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Christoph Niemeyer, Das Gesetz vom 10. Juli 1930, Nr. 995 in:

Christoph Niemeyer

Gläubigerbeteiligung im Regelinsolvenzverfahren, page 122 - 124

Eine rechtsvergleichende Untersuchung zum deutschen und italienischen Recht

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4216-8, ISBN online: 978-3-8452-1579-2 https://doi.org/10.5771/9783845215792

Series: Schriften zum Insolvenzrecht, vol. 33

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122 bei der Verwaltung des Ausschusses mitwirken sollte.608 Im Einzelnen sah der Codice di Commercio vor, dass die Gläubigerversammlung mit der Stimmenmehrheit den durch das Gericht eingesetzten Verwalter durch einen Verwalter ihres Vertrauens ersetzen konnte.609 Ein Beurteilungsspielraum des Gerichts hinsichtlich der Ernennung des Insolvenzverwalters bestand nicht.610 Wie im deutschen Recht konnte die Versammlung außerdem einen fakultativen Gläubigerausschuss einsetzen611 und dessen Mitglieder wählen.612 Außerdem konnte sie über die Fortführung des schuldnerischen Unternehmens entscheiden.613 Daneben bestanden umfassende und weitreichende Verwaltungs- und Mitwirkungsbefugnisse des Ausschusses.614 In Bezug auf den Ausschuss gab es freilich auch einige Unterschiede zum deutschen Recht; so konnte etwa der Ausschuss nur aus drei oder fünf Mitgliedern bestehen.615 Der Codice di Commercio von 1882 zog aber auch eine Reihe von Schwierigkeiten nach sich. Die Wahlen der Gläubigerversammlung – soweit sie überhaupt stattfanden – empfand man als missbräuchlich,616 da wenige starke Gläubiger die Wahl maßgeblich beeinflussen konnten. Daher repräsentierte der Gläubigerausschuss in der Regel nur die Interessen dieser Gläubiger.617 Auch die Mitwirkungsrechte des Ausschusses wurden bald als störend für den regulären Verlauf des Verfahrens insbesondere in der Phase der Verwertung empfunden.618 III. Das Gesetz vom 10. Juli 1930, Nr. 995 1930, also in dem Jahr, in dem die Weltwirtschaftskrise sich besonders deutlich in Italien bemerkbar machte,619 kam es (nach Jahren einer liberaleren Wirtschaftspoli- 608 Calamandrei, Del fallimento, S. 233. 609 Art. 719 Codice di Commercio lautete: „Qualora i creditori nell’adunanza di chiusura del processo verbale di verificazione dei crediti, o successivamente, domandino che al curatore nominato dal tribunale venga surrogato un curatore di loro fiducia, sebbene non compreso nel ruolo degli eleggibili od interessato nel fallimento, e la domanda sia appoggiata dalla maggioranza richiesta per la validità del concordato, la surrogazione dev’essere accordata.”; vgl. dazu auch die Gesetzesbegründung in: Regno d'Italia, Lavori preparatorii, II.1, S. 302. 610 Calamandrei, Del fallimento, S. 719. 611 Vgl. dazu Navarrini, Le nuove disposizioni in materia fallimentare, S. 68: “Tant’è che la pratica ha reso finora [1931] facoltativo l’organo [la delegazione dei creditori]”. 612 Regno d'Italia, Lavori preparatorii, II.1, S. 303; Bozza, Il fallimento 2005, 1051 (1062); vgl. auch Calamandrei, Del fallimento, S. 222 f.; Proto, Il fallimento, 1001. 613 Brunetti, Diritto fallimentare, S. 229; Bozza, Il fallimento 2005, 1051 (1062). 614 Calamandrei, Del fallimento, S. 225 f.; Schiavon, in Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 668; vgl. im Einzelnen auch Bozza, Il fallimento 2005, 1051 (1062). 615 Vgl. Calamandrei, Del fallimento, S. 223 f. 616 Vgl. dazu Gallesio-Piuma, in: Panzani (Hrsg.), Il fallimento, III, S. 105. 617 Vgl. Caselli, in: Bricola/Galgano/Santini (Hrsg.), Commentario Scialoja-Branca, S. 244 f. 618 Schiavon, Il comitato dei creditori, S. 1; Schiavon, in Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 667. 619 Procacci, Geschichte Italiens und der Italiener, S. 365. 123 tik durch die Faschisten)620 zu einer tiefgreifenden Reform im Insolvenzrecht. Das Gesetz 10. Juli 1930, Nr. 995 verwandelte das vorwiegend von den Gläubigern beeinflusste Verfahren in ein dirigistisches, überwiegend vom Staat gelenktes Verfahren621 und antizipierte damit viele Regelungen der Legge fallimentare von 1942.622 Die Interessen der Gläubiger sollten zwar weiterhin geschützt, die Rolle der gerichtlichen Organe jedoch dem Zeitgeist entsprechend gestärkt werden.623 Daher sollte dem beauftragten Richter eine zentrale Stellung zugewiesen werden.624 Eines der dringendsten Anliegen des Gesetzes war es, eine stärkere Kontrolle über den Verwalter zu gewinnen, der häufig seine Position zum Nachteil der Gläubiger missbrauchte.625 Als Gründe für die Missstände wurden unter anderem auch fundamentale Mängel in der Auswahl und der Ernennung des Verwalters genannt.626 Dies war, zusammen mit der neuen Rolle als Hilfsperson des Gerichts, die man dem Insolvenzverwalter zuwies, der tragende Grund dafür, dass man das Wahlrecht der Gläubiger auf das Gericht übertrug.627 Die Einsetzung einer delegazione dei creditori, die zuvor fakultativ gewesen war, wurde obligatorisch.628 Ihre Ernennung kam dem beauftragten Richter zu, der die Auswahl der Mitglieder – soweit möglich – anhand einer von der Gläubigerversammlung erstellten Liste vornahm.629 Die Entscheidungsbefugnis des beauftragten Richters diente dazu, die „tadelhaften Manöver der üblichen Manipulatoren bei Versammlungswahlen“ zu vermeiden.630 Denn die mit weniger Skrupel behafteten Gläubiger schafften es, eine Besetzung des Ausschusses durchzusetzen, deren lautere Absichten nicht immer über jeden Zweifel erhaben waren.631 Man sah in dieser Regelung darüber hinaus die beste Gewähr dafür, dass geeignete Personen in den Gläubigerausschuss gewählt wurden.632 620 Procacci, Geschichte Italiens und der Italiener, S. 358. 621 Cabras, La governance del fallimento, S. 1; D’Attorre, in: Nigro/Sandulli (Hrsg.), La riforma della legge fallimentare, I, S. 236 f. 622 D’Attorre, in: Nigro/Sandulli (Hrsg.), La riforma della legge fallimentare, I, S. 236 f. 623 Vgl. den Parlamentsbericht der Abgeordneten Asquini und Arcangeli, abgedruckt in: Le Leggi 1930, S. 570 f.; polemisierend Penazzo, La concezione fascista del fallimento, S. 1 ff. 624 Vgl. im Einzelnen Brunetti, Diritto fallimentare, S. 180 ff. 625 Relazione ministeriale alla camera dei deputati, Le Leggi 1930, S. 562 (562); vgl. auch Navarrini, Le nuove disposizioni in materia fallimentare, S. 29 f. 626 Navarrini, Le nuove disposizioni in materia fallimentare, S. 30. 627 Relazione ministeriale alla camera dei deputati, Le Leggi 1930, S. 562 (564). 628 Brunetti, Diritto fallimentare, S. 225; vgl. auch Navarrini, Le nuove disposizioni in materia fallimentare, S. 68. 629 Art. 6 des Gesetzes 10. Juli 1930, Nr. 995. 630 So der parlamentarische Bericht, zitiert nach Brunetti, Diritto fallimentare, S. 224; Monti, La legislazione fallimentare vigente, S. 45; Navarrini, Le nuove disposizioni in materia fallimentare, S. 66 f. (“le deplorevoli manovre dei soliti manipolatori delle elezioni assembleari”). 631 Monti, La legislazione fallimentare vigente, S. 45: “[…] i creditori meno scrupolosi riuscivano ad ottenere la composizione di una delegazione la cui purità di intenti non era sempre limpida.”. 632 Relazione ministeriale alla camera dei deputati, Le Leggi 1930, S. 562 (566); vgl. auch Brunetti, Diritto fallimentare, S. 225. 124 Mit der Abschaffung der Wahlrechte der Gläubiger ließ sich auch die erste anzuberaumende Gläubigerversammlung abschaffen, die ohnehin als wild („tumultuosa“) und srörend für den weiteren Verfahrensverlauf beschrieben wurde.633 Trotz der umfangreichen Einschränkungen blieb neben einigen anderen Befugnissen das Recht der Gläubiger erhalten, in einer späteren Versammlung über die Betriebsfortführung zu entscheiden.634 Bereits zu dieser Zeit wurde allerdings der Sinn der gesetzgeberischen Entscheidung, die Ernennung eines Organs den Gläubigern zu entziehen, das gerade die Interessen dieser Gläubiger wahrnehmen sollte, in Frage gestellt.635 Die Reform sei eher auf die antidemokratische und autoritative Tendenz des Gesetzgebers zurückzuführen und sie habe letztlich dazu geführt, dass das private Interesse als Antrieb des Insolvenzverfahrens abhanden gekommen sei.636 IV. Das Königliche Dekret von 1942 Das königliche Dekret von 1942 sollte auf die zu liberale Konzeption des Codice di Commercio von 1882 reagieren und die im Gesetz von 1930 angelegten Prinzipien im Sinne eines energischeren Schutzes des allgemeinen Interesses gegenüber dem Einzelinteresse ausbauen.637 Der Schutz der Gläubiger wurde als höchstes Interesse der Allgemeinheit anerkannt.638 Um diesen Schutz zu verwirklichen, sollte das Gesetz so ausgestaltet werden, dass das allgemeine Interesse nicht durch Sonderinteressen des Schuldners oder einzelner Gläubiger unterlaufen werden konnte.639 Das beinhaltete zum einen eine Steigerung der gerichtlichen Kompetenzen und die Konzentration der Kompetenzen, die nach der vorherigen Gesetzgebung der Gläubigerversammlung zugewiesen wurden, im Gläubigerausschuss.640 Zum anderen sollte aber die allgemeine Wirtschaft dadurch geschützt werden, dass die Sicherheit und Verlässlichkeit von geschäftlichen Beziehungen durch die Beseitigung der Unternehmer gestärkt wurden, die ihre Verpflichtungen nicht ordnungsgemäß erfüllten.641 633 Relazione ministeriale alla camera dei deputati, Le Leggi 1930, S. 562 (565). 634 Vgl. Brunetti, Diritto fallimentare, S. 228. 635 Navarrini, Le nuove disposizioni in materia fallimentare, S. 68. 636 Vgl. die Nachweise bei Caselli, in: Bricola/Galgano/Santini (Hrsg.), Commentario Scialoja- Branca, S. 243, FN 1. 637 Relazione ministeriale al Re sul regio decreto 16.03.1942, Nr. 267, Gazzetta Ufficiale 06.04.1942, S. 3 (4). 638 Relazione ministeriale al Re sul regio decreto 16.03.1942, Nr. 267, Gazzetta Ufficiale 06.04.1942, S. 3 (4). 639 Relazione ministeriale al Re sul regio decreto 16.03.1942, Nr. 267, Gazzetta Ufficiale 06.04.1942, S. 3 (4). 640 Relazione ministeriale al Re sul regio decreto 16.03.1942, Nr. 267, Gazzetta Ufficiale 06.04.1942, S. 3 (4). 641 Vgl. Forgillo, Il nuovo ruolo del curatore, S. 15; Jorio, in: Jorio/Fabiani (Hrsg.), Il nuovo diritto fallimentare, I, S. 2; siehe auch Relazione ministeriale al Re sul regio decreto 16.03.1942, Nr. 267, Gazzetta Ufficiale 06.04.1942, S. 3 (4).

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Zusammenfassung

Die umfassende Gläubigerbeteiligung hat eine lange Tradition im deutschen Insolvenzrecht. In der Praxis beteiligen sich die Gläubiger jedoch häufig nicht. Dieser Umstand und unausgewogene Entscheidungen der Gläubiger können das Verfahrensziel, die bestmögliche Befriedigung der Gläubiger, gefährden. Die Untersuchung vergleicht die Gläubigerbeteiligung nach der deutschen Insolvenzordnung mit der durch das decreto legislativo 9 gennaio 2006, n. 5 und das decreto legislativo 12 Settembre 2007, n. 169 reformierten legge fallimentare. Die Arbeit erörtert umfassend aktuelle juristische Fragen. Der rechtsvergleichende Teil bezieht Ansätze der ökonomischen Analyse des Rechts und der Verhaltensökonomik ein, um konkrete Änderungsvorschläge zu erarbeiten.