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Sascha Ziemann, Der Positivismus als Methode im Recht in:

Sascha Ziemann

Neukantianisches Strafrechtsdenken, page 91 - 92

Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus und ihre Rezeption in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4210-6, ISBN online: 978-3-8452-1595-2 https://doi.org/10.5771/9783845215952

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 53

Bibliographic information
91 Zweiter Teil Neukantianisches Strafrechtsdenken: Die Rezeption des Südwestdeutschen Neukantianismus in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts Nachdem im ersten Teil der Arbeit die Grundlinien der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus dargestellt worden sind (§ 1–3), geht es folgenden zweiten Teil der Arbeit um die Rezeption des Südwestdeutschen Neukantianismus in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts (§ 4–6). Zu diesem Zweck werden zunächst die Rahmenbedingungen der Rezeption (§ 4) sowie deren Durchführung (§ 5) erläutert. Anschließend folgt eine Würdigung der neukantianischen Traditionen des Neukantianischen Strafrechtsdenkens (§ 6). § 4 Die geistige Situation der Strafrechtswissenschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts – das Strafrecht unter der Herrschaft des Positivismus Zunächst ein kurzer Überblick über die geistige Situation der Strafrechtswissenschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Das strafrechtliche Denken dieser Zeit ist geprägt durch die Herrschaft des Positivismus468. Dieser lässt sich folgendermaßen charakterisieren: I. Der Positivismus als Methode im Recht 1. Gegenstandsaspekt: Die Beschränkung auf das vorgegebene empirische Gesetzesmaterial In seiner Anwendung auf das Recht ist der Positivismus zunächst dadurch gekennzeichnet, dass er seinen Gegenstand auf das vorgegebene empirische Gesetzesmaterial beschränkt. Der Rechtswissenschaftler, d. h. der Rechtsdogmatiker 468 Siehe Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965, § 272 ff. Allgemein zum Positivismus im Recht s. Larenz, Methodenlehre, 6. Aufl. 1991, S. 36 ff.; Wieacker, Privatrechtsgeschichte, 2. Aufl. 1967, S. 430 ff. Zur näheren Unterscheidung von Rechts- und Gesetzespositivismus s. Wieacker, aaO., S. 431/432 Fußn. 5. Zweiter Teil 92 hat sich ausschließlich mit dem positiven Recht zu beschäftigen. Sonstige außergesetzliche bzw. außerrechtliche Gesichtspunkte, wie zum Beispiel philosophische, historische, soziologische, wirtschaftliche oder politische Gesichtspunkte, sind für die Arbeit des Rechtsdogmatikers ohne Belang (Einzelheiten siehe unten § 4 II. >S. 92 ff.<). 2. Methodenaspekt: Die Anwendung kausalwissenschaftlich-empirischer und juristisch-logischer Methoden im Positivismus Zur Bearbeitung des vorgegebenen Gesetzesmaterials bedient sich der Positivismus zweier Methoden: zum einen der kausalwissenschaftlich-empirischen Methode, die das empirische Material auf Kausalverknüpfungen von Ursache und Wirkung untersucht469; zum anderen der juristisch-logischen Methode, welche die Rechtsbegriffe auf ihre logischen Beziehungen untersucht470 (Einzelheiten siehe unten § 4 II. >S. 92 ff.<). II. Zwei Erscheinungsformen des positivistischen Strafrechtsdenkens (Karl Binding und Franz v. Liszt) Im damaligen Strafrecht zeigt sich der Positivismus vor allem in zwei Erscheinungsformen471: im rechtswissenschaftlichen Positivismus (vor allem vertreten von Karl Binding) und im naturwissenschaftlichen (naturalistischen) Positivismus (vor allem vertreten von Franz von Liszt). 469 Diese Methode ist den Naturwissenschaften entlehnt und bildet die Grundlage des naturalistischen, d. h. naturwissenschaftlichen Denkens in der Rechtswissenschaft. Für eine Einführung z. B. Welzel, Naturalismus und Wertphilosophie im Strafrecht (1935), in: ders., Abhandlungen, 1975, S. 29 ff. (sowie S. 51 ff. am Beispiel des strafrechtlichen Naturalismus Franz v. Liszts). 470 Gelegentlich auch als »formaljuristische« Methode bezeichnet (s. Eb. Schmidt, Einführung, 3. Aufl. 1965, § 273 [am Beispiel Bindings], § 320 [für v. Liszt]). Für den Bereich des Privatrechts und dort insbesondere für die Methoden Puchtas und des frühen v. Jhering spricht man häufig – inhaltsgleich (wenn auch gelegentlich mit pejorativen Konnotationen) – von »Begriffsjurisprudenz« (Fikentscher, Methoden des Rechts, Bd. III, 1976, S. 87 ff.). 471 Siehe z. B. Mir Puig, Grenzen des Normativismus im Strafrecht, in: Symposium für Bernd Schünemann, 2005, S. 79. – Zum politischen Hintergrund des strafrechtlichen Positivismus siehe Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. Aufl. 1965, § 272 (S. 303 f.).

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Zusammenfassung

Die Zeit zwischen 1900 und 1933 gilt vielen als eine Glanzperiode strafrechtlicher Begriffs- und Systembildung, die trotz ihres gewaltsamen Endes bis heute den exzellenten Ruf der deutschen Strafrechtsdogmatik in aller Welt nährt. Ein Garant hierfür war die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fundierung, die nach einem Weg zwischen den Klippen des naiven Naturalismus oder Formalismus suchte und sich vor allem mit der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verbindet. Die Zusammenhänge eines „neukantianischen Strafrechtsdenkens“ liegen jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln.

Die Arbeit stößt in diese Forschungslücke. Sie beginnt mit der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms des Neukantianismus. Im Mittelpunkt steht die These, dass Wertungen, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit einem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten.

Die weiteren Ausführungen widmen sich der strafrechtlichen Umsetzung dieser These, wobei nachgewiesen wird, dass sie mit einer tiefgreifenden Transformation verbunden war, welche die gemeinhin behauptete neukantianische Prägung in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt.