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Sascha Ziemann, Das transzendentale Begründungsprogramm des Südwestdeutschen Neukantianismus in:

Sascha Ziemann

Neukantianisches Strafrechtsdenken, page 87 - 90

Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus und ihre Rezeption in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4210-6, ISBN online: 978-3-8452-1595-2 https://doi.org/10.5771/9783845215952

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 53

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Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 87 Als »Rechtswertlehre«444 prüft sie den Wert des Rechts, »um ein Verhältnis zum Recht zu gewinnen, um seine vielfachen Vorschriften beurteilen, aber auch um sie in dem grundsätzlich richtigen Geiste anwenden zu können.« (Mayer RPh 1922)445. Ziel dieser Rechtswertbetrachtung ist – so Mayer – die »Verständigung über die Idee des Rechts« (Mayer RPh 1922)446. Die Methode der Rechtswertbetrachtung ist der »kritischer Relativismus«, insofern die »in Frage stehenden Werte relativ sind, weil sie vom Kulturzustand abhängig sind« (Mayer RPh 1922)447. Der Relativismus ist »kritisch«, insofern ihm die Aufgabe zukommt, die »Werte [d. h. die Kulturwerte, S. Z.] zu ordnen und den höchsten Wert zu erkennen«448. Neben der Wertbetrachtung beschäftigt sich die Rechtsphilosophie auch mit dem »Begriff des Rechts«449. Als »Rechtsprinzipienlehre«450 beschäftigt sie sich mit der Herausarbeitung der »Grundbegriffe des Rechts aus dem Kulturprozeß, dessen Werdegang die Geschichte überliefert« (Mayer RPh 1922)451. IV. Das transzendentale Begründungsprogramm des Südwestdeutschen Neukantianismus Zum Abschluss ein näherer Blick auf das transzendentale Begründungsprogramm des Südwestdeutschen Neukantianismus. Es muss zunächst zugestanden werden, dass die Durchführung des transzendentalen Unternehmens einige Schwächen aufweist: zum einen verfolgen die südwestdeutschen Neukantianer keine einheitliche Argumentationslinie (s. oben § 3 III 2.b.bb. >S. 84 ff.<). Zum anderen erscheint die transzendentale Rechtfertigung der Möglichkeit und Gel- 444 Hierzu Mayer, Rechtsphilosophie, 1. Aufl. 1922, S. 5 und insb. S. 63 ff. (Abschn. »Die Idee des Rechts«). 445 Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 6. 446 Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 6; siehe auch S. 63 ff. (Abschnitt »Die Idee des Rechts«). 447 Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 69. 448 Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 69. Den höchsten Wert findet Mayer in der »Idee der Humanität« (s. Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 69; s. auch S. 31 u. ö.). Deren Wesen bestehe darin, »jeden Menschen als Menschen gelten zu lassen, also von allen gegebenen Zugehörigkeiten abzusehen und nur die […] Zugehörigkeit zur menschlichen Gesellschaft […] übrig zu lassen.« (Mayer, aaO., S. 31). Es hat daher – so Mayer weiter – für die »Kultur der menschlichen Gesellschaft« keine Bedeutung, »daß dieser Mensch ein Franzose und ein Katholik und ein Kaufmann und ein Feind ist« (Mayer, aaO., S. 31). 449 Mayer, Rechtsphilosophie, 1. Aufl. 1922, S. 5 und insb. S. 24 ff. (Abschnitt »Der Begriff des Rechts«). 450 Hierzu Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 5. 451 Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 6. Erster Teil 88 tung von objektiver und absoluter Erkenntnis nicht immer überzeugend. Hierzu im Folgenden einige kurze Überlegungen. 1. Die regressiv-transzendentale Argumentationslinie Wenn man überhaupt von einer transzendentalen Argumentation sprechen möchte, was hier bejaht wird452, dann lässt sich die Argumentation des Südwestdeutschen Neukantianismus als eine regressiv-transzendentale Argumentation klassifizieren453. „Regressiv“, d. h. rückwärts gerichtet ist die Argumentation dadurch, dass nach den Möglichkeitsbedingungen eines bereits als Faktum vorausgesetzten Wissens gefragt wird454. Auf unseren Fall bezogen und am Beispiel Windelband verdeutlicht: die Geltung des Normalbewusstseins wird dadurch bewiesen, dass sie als die unabdingbare Voraussetzung eines vorauszusetzenden »Glaubens an Allgemeingültigkeit« dargestellt wird455. 452 Wapler beispielsweise kritisiert die Zirkularität des wertphilosophischen Begründungsprogramms, in welchem die »absolute Unterscheidbarkeit von Wahrheit und Unwahrheit« sowohl »Voraussetzung« als auch »Ergebnis« sei (s. Wapler, Werte und das Recht, 2008, S. 88, im Orig. teilw. kursiv). 453 Im Gegensatz zu einer progressiv-transzendentalen Argumentation (hierzu unten bei FN 463). Die Unterscheidung regressiv/progressiv stammt ursprünglich von Kant (hierzu und zum systematischen Wert der Unterscheidung s. Aschenberg, Sprachanalyse und Transzendentalphilosophie, 1982, S. 259 ff.; ders., in: Schaper/ Vossenkuhl [Hrsg.], Bedingungen der Möglichkeit: „Transcendental arguments“ und transzendentales Denken, 1984, S. 57–62). Zu einem in der Sache ähnlichen Ergebnis kommt Bohlken, wenn auch mit anderer Begrifflichkeit. Bohlken unterscheidet zwischen einer synthetischen und analytischen Fassung der transzendentalen Methode (Bohlken, Grundlagen einer interkulturellen Ethik, 2002, S. 13). Am Beispiel von Rickert zeigt Bohlken, dass der (Südwestdeutsche) Neukantianismus eine analytische Fassung der transzendentalen Methode vertritt. Diese ziele darauf ab, »ein Faktum oder Explanandum auf die Bedingungen seiner Möglichkeit zu befragen.« (Bohlken, aaO, S. 13.). 454 Siehe z. B. Aschenberg, Sprachanalyse und Transzendentalphilosophie, 1982, S. 261. Die klassische Formulierung einer regressiv-transzendentalen Argumentation findet sich in Kants transzendentaler Deduktion der reinen Verstandesbegriffe bzw. Kategorien (dargestellt am Faktum „möglicher Erfahrung“, s. schon oben § 3 I 1. >S. 33 ff.<). Zur Kantischen Version einer regressiv-transzendentalen Argumentation s. Aschenberg, Sprachanalyse und Transzendentalphilosophie, 1982, S. 259 ff. 455 Ein weiterer Beleg für eine regressiv-transzendentale Argumentationsstrategie ist die Argumentation über das »Faktum der Wissenschaft«. S. hierzu z. B. den Marburger Neukantianer Hermann Cohen: »Nehme ich […] Erkenntnis nicht als eine Art und Weise des Bewußtseins sondern als ein Faktum, welches in der Wissenschaft sich vollzogen hat und auf gegebenen Grundlagen sich zu vollziehen fortfährt, so bezieht sich die Untersuchung nicht mehr auf eine immerhin subjektive Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 89 Die Stärke des regressiv-transzendentalen Arguments hängt allerdings davon ab, einen Satz zu formulieren, der auch vom Skeptiker als unzweifelhaft wahr anerkannt wird. Dies wird aber nur für schwache Thesen der Fall sein, und ein konsequenter Skeptiker wird selbst eine schwache These nicht zugestehen. So ist in unserem Fall der Skeptiker nicht argumentativ gezwungen, den von Windelband verlangten »Glauben an Allgemeingültigkeit«456 oder das von Rickert vorausgesetzte »Wissen-Wollen«457 anzuerkennen. Die Alternative, diese beiden Voraussetzungen entweder zu akzeptieren oder aus dem philosophischen Diskurs ausgeschlossen zu sein458, ist wenig überzeugend und bräuchte ihrerseits eine Begründung. 2. Die progressiv-transzendentale Argumentationslinie Eine solche Begründung könnte jedoch in der antiskeptischen Version der transzendentalphilosophischen Begründung zu finden sein, wie sie beispielsweise von Rickert ansatzweise vertreten wird (s. schon oben § 3 III. >S. 70 ff.<; Einzelheiten sogleich). Ausgangspunkt Rickerts ist die Suche nach den »unbezweifelbaren Grundlagen und Voraussetzungen alles Erkennens.«459 Er fragt, inwieweit sich die »transzendente theoretische Geltung« bezweifeln lässt, »ohne daß man dabei zugleich die Möglichkeit des Urteils überhaupt leugnet und die Verneinung infol- Tatsache, sondern auf einen wie sehr auch sich vermehrenden, so doch objektiv gegebenen und in Prinzipien gegründeten Tatbestand, […] die Wissenschaft. Alsdann wird die Frage nahegelegt und unzweideutig: aus welchen Voraussetzungen dieser Tatbestand der Wissenschaft seine Gewißheit ableite.« (Cohen, Das Prinzip der Infinitesimal-Methode und seine Geschichte, 1883, Nachdruck Frankfurt a. M. 1968, S. 47/48, Hervorh. im Orig. gesperrt). – Zur Zirkularität dieser Argumentationsstrategie siehe Aschenberg, Letztbegründung? In: Hiltscher/Georgi (Hrsg.), Perspektiven der Transzendentalphilosophie, 2002, S. 11–42, insb. S. 24 f. 456 Windelband: »Eine philosophische Untersuchung ist nur zwischen denjenigen möglich, welche überzeugt sind, daß eine Norm des Allgemeingiltigen über ihren individuellen Tätigkeiten steht, und daß es möglich ist, diese zu finden.« (Windelband, Kritische oder genetische Methode? [1883], in: Windelband, Präludien, Bd. 2, 9. Aufl. 1924, S. 123). Siehe bereits oben § 3 III 1.b.bb.(2). >S. 79 f.< 457 Rickert: »[D]as wirkliche Erkennen und Wissen setzt nicht nur geltende Wahrheit, sondern zugleich ein Erkennen- und Wissen-Wollen voraus.« (Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 271; Hervorh. im Orig. gesperrt). Siehe bereits oben § 3 III 1.b.bb.(2). >S. 79 f.< 458 S. dazu oben bei FN 395 u 397. 459 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 209; Hervorh. im Orig. gesperrt. Zur Bedeutung des erkenntnistheoretischen Zweifels siehe auch den gleichnamigen Abschnitt (S. 6 ff.). Erster Teil 90 gedessen sich selbst aufhebt.« (Rickert GE 1921)460. Rickert verneint diese Frage im Ergebnis und interpretiert die »transzendente theoretische Geltung« als »jeder Leugnung wie jedem Zweifel entzogen«461 (Rickert GE 1921)462. Die vorgestellte antiskeptische Argumentationslinie ist Teil einer progressivtranszendentalen Argumentationsstrategie463. Anders als die regressive Argumentation fragt die progressive-transzendentale Argumentation nicht nach den Bedingungen einer jeweils vorausgesetzten Erfahrung, sondern nach den Bedingungen jeder möglichen Erfahrung – die Argumentation ist vorwärts gerichtet, also „progressiv“464. Zur Erreichung dieses Erkenntnisziels bedient sie sich einer antiskeptischen Argumentation465, die das Ziel verfolgt, den zweifelnden Skeptiker bei Selbstanwendung seiner Aussage in einen Selbstwiderspruch zu verwickeln466. Durch diese Methode wird die Unhintergehbarkeit bestimmter Präsuppositionen der Argumentation nachgewiesen – sie wird zum „Konsistenztest“ transzendentaler Reflexion467. Mit der progressiv-transzendentalen Argumentationsstrategie ließe sich das transzendentale Begründungsprogramm des Südwestdeutschen Neukantianismus begründungsstark rekonstruieren. Dass diese begründungsstarke Lesart konzeptionell möglich ist, zeigen Rickerts Ausführungen zur erkenntnistheoretischen Bedeutung des Zweifels. 460 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 210; Hervorh. im Orig. gesperrt. 461 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, aaO., S. 212. 462 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, aaO., S. 212. 463 Zu dieser transzendentalen Argumentationsstrategie siehe z. B. Aschenberg, Sprachanalyse und Transzendentalphilosophie, 1982, S. 261. 464 In den Diskurstheorien von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas ist die Rede von „Präsuppositionen“ des Denkens bzw. der Argumentation. 465 Zur Tradition der Anti-Skeptiker-Argumentation s. Aschenberg, Letztbegründung? In: Hiltscher/Georgi (Hrsg.), Perspektiven der Transzendentalphilosophie, 2002, S. 26 f.; Kuhlmann, Reflexive Letztbegründung, 1985, insb. S. 254 ff. 466 In der modernen Wissenschaftstheorie spricht man von sog. „performativen Selbstwidersprüchen“ (z. B. im Begründungsprogramm der Diskurstheorien von Apel und Habermas). Mit ihrer Hilfe werden „Geltungsansprüche“ auf ihre Gültigkeit überprüft. Zu dieser Argumentfigur Aschenberg, Letztbegründung? In: Hiltscher/Georgi (Hrsg.), Perspektiven der Transzendentalphilosophie, 2002, S. 26 ff.; Kettner, Ansatz zu einer Taxonomie performativer Selbstwidersprüche, in: Dorschel/Kettner u. a. (Hrsg.), Transzendentalpragmatik, 1993, S. 187–211; Grundmann, Analytische Transzendentalphilosophie, 1994, S. 313 ff. 467 Zum Motiv der „Letztbegründung“ in der Kantischen Erkenntnistheorie s. Tschentscher, Kantische Letztbegründung, 2002, insb. S. 54 ff.; Aschenberg, Letztbegründung? In: Hiltscher/Georgi (Hrsg.), Perspektiven der Transzendentalphilosophie, 2002, S. 15 ff.

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Zusammenfassung

Die Zeit zwischen 1900 und 1933 gilt vielen als eine Glanzperiode strafrechtlicher Begriffs- und Systembildung, die trotz ihres gewaltsamen Endes bis heute den exzellenten Ruf der deutschen Strafrechtsdogmatik in aller Welt nährt. Ein Garant hierfür war die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fundierung, die nach einem Weg zwischen den Klippen des naiven Naturalismus oder Formalismus suchte und sich vor allem mit der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verbindet. Die Zusammenhänge eines „neukantianischen Strafrechtsdenkens“ liegen jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln.

Die Arbeit stößt in diese Forschungslücke. Sie beginnt mit der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms des Neukantianismus. Im Mittelpunkt steht die These, dass Wertungen, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit einem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten.

Die weiteren Ausführungen widmen sich der strafrechtlichen Umsetzung dieser These, wobei nachgewiesen wird, dass sie mit einer tiefgreifenden Transformation verbunden war, welche die gemeinhin behauptete neukantianische Prägung in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt.