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Bernadette Bord, Die Kanalinseln unter den englischen Monarchen als Herzöge der Normandie, von Wilhelm dem Eroberer bis Richard I. Löwenherz in:

Bernadette Bord

Das Erbrecht der Kanalinseln von den normannischen Wurzeln bis zum heutigen Rechtszustand, page 29 - 32

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4219-9, ISBN online: 978-3-8452-1602-7 https://doi.org/10.5771/9783845216027

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29 liche Bindung der mächtigen Adelsfamilien eine Militäraristokratie geschaffen, die das Land straff verwaltete.40 Der Herzog blieb Vasall der französischen Krone.41 III. Die Kanalinseln unter den englischen Monarchen als Herzöge der Normandie, von Wilhelm dem Eroberer bis Richard I. Löwenherz Zwei Jahrzehnte später sollte jedoch eine Entwicklung in England von entscheidender Bedeutung für die Normandie sein: Herzog Wilhelm II. wurde von seinem entfernten Verwandten, dem englischen König Eduard (dem Bekenner) (1042 – 1066) mangels direkter Thronerben als Nachfolger eingesetzt. Als ihm diese Position nach Eduards Tod von Harold II. Godwinson (1066) streitig gemacht wurde,42 bereitete er die Invasion Englands vor. Nach seinem Sieg in der Schlacht von Hastings (am 14. 10. 1066) über Harold, der sich im selben Jahr noch gegen den dritten Anwärter auf den englischen Thron, den norwegischen König Harald III. (den Strengen) (1047 – 1066) (Schlacht von Stamford Bridge am 25. 09. 1066) zur Wehr gesetzt hatte,43 wurde er am Weihnachtstag 1066 zum englischen König gekrönt.44 Wilhelm I. war somit König von England sowie Herzog der Normandie. Die Nachkommen von Seeräubern, die kaum 2 Jahrhunderte zuvor die Küsten Frankreichs heimgesucht hatten, gründeten so einen mächtigen anglo-normannischen Staat, der lange Zeit eine Bedrohung für die französische Dynastie darstellte.45 Die Verschmelzung von Normandie und England manifestierte sich insbesondere in Folgendem: König Wilhelm I. stattete seine normannischen Gefolgsleute mit angelsächsischem Landbesitz aus, schuf mit deren Unterstützung eine starke königliche Zentralgewalt und führte das kontinentale Lehnswesen ein.46 Er ersetzte die angelsächsi- 40 Renoux in Bautier/Bretscher-Gisige, LMA, Bd. 6, Spalten 1242 – 1243; De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 114 – 119, 124 – 125, 133 – 134 ; Douglas, William the Conqueror, S. 83 – 104; Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 17; Lefebvre, N. R. D. 1917, 73 (106); Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 46 – 47; Le Patourel, La Société Guernesiaise, Report and Transactions 1974, XIX (1975), 435 (441 – 443); ders., The Norman empire, S. 14 – 15. 41 Brown, The Normans and the Norman conquest, S. 32 – 33; Le Patourel, The Norman empire, S. 217 – 221. 42 Harold II. befand sich 1064 auf Befehl König Eduards am Hof Herzog Wilhelms II., dem er nach normannischer Darstellung einen Treueid geleistet haben soll; als König Eduard aber unerwartet früh starb, nahm Harold keine Rücksicht auf seinen Vertrag mit Wilhelm und beanspruchte das Reich für sich als seinen Besitz, Brown, The Normans and the Norman conquest, S. 109 – 118; De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 136; von Ranke, Weltgeschichte, Bd. 11, S. 38 – 39. 43 Brown, The Normans and the Norman conquest, S. 92 – 93, 134 – 136. 44 Helmolt, Weltgeschichte, Bd. 6, S. 357 – 358; Le Patourel, The Norman empire, S. 21 – 27. 45 Brown, The Normans and the Norman conquest, S. 94 – 121; De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 136 – 138; Douglas, William the Conqueror, S. 181 – 210; Keeton, The norman conquest and the common law, S. 35 – 47; vgl. ausführlich Le Patourel, Norman Barons, S. 3 – 31. 46 Douglas, William the Conqueror, S. 289 – 316. A. Geschichte 30 sche Geistlichkeit durch normannische Priester und Bischöfe, verfügte die Trennung der geistlichen von den weltlichen Gerichten und befahl, dass alle geistlichen Angelegenheiten dem kanonischen Recht unterworfen würden;47 die Nationalversammlung der Bischöfe Englands sollte eine eigene Körperschaft bilden, deren Verfügungen aber nur dann Gesetzeskraft erhielten, wenn sie vom König bestätigt wurden.48 Im Jahr 1085 ließ Wilhelm I. im Domesday Book Besitzverhältnisse, Zustand und Inventar jedes Grundstückes in England registrieren.49 Die Kanalinseln werden in den Dokumenten aus der Zeit vor 1066 nur vereinzelt erwähnt. Der Herzog und die Kirche regierten wohl zunächst direkt auf den Inseln. Später waren die ersten Lehnsherren des Herzogs auf Jersey ein Ritter namens Adelelmus aus Avranchin, auf Guernsey die Vicomtes (Vizegrafen) von Cotentin (Nigel de Saint-Sauveur) und von Bessin (Ranulf fi tz Anquetil).50 Die Kirche gab ihr Land an die Klöster Mont-Saint-Michel, Crisy und Montivilliers.51 Alderney und Sark verblieben zunächst im Besitz des Herzogs.52 Nach dem Tod Wilhelms I. erhielt sein ältester Sohn Robert II. (Courteheuse) (1087 – 1106), der sich gegen seinen Vater und auf die Seite des französischen Königs gestellt hatte, die Normandie als selbstständiges Königreich, sein zweitältester Sohn, Wilhelm II. Rufus (der Rote) (1087 – 1100) wurde zum englischen König gekrönt, wodurch die Normandie von England getrennt wurde.53 Der dritte Sohn Wilhelms I., Heinrich I. (1100 – 1135), wurde zunächst mit 5.000 Silbermark abgefunden; allerdings übertrug Robert II. (Courteheuse) ihm bis 1091 die Herrschaft über die Halbinsel Cotentin, damit eingeschlossen die Kanalinseln.54 Nach Wilhelm II. Rufus baldigem Tod folgte ihm Heinrich I. als König von England nach und es gelang ihm mit einer einzigen Schlacht (28.09.1106 bei Tinchebrai gegen Robert II. [Courteheuse]), die Normandie wieder zu vereinen und für die englische Krone zu gewinnen.55 47 Douglas, William the Conqueror, S. 317 – 345. 48 Stubbs, The constitutional history of England in its origin and development, Bd. 1, S. 309 – 310. 49 Bates, William the Conqueror, S. 174 – 178; Douglas, William the Conqueror, S. 347 – 354. 50 Le Patourel, La Société Guernesiaise, Report and Transactions 1974, XIX (1975), 435 (442 – 443). 51 Besnier, La Coutume de Normandie, S. 251 – 252; Lemprière, History of the Channel Islands, S. 22 – 23; Peyroux, Guernsey, S. 204 – 205; Peyroux, RIDC 1972, 367 (378); Uttley, The story of the Channel Islands, S. 33 – 34. 52 Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 18; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 34. 53 Bates, William the Conqueror, S. 159 – 163, 178 – 181; Douglas, William the Conqueror, S. 346 – 363. Wilhelm II. folgte mit dieser Verteilung der normannischen erbrechtlichen Tradition, das ererbte Land (die Normandie) dem ältesten Sohn, das erworbene Land (England) dem zweitältesten Sohn zu vermachen. Er hatte Robert II. enterben wollen, musste sich jedoch der Coutume einschließlich der in ihr enthaltenen Erstgeborenenrechte beugen, siehe Lebrun, La Coutume, Rn. 25; Mautalent-Reboul, Le droit privé jersiais, S. 205; Ourliac/Gazzaniga, Histoire du droit privé français, S. 325; vgl. auch Lefebvre, N. R. D. 1917, 73 (106). 54 Balleine‘s History of Jersey, S. 23; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 45 55 Chibnall, Anglo-Norman England, S. 66 – 67; Helmolt, Weltgeschichte, Bd. 6, S. 360 – 361. 1. Teil: Einführung in das Rechtssystem der Kanalinseln 31 Heinrich I. sah seine Tochter Mathilde und darauf deren jüngeren Sohn, den künftigen Heinrich II. Plantagenêt (1154 – 1189), als seine Nachfolger. Nach dem Tod Heinrichs I. setzte sich aber Stephan von Blois (1135 – 1154), ein Enkel von Wilhelm I. (aus der weiblichen Linie), in den Besitz des Thrones.56 1142 gewann der englische Graf Gottfried Plantagenêt, der Vater Heinrichs II., die Normandie samt der Halbinsel Cotentin und den Kanalinseln Stück für Stück zurück und überwies sie Heinrich II. als Herzogtum.57 Nachdem Heinrich herangewachsen war und 1152 Eleonore von Aquitanien geehelicht hatte, fi el er 1153 in England ein und zwang Stephan, ihn als Thronerben anzuerkennen. Nach Stephans Tod trug Heinrich II. nach seiner Krönung 1154 wieder die beiden Titel König von England sowie Herzog der Normandie.58 Um diese Verbindung erhalten zu können, vereinigte er England und die Normandie, indem er seinen Untertanen im jeweils anderen Gebiet Ländereien gab. Ein Beispiel auf den Kanalinseln ist die französische Familie De Carteret von Cotentin, Inhaberin eines Herrensitzes auf Jersey, die Land in Westengland erhielt, ein weiteres der Erwerb der Grafschaft Chester im Nordwesten Englands durch Ranulf le Meschin, den Vicomte von Bessin und Lehnsherren auf Guernsey.59 Heinrich II. befreite das englische Rechtswesen von lehnsherrlichen und geistlichen Einschränkungen und stärkte die Staatsgewalt in England bis hin zu einer Zentralverwaltung.60 Allerdings zerbrach Heinrich II. schließlich an Thomas Becket, seinem früheren Kanzler und späteren Erzbischof von Canterbury, der ein unbeugsamer Verteidiger der Privilegien, insbesondere des Rechts, sich der weltlichen Rechtsprechung zu entziehen, und der weltlichen Güter der Kirche wurde.61 Nachdem sich seine Söhne Johann und Richard mit Philipp II. August von Frankreich (1180 – 1223) zum Krieg gegen ihren Vater verbündet hatten, wurde Heinrich II. gestürzt.62 Richard I. (Löwenherz) (1189 – 1199) wurde 1189 unbestrittener Nachfolger auf dem Thron seines Vaters und übertrug seinem Bruder Johann als Count of Mortain die Herrschaft über Cotentin und die Inseln.63 Als Richard auf dem Rückweg von seinem Kreuzzug von Herzog Leopold von Österreich an Kaiser Heinrich VI. (1191 – 1197) ausgeliefert und von letzterem gefangen gehalten wurde, versuchte sich Johann des Throns zu bemächtigen. Er schloss sich den Angriffen Philipps II. August von Frank- Heinrich I. gab die Insel Sark mit hoher Wahrscheinlichkeit seinem Gefolgsmann Richard de Reviers als Dank für seine Treue in dieser Schlacht als Lehen, Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 18. 56 Chibnall, Anglo-Norman England, S. 82 – 85; Warren, Henry II, S. 12 – 14. 57 Balleine‘s History of Jersey, S. 24; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 45. Bildhaft wurde damals formuliert: “He swallowed Normandy bit by bit as if it were an artichoke.” 58 Helmolt, Weltgeschichte, Bd. 6, S. 361 – 362; Warren, Henry II, S. 42 – 53. 59 Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 47 – 48; Mautalent-Reboul, Le droit privé jersiais, S. 18 Fn. 60; Le Patourel, La Société Guernesiaise, Report and Transactions 1974, XIX (1975), 435 444 – 445. 60 Helmolt, Weltgeschichte, Bd. 6, S. 362. 61 Warren, Henry II, S. 447 – 517. 62 Warren, Henry II, S. 559 – 630. 63 Balleine‘s History of Jersey, S. 25 – 26. A. Geschichte 32 reich gegen England an, der über den englischen Besitz in Frankreich herfi el. Nach seiner Befreiung gewann Richard Löwenherz das gesamte Gebiet, das ihm Philipp II. abgenommen hatte, eingeschlossen die Kanalinseln64, zurück.65 Nach seiner Versöhnung mit Johann übertrug ihm Richard 1195 Jersey und Guernsey mit dem Titel des Lord of the Islands.66 IV. Die Kanalinseln unter den Königen von England, von König Johann ohne Land bis zu Richard II, dem letzten der Plantagenêts Als Richard Löwenherz 1199 kinderlos verstarb, bestieg sein Bruder Johann (ohne Land) (1199 – 1216) den Thron. Die Franzosen unterstützten allerdings Richards Neffen Arthur, der nach dem strengen Erstgeborenenrecht als Sohn von Richards verstorbenem älteren Bruder Gottfried von der Bretagne hätte nachfolgen müssen.67 Als die Grafen von Poitou Johann bezichtigten, ihnen willkürlich die Besitzungen entzogen und Übergriffe gegen die Kirche von Tours, die mit all ihrem weltlichen Besitz vom französischen König abhing, begangen zu haben, ließ der französische König Philipp II. Johann 1202 zur Klärung der Vorwürfe vor ein französisches Lehnsgericht laden und forderte ihn als Lehnsherr auf, Arthur alle seine Besitzungen auf dem Kontinent abzutreten.68 Aufgrund der Treueide, die noch auf die Abtretung der Normandie an Rollo zurückgingen, erkannten die Grundherren von Frankreich auch in den zu England gehörigen Gebieten den französischen König als ihren obersten Lehnsherren an, und nach Feudalrecht war Johann als Herzog der Normandie Lehnsmann des Königs von Frankreich.69 Weil Johann als Souverän aber nicht bereit war, vor einen anderen König als Angeklagter zu treten, und nicht erschien, wurde er in Abwesenheit wegen Missachtung seiner Lehnspfl icht und Widerstand gegen seinen Lehnsherrn zum Verlust aller französischen Ländereien verurteilt.70 Im darauf folgenden Kampf konnte Johann nur einen kleinen Teil seines Herzogtums Normandie (die Gascogne und einen 64 Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 21. 65 Helmolt, Weltgeschichte, Bd. 5, S. 421; Helmolt, Weltgeschichte, Bd. 6, S. 362 – 364. 66 Uttley, The story of the Channel Islands, S. 46. 67 Johann hielt dem entgegen, dass im Recht der Normandie gerade kein Eintrittsrecht des Neffen hinsichtlich der Bestimmung des Haupterben bestand. Vgl. hierzu Besnier, La représentation en droit normand, S. 144 – 156; Ourliac/Malafosse, Histoire du droit privé, Bd. 3, S. 396; Villers, R. H. D. 1949, 562 (564 – 574); Le Geyt, La Constitution, Bd. 4, S. (815). Siehe zum Eintrittsrecht (représentation) auf Jersey allgemein unten 2. Teil Kapitel 1 B.III.5.; 2. Teil Kapitel 1 B.V.2.a(2)(b); 2. Teil Kapitel 1 B.V.2.b(2)(b) und insbesondere zum Eintrittsrecht hinsichtlich der Bestimmung des Haupterben 2. Teil Kapitel 1 B.VI.1.a. (Fn. 699). 68 Lehmann, Johann ohne Land, S. 224 – 226. 69 Curry, The Hundred Years War, S. 33 – 34; Hutton, Philip Augustus, S. 65 – 67; Warren, King John, S. 74 – 75. 70 Hutton, Philip Augustus, S. 65 – 67; Lehmann, Johann ohne Land, S. 226; Warren, King John, S. 71 – 76. 1. Teil: Einführung in das Rechtssystem der Kanalinseln

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Zusammenfassung

Wer sich für fremde Rechte und ihre Wurzeln interessiert, wird hier genauso auf seine Kosten kommen wie der Praktiker, der als Richter, Rechtsanwalt oder Notar Antworten auf konkrete Fragen über die Erbrechte der Kanalinseln sucht, für die es in Deutschland bislang noch keine systematische Darstellung gab.

Die Arbeit behandelt nach einem historischen Abriss das Erbrecht Jerseys und die Unterschiede in den Rechten des Bailiwick Guernsey (inklusive Alderney und Sark). Mit der systematischen Darstellung erschließen sich die inhaltlichen Regelungen, die sich oftmals von dem im deutschen Recht Gewohnten unterscheiden, von einem ganz anderen Rechtsverständnis ausgehen und bei denen auch die Termini andere sind. Dabei wird auch untersucht, inwieweit normannische Grundzüge heute noch fortwirken und sich in modernen Zeiten bewähren. Für den Rechtsanwender hilfreich sind der Abdruck einer Auswahl grundlegender Gerichtsentscheidungen der Kanalinseln sowie eine Aufzählung der wichtigsten einschlägigen Gesetze.