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Christoph Niemeyer, Kompetenzen in:

Christoph Niemeyer

Gläubigerbeteiligung im Regelinsolvenzverfahren, page 96 - 97

Eine rechtsvergleichende Untersuchung zum deutschen und italienischen Recht

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4216-8, ISBN online: 978-3-8452-1579-2 https://doi.org/10.5771/9783845215792

Series: Schriften zum Insolvenzrecht, vol. 33

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96 III. Kompetenzen 1. Geschriebene Kompetenzen Wie bereits oben erwähnt wird die allgemeine Funktion des Gläubigerausschusses in § 69 S. 1 InsO umschrieben. Weitere Befugnisse werden in der Insolvenzordnung genannt.456 So stehen ihm verschiedene Antragsrechte zu,457 vgl. etwa §§ 74, 75 InsO. Daneben hat er die Möglichkeit, sich über bestimmte Vorgänge zu informieren (insbesondere Unterrichtung von dem Insolvenzverwalter zu verlangen oder Akteneinsicht zu nehmen).458 Dieser umfassende Auskunftsanspruch steht nicht nur dem Ausschuss als Ganzem, sondern auch jedem einzelnen Mitglied zu.459 Freilich soll dieser begrenzt werden, wenn das Ausschussmitglied selbst betroffen ist – wie etwa bei einem gegen ihn beabsichtigten Anfechtungsprozess.460 Ferner werden die maßgeblichen Zustimmungskompetenzen der Gläubigerversammlung bei Einsetzung eines Ausschusses auf diesen verlagert,461 vgl. § 160 InsO. Im Fall von Zustimmungserfordernissen muss der Ausschuss nicht zu jeder einzelnen Handlung seine Zustimmung erteilen. Vielmehr kann der Gläubigerausschuss – wie die Gläubigerversammlung – dem Insolvenzverwalter eine Rahmenzustimmung erteilen, die sich auch auf Gegenstände im Sinne des § 160 Abs. 2 InsO beziehen kann.462 Damit wird der Insolvenzverwalter zu allen Rechtshandlungen ermächtigt, die von dem vorgegebenen Rahmen erfasst werden.463 Eine Weisungsbefugnis gegenüber dem Insolvenzverwalter, bei der der Ausschuss initiativ entscheidet, besteht hingegen nach herrschender Auffassung nicht.464 456 Eine Übersicht findet sich etwa bei Hess, in: Hess/Weis/Wienberg, Insolvenzrecht, § 69 RN 7. 457 Vgl. dazu Heidland, Kölner Schrift zur Insolvenzordnung, S. 711 ff., RN 37 ff. 458 Vgl. Lachmann, Gläubigerrechte, RN 919; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 351; Uhlenbruck, KTS 1989, 527 (537); Vallender, WM 2002, 2040 (2047). 459 Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 333; Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 244. 460 Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 333, 341; Uhlenbruck, BB 1976, 1198 (1199); Voigt- Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 245; vgl. auch Kübler, in: Kübler/Prütting (Hrsg.), InsO, § 69 RN 23. 461 Ausführlich dazu Gundlach/Frenzel/Jahn, ZInsO 2007, 1028 (1029). 462 Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 253. 463 Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 253. 464 Andres, in: Andres/Leithaus/Dahl, Insolvenzordnung, § 69 RN 11; Delhaes, in: Nerlich/Römermann (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 68 RN 1; Kind, in: Wimmer (Hrsg.), Frankfurter Kommentar, § 69 RN 4; Gundlach/Frenzel/Jahn, ZInsO 2007, 1028 (1029); Vallender, WM 2002, 2040 (2046). 97 2. Ungeschriebene Kompetenzen? Über die sich aus dem Gesetz ergebenden Kompetenzen hinaus hat der Gläubigerausschuss keine weiteren Rechte.465 Insbesondere hat er über die in § 160 InsO geregelten Fälle keinen Einfluss auf die Geschäftsführung des Insolvenzverwalters466 und er hat auch gegenüber dem Verwalter keine Weisungskompetenz.467 IV. Verfahren und Beschlussfassung, 72 InsO Das Verfahren (dazu 1.), die Beschlussfähigkeit (dazu 2.) und die Beschlussfassung (dazu 3.) sind nur teilweise in § 72 InsO geregelt. 1. Verfahren Der Ausschuss kann sich aber selbst organisieren und sich insbesondere eine Geschäftsordnung geben.468 Dahinter stand ursprünglich der Gedanke, dass die Mitglieder des Ausschusses frei sein sollten, die eigenen internen Regelungen zu gestalten, diese aber auch nicht die Unwirksamkeit eines Beschlusses zur Folge haben sollten.469 Die Vorstellung, dass Verstöße gegen das Binnenrecht keine Unwirksamkeit zur Folge haben, hat sich, wie noch zu zeigen sein wird, gewandelt. Folgt man dieser gewandelten Auffassung, erlangen auch die Regelungen der Geschäftsordnung einen anderen Stellenwert. In der Geschäftsordnung können etwa die Wahl des Vorsitzenden, die Einladungen zu den Sitzungen und die Form der Beschlussfassung geregelt werden.470 Ob 465 A.A.: Oelrichs, Gläubigermitwirkung und Stimmverbote, S. 70. 466 BT-Drucks. 12/2443, S. 174: „Soweit Rechtshandlungen von besonderer Bedeutung nicht vorgenommen werden, hat der Gläubigerausschuss keinen Einfluss auf die Geschäftsführung durch den Verwalter.“. 467 Andres, in: Andres/Leithaus/Dahl, Insolvenzordnung, § 69 RN 11; Blersch, in: Breutigam/Blersch/Goetsch, Insolvenzrecht, § 69 RN 3; Delhaes, in: Nerlich/Römermann (Hrsg.), Insolvenzordnung, § 68 RN 1; Frind, in: Schmidt (Hrsg.), Hamburger Kommentar-InsO, § 69 RN 2; Kind, in: Wimmer (Hrsg.), Frankfurter Kommentar, § 69 RN 4; Gundlach/Frenzel/Jahn, ZInsO 2007, 1028 (1029); Vallender, WM 2002, 2040 (2046). 468 Andres, in: Andres/Leithaus/Dahl, Insolvenzordnung, § 69 RN 4; Gundlach/Frenzel/Schmidt, NZI 2005, 304 (305); Hess, in: Hess/Weis/Wienberg, Insolvenzrecht, § 72 RN 1; Kind, in: Wimmer (Hrsg.), Frankfurter Kommentar, § 72 RN 2; Schmid-Burgk, in: Kirchhof/Lwowski/Stürner (Hrsg.), MünchKomm-InsO, § 72 RN 5; Pape, Gläubigerbeteiligung, RN 328; Uhlenbruck, ZIP 2002, 1373 (1375); Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 330. 469 Hahn, Materialien Konkursordnung, S. 286. 470 Einzelheiten bei Gundlach/Frenzel/Schmidt, NZI 2005, 304 ( 305 ff.); Uhlenbruck, ZIP 2002, 1373 (1375); Voigt-Salus/Pape, in: Mohrbutter/Ringstmeier/Bähr (Hrsg.), Insolvenzverwaltung, § 21 RN 330; Vallender, WM 2002, 2040 (2044).

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Zusammenfassung

Die umfassende Gläubigerbeteiligung hat eine lange Tradition im deutschen Insolvenzrecht. In der Praxis beteiligen sich die Gläubiger jedoch häufig nicht. Dieser Umstand und unausgewogene Entscheidungen der Gläubiger können das Verfahrensziel, die bestmögliche Befriedigung der Gläubiger, gefährden. Die Untersuchung vergleicht die Gläubigerbeteiligung nach der deutschen Insolvenzordnung mit der durch das decreto legislativo 9 gennaio 2006, n. 5 und das decreto legislativo 12 Settembre 2007, n. 169 reformierten legge fallimentare. Die Arbeit erörtert umfassend aktuelle juristische Fragen. Der rechtsvergleichende Teil bezieht Ansätze der ökonomischen Analyse des Rechts und der Verhaltensökonomik ein, um konkrete Änderungsvorschläge zu erarbeiten.