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Bernadette Bord, Die Kanalinseln unter den ersten Herzögen der Normandie, von Rollo bis Wilhelm dem Eroberer in:

Bernadette Bord

Das Erbrecht der Kanalinseln von den normannischen Wurzeln bis zum heutigen Rechtszustand, page 27 - 29

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4219-9, ISBN online: 978-3-8452-1602-7 https://doi.org/10.5771/9783845216027

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27 nicht, dass dort das Recht der Eroberer eingeführt wurde, vielmehr herrschte das Personalitätsprinzip vor, sodass für jeden sein Stammensrecht galt.28 Erst mit dem Einsetzen der Völkerwanderung, als durch die Vermischung der Völker seit dem Ende des 8. Jahrhunderts die Anwendung des Stammesprinzips unmöglich wurde, trat an die Stelle des letzteren das territoriale Gewohnheitsrecht.29 Einige fränkische Bräuche, die unter Chlodwig in der Lex Salica – der Lex, die am geringsten vom römischen Recht beeinfl usstes Recht aufweist,30– aufgezeichnet worden waren, gingen später in das normannische Gewohnheitsrecht ein.31 Nach dem Tod Chlodwigs wurde sein Reich unter seinen Söhnen aufgeteilt, die Kanalinseln wurden Neustrien zugewiesen.32 II. Die Kanalinseln unter den ersten Herzögen der Normandie, von Rollo bis Wilhelm dem Eroberer Das Westfränkische Königreich wurde im 9. Jahrhundert von dänischen und norwegischen Wikingern (von vikingr für altnordisch Buchtenlagerer, Seeräuber) überfallen, die die Gebiete an der unteren Seine eroberten.33 Ihr Anführer Rollo (911 – 930) erhielt nach einer verlorenen Schlacht 911 im Vertrag zu Saint-Clair-sur-Epte das Land im Gebiet der heutigen Haute Normandie von dem westfränkischen König Karl III. (dem Einfältigen) (893 – 929) als Lehen, der damit einen Schutzwall gegen weitere Normanneneinfälle bilden wollte. Rollo sollte demnach Siedlungsland und die Region um Rouen als Herzogtum erhalten, wenn er im Gegenzug dem König die Treue schwor, dessen Glauben annahm und das Reich gegen jedermann beschützen würde.34 Entgegen seinem Versprechen erweiterte Rollo allerdings sein Land weiterhin. Rollos Sohn Wilhelm I. der Normandie (Langschwert) (931 – 943) setzte die Überfälle fort. Er besiegte die Feudalherren aus der Bretagne und erhielt 933 vom französischen König Rudolf von Burgund (923 – 936) die Halbinsel Cotentin, wodurch auch die nicht 28 Bart, Histoire du droit privé, S. 11 – 12, 21 – 22; Besnier, La Coutume de Normandie, S. 9 – 10; Imbert, Histoire du droit privé, S. 8 – 9; Ourliac/Gazzaniga, Histoire du droit privé français, S. 38 – 39; Timbal, Cours d‘Histoire du droit privé, S. 7 – 10; Warnkönig/Warnkönig, Französische Staats- und Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 3 – 4. 29 Timbal, Cours d‘Histoire du droit privé, S. 10 – 15. 30 Esmein, Cours élémentaire d‘histoire du droit français, S. 103; vgl. auch Bart, Histoire du droit privé, S. 18. 31 Lavisse, Histoire de la France, S. 107 – 115; Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 46. 32 Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 46; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 24. Die Gebietseinheit Neustrien, der westliche Teil Frankreichs zwischen Seine und Loire mit der Hauptstadt Rouen, entstand unter den Merowingern, vgl. De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 82 – 83. 33 De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 91 – 95. 34 De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 96 – 98; Le Patourel, The Norman empire, S. 3 – 5; von Ranke, Weltgeschichte, Bd. 10, S. 217 – 219. A. Geschichte 28 eigens erwähnten Kanalinseln Bestandteil der Normandie wurden.35 Die Wikinger begannen, sich in die einheimische fränkisch-galloromanische Bevölkerung zu integrieren: Die Mitglieder von Rollos Clan heirateten fränkische Prinzessinnen und nahmen christliche Namen an. So wurden aus den Wikingern die Normannen und es entstand das Herzogtum Normandie.36 Die Normandie war 1066 – 1087 und 1106 – 1202/04 Teil der Festlandsbesitzungen der englischen Könige: Einen Aufschwung erlebte die Normandie, als der uneheliche (deshalb der Beiname William the Bastard) Sohn von Herzog Robert I. der Normandie (1027 – 1035), Herzog Wilhelm II. der Normandie (der spätere Wilhelm I. [der Eroberer]) (1066 – 1087),37 der seinem Vater 1035 als Sieben- oder Achtjähriger nachgefolgt war, nach langen Kämpfen mit revoltierenden Vicomtes (französischer Adelstitel im Rang zwischen Graf und Baron) seit 1046/47 (Schlacht von Val-ès-Dunes) sein Herzogtum zu einem Feudalstaat von bislang nicht gekannter Stärke führte.38 Auf der Grundlage des fi ef du Roi / de la Reine oder fi ef de haubert39 (Panzerlehens) wurde durch die persön- 35 Balleine‘s History of Jersey, S. 19 – 20; Bois, A constitutional history of Jersey, Abschnitt 4/1; De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 98 – 99, 116; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 32. Damit hatte das Herzogtum mit den Gebieten um Bayeux, Coutances und der Halbinsel Cotentin die Größe der heutigen Normandie erreicht. 36 Brown, The Normans and the Norman conquest, S. 15 – 20; De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 112 – 114; Douglas, William the Conqueror, S. 15 – 30; Le Patourel, The Norman empire, S. 3 – 14. 37 Herzog Wilhelm war ein direkter Nachkomme Rollos: sein Großvater war der Urenkel von Rollo. 38 Brown, The Normans and the Norman conquest, S. 29 – 50; Douglas, William the Conqueror, S. 31 – 80; Le Patourel, The Norman empire, S. 15 – 21. 39 Hinsichtlich der Terminologie sind folgende Begriffe zu unterscheiden, die auf der Zweiteilung des Feudalsystems beruhen, fi ef und seigneurie: Das fi ef ist ein Lehen in dem Sinn, dass ein Grundstück oder wenigstens ein Recht an einem Grundstück gegen die Ableistung von Treuediensten, insbesondere militärischer Art, vom Lehnsherren auf den Vassal, den Lehnsmann, übertragen wird, wodurch ein Gefl echt wechselseitiger Pfl ichten entsteht. Ein Unterfall des fi ef ist das fi ef de haubert. Hierunter versteht man ein Lehen, das vom Monarchen direkt verliehen wird, für das der Lehnsnehmer dem King oder der Queen Treue in Person schuldet und, bei Bedarf, einen Ritter samt Rüstung, inklusive eines Haubert, eines Panzers, stellen muss, siehe Terrien, Commentaires du Droict Civil tant public que privé, observé au Pays et Duché de Normandie, S. 171, Rn. 5. Die tenures roturières bilden quasi die wirtschaftliche Basis des Lehnswesens, wobei hier im Gegenzug für die Bereitstellung des Grundstücks nicht mehr Treue geleistet wird, sondern die tenanciers zu Zahlungen in Natur oder Geld verpfl ichtet sind. Die seigneurie (gehalten von Herzögen, Grafen und Baronen) hingegen entstand gleichsam aus einem Bruchteil der früheren königlichen Souveränität, die in privates Eigentum Einzelner eingegangen ist, ohne dass ein Lehnsvertrag geschlossen worden wäre. Während die Feudalrechte nur im Verhältnis Lehnsherr und Lehnsmann galten, waren den Rechten der seigneurie alle Bewohner des jeweiligen Gebiets unterworfen. Allerdings ist zu beachten, dass das Eigentum der seigneurie stets in einem fi ef gehalten wurde, so dass die beiden Institute im Lehnsystem verschmolzen. Vgl. zum Ganzen Esmein, Cours élémentaire d‘histoire du droit français, S. 175 – 184; Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 52 – 53. 1. Teil: Einführung in das Rechtssystem der Kanalinseln 29 liche Bindung der mächtigen Adelsfamilien eine Militäraristokratie geschaffen, die das Land straff verwaltete.40 Der Herzog blieb Vasall der französischen Krone.41 III. Die Kanalinseln unter den englischen Monarchen als Herzöge der Normandie, von Wilhelm dem Eroberer bis Richard I. Löwenherz Zwei Jahrzehnte später sollte jedoch eine Entwicklung in England von entscheidender Bedeutung für die Normandie sein: Herzog Wilhelm II. wurde von seinem entfernten Verwandten, dem englischen König Eduard (dem Bekenner) (1042 – 1066) mangels direkter Thronerben als Nachfolger eingesetzt. Als ihm diese Position nach Eduards Tod von Harold II. Godwinson (1066) streitig gemacht wurde,42 bereitete er die Invasion Englands vor. Nach seinem Sieg in der Schlacht von Hastings (am 14. 10. 1066) über Harold, der sich im selben Jahr noch gegen den dritten Anwärter auf den englischen Thron, den norwegischen König Harald III. (den Strengen) (1047 – 1066) (Schlacht von Stamford Bridge am 25. 09. 1066) zur Wehr gesetzt hatte,43 wurde er am Weihnachtstag 1066 zum englischen König gekrönt.44 Wilhelm I. war somit König von England sowie Herzog der Normandie. Die Nachkommen von Seeräubern, die kaum 2 Jahrhunderte zuvor die Küsten Frankreichs heimgesucht hatten, gründeten so einen mächtigen anglo-normannischen Staat, der lange Zeit eine Bedrohung für die französische Dynastie darstellte.45 Die Verschmelzung von Normandie und England manifestierte sich insbesondere in Folgendem: König Wilhelm I. stattete seine normannischen Gefolgsleute mit angelsächsischem Landbesitz aus, schuf mit deren Unterstützung eine starke königliche Zentralgewalt und führte das kontinentale Lehnswesen ein.46 Er ersetzte die angelsächsi- 40 Renoux in Bautier/Bretscher-Gisige, LMA, Bd. 6, Spalten 1242 – 1243; De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 114 – 119, 124 – 125, 133 – 134 ; Douglas, William the Conqueror, S. 83 – 104; Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 17; Lefebvre, N. R. D. 1917, 73 (106); Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 46 – 47; Le Patourel, La Société Guernesiaise, Report and Transactions 1974, XIX (1975), 435 (441 – 443); ders., The Norman empire, S. 14 – 15. 41 Brown, The Normans and the Norman conquest, S. 32 – 33; Le Patourel, The Norman empire, S. 217 – 221. 42 Harold II. befand sich 1064 auf Befehl König Eduards am Hof Herzog Wilhelms II., dem er nach normannischer Darstellung einen Treueid geleistet haben soll; als König Eduard aber unerwartet früh starb, nahm Harold keine Rücksicht auf seinen Vertrag mit Wilhelm und beanspruchte das Reich für sich als seinen Besitz, Brown, The Normans and the Norman conquest, S. 109 – 118; De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 136; von Ranke, Weltgeschichte, Bd. 11, S. 38 – 39. 43 Brown, The Normans and the Norman conquest, S. 92 – 93, 134 – 136. 44 Helmolt, Weltgeschichte, Bd. 6, S. 357 – 358; Le Patourel, The Norman empire, S. 21 – 27. 45 Brown, The Normans and the Norman conquest, S. 94 – 121; De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 136 – 138; Douglas, William the Conqueror, S. 181 – 210; Keeton, The norman conquest and the common law, S. 35 – 47; vgl. ausführlich Le Patourel, Norman Barons, S. 3 – 31. 46 Douglas, William the Conqueror, S. 289 – 316. A. Geschichte

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Zusammenfassung

Wer sich für fremde Rechte und ihre Wurzeln interessiert, wird hier genauso auf seine Kosten kommen wie der Praktiker, der als Richter, Rechtsanwalt oder Notar Antworten auf konkrete Fragen über die Erbrechte der Kanalinseln sucht, für die es in Deutschland bislang noch keine systematische Darstellung gab.

Die Arbeit behandelt nach einem historischen Abriss das Erbrecht Jerseys und die Unterschiede in den Rechten des Bailiwick Guernsey (inklusive Alderney und Sark). Mit der systematischen Darstellung erschließen sich die inhaltlichen Regelungen, die sich oftmals von dem im deutschen Recht Gewohnten unterscheiden, von einem ganz anderen Rechtsverständnis ausgehen und bei denen auch die Termini andere sind. Dabei wird auch untersucht, inwieweit normannische Grundzüge heute noch fortwirken und sich in modernen Zeiten bewähren. Für den Rechtsanwender hilfreich sind der Abdruck einer Auswahl grundlegender Gerichtsentscheidungen der Kanalinseln sowie eine Aufzählung der wichtigsten einschlägigen Gesetze.