des Bailiwick Guernsey (inklusive Alderney und Sark). Mit der systematischen Darstellung erschließen sich die inhaltlichen Regelungen, die sich oftmals von dem im deutschen Recht Gewohnten unterscheiden, von einem ganz anderen Rechtsverständnis ausgehen und bei denen auch die Termini andere sind. Dabei wird auch untersucht, inwieweit normannische Grundzüge heute noch fortwirken und sich in modernen Zeiten bewähren. Für den Rechtsanwender hilfreich sind der Abdruck einer Auswahl grundlegender Gerichtsentscheidungen der Kanalinseln sowie eine Aufzählung der wichtigsten einschlägigen Gesetze.