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Sascha Ziemann, Heinrich Rickert in:

Sascha Ziemann

Neukantianisches Strafrechtsdenken, page 30 - 31

Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus und ihre Rezeption in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4210-6, ISBN online: 978-3-8452-1595-2 https://doi.org/10.5771/9783845215952

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 53

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Erster Teil 30 II. Heinrich Rickert Ein weiterer Hauptvertreter des Südwestdeutschen Neukantianismus ist Heinrich Rickert (1863 bis 1936)63. Nach dem Studium der Philosophie in Berlin und Straßburg wird Rickert 1888 bei Windelband in Straßburg promoviert und habilitiert sich 1891 bei Alois Riehl in Freiburg im Breisgau. 1894 wird er zunächst außerordentlicher, ab 1896 ordentlicher Professor in Freiburg. 1915 wechselt Rickert nach Heidelberg und tritt dort die Nachfolge seines verstorbenen Lehrers Windelband an. Zwei Hauptwerke Rickerts sind für uns von besonderem Interesse64: Zum einen die bei Alois Riehl entstandene Freiburger Habilitationsschrift »Der Gegenstand der Erkenntnis« (1892, 5. Auflage 1929), Rickerts erkenntnistheoretisches Hauptwerk65. Zum anderen das in zwei Teilbänden erschienene, im Schwerpunkt wissenschaftstheoretische Werk »Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung« (1896 und 1902, 6. Auflage 1928)66. Als weitere wichtige Schriften Rickerts seien zudem genannt: der berühmte Vortrag »Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft« (1899, 6./7. Auflage 1926)67 sowie das auf drei Bände angelegte, aber unvollendete »System der Philosophie«, dessen erster Band 192168 erscheint. 63 Zu Leben und Werk Rickerts s. Ollig, Neukantianismus, 1979, S. 59 ff., Flach, Die Südwestdeutsche Schule des Neukantianismus, in: Flach/Holzhey (Hrsg.), Erkenntnistheorie und Logik im Neukantianismus, 1979, S. 44 ff.; Oesterreich, Friedrich Ueberwegs Grundriß der Geschichte der Philosophie, Teil 4, 13. Aufl. 1951, § 41 (S. 456 ff.). 64 Für eine Bibliographie Rickerts s. Bast (Hrsg.), Heinrich Rickert. Philosophische Aufsätze, 1999, S. 439 ff. Eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Rickerts wird derzeit am Philosophischen Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf vorbereitet (Heinrich Rickert-Forschungsstelle, unter der Leitung von Prof. Dr.Rainer A. Bast). 65 Heinrich Rickert, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. Eine logische Einleitung in die historischen Wissenschaften, 1. Aufl. Freiburg i. Br., 2 Hälften, 1896/1902; ab der 2. Aufl. 1913 in einem Band; 5. (letzte) Aufl. 1929. 66 Heinrich Rickert, Der Gegenstand der Erkenntniss. Ein Beitrag zum Problem der philosophischen Transcendenz, 1. Aufl. Tübingen 1892; 6. (letzte) Aufl. 1928 unter dem Titel »Der Gegenstand der Erkenntnis. Einführung in die Transzendentalphilosophie«. 67 Heinrich Rickert, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft. Ein Vortrag, Freiburg i. Br. 1899; 6./7. (letzte) Aufl. 1926 unter dem Titel »Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft«. 68 Heinrich Rickert, System der Philosophie. Erster [und einziger] Teil: Allgemeine Grundlegung der Philosophie, Tübingen 1921. Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 31 III. Emil Lask Ein weiterer wichtiger Vertreter des Südwestdeutschen Neukantianismus ist Emil Lask (1875 bis 1915)69. Lask ist ein Schüler Rickerts und Windelbands, wenngleich er sich in vielen Dingen von seinen Lehrern emanzipiert und deren Lehren in zum Teil erheblichem Maße modifiziert70. Der Kontakt zu Rickert hat seinen Anfang in Lasks Freiburger Privatdozentenzeit. Heinrich Rickert bestärkt den jungen Jurastudenten Lask zum Wechsel in die Philosophie71 und wird 1902 dessen Doktorvater in Freiburg72. Der Kontakt zu Wilhelm Windelband beginnt in Lasks Straßburger Studienjahren, in denen Windelband ihm ein »zweiter Lehrer in der Philosophie«73 wird, und findet seine Krönung 1904 in der von Windelband betreuten Habilitation in Heidelberg. Trotz des Renomees seiner Lehrer geht Lasks wissenschaftliche Karriere nur schleppend voran74: 1910 erhält er ein Extraordinariat, das 1913 in eine etatmäßige Stelle umgewandelt wird. Die zumindest finanzielle Verbesserung kann Lask jedoch wegen des Ausbruchs des Weltkriegs nicht nutzen; er meldet sich freiwillig und fällt 1915 an der Ostfront. 69 Zu Leben und Werk Lasks s. Glatz, Emil Lask, 2001; Ollig Neukantianismus, 1979, S. 66 ff.; Flach, Die Südwestdeutsche Schule des Neukantianismus, in: Flach/Holzhey (Hrsg.), Erkenntnistheorie und Logik im Neukantianismus, 1979, S. 49 ff.; Gesamtausgabe von Eugen Herrigel (Hrsg.), Emil Lask, Gesammelte Schriften, 3 Bde., Tübingen 1923–1924. 70 Lask nimmt insofern eine Sonderstellung im Schulzusammenhang der Südwestdeutschen Schule ein. Bei der weiteren Beschäftigung mit der Südwestdeutschen Schule sollen die Lehren der Schulhäupter Windelband und Rickert im Vordergrund stehen; die Lehren Lasks werden nur am Rande behandelt. Eine nähere Auseinandersetzung erfährt Lask allein mit seinen wichtigen Beiträgen zur Methodologie von Rechtsphilosophie und Rechtswissenschaft (s. § 3 II 2.b.bb. >S. 63 ff.<; § 3 III 2.a. / III 2.b. >S. 82 f., 83 ff.<; § 5 I. >S. 99 ff.<). 71 Über Lasks Verhältnis zu Rickert s. Sommerhäuser, Emil Lask in der Auseinandersetzung mit Heinrich Rickert, 1965; Malter, in: Ollig (Hrsg.), Materialien zur Neukantianismus-Diskussion, 1987, S. 87–104. Für eine eigene Stellungnahme s. nur Rickerts Geleitwort zur posthum erschienenen Werkausgabe der Lask’schen Schriften (Rickert, Persönliches Geleitwort, in: Herrigel [Hrsg.], Lask, Gesammelte Schriften, Bd. 1, 1923, S. V–XVI). 72 Mit der Arbeit: Emil Lask, Fichtes Idealismus und die Geschichte, Tübingen 1902; wiederabgedr. in: Herrigel (Hrsg.), Lask, Gesammelte Schriften, Bd. 1, 1923, S. 1– 274. 73 Vita Dr. Lask, S. 2 (Personalakte Emil Lask, Universitätsarchiv Heidelberg, PA 1905), zit. nach Glatz, Emil Lask, 2001. 74 Es kann an dieser Stelle offen bleiben, inwieweit dies auf Lasks eigenen Wunsch zurückzuführen ist. Ollig etwa schreibt, dass ihm das »zurückgezogene Leben des Privatdozenten […] als die beste Möglichkeit [erschien], um ungestört forschen zu können.« (s. Ollig, Neukantianismus, 1979, S. 68).

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Zusammenfassung

Die Zeit zwischen 1900 und 1933 gilt vielen als eine Glanzperiode strafrechtlicher Begriffs- und Systembildung, die trotz ihres gewaltsamen Endes bis heute den exzellenten Ruf der deutschen Strafrechtsdogmatik in aller Welt nährt. Ein Garant hierfür war die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fundierung, die nach einem Weg zwischen den Klippen des naiven Naturalismus oder Formalismus suchte und sich vor allem mit der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verbindet. Die Zusammenhänge eines „neukantianischen Strafrechtsdenkens“ liegen jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln.

Die Arbeit stößt in diese Forschungslücke. Sie beginnt mit der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms des Neukantianismus. Im Mittelpunkt steht die These, dass Wertungen, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit einem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten.

Die weiteren Ausführungen widmen sich der strafrechtlichen Umsetzung dieser These, wobei nachgewiesen wird, dass sie mit einer tiefgreifenden Transformation verbunden war, welche die gemeinhin behauptete neukantianische Prägung in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt.