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Sascha Ziemann, Wilhelm Windelband in:

Sascha Ziemann

Neukantianisches Strafrechtsdenken, page 28 - 30

Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus und ihre Rezeption in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4210-6, ISBN online: 978-3-8452-1595-2 https://doi.org/10.5771/9783845215952

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 53

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Erster Teil 28 flussreiche frühe Kant-Kommentierungen können u. a. genannt werden: Kuno Fischers »Kants Leben und die Grundlagen seiner Lehre« (1860)50, Otto Liebmanns »Kant und die Epigonen« (1865)51. Friedrich Albert Langes »Geschichte des Materialismus« (1865)52 und Hermann Cohens »Kants Theorie der Erfahrung« (1871)53. Hauptanknüpfungspunkt der neukantianischen Kant-Rezeption ist die Kantische Erfahrungskritik, die unter der Bezeichnung »Erkenntnistheorie«54 eine umfassende Neu- und Weiterentwicklung durch den Neukantianismus erfuhr. § 2 Hauptvertreter des Südwestdeutschen Neukantianismus Die Hauptvertreter der Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus sind die Philosophen Wilhelm Windelband, Heinrich Rickert sowie Emil Lask. I. Wilhelm Windelband Wilhelm Windelband (1848 bis 1915) gilt als der Stammvater der Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus. Sowohl Rickert (1888 Promotion bei Windelband in Straßburg55) als auch Lask (1904/05 Habilitation bei Windelband in Heidelberg56) sind Schüler Windelbands, auch wenn sie in ihren Schriften eigenständige Wege beschritten57. 50 Kuno Fischer, Kants Leben und die Grundlagen seiner Lehre, Mannheim 1860 (wiederabgedr. in: ders., Philosophische Schriften, Bd. 4, 2. Aufl. Heidelberg 1906). 51 Otto Liebmann, Kant und die Epigonen: eine kritische Abhandlung, Stuttgart 1865 (Nachdruck Berlin 1912). 52 Friedrich Albert Lange, Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart, Iserlohn 1865 (Nachdruck Frankfurt a. M. 1974). 53 Hermann Cohen, Kants Theorie der Erfahrung, Berlin 1871 (wiederabgedr. in: ders., Werke, Bd. 1/3, 1987). 54 Zur Begriffsgeschichte s. Köhnke, Entstehung, 1986, S. 58 ff. sowie Köhnke, Über den Ursprung des Wortes Erkenntnistheorie – und dessen vermeintliche Synonyme, in: Archiv für Begriffsgeschichte 25 (1981), S. 185–210. 55 Heinrich Rickert, Zur Lehre von der Definition, Freiburg i. Br. 1888. 56 Emil Lask, Rechtsphilosophie, in: Windelband (Hrsg.), Die Philosophie im Beginn des 20. Jahrhunderts. Festschrift für Kuno Fischer, 2. Aufl. Heidelberg 1907 (1. Aufl. 1905), S. 269–320; wiederabgedr. in: Herrigel (Hrsg.), Emil Lask, Gesammelte Schriften, Bd. 1, 1923, S. 275–331. 57 Insbesondere Rickert dürfte bei der Schulbildung eine gleichwertige Rolle gespielt haben (hierzu nur Schnädelbach, Philosophie in Deutschland, 1983, S. 219 ff.). Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 29 Einige kurze Worte zu Leben und Werk von Wilhelm Windelband58. Windelband studiert Philosophie und Geschichte in Jena, Berlin und Göttingen. Nach der Promotion 1870 bei Hermann Lotze59 in Göttingen und der Habilitation 1873 in Leipzig erhält er zunächst 1876 ein Ordinariat in Zürich. Schon ein Jahr später, 1877, wechselt Windelband nach Freiburg im Breisgau und folgt 1882 einem Ruf nach Straßburg. Dort bleibt er 20 Jahre60, bis er 1903 nach Heidelberg übersiedelt und die Nachfolge von Kuno Fischer antritt. Für das Werk von Wilhelm Windelband ist vor allem die 1884 in erster Auflage erschienene Aufsatzsammlung mit dem Titel »Präludien« von besonderem Interesse (9. und letzte Aufl. 1924)61. Auch wenn die Präludien wegen ihres kompilatorischen Charakters ohne systematischen Anspruch auftreten, müssen sie doch mit Blick auf ihren großen Erfolg als Einheit wahrgenommen werden, deren Bedeutung weit über die der Einzelveröffentlichungen hinausgeht62. 58 Zu Leben und Werk Windelbands s. Ollig, Neukantianismus, 1979, S. 53 ff.; Flach, Die Südwestdeutsche Schule des Neukantianismus, in: Flach/Holzhey (Hrsg.), Erkenntnistheorie und Logik im Neukantianismus, 1979, S. 40 ff.; Oesterreich, Friedrich Ueberwegs Grundriß der Geschichte der Philosophie, Teil 4, 13. Aufl. 1951, § 41 (S. 450 ff.); s. außerdem die Würdigung durch seinen Schüler Heinrich Rickert, Wilhelm Windelband, Tübingen 1915 (2. Aufl. 1929). Für eine Bibliographie Windelbands siehe die Hinw. bei Wapler, Werte und das Recht, 2008, Literaturverzeichnis (S. 280 ff.) und Kemper, Geltung und Problem, 2006, Literaturverzeichnis (S. 222 ff.). 59 Zum Beitrag Lotzes für die Herausbildung der neukantianischen Wertphilosophie siehe unten § 3 III 1.a.bb. >S. 73 ff.< 60 Die Straßburger Jahre (1882–1903) sind produktive Jahre Windelbands. In diese Zeit fallen u. a. die Erstveröffentlichungen seines Lehrbuchs (1889), seiner Aufsatzsammlung Präludien (1884) und seiner Rektoratsrede »Geschichte und Naturwissenschaft« (1894). Auch die Promotion Rickerts fällt in diese Zeit (»Zur Lehre von der Definition«, 1888). 61 Windelband, Präludien: Aufsätze und Reden zur Einleitung in die Philosophie, 1. Aufl. Freiburg i. Br. 1884; ab der 3. Aufl. 1907 zweibändig und mit dem Titelzusatz »Aufsätze und Reden zur Philosophie und ihrer Geschichte«; 5. Aufl. 1915 (Ausgabe letzter Hand), 9. (letzte) Aufl. Tübingen 1924. 62 Eine Ausnahme mag man in der Straßburger Rektoratsrede »Geschichte und Naturwissenschaft« (1894), die als Einzelausgabe immerhin drei Auflagen erlebt (3. Aufl. Straßburg i. Els. 1904). Erster Teil 30 II. Heinrich Rickert Ein weiterer Hauptvertreter des Südwestdeutschen Neukantianismus ist Heinrich Rickert (1863 bis 1936)63. Nach dem Studium der Philosophie in Berlin und Straßburg wird Rickert 1888 bei Windelband in Straßburg promoviert und habilitiert sich 1891 bei Alois Riehl in Freiburg im Breisgau. 1894 wird er zunächst außerordentlicher, ab 1896 ordentlicher Professor in Freiburg. 1915 wechselt Rickert nach Heidelberg und tritt dort die Nachfolge seines verstorbenen Lehrers Windelband an. Zwei Hauptwerke Rickerts sind für uns von besonderem Interesse64: Zum einen die bei Alois Riehl entstandene Freiburger Habilitationsschrift »Der Gegenstand der Erkenntnis« (1892, 5. Auflage 1929), Rickerts erkenntnistheoretisches Hauptwerk65. Zum anderen das in zwei Teilbänden erschienene, im Schwerpunkt wissenschaftstheoretische Werk »Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung« (1896 und 1902, 6. Auflage 1928)66. Als weitere wichtige Schriften Rickerts seien zudem genannt: der berühmte Vortrag »Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft« (1899, 6./7. Auflage 1926)67 sowie das auf drei Bände angelegte, aber unvollendete »System der Philosophie«, dessen erster Band 192168 erscheint. 63 Zu Leben und Werk Rickerts s. Ollig, Neukantianismus, 1979, S. 59 ff., Flach, Die Südwestdeutsche Schule des Neukantianismus, in: Flach/Holzhey (Hrsg.), Erkenntnistheorie und Logik im Neukantianismus, 1979, S. 44 ff.; Oesterreich, Friedrich Ueberwegs Grundriß der Geschichte der Philosophie, Teil 4, 13. Aufl. 1951, § 41 (S. 456 ff.). 64 Für eine Bibliographie Rickerts s. Bast (Hrsg.), Heinrich Rickert. Philosophische Aufsätze, 1999, S. 439 ff. Eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Rickerts wird derzeit am Philosophischen Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf vorbereitet (Heinrich Rickert-Forschungsstelle, unter der Leitung von Prof. Dr.Rainer A. Bast). 65 Heinrich Rickert, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. Eine logische Einleitung in die historischen Wissenschaften, 1. Aufl. Freiburg i. Br., 2 Hälften, 1896/1902; ab der 2. Aufl. 1913 in einem Band; 5. (letzte) Aufl. 1929. 66 Heinrich Rickert, Der Gegenstand der Erkenntniss. Ein Beitrag zum Problem der philosophischen Transcendenz, 1. Aufl. Tübingen 1892; 6. (letzte) Aufl. 1928 unter dem Titel »Der Gegenstand der Erkenntnis. Einführung in die Transzendentalphilosophie«. 67 Heinrich Rickert, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft. Ein Vortrag, Freiburg i. Br. 1899; 6./7. (letzte) Aufl. 1926 unter dem Titel »Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft«. 68 Heinrich Rickert, System der Philosophie. Erster [und einziger] Teil: Allgemeine Grundlegung der Philosophie, Tübingen 1921.

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Zusammenfassung

Die Zeit zwischen 1900 und 1933 gilt vielen als eine Glanzperiode strafrechtlicher Begriffs- und Systembildung, die trotz ihres gewaltsamen Endes bis heute den exzellenten Ruf der deutschen Strafrechtsdogmatik in aller Welt nährt. Ein Garant hierfür war die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fundierung, die nach einem Weg zwischen den Klippen des naiven Naturalismus oder Formalismus suchte und sich vor allem mit der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verbindet. Die Zusammenhänge eines „neukantianischen Strafrechtsdenkens“ liegen jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln.

Die Arbeit stößt in diese Forschungslücke. Sie beginnt mit der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms des Neukantianismus. Im Mittelpunkt steht die These, dass Wertungen, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit einem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten.

Die weiteren Ausführungen widmen sich der strafrechtlichen Umsetzung dieser These, wobei nachgewiesen wird, dass sie mit einer tiefgreifenden Transformation verbunden war, welche die gemeinhin behauptete neukantianische Prägung in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt.