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Sascha Ziemann, Stichwort: „Südwestdeutscher Neukantianismus“ in:

Sascha Ziemann

Neukantianisches Strafrechtsdenken, page 25 - 28

Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus und ihre Rezeption in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4210-6, ISBN online: 978-3-8452-1595-2 https://doi.org/10.5771/9783845215952

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 53

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Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 25 schen Rickert und seinem Lehrer Windelband nicht so eng, wie es gelegentlich in der Sekundärliteratur anklingt. So empfand Rickert das Denken von Windelband, »bei aller Bewunderung und Verehrung«, »sowohl zu metaphysisch als auch zu psychologisch«27. Zum Begriff „Neukantianismus“. Der Neologismus „Neukantianismus“ leitet sich aus dem Wesenszug dieser Schulrichtung ab, an die Lehren Immanuel Kants anzuknüpfen und diese für die philosophische Diskussion wiederzubeleben. Inwieweit das Kantische Erbe dabei zu Recht in Anspruch genommen wurde und in welchem Umfang andere Einflüsse hinzugekommen sind (wie etwa der Einfluss Hegels28 oder Fichtes29), soll zu einem späteren Zeitpunkt näher untersucht werden. Zumindest dem Selbstverständnis nach sehen sich die Neukantianer als Nachfolger und Vollender Kants30. Heinrich Rickert etwa hält zwar »(v)iele Teile der kritischen Philosophie« des Königsberger Philosophen für »wissenschaftlich überholt«, sieht aber trotzdem im Kantischen Kritizismus die »Grundlage für positive Weiterarbeit“31. In gleicher Weise äußert sich Wilhelm Windelband, indem er anlässlich des hundertsten Todestages von Kant im Jahre 1904 programmatisch fragt: »wie müssen wir Kant recht verstehen, um über ihn hinauszugehen?«32. II. Stichwort: „Südwestdeutscher Neukantianismus“ Mit dem geographischen Zusatz „Südwestdeutsch“ wird eine von zwei Hauptströmungen des Neukantianismus33 bezeichnet, die Südwestdeutsche oder Badi- 27 Siehe z. B. Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, Vorwort, S. XI. 28 Hierzu jüngst Krijnen, Selbsterkenntnis und Systemgliederung: Hegel und der südwestdeutsche Neukantianismus, in: Fulda/Krijnen (Hrsg.), Systemphilosophie als Selbsterkenntnis, 2006, S. 113–132; s. auch Wiegand, Unrichtiges Recht, 2004, S. 27 ff. – Für eine Stellungnahme seitens der Neukantianer siehe z. B. Windelbands Rede »Die Erneuerung des Hegelianismus« von 1910 (in: Windelband, Präludien, Bd. 1, 9. Aufl. 1924, S. 273–289). 29 Hierzu etwa Stolzenberg, Fichte im Neukantianismus, in: Alexy u. a. (Hrsg.), Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 421–434; Heinz, Die Fichte- Rezeption in der südwestdeutschen Schule des Neukantianismus, in: Schrader (Hrsg.), Fichte im 20. Jahrhundert, 1997, S. 109–129. 30 Die Bezeichnung „Neukantianer“ wird von den Neukantianern nicht verwendet. Rickert beispielsweise sieht sich als „Kantianer“, wenn auch nicht in einem strengen Schulsinne. S. hierzu die persönlichen Bemerkungen von Rickert, Kant als Philosoph der modernen Kultur, 1924, Vorwort, S. VII ff. 31 Rickert, Kant als Philosoph der modernen Kultur, 1924, Vorwort, S. VIII. 32 Windelband, Nach hundert Jahren (1904), in: Windelband, Präludien, Bd. 1, 9. Aufl. 1924, S. 148. 33 Die zweite Hauptströmung des Neukantianismus ist die „Marburger Schule“. Zu ihr gehören die Philosophen Hermann Cohen und Paul Natorp aus Marburg. Zur Erster Teil 26 sche Schule34, die nach den Lehrorten ihrer Hauptvertreter benannt ist (Heidelberg, Freiburg im Breisgau, Straßburg im Elsaß)35. Der Beginn der Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus fällt in die 1870er Jahre und damit in die klassische Periode des Neukantianismus36. In dieser Zeit gelangen viele der späteren Hauptpersonen des Neukantianismus in akademisches Amt und Würden37 (1872 Liebmann in Straßburg38, 1875 Cohen in Marburg39, 1876/77 Windelband in Zürich und Straßburg40, Riehl 1878 in Graz41) Marburger Schule des Neukantianismus s. die Übersichten bei Pascher, Einführung, 1997, S. 51 ff.; Ollig, Neukantianismus, 1979, S. 29 ff.; Holzhey, Die Marburger Schule des Neukantianismus, in: Flach/Holzhey (Hrsg.), Erkenntnistheorie und Logik im Neukantianismus, 1979, S. 15–33. 34 Übersicht bei Ollig, Neukantianismus, 1979, S. 53 ff.; Pascher, Einführung, 1997, S. 60 ff.; Flach, Die Südwestdeutsche Schule des Neukantianismus, in: Flach/Holzhey (Hrsg.), Erkenntnistheorie und Logik im Neukantianismus, 1979, S. 34–61; vereinzelt auch „Heidelberger Schule“ genannt, um die besondere Bedeutung Heidelbergs als geistiges Zentrum dieser Zeit hervorzuheben (zu diesem Leitmotiv siehe den Sammelband: Treiber/Sauerland [Hrsg.], Heidelberg im Schnittpunkt intellektueller Kreise, 1995). Zur neukantianischen Tradition Heidelbergs s. insb. Wiehl, Die Heidelberger Tradition der Philosophie, in: Doerr (Hrsg.), Semper apertus, Bd. 2, 1985, S. 413–435. 35 Das durch die Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg 1871 zurückerlangte Straßburg wird häufig unterschlagen, obwohl die beiden Schulhäupter Windelband und Rickert in enger Beziehung zur 1872 wiedergegründeten Straßburger Universität stehen: Windelband tritt 1882 die Nachfolge von Otto Liebmann an und lehrt dort bis zu seinem Wechsel nach Heidelberg 1903; Rickert studiert bei Windelband in Straßburg und wird dort auch promoviert (1888). – Für einen erweiterten Begriff der Südwestdeutschen Schule z. B. Sommerhäuser, Emil Lask in der Auseinandersetzung mit Heinrich Rickert, 1965), S. 30; Oakes, Die Grenzen kulturwissenschaftlicher Begriffsbildung, 1990, S. 48. 36 So Ollig, Neukantianismus, 1979, S. 21 ff.; ähnl. Pascher, Einführung, 1997, der vom Neukantianismus im engeren Sinne spricht (S. 41). 37 Zu den Ursachen des Aufstiegs des Neukantianismus in den 1870er Jahren siehe vor allem Köhnke, Entstehung, 1986, S. 302 ff.; Pascher, Einführung, 1997, S. 41 ff. 38 1872 Prof. in Straßburg, ab 1882 in Jena. Zu Leben und Werks Otto Liebmanns (1840–1912) s. Ollig Neukantianismus, 1979, S. 9 ff. sowie die Würdigung von Windelband, Otto Liebmanns Philosophie, in: Kant-Studien 15 (1910), S. III–X. 39 1875 o. Prof. in Marburg. Zu Leben und Werks Hermann Cohens (1842–1918) siehe den Überblick bei Pascher, Einführung, 1997, S. 52 u. 70 ff. 40 1876 o. Prof. in Zürich, 1877 Straßburg. Zu Windelband s. unten § 2 I. >S. 28 f.< 41 1873 ao./1878 o. Prof. in Graz, 1882 Freiburg (dort 1891 Gutachter der Habilitation Heinrich Rickerts). Zu Leben und Werks Alois Riehls (1844–1924) s. vor allem Röd, in: Binder u. a. (Hrsg.), Bausteine zu einer Geschichte der Philosophie an der Universität Graz, 2001, S. 111–128; Überblick bei Pascher, Einführung, 1997, S. 67 ff. Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 27 und setzen damit den Grundstein für die rasche Ausbreitung und Etablierung der neukantianischen Lehren an deutschen Universitäten42. Die Ursprünge der neukantianischen Kant-Interpretation sind freilich älter und reichen in die 1850er und 1860er Jahre zurück43. Die Philosophie dieser Zeit hatte in dieser Zeit mit einem Bedeutungsverlust zu kämpfen, der sowohl ihren Status als Wissenschaft als auch ihre Stellung als Bildungsmacht betraf. Konkurrenten waren zum einen die aufstrebenden Naturwissenschaften, die sich nicht nur anschickten, die »Welträtsel« (Haeckel)44 zu lösen, sondern auch mit dem den Anspruch auftraten, »als die einzige Wissenschaft angesehen zu werden« (Rickert)45. Zum anderen waren es die neuen Einzelwissenschaften, wie z. B. die Psychologie, die der Philosophie mehr und mehr Gegenstände streitig machten46. Die Philosophie konnte diesen Kräften nur wenig entgegensetzen, zumal sich die alten Modelle idealistischen Philosophierens als nicht mehr haltbar erwiesen.47 Neue Impulse brachte das vermehrte Studium der Schriften Kants in den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts48, das den Nährboden für eine Wiederbelebung der Philosophie als Wissenschaftsdisziplin bildete49. Als ein- 42 Der Einfluss des Neukantianismus ist nicht auf Deutschland beschränkt. Zur europäischen Dimension des Neukantianismus z. B. Tenbruck, Heinrich Rickert in seiner Zeit, in: Oelkers (Hrsg.), Neukantianismus, 1989, S. 79–105. Selbst in England, das dem Idealismus Kants von jeher zurückhaltend gegenüber stand, finden sich Ansätze einer aktualisierenden Kant-Interpretation (hierzu etwa Marshall, Kant und der Neukantianismus in England, in: Kant-Studien 7 [1902], S. 385–408). 43 Weiterführende Hinw. zur Entstehung des Neukantianismus bei Köhnke, Entstehung, 1986. 44 So der Titel des äußerst erfolgreichen Buches des Zoologen und Populärphilosophen Ernst Haeckel, Die Welträtsel. Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie, Bonn 1899. 45 Rickert, Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, 3./4. Aufl. 1921, S. 5; Hervorh. im Orig. gesperrt. – Zur Wissenschaftsentwicklung in dieser Zeit siehe Schnädelbach, Philosophie in Deutschland, 1983, S. 89 ff. 46 Hierzu Orth, Die Einheit des Neukantianismus, in: Orth/Holzhey (Hrsg.), Der Neukantianismus: Perspektiven und Probleme, 1994, S. 19 f. 47 Es kann an dieser Stelle offen bleiben, inwieweit dies ausschließlich auf interne Ursachen, wie etwa den „Zusammenbruch“ des Idealismus, zurückzuführen ist, oder ob hier auch externe Faktoren eine Rolle gespielt haben (s. hierzu nur Wiegand, Unrichtiges Recht, 2004, S. 20 ff.). 48 Zur Frühphase des Neukantianismus s. vor allem Köhnke, Entstehung, 1986 sowie Lehmann, Kant im Spätidealismus, und die Anfänge der neukantianischen Bewegung (1963), in: Ollig (Hrsg.), Materialien zur Neukantianismus-Diskussion, 1987, S. 44–65. 49 Siehe Schnädelbach, Philosophie in Deutschland, 1983, S. 131 ff. Zu den politischen Begleitumständen einer erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch ausgerichteten Kant-Rezeption in der Restaurationszeit nach 1848/49 s. vor allem Köhnke, Entstehung, 1993 (stw), S. 109 ff. Erster Teil 28 flussreiche frühe Kant-Kommentierungen können u. a. genannt werden: Kuno Fischers »Kants Leben und die Grundlagen seiner Lehre« (1860)50, Otto Liebmanns »Kant und die Epigonen« (1865)51. Friedrich Albert Langes »Geschichte des Materialismus« (1865)52 und Hermann Cohens »Kants Theorie der Erfahrung« (1871)53. Hauptanknüpfungspunkt der neukantianischen Kant-Rezeption ist die Kantische Erfahrungskritik, die unter der Bezeichnung »Erkenntnistheorie«54 eine umfassende Neu- und Weiterentwicklung durch den Neukantianismus erfuhr. § 2 Hauptvertreter des Südwestdeutschen Neukantianismus Die Hauptvertreter der Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus sind die Philosophen Wilhelm Windelband, Heinrich Rickert sowie Emil Lask. I. Wilhelm Windelband Wilhelm Windelband (1848 bis 1915) gilt als der Stammvater der Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus. Sowohl Rickert (1888 Promotion bei Windelband in Straßburg55) als auch Lask (1904/05 Habilitation bei Windelband in Heidelberg56) sind Schüler Windelbands, auch wenn sie in ihren Schriften eigenständige Wege beschritten57. 50 Kuno Fischer, Kants Leben und die Grundlagen seiner Lehre, Mannheim 1860 (wiederabgedr. in: ders., Philosophische Schriften, Bd. 4, 2. Aufl. Heidelberg 1906). 51 Otto Liebmann, Kant und die Epigonen: eine kritische Abhandlung, Stuttgart 1865 (Nachdruck Berlin 1912). 52 Friedrich Albert Lange, Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart, Iserlohn 1865 (Nachdruck Frankfurt a. M. 1974). 53 Hermann Cohen, Kants Theorie der Erfahrung, Berlin 1871 (wiederabgedr. in: ders., Werke, Bd. 1/3, 1987). 54 Zur Begriffsgeschichte s. Köhnke, Entstehung, 1986, S. 58 ff. sowie Köhnke, Über den Ursprung des Wortes Erkenntnistheorie – und dessen vermeintliche Synonyme, in: Archiv für Begriffsgeschichte 25 (1981), S. 185–210. 55 Heinrich Rickert, Zur Lehre von der Definition, Freiburg i. Br. 1888. 56 Emil Lask, Rechtsphilosophie, in: Windelband (Hrsg.), Die Philosophie im Beginn des 20. Jahrhunderts. Festschrift für Kuno Fischer, 2. Aufl. Heidelberg 1907 (1. Aufl. 1905), S. 269–320; wiederabgedr. in: Herrigel (Hrsg.), Emil Lask, Gesammelte Schriften, Bd. 1, 1923, S. 275–331. 57 Insbesondere Rickert dürfte bei der Schulbildung eine gleichwertige Rolle gespielt haben (hierzu nur Schnädelbach, Philosophie in Deutschland, 1983, S. 219 ff.).

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Zusammenfassung

Die Zeit zwischen 1900 und 1933 gilt vielen als eine Glanzperiode strafrechtlicher Begriffs- und Systembildung, die trotz ihres gewaltsamen Endes bis heute den exzellenten Ruf der deutschen Strafrechtsdogmatik in aller Welt nährt. Ein Garant hierfür war die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fundierung, die nach einem Weg zwischen den Klippen des naiven Naturalismus oder Formalismus suchte und sich vor allem mit der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verbindet. Die Zusammenhänge eines „neukantianischen Strafrechtsdenkens“ liegen jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln.

Die Arbeit stößt in diese Forschungslücke. Sie beginnt mit der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms des Neukantianismus. Im Mittelpunkt steht die These, dass Wertungen, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit einem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten.

Die weiteren Ausführungen widmen sich der strafrechtlichen Umsetzung dieser These, wobei nachgewiesen wird, dass sie mit einer tiefgreifenden Transformation verbunden war, welche die gemeinhin behauptete neukantianische Prägung in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt.