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Sascha Ziemann, Legitimationsaspekt: Die Legitimationsfunktion der Wertphilosophie in:

Sascha Ziemann

Neukantianisches Strafrechtsdenken, page 70 - 87

Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus und ihre Rezeption in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4210-6, ISBN online: 978-3-8452-1595-2 https://doi.org/10.5771/9783845215952

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 53

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Erster Teil 70 wissenschaft, aber die Methode einer Normwissenschaft.« (Radbruch RPh 1914/22)330. Als kulturwissenschaftliche Methode der Rechtsdogmatik bestimmt Radbruch – im Anschluss an Rickert – die »wertbeziehende« Betrachtungsweise des Rechts331. Diese »liest aus der Gegebenheit […] diejenigen Bestandteile aus, welche zu Werten in irgendeiner Beziehung stehen […].« (Radbruch RPh 1914/22)332. Radbruch bezeichnet die juristische Begriffsbildung an anderer Stelle auch als »teleologische[r] Begriffsbildung« bzw. »juristisch-teleologischer Begriffsbildung«333. III. Legitimationsaspekt: Die Legitimationsfunktion der Wertphilosophie Ein dritter Hauptsaspekt des Südwestdeutschen Neukantianismus ist die Legitimationsfunktion der Wertphilosophie. Die Wertphilosophie bildet das argumentative Kernstück des Südwestdeutschen Neukantianismus. Ihr kommt die Aufgabe zu, die Möglichkeit und Gel- 330 Radbruch, Grundzüge der Rechtsphilosophie, 1./2. Aufl. 1914/22, in: GRGA, Bd. 2, S. 176. 331 Radbruch, Grundzüge der Rechtsphilosophie, aaO., GRGA, Bd. 2, S. 53 (in Fußn. 7 mit Verw. auf Rickerts Schriften »Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung«, »Naturwissenschaft u. Kulturwissenschaft« und »Geschichtsphilosophie«); ebenso Radbruch, Rechtsphilosophie, 3. Aufl. 1932, in: GRGA, Bd. 2, S. 228 u. insb. S. 356. Die wertbeziehende Betrachtung des Rechts ist hierbei einerseits zur wertblinden Betrachtung der Naturwissenschaften abzugrenzen, andererseits zur bewertenden Rechtsbetrachtung – als Aufgabe der Rechtsphilosophie – und zur wert- überwindenden Betrachtung des Rechts – als Aufgabe der Religionsphilosophie – (s. Radbruch, Rechtsphilosophie, 3. Aufl. 1932, in: GRGA, Bd. 2, S. 228). 332 Radbruch, Grundzüge der Rechtsphilosophie, 1./2. Aufl. 1914/22, in: GRGA, Bd. 2, S. 53; ähnl. ders., Rechtsphilosophie, 3. Aufl. 1932; GRGA, Bd. 2, S. 356. 333 Radbruch, Grundzüge der Rechtsphilosophie, 1./2. Aufl. 1914/22, in: GRGA, Bd. 2, S. 190 u. 191. Die Bezeichnung „teleologisch“ findet sich bereits bei Rickert und Lask und wird bei beiden synonym zu „wertbeziehend“ gebraucht (s. den Hinw. in § 3 FN 298). Eine solche Interpretation liegt auch bei Radbruch nahe, für den die Frage nach dem »Zwecke des Rechts« »gleichbedeutend« ist mit der Frage »nach seinem Wert, seinem Sinn, seiner Idee, seiner Richtigkeit, seiner Gerechtigkeit« (siehe Radbruch, Grundzüge der Rechtsphilosophie, 1./2. Aufl. 1914/22, in: GRGA, Bd. 2, S. 91; ähnl. in der 3. Auflage 1932 mit der Einführung des Kompositums »Zweckidee«, »an der das Recht zu messen ist« und die nur »durch die Besinnung, welchem von den Werten […] das Recht zu dienen bestimmt und geeignet ist«, siehe Radbruch, Rechtsphilosophie, 3. Aufl. 1932, in: GRGA, Bd. 2, S. 278 f.). Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 71 tung von objektiver und absoluter Erkenntnis transzendental zu begründen (aus diesem Grund auch Legitimationsaspekt genannt; Einzelheiten sogleich)334. 1. Die Grundidee der neukantianischen Wertphilosophie Zum Zwecke der Darstellung sollen zwei Kernthesen der neukantianischen Wertphilosophie unterschieden werden: 1. die „Wert- und Geltungstheoretische These“ und 2. die „Transzendentalphilosophische These“. a) Die Wert- und Geltungsbestimmtheit des Erkennens („Wert- und Geltungstheoretische These“) Die erste Kernthese der neukantianischen Wertphilosophie ist die „Wert- und Geltungstheoretische These“. Darunter ist die These zu verstehen, dass Wertungen, die, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit dem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten („Wert- und Geltungstheoretische These“). Im Einzelnen: aa) Die Subjektivität und Relativität von Wertungen Ausgangspunkt der Wert- und Geltungstheoretischen These ist die Beobachtung, dass Wertungen auf den ersten Blick subjektiv und relativ sind. Unter Wertungen335 sind nach Windelband »Äußerungen des Beifalls oder des Mißfallen«336 bzw. das »Gefühl der Billigung oder der Mißbilligung« (Windelband Präl 1882)337 zu verstehen. Wertungen sind insofern subjektiv und relativ, als sich in ihnen »nur das individuelle Gefühl der Lust oder Unlust an einem vorgestellten Gegenstande ausspricht.«338 334 Zu diesem Aspekt: Häußer, Transzendentale Reflexion, 1989; Krijnen, Philosophieren im Schatten des Nihilismus, in: Krijnen/Orth (Hrsg.), Sinn, Geltung, Wert, 1998, S. 23 u. ö.; Ollig, Neukantianismus, 1979, S. 5. – Dieser Aspekt ist auch derjenige, der nach dem 2. Weltkrieg wiederaufgegriffen worden ist (insb. durch Hans Wagner und Werner Flach; s. hierzu nur Zeidler, Kritische Dialektik und Transzendentalontologie, 1995). 335 Zum Teil auch »Bewertung«, »Beurteilung«, »Werturteil« oder »Wertschätzung« genannt. 336 Windelband, Was ist Philosophie? (1882), in: Windelband, Präludien, Bd. 1, 9. Aufl. 1924, S. 30. 337 Windelband, Was ist Philosophie? (1882), aaO., S. 30. 338 Windelband, Was ist Philosophie? (1882), aaO., S. 38. Erster Teil 72 (1) Die Unsicherheit im Erkennen und Werten Die Subjektivität und Relativität von Wertungen führt nach Meinung der neukantianischen Wertphilosophen zu einer Unsicherheit im Erkennen und Werten, da Wertungen als nicht rational begründbar scheinen. Diese Unsicherheit äußert sich auf vielfältige Weise. Ein zentrales Motiv ist die Abwesenheit von »Sinn«. Dieser wird sowohl durch einen »schlechten Subjektivismus«339 als auch durch »Relativismus«340 oder gar eine »Umwertung aller Werte«341 in Frage gestellt. (2) Die Suche nach Sicherheit im Erkennen und Werten Im Zentrum der Suche nach Sicherheit im Erkennen und Werten steht der »Sinn des Lebens« bzw. die »Weltanschauung«342. Nach Rickert soll die Philosophie »Weltanschauung geben, d. h. den Sinn des Lebens deuten« (Rickert Begriff 1910/11)343. Weltanschauungsproblem und Sinnproblem werden zum Hauptantrieb der neukantianischen Wertphilosophie. Bei Rickert heißt es hierzu: »Das Wertverständnis bleibt grundlegend für jede wissenschaftliche Bearbeitung der 339 Rickert: Eine Philosophie, die sich allein der »subjektivierenden Betrachtung« von Wertungen verschreibt, komme nach Rickert nicht über einen »schlechten Subjektivismus« hinaus (s. Rickert, Vom Begriff der Philosophie [1910/11], in: Bast [Hrsg.], Rickert. Philosophische Aufsätze, S. 17 f., 19). 340 Windelband: »Der Relativismus ist die Ablenkung der Philosophie und ihr Tod. Deshalb kann sie nur weiterleben als die Lehre von den allgemeingültigen Werten.« (Windelband/Heimsoeth, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, 15. Aufl. 1957, S. 580; Hervorh. im Orig. gesperrt). 341 Rickert, Vom Begriff der Philosophie (1910/11), in: Bast (Hrsg.), Rickert. Philosophische Aufsätze, S. 18. Die „Umwertung aller Werte“ gilt als ein Schlagwort für die Philosophie von Friedrich Nietzsche (zur Editionsgeschichte dieser Wendung siehe die Hrsg.-Anmerkungen von Bast, in: Bast [Hrsg.], Rickert. Philosophische Aufsätze, S. 414 [zu Fußn. 10]). – Zum Charakter der neukantianischen Wertphilosophie als Gegenbewegung zum Nihilismus Nietzsches s. vor allem Krijnen, Philosophieren im Schatten des Nihilismus, in: Krijnen/Orth (Hrsg.), Sinn, Geltung, Wert, 1998, S. 11–34. 342 Ein Hinweis zum Sprachgebrauch: Der Sprachgebrauch der Neukantianer weicht von der heutigen Bedeutung von „Weltanschauung“ an. Wenn man heute von Weltanschauung spricht, meint damit in der Regel eine subjektiv gefärbte und vortheoretische bzw. vorwissenschaftliche Vorstellung von der Welt. Die Neukantianer dagegen verbinden mit „Weltanschauung“ genau das Gegenteil davon, nämlich eine wissenschaftliche und damit objektive Weltsicht. Allgemein zur Begriffsgeschichte von »Weltanschauung« s. Betz, Zur Geschichte des Wortes „Weltanschauung“, in: Kursbuch der Weltanschauungen, 1981, S. 18–28. 343 Rickert, Vom Begriff der Philosophie (1910/11), in: Bast (Hrsg.), Rickert. Philosophische Aufsätze, S. 21. Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 73 Sinnprobleme des Lebens oder der allgemeinen Weltschauung«344. Aufgabe von Wertphilosophie ist es damit, »die Werte zum Bewußtsein bringen, die ihm [dem Leben, S. Z.] Sinn verleihen.« (Rickert System 1921)345. bb) Der Anspruch von Wertungen auf Objektivität und Absolutheit Auf der Suche nach Sicherheit im Erkennen und Werten machen die Vertreter der neukantianischen Wertphilosophie die Beobachtung, dass die oben diagnostizierten subjektiven und relativen Wertungen auf eine gewisse Weise mit einem Anspruch auf Objektivität und Absolutheit verbunden sind. Windelband schreibt hierzu: »Diese Überzeugung haben wir alle: denn indem wir irgendeine Vorstellung auf Grund unseres notwendigen Vorstellungsverlaufs für wahr erklären, so hat diese Erklärung gar keinen Sinn, als den Anspruch, daß sie nicht nur für uns, sondern auch für alle anderen als wahr gelten solle.« (Windelband Präl 1882)346. Windelband und Rickert nennen diesen Bewertungsmaßstab „Wert“347 (siehe schon oben § 3 I 2.a.aa.(2). >S. 42<). Bei Rickert lesen wir: »Jeder, der Worte wie wahr, gut, schön, heilig gebraucht, setzt faktisch Werte als gültig voraus und behauptet durch die bloße Bezeichnung implizite, daß ihre Geltung objektiv oder überindividuell ist.« (Rickert GE 1928)348. 344 Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, S. 142. 345 Rickert, System der Philosophie, aaO., S. 142. 346 Windelband, Was ist Philosophie? (1882), in: Windelband, Präludien, Bd. 1, 9. Aufl. 1924, S. 37. 347 Der Wertbegriff als Grundbegriff hat sich dabei erst in den 1880er Jahren bei Windelband durchgesetzt (Näheres hierzu Wapler, Werte und das Recht, 2008, S. 57 ff. insb. 61 f.). In frühen Arbeiten Windelbands steht noch der Wahrheitsbegriff im Zentrum (s. die Hinw. bei Wapler, aaO., S. 48 ff.). In späteren Arbeiten, etwa in seinem Aufsatz »Kritische oder genetische Methode?« von 1883, tritt der Wertbegriff ins Zentrum, und Wahrheit ist nur noch ein Wert neben anderen (Windelband: »Wahrheit im Denken«, »Gutheit im Wollen und Handeln«, »Schönheit im Fühlen«, vgl. Windelband, Kritische oder genetische Methode? [1883], in: Windelband, Präludien, Bd. 2, 9. Aufl. 1924, S. 122). Rickert hingegen kennt von Beginn an eine Vielzahl von objektiv gültigen Werten. Rickert: »Jeder, der Worte wie wahr, gut, schön, heilig gebraucht, setzt faktisch Werte als gültig voraus und behauptet durch die bloße Bezeichnung implizite, daß ihre Geltung objektiv oder überindividuell ist.« (Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 6. Aufl. 1928, S. 534). Zu Rickerts späterem »System der Werte« s. Rickert, System der Philosophie, 1921. 348 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 6. Aufl. 1928, S. 534; Hervorh. im Orig. gesperrt. Erster Teil 74 (1) „Wert“ – Begriff und Konzept Die Frage nach dem Wertbegriff ist bei den Neukantianern weniger eine Frage nach dem Wesen als vielmehr eine Frage nach der Funktion des Wertbegriffs349. Wie bereits an anderer Stelle ausgeführt, dienen Werte bzw. die Beziehung auf Werte der Sicherung der Objektivität des Erkennens (s. oben § 3 I 2.a. >S. 40 ff.<). Werte sind hierbei »keine Wirklichkeiten, weder physische noch psychische«350, und existieren weder »real noch ideal«351. Sie sind »weder im Gebiet der Objekte noch in dem der Subjekte zu finden, sondern […] bilden ein Reich für sich, das jenseits von Subjekt und Objekt liegt.« (Rickert KuN 1926)352. Das eigentliche Wesen von Werten besteht »in ihrer Geltung, nicht in ihrer Tatsächlichkeit« (Rickert KuN 1926)353. Zur Unterscheidung von anderen – vor allem materialen – Wertkonzepten354 lässt sich der Wertbegriff der südwestdeutschen Neukantianer als „transzendentaler Wertbegriff“355 bezeichnen. Der Begriff „Wert“356 stammt ursprünglich aus der Ökonomie. Zu einem philosophischen Grundbegriff357 macht ihn erst der Göttinger Philosoph Hermann Lotze (1817 bis 1881)358, der Doktorvater Windelbands (1870 Promotion in Göttingen). Ob und inwieweit Lotze als „Stammvater der Wertphilosophie“ angese- 349 Rickert: »Was […] der Wert selbst für sich ist, läßt sich […] nicht im strengen Sinn ›definieren‹. […] Wir haben uns nur […] darauf zu besinnen, was wir meinen, wenn wir Wert sagen.« (s. Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, S. 113/114). 350 Rickert, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft, 6./7. Aufl. 1926, S. 86; Hervorh. im Orig. gesperrt; ebenso Rickert, System der Philosophie, 1921, S. 127. 351 Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, S. 127. 352 Rickert, Vom Begriff der Philosophie (1910/11), in: Bast (Hrsg.), Rickert. Philosophische Aufsätze, S. 14; Hervorh. im Orig. 353 Rickert, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft, 6./7. Aufl. 1926, S. 86; Hervorh. im Orig. gesperrt; zum Verhältnis von Wert und Geltung s. auch Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, S. 121 ff. 354 Damit ist natürlich vor allem die materiale Werteethik von Max Scheler oder Nicolai Hartmann angesprochen (s. hierzu die kurze Übersicht bei Schnädelbach Philosophie in Deutschland, 1983, S. 225 ff.). 355 Hierzu nur Schnädelbach, Philosophie in Deutschland, 1983, S. 219 ff. 356 Zur Begriffsgeschichte von „Wert“ s. nur Schlotter, Wert, in: Ritter u. a. (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 12, 2004, Sp. 558–564. 357 Zur Bedeutung Lotzes für die Entwicklung der Wertphilosophie s. Schnädelbach Philosophie in Deutschland, 1983, S. 206 ff. 358 Zu Leben und Werk Lotzes s. Pester, Hermann Lotze, 1997. Eine gute Einführung in Lotzes Philosophie bietet Orth, Rudolf Hermann Lotze, in: Speck (Hrsg.), Grundprobleme der großen Philosophen, Philosophie der Neuzeit, 1986, S. 9–51. Speziell zur Wertphilosophie s. Schnädelbach, Philosophie in Deutschland, 1983, S. 206 ff. Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 75 hen werden kann, wird unterschiedlich beurteilt. Windelband jedenfalls beruft sich an dieser Stelle359 ausdrücklich auf Lotze. Durch die Vermittlung von Windelband und Rickert entwickelt sich der Wertbegriff im ausgehenden 19. Jahrhunderts zu einem der Leitbegriffe der philosophischen360 und öffentlichen Diskussion der damaligen Zeit361. (2) „Geltung“ – Begriff und Konzept Ein weiterer wichtiger Grundbegriff der neukantianischen Wertphilosophie ist der Geltungsbegriff. »Geltung« bzw. »Gelten« ist, wie beispielsweise Windelband hervorhebt, nicht im psychologischen Sinne zu verstehen, d. h. nicht auf eine »tatsächliche Anerkennung« bezogen362. Die hier gemeinte Bedeutung ist vielmehr eine Geltung im logischen Sinne, d. h. »stets eine Geltung an sich ohne Berührung auf ein […] empirisches Bewußtsein« (Windelband Einl 1923)363. »Geltung« steht hierbei in enger Verbindung mit „Wert“ bzw. „geltendem Wert“ und bezeichnet dessen »Wesen«364. Der Begriff der »Geltung« stammt ebenfalls von Lotze.365 Lotze bestimmt ihn als Gegensatz als zum »Sein«366. Im berühmten § 316 der »Logik« (1874) heißt es: 359 Z. B. Windelband, Einleitung in die Philosophie, 3. Aufl. 1923, S. 246; Windelband/Heimsoeth, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, 15. Aufl. 1957, S. 580. 360 S. hierzu die Bibliographie von: Heyde, Gesamtbibliographie des Wertbegriffs (bis 1.7.1927). Sonderdruck aus der Zeitschrift »Literarische Berichte aus dem Gebiete der Philosophie«, Heft 15/16, S. 111–119; Heft 17/18, S. 66–75; Heft 19/20 S. 11–18, 1928. 361 Einen wesentlichen Beitrag zur Bedeutung und Problematisierung des Wertbegriffs über die philosophische Fachwelt hinaus leistet Nietzsches provozierende Rede von einer »Umwertung aller Werte«. S. die Hinw. oben § 3 FN 341. 362 Windelband, Einleitung in die Philosophie, 3. Aufl. 1923, S. 212. Hierzu auch Rickert, der sich allerdings gegen die Bezeichnung der »tatsächlichen Anerkennung« als Geltungsphänomen ausspricht (s. Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, S. 124 f.). 363 Windelband, Einleitung in die Philosophie, 3. Aufl. 1923, S. 212; Hervorh. im Orig. gesperrt. 364 Rickert, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft, 6./7. Aufl. 1926, S. 86; Hervorh. im Orig. gesperrt. Zum Verhältnis von Geltung und Wert s. auch Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, S. 121 ff. 365 Hierzu: Schnädelbach, Philosophie in Deutschland, 1983, S. 206 ff. 366 Allerdings votiert Lotze nicht für einen Vorrang des Geltenden vor dem Seienden. Die Geltungsfrage (die Quaestio juris) dient nämlich letztlich der Erkenntnis des Seienden. Lotze zeigt sich hier als Anhänger einer realistischen Kant-Interpretation und damit der realistischen Tendenz des Neulantianismus (Weit. Hinw. bei Sommerhäuser, Emil Lask in der Auseinandersetzung mit Heinrich Rickert, 1965, S. 24 ff.). Erster Teil 76 »Denn wirklich nennen wir ein Ding, welches ist, im Gegensatz zu einem andern, welches nicht ist; wirklich auch ein Ereigniß, welches geschieht oder geschehen ist, im Gegensatz zu dem, welches nicht geschieht, wirklich ein Verhältniß, welches besteht, im Gegensatze zu dem, welches nicht besteht; endlich wirklich wahr nennen wir einen Satz, welcher gilt, im Gegensatz zu dem, dessen Geltung noch fraglich ist.« (Lotze Logik 1874)367. Lotze entwickelt die Unterscheidung von Sein und Gelten hierbei nicht in Auseinandersetzung mit Kant, sondern mit Platon368. Lotze hält die Interpretation der Platonischen Ideenlehre für ein Missverständnis. Nach Lotze habe Plato mit der Ideenlehre nicht das „Sein“ von Wahrheiten lehren wollen, sondern die „Geltung“ von Wahrheiten. Der Grund für das Missverständnis liege darin, dass »der griechischen Sprache […] damals und noch später ein Ausdruck für diesen Begriff des Geltens [fehlt], der kein Sein einschließt« (Lotze Logik 1874)369. (3) „Wertbeziehung“ – Begriff und Konzept Ein weiterer Grundbegriff der neukantianischen Wertphilosophie ist der bereits angesprochene Begriff der »Wertbeziehung«370. Die Wertbeziehung bezeichnet das Verhältnis zwischen dem Objekt der Bewertung und dem Bewertungsmaßstab – sie ist damit sowohl von »Wert« als auch von »Wertung« zu unterscheiden. Durch die Wertbeziehung wird die »Willkür der geschichtlichen Begriffsbildung beseitigt« und die »Objektivität« individueller und historischer Begriffe sichergestellt (Rickert KuN 1926)371. b) Die transzendentale Begründung der Geltungs- und Wertbestimmtheit des Erkennens („Transzendentalphilosophische These“) Die zweite Kernthese der neukantianischen Wertphilosophie ist die „Transzendentalphilosophische These“. Die „Transzendentalphilosophische These“ gibt eine Antwort auf die Frage, »inwiefern die Ansprüche der Wertungen [auf objektive oder überindividuelle Geltung der Werte, S. Z.] […] gerechtfertigt werden können.« (Rickert GE 1928)372 367 Hermann Lotze, System der Philosophie, Teil 1: Logik, Ausgabe Leipzig 1912 (1. Aufl. Leipzig 1874), S. 511 (§ 316), Hervorh. im Orig. gesperrt. 368 Zum Folgenden: Lotze, System der Philosophie, Teil 1: Logik, aaO., S. 513–523 (§§ 317–321). 369 Lotze, System der Philosophie, Teil 1: Logik, aaO., S. 513 (§ 317). 370 Siehe schon oben § 3 II 1.b. >S. 57 f.< sowie § 3 I 2.a.bb.(2).(c). >S. 50 ff.< und § 3 I 2.a.aa.(5). >S. 45 f.<. 371 Rickert, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft, 6./7. Aufl. 1926, S. 95/96; Hervorh. im Orig. gesperrt. 372 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 6. Aufl. 1928, S. 534. Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 77 aa) Der transzendentale Beweis der Geltung von Werten Unter Verwendung eines seit Kant als „transzendental“ bekannten Argumentationstyps wird aufgezeigt, dass die Anerkennung der Geltung von Werten notwendige Bedingung der Möglichkeit von Wertungen ist. Windelband spricht hier von »idealer«373 bzw. »teleologischer«374 Notwendigkeit oder auch von »logischer« Geltung375. (1) „Normalbewusstein“ Die transzendentale Geltung von Werten führen die südwestdeutschen Neukantianer auf das Bewusstsein des erkennenden Subjekts zurück, das von Windelband als »Normalbewusstein«376 und Rickert als »Bewußtsein überhaupt«377 bezeichnet wird (im Folgenden vereinheitlichend »Normalbewusstein« genannt378). Nach Windelband ist das Normalbewusstein die »einzig[e] Gesamtvoraussetzung« der kritischen Methode379. Seine »Grundsätze [müssen] [anerkannt werden] […], sofern überhaupt irgend etwas allgemeine Geltung haben soll.« (Windelband Präl 1883)380. 373 Windelband, Was ist Philosophie? (1882), in: Windelband, Präludien, Bd. 1, 9. Aufl. 1924, S. 42. 374 Windelband, Kritische oder genetische Methode? (1883), in: Windelband, Präludien, Bd. 2, 9. Aufl. 1924, S. 109; Hervorh. im Orig. gesperrt. 375 Windelband, Einleitung in die Philosophie, 3. Aufl. Tübingen 1923, S. 212. Im Folgenden auch Parallelisierung mit »mathematische[n] Sätze[n], deren Anerkennung deshalb erzwungen werden kann, weil sie aus dem Wesen der mathematischen Konstruktionsbegriffe notwendig folgen.« (aaO., S. 212). 376 Z. B. Windelband, Immanuel Kant (1881), in: Windelband, Präludien, Bd. 1, 9. Aufl. 1924, S. 112–146, S. 139. An anderer Stelle auch als »normales Bewußtsein« bezeichnet (z. B. Windelband, Immanuel Kant [1881], in: Windelband, Präludien, Bd. 1, 9. Aufl. 1924, S. 141). Zu Windelbands Konzept des Normalbewussteins jüngst Heinz, Normalbewusstein und Wert, in: Heinz/Krijnen (Hrsg.), Kant im Neukantianismus, 2007, S. 75–90. 377 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 42, 274 ff.; diese von Kant entlehnte Formulierung findet sich auch bei Windelband, Was ist Philosophie? (1882), in: Windelband, Präludien, Bd. 1, 9. Aufl. 1924, S. 46. 378 Ein Hinweis zum Sprachgebrauch: »Normal« ist hierbei im Sinne von „normativ“ zu verstehen ist. Entsprechend spricht Windelband von einer »normativen Gesetzgebung« (Windelband, Normen und Naturgesetze [1882], in: Windelband, Präludien, Bd. 2, 9. Aufl. 1924, S. 67). 379 Windelband, Kritische oder genetische Methode? (1883), in: Windelband, Präludien, Bd. 2, 9. Aufl. 1924, S. 122. 380 Windelband, Kritische oder genetische Methode? (1883), aaO., S. 122. Erster Teil 78 (2) „Normen“ als Gesetze des Normalbewussteins Die Gesetze des Normalbewussteins nennt Windelband „Normen“381. Sie sind »Prinzipien einer Beurteilung […], mit der ein zwecksetzendes Bewußtsein die Tätigkeiten eines oder mehrerer anderer messen, billigen oder mißbilligen kann.« (Windelband Präl 1882)382. Normen sind mit einem Sollen verbunden. Bei Windelband heißt es: »Normen sind diejenigen Formen der Verwirklichung von Naturgesetzen, welche unter Voraussetzung des Zwecks der Allgemeingiltigkeit gebilligt werden sollen.« (Windelband Präl 1882)383. Mit diesem Sollen ist aber kein ethisches Sollen, sondern eher ein logisches Sollen gemeint, da sollende Normen die Funktion haben, die »allgemeingiltigen Beurteilungen […] für die Gesamtheit der Objekte [möglich zu machen]«, »welche in den Urteilen der übrigen Wissenschaften erkannt, beschrieben und erklärt werden.« (Windelband Präl 1882)384. bb) Der transzendentale Beweis der Geltung des Normalbewussteins Mit der Annahme eines Normalbewussteins ist die transzendentale Beweisführung der südwestdeutschen Neukantianer aber noch nicht abgeschlossen. Windelband und Rickert gehen einen Schritt weiter und fragen nach der transzendentalen Rechtfertigung des Normalbewussteins. (1) Zwei Wege transzendentaler Begründung In Anlehnung an Rickerts »zwei Wege«385 transzendentaler Erkenntnistheorie soll zwischen (tendenziell) transzendentalpsychologischen Begründungen einerseits und (tendenziell) transzendentallogischen Begründungen andererseits unterschieden werden. 381 Windelband, Normen und Naturgesetze (1882), in: Windelband, Präludien, Bd. 2, 9. Aufl. 1924, S. 67; Windelband, Kritische oder genetische Methode? (1883), in: Windelband, Präludien, Bd. 2, 9. Aufl. 1924, S. 122. – S. schon oben § 3 I 2.a.aa.(2). >S. 42< 382 Windelband, Normen und Naturgesetze (1882), aaO., S. 80. 383 Windelband, Normen und Naturgesetze (1882), aaO., S. 76; im Orig. durch Sperrung hervorgehoben. 384 Windelband, Was ist Philosophie? (1882), in: Windelband, Präludien, Bd. 1, 9. Aufl. 1924, S. 46. 385 Rickert, Zwei Wege der Erkenntnistheorie. Transscendentalpsychologie und Transscendentallogik, in: Kant-Studien 14 (1909), S. 168–228, wiederabgedr. in: Flach/ Holzhey (Hrsg.), Erkenntnistheorie und Logik im Neukantianismus, 1979, S. 449– 508 (Wiederabdruck mit originaler Paginierung); zu dieser Arbeit insb. Sommerhäuser, Emil Lask in der Auseinandersetzung mit Heinrich Rickert, 1965, S. 248 ff. Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 79 (2) Transzendentalpsychologische Begründungen Zunächst zu tendenziell transzendentalpsychologischen Begründungen. Diese untersuchen – so Rickert – »zunächst das erkennende Subjekt« und ziehen dann, »nachdem man es in seinem Wesen verstanden hat, von ihm aus Schlüsse auf den Gegenstand der Erkenntnis« (Rickert GE 1921)386. Eine erste tendenziell transzendentalpsychologische Begründung rechtfertigt die Geltung des Normalbewußtseins als »unmittelbare Evidenz« (Windelband)387 oder »Evidenzgefühl« (Rickert388). Bei Windelband lesen wir: »Daß die Normen gelten sollen, stellt sich in dem empirischen Bewußtsein als unmittelbare Evidenz dar, die absolut nicht erklärt, sondern einfach nur zum Bewußtsein gebracht und damit zur Anerkennung erhoben werden kann […].« (Windelband Präl 1882)389. Bei Rickert heißt es: »Der transscendente Gegenstand der Erkenntnis wird […] durch Anerkennung der an dem Evidenzgefühl haftenden Forderung dem Erkennen immanent.« (Rickert Zwei Wege 1909)390. Eine zweite tendenziell transzendentalpsychologische Begründung verlangt für die Geltung des Normalbewußtseins ein »Wissen-Wollen« (Rickert GE 1921)391 oder einen »Glauben« an Allgemeingültigkeit (Windelband Präl 1883)392. Rickert schreibt: »Ueberindividuell« und »zugleich übersubjektiv wird jeder Wille, insofern er objektiv gültige Werte will.« (Rickert GE 1921)393. Und: »das wirkliche Erkennen und Wissen setzt nicht nur geltende Wahrheit, sondern zugleich ein Erkennen- und Wissen-Wollen voraus.« (Rickert GE 1921)394. Schließlich: »Ohne ›Mut der Wahrheit‹ wird niemand Philosoph. Wem er fehlt, der bleibe weg.« (Rickert System 1921)395. Windelband hingegen verlangt einen »Glauben« an Allgemeingültigkeit. Er schreibt: »Eine philosophische Untersu- 386 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 3; Hervorh. im Orig. gesperrt. Rickert bezeichnet dies auch als den »subjektiven« Weg (aaO., S. 217). 387 Windelband, Normen und Naturgesetze (1882), in: Windelband, Präludien, Bd. 2, 9. Aufl. 1924, S. 74; Hervorh. im Orig. gesperrt. 388 Rickert, Zwei Wege der Erkenntnistheorie, in: Kant-Studien 14 (1909), S. 188. An anderer Stelle ist auch von »Gewissheit« die Rede (s. Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 206). 389 Windelband, Normen und Naturgesetze (1882), in: Windelband, Präludien, Bd. 2, 9. Aufl. 1924, S. 74; Hervorh. im Orig. gesperrt. 390 Rickert, Zwei Wege der Erkenntnistheorie, in: Kant-Studien 14 (1909), S. 188. 391 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 6. Aufl. 1928, S. 271; im Orig. teilw. gesperrt. 392 Windelband, Kritische oder genetische Methode? (1883), in: Windelband, Präludien, Bd. 2, 9. Aufl. 1924, S. 123. 393 Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, S. 146. 394 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 271; Hervorh. im Orig. gesperrt; Rickert bezeichnet dies auch als »Wille zur Wahrheit« (s. den gleichnamigen Abschnitt, aaO., S. 271 ff.). 395 Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, S. 14. Erster Teil 80 chung ist nur zwischen denjenigen möglich, welche überzeugt sind, daß eine Norm des Allgemeingiltigen über ihren individuellen Tätigkeiten steht, und daß es möglich ist, diese zu finden.« (Windelband Präl 1883)396. Und: »Wer diesen Glauben nicht hat oder ihn erst ›bewiesen‹ haben möchte, wer sich künstlich […] davon überredet, daß es nichts Allgemeingiltiges gebe, – der bleibe daheim: mit ihm weiß die kritische Philosophie nichts anzufangen.« (Windelband Präl 1883)397. (3) Transzendentallogische Begründungen Eine zweiter Weg transzendentaler Begründung sind tendenziell transzendentallogische Begründungen. Diese Begründungen richten »die Aufmerksamkeit von vorneherein auf den Gegenstand […], um zuerst sein Wesen festzustellen« (Rickert GE 1921)398. Eine tendenziell transzendentallogische Begründung bezeichnet die Geltung des Normalbewußtseins als »unvermeidliche Annahme« (Rickert Zwei Wege 1909)399. Die »transzendente theoretische Geltung« lässt sich – so Rickert – nicht bezweifeln, »ohne daß man dabei zugleich die Möglichkeit des Urteils überhaupt leugnet und die Verneinung infolgedessen sich selbst aufhebt.« (Rickert GE 1921)400. Sie ist »jeder Leugnung wie jedem Zweifel entzogen«401, und jeder Zweifel führe zum »logischen Widersinn« (Rickert GE 1921)402. 396 Windelband, Kritische oder genetische Methode? (1883), in: Windelband, Präludien, Bd. 2, 9. Aufl. 1924, S. 123. Zu dieser Argumentationslinie s. Wapler, Werte und das Recht, 2008, S. 69 f. 397 Windelband, Kritische oder genetische Methode? (1883), aaO., S. 123. An anderer Stelle führt Windelband »[d]ie Überzeugung, daß es für das menschliche Werten absolute, über die empirischen Anlässe seiner Betätigung erhobene Normen gibt«, auf eine »übergreifende Vernunftordnung« bzw. auf »Inhaltsbestimmungen einer absoluten Vernunft, d. h. Gottes« zurück (s. Windelband, Einleitung in die Philosophie, 3. Aufl. 1923, S. 255 bzw. S. 255/256). 398 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 3; von Rickert auch als »objektiver« Weg bezeichnet (Rickert, aaO.). 399 Rickert, Zwei Wege der Erkenntnistheorie, in: Kant-Studien 14 (1909), S. 219. 400 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 210; Hervorh. im Orig. gesperrt. 401 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, aaO., S. 212. 402 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, aaO., S. 212; zur antiskeptischen Ausrichtung Rickerts s. auch die Hinw. bei § 3 IV. >S. 87 ff.<. Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 81 (4) Transzendentalpsychologie versus Transzendentallogik Wie die vorherigen Ausführungen gezeigt haben, verfolgen die südwestdeutschen Neukantianer bei der Durchführung des transzendentalen Unternehmens keine einheitliche Argumentationslinie; in erster Linie ist hier Rickert zu nennen. Für Rickert403 können im Grundsatz »[b]eide Seiten des Erkennens, die ›subjektive‹ und die ›objektive‹, […] Ausgangspunkt« einer erkenntnistheoretischen Untersuchung sein (Rickert GE 1921)404. Beide Wege hätten »ihre Vorzüge und ihre Mängel« (Rickert Zwei Wege 1909)405. Der objektive, d. h. transzendentallogische Weg habe sich vor allem »vor Psychologie und Metaphysik zu hüten« (Rickert GE 1921)406. Der subjektive, d. h. transzendentalpsychologische Weg dagegen müsse sich – so Rickert – zum »Bewußtsein bringen, daß das überempirische Reich des Logischen […] nur als eine Welt der theoretischen Werte zu verstehen ist, die dem erkennenden Subjekt als Sollen gegenübertreten« (Rickert GE 1921)407. Um zu einem »umfassende[n] System der Erkenntnistheorie« zu kommen, müssen nach Rickert »Subjekt und Objekt […] zu ihrem Recht kommen« (Rickert GE 1921)408. 2. Anwendungsbereiche der neukantianischen Wertphilosophie Die Wertphilosophie ist wegen ihrer Legitimationsfunktion überall dort zur Anwendung gekommen, wo es um die Begründung der Möglichkeit und Geltung 403 Über die letzte transzendentale Begründung Rickerts herrscht in der Literatur Uneinigkeit (hierzu jüngst Wapler, Werte und das Recht, 2008, S. 84 ff. mit Nachw.). Wapler sieht diese Doppelaspektigkeit von Rickerts „Zwei Wegen“ (aaO., S. 86 ff.) gar als Beleg für die argumentative »Unbegründbarkeit transzendenter Werte« (aaO., S. 88 f.). So bleibe für Wapler insbesondere der Wertbegriff »eigenartig nebulös« (aaO., S. 88). Es wird an anderer Stelle zu zeigen sein, dass sich das – zugegebenermaßen zum Teil begründungsschwache – wertphilosophische Begründungsprogramm auch in einer begründungsstarken Version rekonstruieren lässt (siehe die Hinw. bei § 3 IV. >S. 87 ff.<). 404 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 3; im Orig. teilw. gesperrt. In Rickerts »Gegenstand der Erkenntnis« ist es der subjektive Weg (aaO., 4./5. Aufl. 1921, S. 4), im »System der Philosophie« der objektive Weg (s. den Hinw. aaO., S. 4 Fußn. 1). 405 Rickert, Zwei Wege der Erkenntnistheorie, in: Kant-Studien 14 (1909), S. 174. 406 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 264; s. auch Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, Vorrede, S. XI f. 407 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 264; Hervorh. nicht im Orig. 408 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, aaO., S. 3; Hervorh. im Orig. gesperrt. Erster Teil 82 objektiver und absoluter Erkenntnis ging – also zum Beispiel auf den Kulturgebieten der Wissenschaft, der Ästhetik, Ethik oder Religion409. Im Folgenden soll es zunächst um das wertwissenschaftliche Konzept der Philosophie und anschließend um dessen Anwendung auf das Kulturgebiet des Rechts gehen. a) Das wertwissenschaftliche Konzept der Philosophie: Wertphilosophie bei Windelband, Rickert und Lask Die südwestdeutschen Neukantianer verstehen Philosophie als eine »Wertwissenschaft«410, d. h. eine »Wissenschaft vom irreal Geltenden« (Rickert GE 1921)411. Sie ist zugleich eine »Lehre vom Sollen, das sich ergibt, sobald gültige Werte auf ein zu ihnen Stellung nehmendes Subjekt bezogen werden.« (Rickert GE 1921)412. Das wertwissenschaftliche Arbeitsprogramm der südwestdeutschen Neukantianer hat folgende Gestalt (dargestellt am Beispiel von Rickert)413: Die Philosophie braucht zunächst »ein tatsächliches Material, um an ihm die Werte in ihrer Mannigfaltigkeit zu finden« (Rickert GE 1921)414. Dieses Material findet die Philosophie in der »individualisiernde[n], das Kulturleben in seiner Mannigfaltigkeit ausbreitende[n] Geschichte«, »von der allein die Philosophie erfahren kann, was alles den Anspruch, allgemein zu gelten, erhebt, und was daher für sie zum Problem wird.« (Rickert GE 1921)415. Sobald die Philosophie ihren Stoff kennt, »hat sie sich an die Aufgabe zu machen, die im geschichtlichen Leben aufgefun- 409 Hierzu oben § 3 II 1.c. >S. 58 f.<. 410 Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, insb. S. 142 ff. (Abschn. »Philosophie als Wertlehre«); Windelband, Was ist Philosophie? (1882), in: Windelband, Präludien, Bd. 1, 9. Aufl. 1924, S. 29 (»Philosophie […] als die kritische Wissenschaft von den allgemeingiltigen Werten.«, Hervorh. im Orig. gesperrt); Lask, Rechtsphilosophie (1905), in: Festschrift für Kuno Fischer, 2. Aufl. 1907, S. 269– 320 (»Philosophie als […] kritisch[e] Wertlehre«, aaO, S. 297/298). 411 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 384; s. auch Rickert, System der Philosophie, 1921, insb. den Abschn.: »Philosophie als Wertlehre«, S. 142 ff. 412 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, aaO., S. 384. 413 Hierzu z. B. Bohlken, Personale und transpersonale Sittlichkeit, in: Alexy u. a. (Hrsg.), Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 289 f. 414 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, 4./5. Aufl. 1921, S. 387; Hervorh. im Orig. gesperrt. 415 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, aaO., S. 387; Hervorh. im Orig. gesperrt; siehe auch Rickert, System der Philosophie, 1921, S. 319 ff. (Abschn.: »Das Material der Wertlehre»). Zum Materialcharakter der Kultur s. schon oben § 3 II 1.d.aa. >S. 59<. Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 83 denen Werte systematisch zu ordnen« (Rickert GE 1921)416 sowie »das Geschichtliche […] auf seinen übergeschichtlichen, geltenden Wertgehalt hin zu untersuchen«(Rickert GE 1921)417. b) Die Anwendung des wertwissenschaftlichen Konzepts: Rechtsphilosophie als Rechtswertbetrachtung bei Lask, Radbruch und Mayer Ein für die vorliegende Arbeit zentraler Anwendungsbereich des wertwissenschaftlichen Konzepts ist das Recht und die „Rechts“philosophie418. Auf dem Gebiet der Rechtsphilosophie hat sich insbesondere der Heidelberger Rechtsphilosoph Emil Lask419 hervorgetan, der zu den Wegbereitern des südwestdeutschen Neukantianismus420 in der Rechtsphilosophie gehört421. Die Schulhäupter der Südwestdeutschen Schule hingegen, Windelband und Rickert, haben sich nicht ausführlicher zur Rechtsphilosophie geäußert422. 416 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, aaO., S. 387. – Zu Rickerts System der Werte s. Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, insb. S. 348 ff. (Abschn.: »Die systematische Gliederung der Philosophie«); s. auch Rickerts Aufsatz »System der Werte« (1913), in: Bast (Hrsg.), Rickert. Philosophische Aufsätze, S. 73–105. 417 Rickert, Der Gegenstand der Erkenntnis, aaO., S. 387. 418 Zur Rechtswissenschaft als Kulturwissenschaft s. schon die Hinw. bei § 3 II 2.b. >S. 62 ff.<. 419 Einzelheiten bei Nachtsheim, Zwischen Naturrecht und Historismus, in: Alexy u. a. (Hrsg.), Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 301–318; Bohlken, Personale und transpersonale Sittlichkeit, in: Alexy u. a. (Hrsg.), Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 283–299. – Zu Lask s. bereits oben § 2 III. >S. 31 f.< sowie § 3 II 2.b.bb. >S. 63 ff.<. 420 Die Rezeption neukantianischer Lehren in der Rechtsphilosophie ist freilich älter. Einflussreich wird die Rechtsphilosophie Rudolf Stammlers (1856–1938, ab 1882 Prof. in Marburg und Gießen, 1885 in Halle, ab 1916 in Berlin; zu ihm nur Wenn, Juristische Erkenntniskritik, 2003), der schon zu Lebzeiten als »der große Erneuerer der Rechtsphilosophie« (Mayer, Rechtsphilosophie, 1. Aufl. 1922, S. 20) gilt. Große Bedeutung kommt insbesondere dem 1902 erschienenen Werk »Die Lehre von dem richtigen Rechte« zu. Zu Stammler s. auch unten § 5 I 1. >S. 99 ff.< u. § 5 FN 510. 421 Alle weiteren Beiträge zur neukantianischen Rechtsphilosophie südwestdeutscher Prägung stammen von Juristen (vor allem von Gustav Radbruch und Max Ernst Mayer). Einzelheiten sogleich. 422 Anders dagegen die Schulhäupter der Marburger Schule des Neukantianismus. Hier ist insbesondere Hermann Cohen mit seiner »Ethik des reinen Willens« (1904), des zweiten Teils seines Werks »System der Philosophie«, zu nennen. Cohen unternimmt darin den Versuch, die Moralphilosophie/Ethik durch die Ausrichtung an der Rechtswissenschaft zu begründen (s. Cohen, System der Philosophie, Teil 2: Ethik des reinen Willens, 2. Aufl. 1907). – Allg. zur Rechtsphilosophie der Marburger Schule s. Winter, Ethik und Rechtswissenschaft, 1980; Müller, Die Rechtsphilo- Erster Teil 84 aa) Emil Lask (1904) Rechtsphilosophisches Hauptwerk Lasks ist die soeben erwähnte »Rechtsphilosophie« (1905)423, mit der er sich bei Windelband in Heidelberg habilitiert. Lask klassifiziert Rechtsphilosophie als Rechtswertbetrachtung424. Die Rechtsphilosophie hat die Aufgabe, das rechtliche »Tatsachenmaterial« zu beleuchten, zu beurteilen, zu bewerten und auf »seine letzte Berechtigung hin« zu prüfen (Lask RPh 1905)425. Die Rechtsphilosophie fragt hierbei nach der »überempirische[n] Bedeutung des empirischen Rechts«426. bb) Gustav Radbruch (1914) Ein weiterer Gewährsmann neukantianischer Rechtsphilosophie südwestdeutscher Prägung ist Gustav Radbruch427, der zugleich zur Gruppe der juristischen Neukantianer gehört428. Rechtsphilosophisches Hauptwerk Radbruchs ist sophie des Marburger Neukantianismus, 1994, Kersting, Die doppelte Negation des Rechts, in: Klemme u. a. (Hrsg.), Aufklärung und Interpretation, 1999, S. 13–28; Speziell zu Hermann Cohen siehe Pascher, Einführung, 1997, S. 70 ff.; Kersting, Neukantianische Rechtsbegründung, in: Alexy u. a. [Hrsg.], Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 29 ff. 423 Emil Lask, Rechtsphilosophie (1905), in: Festschrift für Kuno Fischer, 2. Aufl. 1907, S. 269–320. 424 Lask, Rechtsphilosophie (1905), in: Festschrift für Kuno Fischer, 2. Aufl. 1907, S. 272. Einzelheiten bei Wiegand, Unrichtiges Recht, 2004, S. 124 ff.; Nachtsheim, Zwischen Naturrecht und Historismus, in: Alexy u. a. (Hrsg.), Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 301–318. 425 Lask, Rechtsphilosophie (1905), aaO., S. 272. 426 Lask, Rechtsphilosophie (1905), aaO., S. 271/272; Hervorh. im Orig. gesperrt. 427 Zu ihm siehe oben § 3 II 2.b.cc. >S. 65 ff.< 428 Mit der Bezeichnung als juristischer Neukantianer ist freilich noch nichts über die argumentative Güte dieser Konzeptionen gesagt ist. Auf den Streit um die wissenschaftliche Qualität von sog. „Juristenphilosophie“ kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Kersting möchte immerhin die neukantianische Rechtsphilosophie und Rechtstheorie vom Vorwurf unschöpferischer Nachahmung ausnehmen (s. Kersting, Neukantianische Rechtsbegründung, in: Alexy u. a. [Hrsg.], Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 24 mit Fußn. 7). Inwieweit auch Hans Kelsen (1881–1971) in die Reihe der juristischen Rezipienten des südwestdeutschen Neukantianismus gehört, ist ungeklärt. In der Vergangenheit wurde der Wiener Staatsrechtslehrer und Rechtstheoretiker Kelsen mehrheitlich der Marburger Schule des Neukantianismus zugerechnet (s. Pascher, Hermann Cohens Einfluß auf Kelsens Reine Rechtslehre, in: Rechtstheorie 1992, S. 445–466; weitere Nachw. s. Paulson, Faktum/Wert-Distinktion, in: Alexy u. a. [Hrsg.], Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 233 Fußn. 42). Neuere Untersuchungen betonen jedoch verstärkt den Einfluss der südwestdeutschen Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 85 die »Rechtsphilosophie« (3. Auflage 1932; in den ersten beiden Auflagen von 1914 und 1922 noch unter dem Titel »Grundzüge der Rechtsphilosophie«429). Wie bereits angeführt, ist Radbruch von Hause aus Strafrechtler (1902 Promotion bei Franz von Liszt in Berlin, 1903/04 Habilitation bei Karl von Lilienthal in Heidelberg) und war in der Frühphase seiner Karriere ein Anhänger des naturalistischen Positivismus seines Lehrers Franz von Liszt. Erst in der Heidelberger Privatdozentenzeit entwickelt er ein tiefes Interesse für Rechtsphilosophie und rezipiert Lehren des Südwestdeutschen Neukantianismus. Zu Radbruch wertwissenschaftlichem Konzept der Rechtsphilosophie430. Auch Radbruch sieht die Aufgabe der Rechtsphilosophie in der »Rechtswertbetrachtung«431. Darunter fällt die »bewertende Betrachtung«, d. h. »die Betrachtung des Rechts als Kulturwert« (Radbruch RPh 1932432). Als Rechtswertbetrachtung hat die Rechtsphilosophie verschiedene Aufgaben zu erfüllen433. Die wichtigste Aufgabe besteht in der Offenlegung der »letzten weltanschaulichen Voraussetzungen« des rechtlichen Werturteils, d. h. der Wertung (Radbruch RPh 1932434). Damit werde es möglich, »die überhaupt denkmöglichen letzten Vor- Schule des Neukantianismus (s. vor allem Paulson, Konstitutive und methodologische Formen, in: Heinz/Krijnen (Hrsg.), Kant im Neukantianismus, 2007, S. 149– 165; Paulson, Faktum/Wert-Distinktion, in: Alexy u. a. [Hrsg.], Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, insb. S. 233 ff.; differenzierend U. Neumann, der Kelsen bzgl. der »methodischen und kategorialen Grundlagen der Reinen Rechtslehre« eher südwestdeutsch beeinflusst sieht und hinsichtlich der »wissenschaftstheoretischen Konzeption der Rechtswissenschaft« als Marburger Neukantianer; siehe Neumann, Wissenschaftstheorie der Rechtswissenschaft, in: Paulson/Stolleis [Hrsg.], Hans Kelsen, 2005, S. 36/37 Fußn. 5). 429 Radbruch, Grundzüge der Rechtsphilosophie, 1./2. Aufl. 1914/22, in: GRGA, Bd. 2, S. 9–204. 430 Für Einzelheiten s. Wiegand, Unrichtiges Recht, 2004, S. 124 ff. 431 S. Radbruch, Grundzüge der Rechtsphilosophie, 1./2. Aufl. 1914/22, in: GRGA, Bd. 2, S. 41 u. ö.; ders., Rechtsphilosophie, 3. Aufl. 1932, in: GRGA, Bd. 2, insb. Abschn. § 2 »Rechtsphilosophie als Rechtswertbetrachtung« (S. 230 ff.). 432 Radbruch, Rechtsphilosophie, 3. Aufl. 1932, in: GRGA, Bd. 2, S. 228; Hervorh. im Orig. In Abgrenzung zur wertbeziehenden Betrachtung des Rechts (als Aufgabe der Rechtswissenschaft) und der wertüberwindenden Betrachtung des Rechts (als Aufgabe der Religionsphilosophie). S. Radbruch, Rechtsphilosophie, 3. Aufl. 1932, in: GRGA, Bd. 2, S. 221 ff., insb. S. 228. 433 Hierzu Radbruch, Grundzüge der Rechtsphilosophie, 1./2. Aufl. 1914/22, in: GRGA, Bd. 2, S. 41 ff.; ähnl. bereits ders., Rechtsphilosophie, 3. Aufl. 1932, in: GRGA, Bd. 2, S. 233 f. 434 Radbruch, Rechtsphilosophie, 3. Aufl. 1932, in: GRGA, Bd. 2, S. 233; ähnl. schon ders., Grundzüge der Rechtsphilosophie, 1./2. Aufl. 1914/22, in: GRGA, Bd. 2, S. 42 ff. (hier allerdings auf »Rechtszwecke« bezogen, deren Problematisierung aber in der Erstauflage der Rechtsphilosophie gleichbedeutend mit der Frage »nach seinem Wert, seinem Sinn, seiner Idee, seiner Richtigkeit, seiner Gerechtigkeit« war [s. Radbruch, Grundzüge der Rechtsphilosophie, 1./2. Aufl. 1914/22, aaO., S. 91]). Erster Teil 86 aussetzungen und damit alle Ausgangspunkte rechtlicher Wertung systematisch zu entwickeln« (Radbruch RPh 1932435). Ziel ist der Entwurf einer »Topik der möglichen Rechtsauffassungen« im Rahmen der »überhaupt möglichen Weltanschauungen« (Radbruch RPh 1932436). Die Methode dieser »Systematik« »mögliche[r] Systeme«437 nennt Radbruch »Relativismus«438. Die relativistische Methode macht sich zur Aufgabe, »die Richtigkeit jedes Urteils nur in Beziehung zu einem bestimmten obersten Werturteil, nur im Rahmen einer bestimmten Wert- und Weltanschauung, nicht aber die Richtigkeit dieses Werturteils, dieser Wert- und Weltanschauung selbst festzustellen« (Radbruch RPh 1932)439. cc) Max Ernst Mayer (1922) Ein weiterer neukantianischer Rechtsphilosoph ist Max Ernst Mayer440. Max Ernst Mayer gehört ebenfalls zur Gruppe der juristischen Neukantianer. Anders als Radbruch ist er jedoch von Hause aus nicht Jurist, sondern Fachphilosoph (1896 Philosophische Promotion bei Kuno Fischer in Heidelberg). Vermittelt über die Rechtsphilosophie wechselt Mayer aber zur Jurisprudenz und verfasst seine rechtsphilosophischen Schriften in der Tradition des juristischen Diskussionszusammenhangs (vor allem die »Rechtsphilosophie« von 1922). Zu Mayers wertwissenschaftlichem Konzept der Rechtsphilosophie441. Wie bereits Lask und Radbruch weist auch Max Ernst Mayer der Rechtsphilosophie die »zentrale Aufgabe«442 der »Wertbetrachtung«443 zu. 435 Radbruch, Rechtsphilosophie, 3. Aufl. 1932, in: GRGA, Bd. 2, S. 234; so bereits ders., Grundzüge der Rechtsphilosophie, 1./2. Aufl. 1914/22, in: GRGA, Bd. 2, S. 42 ff. 436 Radbruch, Rechtsphilosophie, 3. Aufl. 1932, in: GRGA, Bd. 2, S. 234. 437 Radbruch, Rechtsphilosophie, aaO., GRGA, Bd. 2, S. 234. 438 Einzelheiten zu Radbruchs Relativismus s. U. Neumann, Naturrecht und Positivismus im Denken Gustav Radbruchs, in: Härle/Vogel (Hrsg.), „Vom Rechte, das mit uns geboren ist“, 2007, Abschnitt 3.3. – Zum Begründungsprogramm des rechtsphilosophischen Relativismus s. Ziemann, Relativismus in Zeiten der Krise, in: ZIS 2007, S. 362–370, insb. S. 367 f. (am Beispiel der bei Max Ernst Mayer entstandenen Doktorarbeit von Franz L. Neumann aus dem Jahre 1923). 439 Radbruch, Rechtsphilosophie, 3. Aufl. 1932, in: GRGA, Bd. 2, S. 235. 440 Zu ihm s. unten § 5 II 2.a. >S. 106 ff.< mit § 5 FN 543. 441 Zum Folgenden s. Wapler, Werte und das Recht, 2008, S. 237 ff. 442 Mayer, Rechtsphilosophie, 1. Aufl. 1922, S. 6. 443 Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 6, im Orig. gesperrt; im Anschluss an Windelband (ders., Präludien, 1. Aufl. 1884; Einleitung in die Philosophie, 1. Aufl. 1914) und Lask (ders., Rechtsphilosophie [1905], in: Festschrift für Kuno Fischer, 2. Aufl. 1907). Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 87 Als »Rechtswertlehre«444 prüft sie den Wert des Rechts, »um ein Verhältnis zum Recht zu gewinnen, um seine vielfachen Vorschriften beurteilen, aber auch um sie in dem grundsätzlich richtigen Geiste anwenden zu können.« (Mayer RPh 1922)445. Ziel dieser Rechtswertbetrachtung ist – so Mayer – die »Verständigung über die Idee des Rechts« (Mayer RPh 1922)446. Die Methode der Rechtswertbetrachtung ist der »kritischer Relativismus«, insofern die »in Frage stehenden Werte relativ sind, weil sie vom Kulturzustand abhängig sind« (Mayer RPh 1922)447. Der Relativismus ist »kritisch«, insofern ihm die Aufgabe zukommt, die »Werte [d. h. die Kulturwerte, S. Z.] zu ordnen und den höchsten Wert zu erkennen«448. Neben der Wertbetrachtung beschäftigt sich die Rechtsphilosophie auch mit dem »Begriff des Rechts«449. Als »Rechtsprinzipienlehre«450 beschäftigt sie sich mit der Herausarbeitung der »Grundbegriffe des Rechts aus dem Kulturprozeß, dessen Werdegang die Geschichte überliefert« (Mayer RPh 1922)451. IV. Das transzendentale Begründungsprogramm des Südwestdeutschen Neukantianismus Zum Abschluss ein näherer Blick auf das transzendentale Begründungsprogramm des Südwestdeutschen Neukantianismus. Es muss zunächst zugestanden werden, dass die Durchführung des transzendentalen Unternehmens einige Schwächen aufweist: zum einen verfolgen die südwestdeutschen Neukantianer keine einheitliche Argumentationslinie (s. oben § 3 III 2.b.bb. >S. 84 ff.<). Zum anderen erscheint die transzendentale Rechtfertigung der Möglichkeit und Gel- 444 Hierzu Mayer, Rechtsphilosophie, 1. Aufl. 1922, S. 5 und insb. S. 63 ff. (Abschn. »Die Idee des Rechts«). 445 Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 6. 446 Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 6; siehe auch S. 63 ff. (Abschnitt »Die Idee des Rechts«). 447 Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 69. 448 Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 69. Den höchsten Wert findet Mayer in der »Idee der Humanität« (s. Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 69; s. auch S. 31 u. ö.). Deren Wesen bestehe darin, »jeden Menschen als Menschen gelten zu lassen, also von allen gegebenen Zugehörigkeiten abzusehen und nur die […] Zugehörigkeit zur menschlichen Gesellschaft […] übrig zu lassen.« (Mayer, aaO., S. 31). Es hat daher – so Mayer weiter – für die »Kultur der menschlichen Gesellschaft« keine Bedeutung, »daß dieser Mensch ein Franzose und ein Katholik und ein Kaufmann und ein Feind ist« (Mayer, aaO., S. 31). 449 Mayer, Rechtsphilosophie, 1. Aufl. 1922, S. 5 und insb. S. 24 ff. (Abschnitt »Der Begriff des Rechts«). 450 Hierzu Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 5. 451 Mayer, Rechtsphilosophie, aaO., S. 6.

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Zusammenfassung

Die Zeit zwischen 1900 und 1933 gilt vielen als eine Glanzperiode strafrechtlicher Begriffs- und Systembildung, die trotz ihres gewaltsamen Endes bis heute den exzellenten Ruf der deutschen Strafrechtsdogmatik in aller Welt nährt. Ein Garant hierfür war die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fundierung, die nach einem Weg zwischen den Klippen des naiven Naturalismus oder Formalismus suchte und sich vor allem mit der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verbindet. Die Zusammenhänge eines „neukantianischen Strafrechtsdenkens“ liegen jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln.

Die Arbeit stößt in diese Forschungslücke. Sie beginnt mit der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms des Neukantianismus. Im Mittelpunkt steht die These, dass Wertungen, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit einem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten.

Die weiteren Ausführungen widmen sich der strafrechtlichen Umsetzung dieser These, wobei nachgewiesen wird, dass sie mit einer tiefgreifenden Transformation verbunden war, welche die gemeinhin behauptete neukantianische Prägung in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt.