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Christoph Niemeyer, Auswirkungen der fehlenden oder fehlerhaften Mitwirkung auf Rechtshandlungen des Insolvenzverwalters in:

Christoph Niemeyer

Gläubigerbeteiligung im Regelinsolvenzverfahren, page 173 - 176

Eine rechtsvergleichende Untersuchung zum deutschen und italienischen Recht

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4216-8, ISBN online: 978-3-8452-1579-2 https://doi.org/10.5771/9783845215792

Series: Schriften zum Insolvenzrecht, vol. 33

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173 auch dafür, die Anfechtungsmöglichkeit auf Fälle der manifesten Inadäquanz oder Unbegründetheit zu erweitern.940 2. Verstöße gegen die Regeln der Einberufung Verstöße gegen die Regelungen zur Einberufung sollen keinen Einfluss auf die Gültigkeit eines Beschlusses haben, wenn alle Mitglieder des Ausschusses anwesend und ausreichend über die anstehenden Entscheidungen informiert worden sind.941 3. Überschreiten der fünfzehntägigen Frist Entscheidungen der Versammlung, die nach der vorgesehenen fünfzehntägigen Frist erfolgen, haben nicht deren Unwirksamkeit zur Folge.942 Vielmehr führt die fehlende Entscheidung des Ausschusses allein zu der Kompetenz des beauftragten Richters, die anstehende Entscheidung selbst zu treffen, Art. 41 Abs. 3 LF, wobei der Ausschuss das Recht behält, selbst eine Entscheidung zu treffen.943 VII. Auswirkungen der fehlenden oder fehlerhaften Mitwirkung auf Rechtshandlungen des Insolvenzverwalters 1. Auswirkungen der fehlenden Mitwirkung Trotz der Reform, die dem Gläubigerausschuss eine Vielzahl von Kompetenzen zugesteht und eine Mitwirkung im Ausschuss attraktiver gestaltet, ist zu erwarten, dass gerade in Verfahren, in denen eine nur geringe Masse vorhanden ist, auch die Mitglieder des Gläubigerausschusses ein nur geringes Interesse für das Verfahren aufbringen werden.944 Das vor der Reform bestehende Problem, welche Auswirkungen 940 Allegritti, Diritto delle banche e del mercato finanziario 2006, 91 (110). 941 Rocco di Torrepadula, in: Nigro/Sandulli (Hrsg.), La riforma della legge fallimentare, I, S. 263. 942 Bruno, in: Terranova (Hrsg.), La nuova legge fallimentare,, S. 83; Nardecchia, Informazione prevedenziale 2006, 1 (5); Rocco di Torrepadula, in: Nigro/Sandulli (Hrsg.), La riforma della legge fallimentare, I, S. 264; Schiavon, Il comitato dei creditori, S. 7; Schiavon, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 680; Schiera, in: Ferro/Nappi (Hrsg.), Le insinuazioni al passivo, S. 253; vgl. auch Minutoli, in: Ferro, La legge fallimentare, S. 311. 943 Siehe zur Ersetzungskompetenz des beauftragten Richters gemäß Art. 41 Abs. 3 LF ausführlich oben S. 159 ff. 944 Man schätzt, dass es in 80 % der Fälle zu einem derart großen Desinteresse der Gläubiger kommen wird, dass der Ausschuss eine Tätigkeit überhaupt nicht erst aufnehmen können wird, vgl. etwa Schiavon, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 674. 174 eine fehlende Stellungnahme945 oder eine fehlende Zustimmung946 des Gläubigerausschusses auf eine Rechtshandlung des Insolvenzverwalters hat, stellt sich grundsätzlich auch nach neuem Recht. Allerdings hat der Gesetzgeber den vor der Reform wütenden Meinungsstreit etwas entschärft. Zwar ist zweifelhaft, inwieweit ein Unterlassen des Ausschusses eine Rechtsverletzung darstellt und nach Art. 36 LF angegriffen werden kann.947 Immerhin kann aber der beauftragte Richter einen Beschluss des Ausschusses nach Art. 41 Abs. 4 LF ersetzen.948 Soweit es auch an einem Beschluss des beauftragten Richters fehlt, besteht das Problem fort, welche Auswirkungen dies auf eine zustimmungsbedürftige Handlung des Insolvenzverwalters hat. a) Grundsätzliches Entgegen vereinzelter Gegenstimmen949 soll nach der herrschenden Meinung der Mangel einer fehlenden Zustimmung die Wirksamkeit einer Rechtshandlung zu- 945 Eine ohne die erforderliche Stellungnahme des Ausschusses vorgenommene Handlung sollte nur innerhalb einer kurzen Frist mit den Rechtsbehelfen des Insolvenzverfahrens angegriffen werden können, vgl. dazu Corte di Cassazione 11.03.1987, n. 2523; Corte di Cassazione 09.03.1995, n. 2730; Corte di Cassazione 03.01.1998, n. 16; Cesqui, Rivista di diritto processuale 1994, 690 (692 f.); Fiale, Diritto fallimentare, S. 125; Rocco di Torrepadula, in: Nigro/Sandulli (Hrsg.), La riforma della legge fallimentare, I, S. 271; vgl. im Einzelnen auch Gallesio-Piuma, in: Panzani (Hrsg.), Il fallimento, III, S. 114; a.A.: etwa noch De Martini, Giurisprudenza italiana 1948, 137 (143 f.), der eine Anfechtbarkeit nach Art. 1441 Codice Civile annahm. 945 Corte di Cassazione 14.07.1987, n. 6121. 946 Nach der wohl h.M. war eine Handlung des Insolvenzverwalters ohne die Zustimmung des zuständigen Organs (meist der beauftragte Richter) anfechtbar, wobei der Mangel nach Art. 1441 Codice civile nur von den Insolvenzbeteiligten und nicht von der Gegenseite geltend gemacht werden konnte, Corte di Cassazione 08.08.1995, n. 8669; zustimmend Gallesio- Piuma, in: Panzani (Hrsg.), Il fallimento, III, S. 83; vgl. auch Bonfatti/Censoni, Manuale di diritto fallimentare, S. 88; Grossi, La riforma della legge fallimentare, S. 521; Ianniello, Il nuovo diritto fallimentare, S. 82; Spagnuolo, in: Nigro/Sandulli (Hrsg.), La riforma della legge fallimentare, I, S. 217; a.A.: (für Unwirksamkeit) etwa etwa Caselli, in: Bricola/Galgano/Santini (Hrsg.), Commentario Scialoja-Branca, S. 161 ff. und 190 ff.; zum Ganzen ausführlich Gallesio-Piuma, in: Panzani (Hrsg.), Il fallimento, III, S. 82 f. m.w.N.; vgl. auch Proto, Il fallimento, 1001, 1004, FN 17. 947 Dazu oben S. 162. 948 Siehe dazu oben S. 159 ff. 949 Teilweise wird vertreten, dass die fehlende Ermächtigung des Ausschusses – entsprechend der Rechtslage bei fehlender Zustimmung des beauftragten Richters nach altem Recht – Einfluss auf die Wirksamkeit der Handlung des Insolvenzverwalters habe (Guglielmucci, Diritto fallimentare, S. 80; nach noch a.A.: sollen Handlungen, die auf Vollzug eines Vertrages gerichtet sind, in den der Insolvenzverwalters ohne die erforderliche Zustimmung des Gläubigerausschusses nicht nach Art. 72 LF eingetreten ist, nicht gegenüber der Masse geltend gemacht werden können (Vattermoli, in: Nigro/Sandulli (Hrsg.), La riforma della legge fallimentare, I, S. 419). 175 nächst unberührt lassen und nur innerhalb des Verfahrens geltend zu machen sein.950 Das bedeutet zum einen, dass die Rechtshandlung gemäß Art. 36 LF angefochten werden kann.951 Zum anderen kann der Mangelentsprechend dem Rechtsgedanken des Art. 1441 Codice Civile nur von den Konkursbeteiligten, nicht aber von der Gegenseite geltend gemacht werden.952 Allerdings soll es auch möglich sein, die fehlende Zustimmung mit ex tunc Wirkung zu heilen: Der Ausschuss kann einer Anfechtung zuvorkommen, wenn er die betreffende Handlung nachträglich genehmigt.953 b) Anfechtung nach Art. 36 LF Wird die Handlung des Insolvenzverwalters nach Art. 36 LF erfolgreich angefochten, wird sie grundsätzlich unwirksam und die bereits eingetretenen Wirkungen werden hinfällig,954 soweit der Akt nicht zwischenzeitlich durch eine Zustimmung des Ausschusses geheilt wurde.955 Soweit der Insolvenzverwalter aber im Zuge der Verwertung der Masse bewegliche Sachen veräußert hat und die Veräußerungshandlung vor der Anfechtung Wirksamkeit entfaltete, soll der erwerbende Dritte über die Regeln des gutgläubigen Erwerbs (nach Art. 1153 Codice civile) geschützt werden, wobei sich der gute Glaube je nach Situation auch auf die Ermächtigung des Aus- 950 Abete, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 599 ff.; Ghedini, in: Ferro, La legge fallimentare, S. 267; Limitone, in: Ferro/Nappi (Hrsg.), Le insinuazioni al passivo, S. 121; Minutoli, in: Ferro, La legge fallimentare, S. 311; Pacchi, in: Bertacchini et al., Manuale di diritto fallimentare, S. 98; Proto, in: Schiano di Pepe (Hrsg.), Il diritto fallimentare riformato, S. 116; Rocco di Torrepadula, in: Nigro/Sandulli (Hrsg.), La riforma della legge fallimentare, I, S. 271; Schiavon, Il comitato dei creditori, S. 9; Schiavon, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 687; Tedeschi, Manuale del nuovo diritto fallimentare, S. 186; Zanichelli, La nuova disciplina del fallimento, S. 66; vgl. auch Allegritti, Diritto delle banche e del mercato finanziario 2006, 91 (101); Vitiello, in: Ambrosini, La riforma della legge fallimentare, S. 85. 951 Abete, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 599 ff.; Mantovani, in: Ferro, La legge fallimentare, S. 272; vgl. auch Limitone, in: Ferro/Nappi (Hrsg.), Le insinuazioni al passivo, S. 121; Trisorio Liuzzi, in: Fabiani et al., Il Foro Italiano 2006, V, 174 (200); a.A.: offenbar Ghedini, in: Ferro, La legge fallimentare, S. 267, die Art. 26 LF als einschlägige Norm nennt. 952 Ghedini, in: Ferro, La legge fallimentare, S. 267; Minutoli, in: Ferro, La legge fallimentare, S. 311. 953 Ghedini, in: Ferro, La legge fallimentare, S. 267; Limitone, in: Ferro/Nappi (Hrsg.), Le insinuazioni al passivo, S. 121; Pacchi, in: Bertacchini et al., Manuale di diritto fallimentare, S. 98; Rocco di Torrepadula, in: Nigro/Sandulli (Hrsg.), La riforma della legge fallimentare, I, S. 271; Schiavon, Il comitato dei creditori, S. 9; Schiavon, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 687. 954 Abete, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 602 f. und 613 f. 955 Zu Art. 35 LF Abete, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 602 f. 176 schusses beziehen muss.956 Im Übrigen wird eine gewisse Rechtssicherheit durch die achttägige Anfechtungsfrist des Art. 36 LF sichergestellt. 2. Auswirkungen einer fehlerhaften Mitwirkung Ist ein Beschluss des Gläubigerausschusses wegen eines Rechtsfehlers (also etwa wegen des Fehlens der notwendigen Mehrheit) anfechtbar,957 soll hinsichtlich der vom Insolvenzverwalter vorgenommenen Ausführungshandlung wie folgt zu differenzieren sein. Wurde die fehlerhafte Zustimmung angefochten, noch bevor die Handlung, zu der der Ausschuss seine Ermächtigung erteilt hat, ausgeführt wurde, soll der jeweiligen Ausführungshandlung keine Wirkung zukommen.958 Wurde die Handlung, zu der der Ausschuss fehlerhaft ermächtigt hat, bereits ausgeführt und werden Zustimmung und Ausführungshandlung nachträglich zusammen nach Art. 36 LF erfolgreich angefochten, soll die Nichtigerklärung durch das Gericht grundsätzlich auch alle bereits entfalteten Wirkungen beseitigen. Soweit die Handlung, der der Ausschuss zugestimmt hat, bereits Wirkung gegenüber Dritten gehabt hat, sollen diese bei beweglichen Sachen über die Regeln des gutgläubigen Erwerbs nach Art. 1153 Codice civile geschützt sein.959 Die Handlung, die der Zustimmung des Ausschusses bedurfte, ist und bleibt wirksam, wenn die fehlerhafte Zustimmung nicht innerhalb der achttägigen Frist angefochten wurde. 960 Denn die nicht fristgerechte Anfechtung soll wie eine nachträgliche Zustimmung der Ausschussmitglieder wirken, die gegen oder zumindest nicht für den Beschluss gestimmt haben.961 VIII. Durchsetzbarkeit des Beschlusses Entscheidungen, die im Hinblick auf das Zustimmungserfordernis ergehen, haben bindenden Charakter.962 Dies entspricht der Auffassung des Gesetzgebers963 und es 956 Abete, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 603 und 613; ähnlich Grossi, La riforma della legge fallimentare, S. 535. 957 Siehe dazu auch Ghedini, in: Ferro, La legge fallimentare, S. 267. 958 Abete, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 604 f. 959 So zu Art. 35 LF Abete, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 604. 960 So zu Art. 35 LF Abete, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 604 f. 961 So zu Art. 35 LF Abete, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 605. 962 Fondazione Luca Pacioli, Tutela delle minoranze, S. 4 ff.; Sorci, in: Terranova (Hrsg.), La nuova legge fallimentare,, S. 199, deren Bemerkung “il parere dei creditori risulta vincolante in ogni caso”, sich in erster Linie auf das „parere favorevole“ in Art. 104 LF bezieht und wohl nicht dahingehend zu interpretieren ist, dass auch die bloße Stellungnahme, die nach anderen Normen erforderlich ist, für die anderen Organe bindende Wirkung hat.

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Zusammenfassung

Die umfassende Gläubigerbeteiligung hat eine lange Tradition im deutschen Insolvenzrecht. In der Praxis beteiligen sich die Gläubiger jedoch häufig nicht. Dieser Umstand und unausgewogene Entscheidungen der Gläubiger können das Verfahrensziel, die bestmögliche Befriedigung der Gläubiger, gefährden. Die Untersuchung vergleicht die Gläubigerbeteiligung nach der deutschen Insolvenzordnung mit der durch das decreto legislativo 9 gennaio 2006, n. 5 und das decreto legislativo 12 Settembre 2007, n. 169 reformierten legge fallimentare. Die Arbeit erörtert umfassend aktuelle juristische Fragen. Der rechtsvergleichende Teil bezieht Ansätze der ökonomischen Analyse des Rechts und der Verhaltensökonomik ein, um konkrete Änderungsvorschläge zu erarbeiten.