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Bernadette Bord, Die Frühzeit in:

Bernadette Bord

Das Erbrecht der Kanalinseln von den normannischen Wurzeln bis zum heutigen Rechtszustand, page 25 - 27

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4219-9, ISBN online: 978-3-8452-1602-7 https://doi.org/10.5771/9783845216027

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25 1. Teil Einführung in das Rechtssystem der Kanalinseln Zunächst soll ein kurzer Abriss der Geschichte der Kanalinseln sowie ein Überblick über die grundlegenden Rechtsquellen des normannischen Rechts gegeben werden. Im Anschluss daran werden Entwicklung und heutige Ausformung der Staatsorganisation der Bezirke Jersey und Guernsey skizziert. Es folgt eine kurze Darstellung der internationalen Beziehungen der Inseln. Nachdem so in dem 1. Teil die Grundlagen für das Verständnis des Rechts der Kanalinseln geschaffen wurden, soll als 2. Teil die Anwendung desselben im Bereich des Erbrechts den Schwerpunkt der Betrachtungen bilden, wobei hauptsächlich auf Jersey, aber auch auf die Unterschiede der Ausformung des Erbrechts auf den übrigen Inseln eingegangen wird. A. Geschichte Das bestehende Rechtssystem eines Staates ist stets das Produkt der Geschichte seines Volkes. Somit ist die Betrachtung seiner geschichtlichen Entwicklung für jeden Staat von Bedeutung und diese Bedeutung wächst, wenn Geschichte nicht um ihrer selbst Willen, sondern im Hinblick auf das jeweils geltende Recht verstanden wird. In anderen Rechtssystemen mag es denkbar sein, das Recht ohne weitergehende Kenntnisse der Historie anzuwenden. Bei den Kanalinseln ist es jedoch, auch um das aktuell geltende Recht überhaupt bestimmen zu können, geradezu unumgänglich, einen tieferen Einblick in die historische Entwicklung des Rechts zu nehmen, insbesondere, um das den Kanalinseln eigentümliche Verhaftetsein im normannischen Gewohnheitsrecht, das auf den Inseln tiefe Spuren hinterlassen hat, zu verstehen. I. Die Frühzeit Geografi sch wurden die Kanalinseln um 8000 – 6500 v. Chr. von der Normandie getrennt, als der steigende Meeresspiegel während der letzten Eiszeit die Landverbindung zum europäischen Festland abschnitt. Ihre erste Invasion erlitten die Kanalinseln ca. 2000 v. Chr. durch die Iberer, ein megalithisches Volk, das wahrscheinlich von der iberischen Halbinsel stammte.19 Ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. wanderten keltische Stämme aus der Bretagne ein.20 19 Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 45; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 13 – 19. 20 Balleine‘s History of Jersey, S. 7 – 10; De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 77; Helmolt, Weltgeschichte, Bd. 5, S. 436 – 437; 26 Als Gajus Julius Cäsar im Zuge der Eroberung Galliens 55 v. Chr. den Kanal überschritt und Kaiser Claudius I. (41 – 54 n. Chr.) ein Jahrhundert später Britannien zur römischen Provinz machte, begann auf den britischen Inseln der knapp 500 Jahre andauernde Einfl uss des römischen Weltreiches.21 Ob sich die Römer allerdings auch auf den Kanalinseln niedergelassen haben, ist unter den Historikern umstritten. Teilweise wird aus dem vollständigen Fehlen von Überresten aus der Römerzeit, wie zum Beispiel Befestigungsanlagen, geschlossen, dass die Inseln nie militärisch von den Römern eingenommen waren und lediglich einige Legionen Cäsars im Kampf um Gallien Flüchtlinge bis auf die Kanalinseln verfolgten.22 Andere halten es für undenkbar, dass die Römer die strategisch so günstig vor der Küste Galliens gelegenen Inseln auf ihrem Weg nach Britannien nicht als Stützpunkt verwendet haben sollen.23 Da das römische Recht ganz allgemein die existenten personellen Gewohnheitsrechte der besiegten Völker bestehen ließ – wenn es auch dadurch, dass dem Gewohnheitsrecht durch Gesetz und ratio in gewisser Hinsicht Schranken gesetzt wurden, seinen legislativen und territorialen Charakter beibehielt24 –, verwundert es nicht, dass sich auch auf der Grundlage der letztgenannten Hypothese keine Spuren römischen Rechts aus dieser Zeit auf den Kanalinseln nachweisen lassen. Für die rechtswissenschaftliche Betrachtung ist der Streit somit letztlich ohne Belang. Ab 285 n. Chr. mussten sich die Römer auf den britischen Inseln Horden von Eindringlingen erwehren, die man Sachsen nannte.25 410 n. Chr. zog Konstantin III. (407 – 411) die letzten römischen Truppen aus Britannien ab und die Briten wurden durch die germanischen Krieger und Siedler immer weiter nach Westen zurückgedrängt.26 Der Franke Chlodwig (482 – 511 n. Chr.) erhob im Jahre 486 n. Chr. nach dem Sieg über den römischen General Sygrius Anspruch auf die ganze Provinz Gallien, wodurch der germanische Einfl uss auch auf den Kanalinseln wuchs.27 Dies bedeutet 21 Balleine‘s History of Jersey, S. 11 – 18; Helmolt, Weltgeschichte, Bd. 6, S. 350 – 351. 22 Balleine‘s History of Jersey, S. 16; Berry, The history of the Island of Guernsey, S. 40 – 42. 23 Falle, Caesarea, S. 1 – 2; Stevens, Annual Bulletin of the Société Jersiaise 1979, 281 (282 – 284); vgl. auch Poingdestre, Caesarea, S. 79 – 82. Die Insel waren jedenfalls der Verwaltungseinheit um Constantia (dem heutigen Coutances) unterstellt, die wiederum Teil der Provinz Gallia Lugudensis Secunda war (fl ächenmäßig deckte sich diese Provinz ungefähr mit dem späteren Herzogtum Normandie), und trugen in dieser Zeit die Bezeichnungen Angia (Jersey), Ridunia (Alderney) und Lesia oder Sarnia (Guernsey), siehe Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 21, wobei diese Bezeichnung in der Schreibweise Sarmia auch Sark zugeordnet wird, vgl. Ewen/de Carteret, The Fief of Sark, S. 16; ob Jersey die lateinische Bezeichnung Cæsarea erhielt, ist ebenfalls umstritten, Stevens, Annual Bulletin of the Société Jersiaise 1979, 281 – 285; vgl. des weiteren Berry, The history of the Island of Guernsey, S. 25 – 39; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 29 – 30. 24 Timbal, Cours d‘Histoire du droit privé, S. 5 – 7. 25 De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 70 – 71. Als übergreifende Bezeichnung für die untereinander unabhängigen Stammesgruppen und Verbände, die das heutige England besiedelten, bürgerte sich bis zum 9. Jahrhundert allumfassend der Name Angeln ein. 26 Helmolt, Weltgeschichte, Bd. 6, S. 351. 27 De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 77 – 78; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 22 – 23. 1. Teil: Einführung in das Rechtssystem der Kanalinseln 27 nicht, dass dort das Recht der Eroberer eingeführt wurde, vielmehr herrschte das Personalitätsprinzip vor, sodass für jeden sein Stammensrecht galt.28 Erst mit dem Einsetzen der Völkerwanderung, als durch die Vermischung der Völker seit dem Ende des 8. Jahrhunderts die Anwendung des Stammesprinzips unmöglich wurde, trat an die Stelle des letzteren das territoriale Gewohnheitsrecht.29 Einige fränkische Bräuche, die unter Chlodwig in der Lex Salica – der Lex, die am geringsten vom römischen Recht beeinfl usstes Recht aufweist,30– aufgezeichnet worden waren, gingen später in das normannische Gewohnheitsrecht ein.31 Nach dem Tod Chlodwigs wurde sein Reich unter seinen Söhnen aufgeteilt, die Kanalinseln wurden Neustrien zugewiesen.32 II. Die Kanalinseln unter den ersten Herzögen der Normandie, von Rollo bis Wilhelm dem Eroberer Das Westfränkische Königreich wurde im 9. Jahrhundert von dänischen und norwegischen Wikingern (von vikingr für altnordisch Buchtenlagerer, Seeräuber) überfallen, die die Gebiete an der unteren Seine eroberten.33 Ihr Anführer Rollo (911 – 930) erhielt nach einer verlorenen Schlacht 911 im Vertrag zu Saint-Clair-sur-Epte das Land im Gebiet der heutigen Haute Normandie von dem westfränkischen König Karl III. (dem Einfältigen) (893 – 929) als Lehen, der damit einen Schutzwall gegen weitere Normanneneinfälle bilden wollte. Rollo sollte demnach Siedlungsland und die Region um Rouen als Herzogtum erhalten, wenn er im Gegenzug dem König die Treue schwor, dessen Glauben annahm und das Reich gegen jedermann beschützen würde.34 Entgegen seinem Versprechen erweiterte Rollo allerdings sein Land weiterhin. Rollos Sohn Wilhelm I. der Normandie (Langschwert) (931 – 943) setzte die Überfälle fort. Er besiegte die Feudalherren aus der Bretagne und erhielt 933 vom französischen König Rudolf von Burgund (923 – 936) die Halbinsel Cotentin, wodurch auch die nicht 28 Bart, Histoire du droit privé, S. 11 – 12, 21 – 22; Besnier, La Coutume de Normandie, S. 9 – 10; Imbert, Histoire du droit privé, S. 8 – 9; Ourliac/Gazzaniga, Histoire du droit privé français, S. 38 – 39; Timbal, Cours d‘Histoire du droit privé, S. 7 – 10; Warnkönig/Warnkönig, Französische Staats- und Rechtsgeschichte, Bd. 2, S. 3 – 4. 29 Timbal, Cours d‘Histoire du droit privé, S. 10 – 15. 30 Esmein, Cours élémentaire d‘histoire du droit français, S. 103; vgl. auch Bart, Histoire du droit privé, S. 18. 31 Lavisse, Histoire de la France, S. 107 – 115; Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 46. 32 Lemasurier, Le droit de l‘Ile de Jersey, S. 46; Uttley, The story of the Channel Islands, S. 24. Die Gebietseinheit Neustrien, der westliche Teil Frankreichs zwischen Seine und Loire mit der Hauptstadt Rouen, entstand unter den Merowingern, vgl. De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 82 – 83. 33 De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 91 – 95. 34 De Boüard, Histoire de la Normandie, S. 96 – 98; Le Patourel, The Norman empire, S. 3 – 5; von Ranke, Weltgeschichte, Bd. 10, S. 217 – 219. A. Geschichte

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Zusammenfassung

Wer sich für fremde Rechte und ihre Wurzeln interessiert, wird hier genauso auf seine Kosten kommen wie der Praktiker, der als Richter, Rechtsanwalt oder Notar Antworten auf konkrete Fragen über die Erbrechte der Kanalinseln sucht, für die es in Deutschland bislang noch keine systematische Darstellung gab.

Die Arbeit behandelt nach einem historischen Abriss das Erbrecht Jerseys und die Unterschiede in den Rechten des Bailiwick Guernsey (inklusive Alderney und Sark). Mit der systematischen Darstellung erschließen sich die inhaltlichen Regelungen, die sich oftmals von dem im deutschen Recht Gewohnten unterscheiden, von einem ganz anderen Rechtsverständnis ausgehen und bei denen auch die Termini andere sind. Dabei wird auch untersucht, inwieweit normannische Grundzüge heute noch fortwirken und sich in modernen Zeiten bewähren. Für den Rechtsanwender hilfreich sind der Abdruck einer Auswahl grundlegender Gerichtsentscheidungen der Kanalinseln sowie eine Aufzählung der wichtigsten einschlägigen Gesetze.